DIEPHOLZ
I.
Die Abstammung der ersten D.er von Gisela, der edelfreien Erbin von Drebber, ihrem Bruder Gottschalk (1080/88) und dessen gleichnamigem Sohn, Bf. zu Osnabrück (1110-1118), ist wg. des Leitnamens beider Geschlechter, der Besitznachfolge und des Erbbegräbnisses in Drebber naheliegend. Eine vermutete agnatische Verwandtschaft ist zwar denkbar, aber nicht zu beweisen: die D.er können auch über eine Schwester oder Nichte Bf. Gottschalks eingeheiratet haben. Dafür spräche die von Willy Moormeyer angenommene Herkunft aus dem Lande Hadeln, wo sich ein Erbgutkomplex befand, auf dem die Edelherren 1219 ein Frauenkl. gründeten (Moormeyer, D., S. 30 f.; UB Kl. Neuenwalde, Nr. 1). Andererseits bezeichnet die Inschrift auf der Grabplatte des Bf.s in der ehem. Kl.kirche zu Iburg, die von etwa 1150 stammt, ihn ausdrücklich als edelfrei und DE DIPOLT. 1160 treten Cono und Wilhelm von D. ins Licht der Geschichte (Osnabr. UB, 1 Nr. 309 und 311). Das Löwenwappen deutet auf ein anfänglich enges Zusammengehen mit Heinrich dem Löwen und seinen Söhnen.
II.
Die selbständige Entwicklung einer Herrschaft D. wurde nach dem Zusammenbruch der Hegemonialmacht der Welfen 1181 bzw. 1218 durch die naturräumliche Lage in einem Moordreieck begünstigt. Die Herren von D. stiegen im Gefolge der staufernahen Gf.en von Ravensberg auf, von denen sie Burg und Freigft. D. zu Lehen trugen. Daß die Ravensberger 1252 ihre Herrschaft Vechta an das Hochstift Münster verkauften, hat die Autonomie der Herrschaft D. befördert – andererseits gelang es den D.ern auch nicht, Vechta an sich zu bringen (vgl. Hucker, Warum wurde Vechta 1252 münsterisch). Die D.er begannen, sich gegen ihre geistlichen Mindener Lehnsherren durchzusetzen. Die dreimalige Besetzung des Mindener Bf.sstuhles mit Familienmitgliedern (Wilhelm 1237-1242, Johannes 1242-1253 und Konrad 1261-1266) erleichterte das. An die Stelle dieser Abhängigkeiten traten 1256, 1290 und 1318 Vasallitätsverhältnisse zu den Gf.en von → Hoya, den Ebf.en von Köln und den Welfen (Hucker, D. S. 11 f.). Bald nach 1296 ist dann auch die Burg Lemförde von Rudolf II. und Konrad VI. an die Stelle der von Minden aufgegebenen Stürenberg gesetzt worden. Der neue Name Lewenforde ist abermals Programm, nämlich die Löwen[burg] an der Furt [durch den Moorgürtel]. Sie war die Nachfolgerin einer um 1275, wenn nicht früher, zu Lembruch am Dümmer errichteten Turmhügelburg, die sie offenbar in Anlehnung an ihr Wappenbild, den Löwen (der im übrigen auch die Wappenfigur der Schwedenkg.e war) Lewenbroke, also gewissermaßen die »Löwen(burg) im Bruch« nannten.
III.
Schon im 13. Jh. verbanden die Herren von D. sich nur mit edelfreien und gfl. Dynastien: → Bederkesa, → Wunstorf, → Oldenburg, → Steinfurt, Veltberg und → Bruchhausen. Seit dem 14. Jh. sind dann ausschließlich Konnubien mit Gf.enfamilien zu verzeichnen. Infolge der Heirat des Edelherren Rudolf II. (1262-1303) mit der schwedischen Kg.stochter Marina (1285) war eine Erbteilung zwischen ihm und seinem Bruder Konrad VI. (1267-1302) notwendig geworden – um seinem Bruder eine standesgemäßen Haushalt einzuräumen, scheint Konrad einen neuen Herrschaftsmittelpunkt in Cornau in gefunden zu haben (Hucker, D. S. 12). Gegen Ende des 15. Jh.s gewannen die D.er im südöstlichen Grenzgebiet in den Sümpfen von Aue und Barver durch Landesausbau die Vogtei Auburg hinzu. Die Auburg (überliefertes Baujahr 1485) trat die Nachfolge von Cornau an. Unter permanenten Grenzkonflikten mit Münster, Minden, Osnabrück und → Hoya umfaßte die Herrschaft um 1500 die Vogteien D., Lemförde und Auburg mit den minderstädtischen Siedlungen D. und Lemförde an den beiden Res.en. Städtische Rechte erhielten ferner Barnstorf, Cornau und Willenberg (heute D.), während das Kirchdorf Wagenfeld bei Auburg keine Fleckensrechte mehr erlangen konnte. Ferner standen das Benediktinerinnenkl. Burlage am Dümmer, das Stift Mariendrebber und die Wallfahrtskirche St. Hülfe unter D.er Landeshoheit (Dieph. UB, Nr. 3, 56 und 331).
Einer nicht nachprüfbaren Notiz zufolge hat Ks. Maximilian I. dem Edelherren Rudolf VIII. (1481-1510) die Gf.enwürde verliehen. Tatsächlich haben der Ks.hof und die Hzg.e von Braunschweig-Lüneburg den Titel seither verwendet. 1512 erlangten die Söhne Rudolfs von Maximilian I. einen Lehnbrief über die Gft. D. und die Schlösser D. und Lemförde, womit diese Reichslehen waren (von Karl V. erneuert). Doch gelang es den Welfen, eine Lehnsanwartschaft durchzusetzen. 1521 trug Friedrich I. Schloß und Amt Auburg dem Lgf.en von Hessen zu Lehen auf. Den Gf.entitel führte er nicht durchgängig (Hucker, D., S. 16 f.). Sein Enkel Friedrich II. starb am 1. Okt. 1585 ohne männliche Nachkommen D. fiel an den Lehnerben Braunschweig-Lüneburg. Nur das Amt Auburg wurde hessisch (Moormeyer, D., S. 79).
Quellen
L'armorial universel du héraut Gelre (1370-1395), publié et annoté par Paul Adam-Even, Neuchâtel 1971. – Diepholzer Urkundenbuch, hg. von Wilhelm von Hodenberg, Hannover 1842, ND Osnabrück 1973. – Beschreibung des Amtes Diepholz von U. F. C. Manecke 1798, hg. von Margarete Wolters [und Heinrich Bomhoff], Hamburg 2001. – Giesen, Klaus: Die Münzen von Diepholz. Geld- und Münzgeschichte. Geprägekatalog, Osnabrück 2001. – Osnabrücker Urkundenbuch, bearb. von Friedrich Philippi und Max Bär, 4 Bde., Osnabrück 1892-1902. – Urkundenbuch des Klosters Neuenwalde, hg. von H[ermann] Rüther, Hannover u. a. 1905.
Literatur
Flecken Lemförde. Eine 750jährige Gemeinde zwischen Dümmer und Stemweder Berg, hg. von Ludger von Husen und Horst Meyer, Diepholz 1998. – Hucker, Bernd Ulrich: Die Edelherren und Grafen von Diepholz, in: Die Grafschaften Bruchhausen, Diepholz, Hoya und Wölpe. Ein Streifzug durch ihre Geschichte, Nienburg 2000 (Schriften d. Museums Nienburg 18), S. 8-23. – Hucker, Bernd Ulrich: Genealogie und Wappen der Edelherren von Diepholz im 12. und 13. Jahrhundert, in: Norddeutsche Familienkunde 39,4 (1990) S. 180-188. – Hucker, Bernd Ulrich: Warum wurde Vechta 1252 münsterisch und nicht diepholzisch? Eine historische Weichen-stellung im Lichte der Volkssage, Jahrb. Oldenburger Münsterland (1991) S. 27-43. – Last, Martin: Diepholz, in: LexMA III, 1986, Sp. 1008. – Moormeyer, Willy: Die Grafschaft Diepholz, Göttingen 1938, ND Osnabrück 1975 (Studien und Vorarbeiten zum Historischen Atlas Niedersachsen, 17). – Nieberding, C[arl] H[einrich]: Geschichte des ehemaligen Niederstifts Münster und der angränzenden Grafschaften Diepholz, Wildeshausen etc., 2 Bde., Vechta 1840-1841, ND Vechta 1967. – Streich, Brigitte: Die Diepholzer Hof- und Verwaltungsordnungen des 16. Jahrhunderts, in: Höfe und Hofordnungen, hg. von Werner Paravicini und Holger Kruse, Stuttgart 1998 (Residenzforschungen, 10), S. 497-518. – Streich, Brigitte: »… daß dieses Hauses Gemächer und Gelegenheiten so ganz wenig und enge eingezogen sind.« Herrschaft, Verwaltung und höfischer Alltag in den Grafschaften Hoya und Diepholz, in: Die Grafschaften Bruchhausen, Diepholz, Hoya und Wölpe. Ein Streifzug durch ihre Geschichte, Nienburg 2000 (Schriften des Museums Nienburg, 18), S. 53-62. – Streich, Brigitte: Herrschaft, Verwaltung und höfischer Alltag in den Grafschaften Hoya und Diepholz im 16. Jahrhundert, Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 68 (1996) S. 137-173.