Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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DELMENHORST

C. Delmenhorst

I.

D. erscheint erstmals 1254 als Delmen[e]horst; dann in den Gf.enUrk.n von 1259. Die Namensschreibweise variiert nur unwesentlich: 1294 Delmendehorst; 1300 Delmenhorsts; 1482 u.ö. Dulmenhorst; 1483 Dolmenhorst; 1547 Dillmanhorst; 1560 Delmanhorst; 1617 Delmenhoerst. Absonderliche Schreibweisen finden sich in zeitgenössischen Reiseberichten, so 1360/88 (Deelmanaerds). Namengebend waren der nicht schiffbare kleine Wiesenfluß Delme und ein Horst, eine sandige Erhöhung im sumpfigen Umland. D. war Nebenres. des → Oldenburger Gf.enhauses von Mitte 13. Jh. bis 1647 und mit Unterbrechungen dreimal Sitz einer eigenständigen → D.er Herrschaft. Bei der Niederungsburg handelte es sich vermutlich um den Typ einer »Gräftenburg« mit Wassergraben, Erdwällen und Vorburg. Sie besaß später zwei Wasserringe, an die heute noch die Bezeichnung »Graft« erinnert.

D. ersetzte die in den Stedingerkriegen zweimal zerstörte ebfl.-bremische Burg Schlutter (Gmd. Ganderkesee) am Oberlauf der Delme.

II.

Aufgabe der neuen Burg waren die Sicherung des weiterhin unruhigen Stedingergebietes nach der Schlacht bei Altenesch 1234 und Überwachung der Flämischen Heerstraße. Deren ostfriesische Route wurde wg. der Auseinandersetzungen mit den Stedingern von Bremen über Hasbergen, Hasport und Schlutter nach → Oldenburg verlegt. 1311 wurde die Handelsstraße in Abstimmung mit Bremen über einen befestigten Damm durch D. geführt. Nördlich der Burg an der heutigen Langen Straße erhoben die Gf.en Zoll. D. stand wirtschaftlich stets im Schatten der benachbarten Hansestadt Bremen.

Der Ausbau der älteren Herrschaft → D. erfolgte zielgerichtet. 1286 gründete Gf. Otto II. in familiär-dynastischer Abstimmung ein Kollegiatstift, welches der Propstei St. Willehadi in Bremen unterstellt wurde. 1328 wurde die Stiftskirche St. Marien nach der Trennung von der Mutterpfarrei Hasbergen zuständig für die Seelsorge in D. Die Herrschaft gehörte kirchlich zum Bm. Bremen. Am 15. Juni 1371 erhielt D. durch die Gf.en von → Oldenburg und → D. das Bremer Stadtrecht verliehen, blieb jedoch bis in die Neuzeit eine sog. »Kümmerstadt« oder »Minderstadt«. Eine Stadtmauer fehlte. Zwei Stadttore, Stadtgraben und Delmearme schützten bei kriegerischen Handlungen den Ort aber nicht vor Ausplünderungen und Brandschatzungen. Eine Münze war im Stadtrechtsprivileg nicht vorgesehen; ein öffentlicher Vieh- und Jahrmarkt (kein Roßmarkt) wurde erst 1601 gestattet, florierte aber nicht. 1651 erhielten die Wand- und Tuchmacher als erste eine Handwerksordnung. Schmiede und Zimmerleute werden im späten 15. Jh. erwähnt. Handwerk und Gewerbe lebten von den Aufträgen der Res. D. war ansonsten ein unbedeutendes Ackerbürgerstädtchen.

Die D.er Bürger waren zu Leistungen für die Burg verpflichtet (Hand- und Spanndienste, Schanzarbeiten, Auftauen des Eises). Mit Abbruch der Burg 1712 wurde diese Verpflichtung durch Kontributionszahlung abgelöst.

III.

Von der ma. Burg – ursprgl. wohl in Holzbauweise (Fachwerk) – wurden bei Bodenaufschlüssen 1953 und archäologischen Grabungen 1976/77 auf der Burginsel hölzerne Uferbefestigungen, Stücke einer alten Brückenanlage, die hölzerne Gründung eines Turmes und steinerne Fundamente aus Findlingen sowie zahlr. weitere archäologische Objekte geborgen. Nach Überfall, Plünderung und Brand der Burg von 1434 scheint sie verstärkt befestigt worden zu sein, so daß die Belagerungen und Beschießungen 1462 und 1471 erfolglos blieben. Ein weiterer Ausbau erfolgte unter der Münsterschen Herrschaft nach Bezwingung der Burg durch Aushungerung 1481/82. Danach dürfte der zweite Grabenring angelegt worden sein. Das noch ma. Gebäudeensemble bestand aus drei Türmen, dem Kapellenflügel und dem Zeughaus. Der sog. »Blaue Turm«, viergeschossig mit Kegeldach, einem Durchmesser von 13 m und einer Mauerstärke von 4,5 m lieferte noch beim endgültigen Abbruch 1787 Steine für den Ausbau der Stadtkirche; der quadratische »Rote Turm« war aus Backsteinen gemauert; ein alter runder Turm von über 14 m Höhe war früh baufällig und diente später als Gefängnis. Nach der Rückeroberung durch → Oldenburg ließ Gf. Anton I. ab 1552 Erweiterungen und Ausbauten vornehmen und neue Gebäude errichten. Dadurch entstand im Ansatz eine Dreiflügelanlage um einen gepflasterten, mittig leicht erhöhten Schloßhof. Hier befand sich bis zum Abriß 1712 ein aus Sandstein gemauerter Brunnen, der mit einer gußeisernen Inschriftentafel dekoriert war. Das Frischwasser, geleitet durch eine etwa fünf Kilometer lange hölzerne Leitung von ausgehöhlten Erlenstämmen, kam aus der westlich von D. gelegenen Bauerschaft Almsloh. Die Konstruktion wurde 1617 unter Gf. Anton II. geschaffen. Vorher wurde das Wasser der Delme genutzt. Das neu gestaltete Herrenhaus hinter dem Torgebäude, 26 m lang, etwa 11,75 m breit und fünfgeschossig mit einem erhöhten Erdgeschoß, beeindruckte die Besucher. Im östlichen Teil lebte später der letzte D.er Gf. mit Mutter und Geschwistern; im westlichen befanden sich das gfl. Kabinett und vermutlich Archiv, Silberkammer und Bibliothek. Ein Hofbedienstetenverzeichnis von 1559 liegt vor. Überaus repräsentativ war eine Galerie von Grausteinen, die dem obersten Geschoß vorgeblendet war. Die Betonung dieses Baukörpers wurde noch in bes. Maße durch Wappen unterstützt. Ein Neubau war auch das dreigeschossige Kommissarienhaus mit Wohn- und Arbeitsräumen für die Hofbeamten, als einziger Gebäudekomplex nicht unterkellert. Alle anderen Gebäudeteile hatten eingewölbte Keller. Im Zusammenhang mit der Hochzeit Johanns VII. von → Oldenburg mit Elisabeth von → Schwarzburg (1576) wurde an der Westfassade des Zeughauses ein weiterer Flügel, das »Neue Haus«, zur Aufnahme von Gästen angebaut.

Mit prachtvollen Dekorationsformen aus Sandstein im Stil der Weserrenaissance galt D. als eines der prachtvollsten Schlösser im NW. Ein durchbrochener Treppenturm an der Südwestecke des Hofes, erstmals so im Schloß Neuhaus bei Paderborn 1524 von Unkair errichtet, wurde auch in D. wesentliches Merkmal eines Herrensitzes. Von dem reichen Sandsteinschmuck der Gestaltungselemente und Formensprache der Renaissancebaukunst sind einzelne wertvolle Stücke erhalten geblieben (Sandsteinrelief mit Darstellung der Auferstehung Christi, mit einer Frauenfigur, Türsturz, Konsol- und Wappensteine usw.). Die Fassadengestaltung muß üppig und von hoher Qualität gewesen sein. Von Wichtigkeit sind die mehrfach erhaltenen Wappensteine mit dem quadrierten oldenb. Wappen und der Jahreszahl 1547 an gfl. Gebäuden. Sie dokumentierten heraldisch-politisch Anspruch und Besitz des Hauses → Oldenburg an D. noch während des laufenden Gerichtsprozesses mit Münster um die Herrschaft → D. vor dem Reichskammergericht und erinnerten neben der Sagenüberlieferung an die ruhmreiche Rückeroberung von 1547.

Die Gesamtzahl der Räume und Anordnung im Schloß ist nicht rekonstruierbar. Inventare von 1647/48 verraten Details über die Innenausstattung. Zahlr. Gemälde schmückten den Eßsaal und zeigten Tierdarstellungen (Hunde, Hirsche, Rehe, Pferde, Schwan); für Historie und Repräsentation der Dynastie standen die großformatigen Gemälde vom Löwenkampf Gf. Friedrichs. Neben der Tafel gab es einen Junker-, Pagen- und einen Schüsseltisch. Die Stühle waren mit rotem russischen Leder bezogen. Der große Saal befand sich über der Rüstkammer im zweigeschossigen Zeughaus. Die vergoldete Ledertapete war 1600 angebracht worden anläßlich der Hochzeit Antons II. mit Sibylle Elisabeth von Braunschweig-Dannenberg, ältere Schwester Augusts, des späteren Hzg.s von Braunschweig-Wolfenbüttel. Die Beleuchtung erfolgte durch drei Messingkronleuchter. 12 Bänke und eine kleine Orgel bildeten das Inventar. Weitere Räume wurden nach der vorherrschenden Farbgebung Rotes, Gelbes und Grünes Gemach bezeichnet. Zahlr. Nebenräume waren vorhanden. Als Wandbespannung war roter Stoff beliebt; daneben Wandteppiche. Die Silberkammer hatte einen stattlichen Bestand an Bechern, Krügen, Schalen, Leuchtern u. a., aber auch an Gold- und Silbermünzen (Silber 1308 Pfund; Wert 10 084 Rth; Gold 4½ Pfund; Wert 1137 Rth). Dazu kamen Preziosen. Die Bücherei, bestückt auch durch Geschenke des bibliophilen Hzg.s August von Braunschweig-Wolfenbüttel, umfaßte 1647 388 Werke (Bibeln, Chroniken, lateinische und griechische Klassiker, Kriegskunst, Staatsrecht; Dürer).

Die Fortifikation veränderte das Umfeld (Ravelin, Kronwerk, Basteien). Die Burgmauer war 5,5 m hoch; die äußere Graft 15 m breit, 2,5 m tief; die innere 30 m breit und 3 m tief. D. besaß eine starke Festungsartillerie und während des Dreißigjährigen Krieges bis zu 60 Geschütze. 1647 lagerten im Zeughaus 600 Granaten, über 20 000 Stück Eisenkugeln, über 300 Musketen u. a.

Nach dem Tod des letzten D.er Gf.en verfiel das Schloß. Ein geplanter Ausbau der Festung durch Gf. Anton Günther von → Oldenburg wurde nicht realisiert. Als während des Nordischen Krieges 1711 D. von Dänemark, das die Gft. → Oldenburg-D. geerbt hatte, für 20 Jahre an das Kfsn. Hannover verpfändet wurde, regelte ein Zusatzvertrag zur Erhöhung der Pfandsumme den Abriß von Festung und Schloß D.; durchgeführt 1711/12.

Schon zuvor waren für den Ausbau der Verteidigungsanlagen Gebäude vor dem Schloß beseitigt worden, so das Reithaus (1650), der Marstall für 35 Pferde und 12 Kutschpferde, die Wagenremise (sechs Kutschen, darunter eine gläserne, zwei Pack-, zwei Amtwagen, fünf Holzwagen, drei Schlitten usw.).

Nachdem die Kollegiatstiftskirche 1538 abgebrannt war, ließ Gf. Anton II. 1613-1619 eine neue Kirche in Sichtweite nördlich seines Schlosses errichten. Diese sollte auch Grablege des D.er Gf.enhauses werden. In der heutigen Stadtkirche zur Hl. Dreifaltigkeit sind in einer Gruft in wappengeschmückten Zinnsärgen der letzte Gf. von D. Christian IX., seine Eltern Anton II. und Sibylle Elisabeth sowie seine unverheiratete Schwester Sibylla Maria bestattet.

Siehe A. Delmenhorst und B. Delmenhorst. – Büsing, Wolfgang: Herkunft und Familie des Delmenhorster Burggrafen Johannes Pfretzschner (1618-1678), in: Oldenburgische Familienkunde 32,4 (1990) S. 293-330. – Eckhardt, Albrecht: Delmenhorst – Stadt oder Flekken? Stadtrecht und Stadtqualität vom Mittelalter bis um 1700, Delmenhorst 1994 (Delmenhorster Schriften, 16), S. 7-39. – Müller, Bernd: Die Burg Delmenhorst 1259-1712. Zur Baugeschichte im Kontext der Weserrenaissance, in: Delmenhorster Heimatjahrbuch (1996) S. 40-61. – Ravens, Jürgen Peter: Delmenhorst. Residenz, Landstädtchen, Industriezentrum 1371-1971, Delmenhorst 1971. – Rüdebusch, Dieter: Die Verpfändung der Grafschaft Delmenhorst an das Kurfürstentum Hannover (1711) Delmenhorst 1971 (Delmenhorster Schriften, 3). – Rüdebusch, Dieter: Das Delmenhorster Kanonikerstift von 1286 – Eine Familienstiftung der Delmenhorster Grafen, in: Pest, Plagen und Polycarpus 1454-2004 – 550 Jahre St. Polycarpus-Gilde zu Delmenhorst, hg. von Gerhard Kaldewei, Delmenhorst 2004, S. 13-19. – Rüdebusch, Dieter: Vom Schwert zum Wort – Kirchliches Leben um Delmenhorst von den Anfängen bis zum Ausgang des Mittelalters, in: Delmenhorster Kirchengeschichte, Delmenhorst 1991 (Delmenhorster Schriften, 15), S. 11-40. – Schmidt, Heinrich: Herrschaft, Kirche und Gemeinde in Delmenhorst während des 16. und 17. Jahrhunderts, Delmenhorster Kirchengeschichte, Delmenhorst 1991 (Delmenhorster Schriften, 15), S. 41-66. – Schulte-Strathaus, Anneliese/Mahrenholz, Hans/Ravens, Jürgen Peter: Die Grafengruft in Delmenhorst. Die vier Zinnsärge der jüngeren Linie Delmenhorst in der Delmenhorster Stadtkirche zur hl. Dreifaltigkeit, Delmenhorst 1971 (Delmenhorster Schriften, 3). – Sichart, Karl: Die Burg Delmenhorst, in: Delmenhorster Heimatjahrbuch (1930) (ND Delmenhorster Heimatjahrbuch 2000/2001) S. 12-25. – Kurzartikel im Delmenhorster Heimatjahrbuch: Rüdebusch, Reisenotizen (2008); Gastler, Prozeß um die Herrschaft Delmenhorst; Isler, Sagen und Märchen; Kaldewei, Schloß der Weserrenaissance (alle 2009).