Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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DELMENHORST

A. Delmenhorst

I.

Die Gf.en nannten sich nach dem gleichnamigen Ort, wo sich im späteren 13. Jh. eine Nebenlinie der Gf.en von → Oldenburg gründete. Die Gf.en von Oldenburg selbst werden erstmals 1108 mit Egilmar greifbar und konnten bis zum 14. Jh. ihre Herrschaft im Ammerland durchsetzen und später auf friesisches Gebiet ausdehnen. Nach Abspaltung von Wildeshauser und Bruchhauser Linien wurde nach siegreicher Teilnahme am Kreuzzug des Bremer Ebf.s gegen die Stedinger Bauern 1234 die Herrschaft bis an die Weser ausgeweitet. Die Burg → D. wurde anstelle der 1242 erbauten Landesburg Berne Mittelpunkt oldenburgischer Herrschaft und Sitz einer weiteren → Oldenburger Nebenlinie. Dreimal existierte hier mit Unterbrechungen von 1278 bis 1647 eine eigenständige Herrschaft des Oldenburger Gf.enhauses.

II.

Die Burg dürfte 1259 fertig gestellt gewesen sein. Im selben Jahr, darunter am 24. Juli in castro nostro urkunden hier die → Oldenburger Gf.en. → D. diente der Sicherung des weiter unruhigen Stedinger Landes und ersetzte die Burg Schlutter (Gmd. Ganderkesee/Lkr. Oldenburg) am Oberlauf der Delme etwa 5 km südlich. Letztere, spätestens 1213 vom Bremer Ebf. Gerhard I., Gf. von → Oldenburg-Wildeshausen erbaut, war zweimal, 1230 und 1232, von den Stedingern zerstört und nicht wieder aufgebaut worden. In einem Tausch erhielten die Gf.en von → Oldenburg den bisher in Händen der ebfl.-bremischen Ministerialen von Mule befindlichen Hof und errichteten die durch später zwei Wasserringe (Grachten) gesicherte und durch Überschwemmungen der Delme und morastiges Gebiet geschützte Niederungsburg → D. Die seit dem 11. Jh. bestehende Lehnsherrschaft der Bremer Ebf.e blieb formal erhalten. War bis dahin die Gaukirche in Ganderkesee Mittelpunkt des Largaus gewesen, so war fortan → D. Res. und Herrschaftszentrum.

III.

Informationen über die Gf.en von D. bieten die Oldenburgische Chronik des Hermann Hamelmann (1599) und die Chronik des Johann Just Winkelmann (1671). Repräsentative Zeugnisse aus der Zeit der ma. D.er Gf.en sind kaum vorhanden. Die Hamelmannsche Chronik enthält phantasievolle Porträts der Gf.en. Neben einem Reitersiegel Gf. Ottos (um 1350) sind Kirchenausstattungen des 17. Jh.s durch die letzten D.er Gf.en beachtenswert. Die Kirche in Hasbergen (heute Stadtteil von D.) besitzt eine von Gf. Christian IX. gestiftete Kanzel; die Schloßkirche in Varel eine von Anton II. und seiner Frau Sibylle Elisabeth in Auftrag gegebene prachtvolle Innenausstattung durch Ludwig Münstermann (Kanzel, Altar, Orgelprospekt, Taufe und Gf.enstuhl). Der von Münstermann gefertigte Altar für die Stadtkirche D. von 1619 ist verloren. Der Repräsentation diente der nordöstlich des Schlosses gelegene, in der ersten Hälfte des 17. Jh.s von Durchreisenden viel bewunderte barocke Garten, gen. »Lustgarten«, mit Pomeranzenhaus und vielen seltenen Pflanzen.

Die D.er Gf.en führten das oldenburgische Wappen mit den drei roten ammerschen Balken auf goldenem Grund. Gf. Gerd fügte nach seiner Pilgerreise nach Köln 1475 ein goldenes Steckkreuz hinzu. Die nun im vermutlich nach burgundischem Vorbild quadrierten Wappenschild befindlichen zwei Nagelspitzkreuze wurden auf D. bezogen.

Von Burg und Schloß → D. gibt es wenige, teilw. unrealistische Abbildungen: Sächsische Chronik von Lukas Cranach.d.Ä. 1532; Hamelmann, Oldenburgische Chronik; Matthaeus Merian, Topographia Westphaliae 1647; Winkelmann, Oldenburgische Friedens-[…]. Charakteristisch für die ma. Wehranlage waren drei hohe Türme. Vor Beginn der Abbrucharbeiten 1712 fertigte der leitende Ingenieur Wilhelm Anton Hunrichs detaillierte, aussagekräftige Zeichnungen. Archäologische Ausgrabungen 1976 und Geländemarkierungen im Sept. 2008 und im Jubiläumsjahr 2009 vermitteln eine Vorstellung von der Ausdehnung der Anlage.

IV.

D. war von etwa 1278-1436, 1463 [ab 1482 von Münster besetzt] – ca. 1483 (Tod Jakobs von D.) und 1577-1647 eine eigenständige Herrschaft. Begründer der sog. »Älteren Linie D.« war Gf. Otto II. (zuerst erwähnt 1270, gest. 2. Febr. 1304), Sohn Gf. Johanns I. von → Oldenburg (1243-1270) – Vollender der Burg → D.

Nach anfangs gemeinsamer Regierung mit seinem ältesten Bruder Christian III. (1268-1285) kam es um 1278 zur Teilung der Gft. → Oldenburg und Errichtung einer eigenen Herrschaft in D. Seit 1309 nannten sich die D.er Gf.en »Gf. von → Oldenburg und D.«; später auch »Gf. in D.« (1340). Diese Linie bestand über fünf Generationen bis 1436. Die Nachkommen Gf. Ottos II. regierten die Herrschaft gemeinsam.

Bes. im SpätMA standen die D.er Gf.en im Spannungsverhältnis mit dem → Oldenburger Stammhaus, dem Bremer Ebf., dem Domkapitel, der Stadt Bremen und benachbarten Gf.en. Bei der schmalen wirtschaftlichen Grundlage drohte mehrfach nach Verpfändungen die Übernahme durch benachbarte Mächte, so 1374 und auch später durch die verwandten Gf.en von → Hoya, 1414 und 1521 durch das Erzstift Bremen. Bei der Wahl zum Bremer Ebf. übertrug Gf. Nikolaus von D. die Herrschaft dem Bremer Domkapitel, um sie »zu treuen Händen« von dort zurückzuerhalten. Hoffnungslos verschuldet und politisch gescheitert widerrief er nach Rücktritt vom Bf.samt die Übertragung und vereinigte durch einen Vertrag mit seinem Schwager Dietrich von → Oldenburg D. wieder mit dem Haus → Oldenburg, an das es bei seinem Tod 1447 zurückfiel.

Von den drei Söhnen Gf. Dietrichs von → Oldenburg-D. (gest. 1440) verzichtete der älteste, Christian, nach seiner Wahl zum Kg. von Dänemark 1448 auf das oldenburgische Erbe, um das sich Moritz (1428-1464) und Gerhard - »Gerd d. Mutige« - (1430 oder 1431-1500) anschl. erbittert stritten. Die Burg wurde 1462 vergeblich belagert. Im Mai 1463 kam es zur Teilung. Die »Mittlere Linie D.« war nur von kurzer Dauer. Anfang Aug. 1464 verstarben Gf. Moritz und seine Frau Katharina von → Hoya, die das Amt Harpstedt eingebracht hatte, an der Pest auf Gut Holzkamp (Gem. Ganderkesee). Gf. Gerd bemächtigte sich der Burg und übernahm die Vormundschaft über seinen zweijährigen Neffen Jakob (gest. nach 1484), der unter seinen Einfluß geriet und wie sein Onkel ebenfalls Straßen- und Seeräuberei betrieb. → D. wurde ein berüchtigtes Raubritternest, um das sich viele Geschichten rankten. Von hier wurden die Kaufleute der Hanse ausgeplündert und Lösegeld von Durchreisenden erpreßt. Nach einem ersten vergeblichen Versuch 1471 gelang es dem Bremer Ebf. Heinrich von → Schwarzburg, gleichzeitig Bf. von Münster, nach dreimonatiger Belagerung am 20. Jan. 1482 die ausgehungerte Burgbesatzung zur Übergabe zu zwingen. Für über ein halbes Jh. wurde → D. von Münster aus verwaltet.

In einem nächtlichen Überraschungscoup überquerte Gf. Anton I. von → Oldenburg-D. am Palmsonntag 1547 (3. April) auf mitgebrachten Booten die Gracht und überrumpelte die schlafende Besatzung. Das oldenburgische Wappen mit der Jahreszahl 1547 prangte fortan als eine Art Siegessymbol an herrschaftlichen Gebäuden.

In einem Teilungsvertrag vom 3. Nov. 1577 erstritt Anton II. von → Oldenburg-D. (8. Sept. 1550-25. Okt. 1619) von seinem bisher alleinregierenden älteren Bruder Johann VII. den Besitz der Gft. D. Dazu kamen die Ämter Harpstedt und Varel. Anton II. drängte auf Realteilung. Der Erbstreit wurde bis vor den Reichshofrat getragen. Das Teilungsabkommen von 1597 teilte arithmetice.

Als Anton II. 1600 Hzg.in Sibylle Elisabeth von Braunschweig-Dannenberg heiratete, wurde er Begründer der letzten D.er Gf.enlinie. Von den elf Kindern starb der regierende Gf. Christian IX. (29. Juni 1612-23. Mai 1647) kinderlos; D. kam wieder an das → Oldenburger Stammhaus und mit diesem 1667 an Dänemark.

Zum Heiratskreis der älteren Linien der Gf.en von D. gehörten die benachbarten Gf.engeschlechter von → Hoya (erloschen 1582), → Oldenburg und andere. In der frühen Neuzeit überwiegen aus standes- und konfessionspolitischen Gründen Eheverbindungen mit den Gf.en von → Schwarzburg/Thüringen und weiteren Fs.enhäusern sowie den abgeteilten Hzm.ern in Schleswig-Holstein. Die Kontakte zum dänischen Kg.shaus und zu den Welfen waren dabei von Bedeutung.

Quellen

Hermann Hamelmann: Oldenburgisch Chronicon, Oldenburg 1599, ND Oldenburg 1983. – Johann Just Winkelmann: Oldenburgische Friedens- und der benachbarten Oerter Kriegshandlungen […], Oldenburg 1671, ND Osnabrück 1977.

Biographisches Handbuch zur Geschichte des Landes Oldenburg. Im Auftrag der Oldenburgischen Landschaft hg. von Hans Friedl, Wolfgang Günther, Hilke Günther-Arndt und Heinrich Schmidt, Oldenburg 1992. – Büsing, Wolfgang: Herkunft und Familie des Delmenhorster Burggrafen Johannes Pfretzschner (1618-1678), in: Oldenburgische Familienkunde 32,4 (1990) S. 293-330. – Grundig, Edgar: Geschichte der Stadt Delmenhorst von ihren Anfängen bis zum Jahre 1848, Bd. 1-2, masch., Delmenhorst 1953. Auszugsweiser ND: Grundig, Edgar: Geschichte der Stadt Delmenhorst bis 1848. Die politische Entwicklung und die Geschichte der Burg Delmenhorst, Delmenhorst 1979 (Delmenhorster Schriften, 16). – Holzberg,Christine/Rüdebusch, Dieter: Die Sage vom Löwenkampf des Grafen Friedrich und die besonderen Beziehungen zwischen den Häusern Oldenburg-Delmenhorst und Schwarzburg-Rudolstadt, Oldenburg 1978. – Lindern, Georg von: Kleine Chronik der Stadt Delmenhorst, Oldenburg 1971, ND Oldenburg 1997. – Das Delmenhorster Heimatjahrbuch 1996 ff. enthält zahlreiche Beiträge, u. a.: Rüdebusch, Dieter: Ein verschwundenes Juwel – Der gräfliche Schloßgarten zu Delmenhorst im 17. Jahrhundert, in: Delmenhorster Heimatjahrbuch (1999) S. 57-64. – Lindern, Georg von: Christian IX (1612-1647) – »Der letzte Graf von Delmenhorst«, in: Delmenhorster Heimatjahrbuch (2002) S. 52-55. – Mehrtens, Jürgen: Sybilla Elisabeth von Braunschweig-Dannenberg (1576-1630) und die Grafen von Delmenhorst, jüngere Linie 1577-1647, in: Delmenhorster Heimatjahrbuch (2002) S. 30-37.