DELMENHORST
I.
Das Herrschaftsgebiet der Linie → D. umfaßte im MA neben D. die Kirchspiele Ganderkesee, Schönemoor, Hasbergen, Hude, Stuhr und die Brokseite Stedingens mit den Kirchspielen Süderbrok/Altenesch, Bardewisch, Berne und das Wüstenland mit Holle/Altenhuntorf. Die jüngere Linie gewann in den Erbauseinandersetzungen 1577/97 zusätzlich die Ämter Harpstedt, Varel sowie Vorwerke in Butjadingen.
Vermutlich aus Gründen gegenseitiger Erbfolge nannten sich beide oldenburgischen Linien »Gf.en von → Oldenburg und → D.«.
Das Wasserschloß Harpstedt, auf dessen Fundamenten der heutige »Amtshof« errichtet wurde, war Nebenres. der mittleren und jüngeren Gf.enlinie → D. Hier residierte Gf. Moritz von 1458 -1463. Zur Herrschaft D. gehörte auch die Welsburg in einer sumpfigen Niederung am Westrand des Staatsforstes Stühe, erbaut um 1350. Hier lebte anfänglich Gf. Dietrich von → Oldenburg mit seiner ersten Frau Adelheid (gest. 1407), Schwester Nikolaus' von D. 1480 wurde die Welsburg als Räubernest Gf. Gerds von → Oldenburg im Auftrag des Bfs. von Münster zerstört.
II.
Eine frühe Blüte scheint die Hofhaltung in D. bereits unter Otto II. gehabt zu haben. Ende des 13. Jh.s bereiste der Minnesänger Heinrich von Meißen, gen. ›Frauenlob‹, Norddtl. (→ Hoya) und wirkte auch in → D. Von ihm ist ein Lobspruch auf Altenburc greve Otto überliefert.
Große Beachtung bei Durchreisenden fand das prachtvolle Renaissanceschloß, die starke Befestigung und der vermutlich unter Gf. Anton II. angelegte repräsentative Barockgarten.
Im Gegensatz zu den städtischen Amtsträgern sind die gfl. namentlich nur vereinzelt überliefert. Die Bezeichnung »Vogt« als Vertreter der Gerichtsbarkeit findet sich außer in der Stadtrechtsurk. von 1371 nur noch 1383; ansonsten erscheint der Begriff »Richter«. Zweimal in der Woche wurde Gericht gehalten im überdachten Hagedorn vor der Burg als erste Instanz für Personen privilegierten Gerichtsstandes (1516) und als Appellationsinstanz für die Vogteigerichte der Herrschaft D. (1566). Als ma. Amtsinhaber erscheinen Ministeriale der benachbarten Herrenhöfe (Heinrich von Elmeloh, 1315-1326 Drost in → D.). Verwaltungsposten dürften jedoch zunehmend mit Auswärtigen besetzt worden sein. Letzter Burgvogt war ab 1643 Johannes Pfretzschner (1618-1678). Seine Dienstwohnung lag in einem neuen Gebäude am Burgdamm. Im Schloß selbst befanden sich im sog. Kommissarienhaus Verwaltungsräume. Das Jahresgehalt betrug 110 Rth, wozu der Freitisch auf dem Schloß kam. Bei Bedarf hatte der Burgvogt weitere Ämter zu versehen. Pfretzschner wurde 1665 Mitglied der St. Polycarpus Gilde von 1454, einer christlichen Bruderschaft zur gegenseitigen Hilfe in Pestzeiten. Neben einer Reihe von Drosten erscheint das Amt des Kanzlers, Amtsschreibers, Jägermeisters, Holzvogts u. a. Bereits vor Bezug der Burg wird 1254 ein Sifridus, tunc capellanus in Delmenhorst erwähnt (es ist dies die früheste Überlieferung des Ortsnamens), vermutlich ein Geistlicher der Burgkapelle und später auch Notar Gf. Johanns von → Oldenburg. Als letzter Superintendent der Gft. D. amtiert bei den Trauerfeierlichkeiten für Gf. Christian IX. Martin Strackerjan.
Die Stärke der Burg- und Festungsbesatzung schwankte je nach milit. Notwendigkeit. Die Burgmannen, 1270 zuerst erwähnt, führten ein eigenes Siegel und erscheinen 1463 mit denen von → Oldenburg als Vertreterin der »Mannschaft« der Gft. Burgmannen und Knechte wohnten abgesehen von der Wachmannschaft im Ort. 1491/92 werden zwölf Knechte und einige Büchsenschützen erwähnt; 1576/77 zehn Rotten zu vier Mann; 1599 80/90 Mann; 1645 309 und 1647 420 Mann mit ihren Offizieren, von denen aber nur etwa die Hälfte auf der Festung war. Die übrigen taten Dienst in der Gft. Im MA konnte die Besatzung durch den Adel der umliegenden Höfe und durch Bürger der Stadt – das Scheibenschießen ist erstmals für das 15. Jh. nachweisbar – verstärkt werden. Landwehren schützten das Territorium um → D. weiträumig.
Zum Schutz der Burg dienten die beiden Wasserringe (Graften), Burgwall, Mauer, Toranlage, Staketenzaun, v.a. aber die Flutung des umliegenden Geländes innerhalb von sechs Stunden. Die Wasserstandsregulierung erfolgte durch Teiche und die schon 1371 erwähnte gfl. Mühle.
Weite Heideflächen und Moore bedeckten die Gft. D. bis in die Neuzeit. Ertragreiche Wirtschaftsgrundlage war überwiegend die Viehwirtschaft in der Wesermarsch (Ochsen- und Schweinemast); Absatzmarkt war auch Köln. Bes. die Pferdezucht hatte einen guten Ruf; Tiere wurden bis nach Württemberg verkauft. Die von Gf. Anton II. versuchte Eisenerzgewinnung auf der Geest schlug fehl (1606). Das nahe gfl. Vorwerk sicherte die Versorgung der Burg (1647 101 Rinder, 140 Schweine und Ferkel, nur zwei Pferde und 31 Hühner). Dicht dabei lag der Drostenhof. Grund und Boden in der Stadt waren weitgehend in herrschaftlichem Besitz. Aus enteignetem Kirchen- und Kl.besitz entstanden um → D. im 16. Jh. 35 gfl. Vorwerke von bis zu 100 ha Größe. Anfänglich wurden sie von gfl. Verwaltern bewirtschaftet, später verpachtet und wg. finanzieller Probleme nach 1648 oftmals verkauft. Darunter war 1657 das »Gut Weyhausen« am Ochtumdeich. Das wegen der Jagd und Fischerei 1564 entstandene gfl. Lusthaus wurde 1723 in ein barockes Gartenhaus umgebaut und ziert seit 1979 die Burginsel in → D.
Jagdrevier – gerade auch für Gäste – war der 10 km westlich von → D. gelegene Hasbruch; östlich der Burg ein morastig, buschiges Wildgehege in Düsternort. Der eingezäunte gfl. »Tiergarten« (1580) bot Wildbret und sicherte den Holzbedarf. Ein Verwandtenbesuch in → D. bot sich an als Ausgangspunkt für Einkäufe des gehobenen Bedarfs in der benachbarten Hansestadt Bremen. Doch auch Salpeter hatten die → D.er Gf.en dort für ihre thüringischen Verwandten zu ordern.
Architekt für den Umbau der Burg ab 1552 war der Baumeister Jörg Unkair, der seit 1524 in Westfalen-Lippe tätig war. Der Maler Wilhelm de Saint-Simon fertigte 1639 im Auftrag Christians IX. sechs großformatige Gemälde über die Sage von Gf. Friedrichs Löwenkampf und die ksl. Wappenverleihung. Als Erbe der mit Gf. Ludwig Günther I. von → Schwarzburg verh. Gf.in Emilie Antonie kamen sie nach Rudolstadt und befinden sich heute im Schloß Heidecksburg.
Das → D.er Schloß war nach dem Umbau auch wg. der Baufälligkeit des → Oldenburger Hauses bevorzugter Aufenthaltsort Gf. Antons I., wo die gfl. Familie einen Großteil des Jahres verbrachte. Zahlr. Familienfeste wie Hochzeiten, Taufen wurden hier fortan gefeiert. Zum fürstlichen Beilager Gf. Johanns VII., »der Deichbauer« und Elisabeths von → Schwarzburg im Sommer 1576 gab sich der Adel Nord- und Mitteldtl.s fast zwei Wochen lang ein Stelldichein in → D. und reiste mit Gefolge und über 1200 Pferden an. Die Lieferlisten für Verpflegung sind erhalten.
Literatur
Geschichte des Landes Oldenburg. Ein Handbuch. Im Auftrag der Oldenburgischen Landschaft hg. von Albrecht Eckhardt in Zusammenarbeit mit Heinrich Schmidt, 4. Aufl., Oldenburg 1993. – Kaldewei, Gerhard: »Frauenlob« in Delmenhorst – Der Minnesänger Heinrich von Meissen gen. Frauenlob (1250/60-1318), in: Delmenhorster Heimatjahrbuch (2002) S. 10-14. – Müsegades, Kurt: Güter in und um Delmenhorst, in: Delmenhorster Heimatjahrbuch (1999) S. 27-51. – Rüdebusch, Dieter: Wie knackt man eine Burg? Militärhistorische Aspekte um Burg und Festung Delmenhorst, in: Delmenhorster Heimatjahrbuch (2009) S. 47-61. – Sello, Georg: Die territoriale Entwicklung des Herzogtums Oldenburg, Göttingen 1917 (Studien und Vorarbeiten zum Historischen Atlas Niedersachsens, 3), ND Osnabrück 1975. – Zoller, Dirk E.: Schlutter und Welsburg – Zwei Niederungsburgen, in: Delmenhorster Heimatjahrbuch (2009) S. 31-40.