WILDENFELS
I.
1222 (Sp.) [Heinricus de] Wildenuels, 1226 [Jutta de] W., 1233 [vrbany de] Wildenfels, 1253 [Heinricus de] Wildenvels, 1278 Wildenfels, 1341 in castro Wyldenvels, 1425 sloße und stad Wildenfels (CDS I, B,4, 419), 1445 Wildenfels, 1555 Willenfeß Stedtlein sampt dem Schloß.
Typischer Burgname des 12./13. Jh.s in der Bedeutung als wilder, wildbewachsener Felsen, der auf den als Burgflecken entstandenen Ort überging (HONB, II, S. 595, dort weitere Belege).
Höhenburg in Spornlage, 9 km südöstlich von Zwickau. Die Anlage wird erstmals urkundlich indirekt erwähnt 1233 (vrbany de Wildenfels), 1341 direkt (in castro Wildenvels). Sie wurde errichtet von und war Stammsitz der Herren von → W. (Unterbrechung 1406-1535). Kirchlich gehörte W. zum Bm. Naumburg, Archidiakonat Muldenland. – D, Sachsen, Reg.bez. Chemnitz, Lkr. Zwickau, Gmd. W.
II.
Schloß und Stadt W. liegen »am alten böhm. Steig, der von Zwickau über Härtensdorf nach → Hartenstein am Abzweig, der von Härtensdorf über Schönau/Wiesenburg ebenfalls nach Böhmen führt auf dem Sporn am Zusammenfluß von Härtensdorfer und Zschockener Bach« (Mitlacher, S. 111) in einem kesselförmigen Tal. Geologisch gehört das Gebiet zum W.er Zwischengebirge, klimatisch zur Zone des Berg- und Hügellandklimas, das Ackerland zu den Verwitterungsböden (Bodenwertzahlen unter 40).
Bis 1406 Herren von → W.; 1407-1422 Conrad von Tettau; 1422-1450 Herren von Pflugk; 1450-1454 Heinrich Bgf. von Meißen; 1454-1531 Herren von Weida; 1531-1535 Gf. Hans Heinrich von → Schwarzburg; 1535-1602 Herren von → W.; 1602-1945 Gf.en von → Solms (-W.). 1945 wurden die Gf.en von → Solms-W. enteignet.
Burg sowie Stadt entstanden im Rahmen der Ostsiedlung im bis dahin nicht besiedelten Bannwald (Miriquidu). Das vor der Burg entstandene Städtchen W. wird erstmals 1425 als Stadt erwähnt. Die Gründung folgte nach der Burgerrichtung mit unregelmäßigem Straßennetz und viereckigem Marktplatz in einiger Entfernung von der Burg. Eine Mauer und drei Tore sind ab um 1320 vorhanden. 1454 (Heinrich Herr von Weida) ergab sich durch die Verlegung des Zugangs zum Schloß über den Marktplatz die gemeinsame Verteidigung von Stadt und Schloß. Die Erweiterung der Anlage (Barockschloß) von 1650 (Gf.en von → Solms) erfolgte zu Lasten der Stadt. Die Stadt brannte 1521 und 1636 nieder, bei einem kleineren Brand 1589 waren v.a. Schloß und Kirche betroffen.
Eine eigene Pfarrkirche erhielt W. erst 1580, bis dahin war es nach Härtensdorf gepfarrt (Bm. Naumburg, Archidiakonat Muldenland) und nur auf dem Schloß existierte eine Kapelle.
Ob W. je Stadt im vollen rechtlichen Sinne war, darf bezweifelt werden. 1706 führte die Solmssche Herrschaft folgende Argumente gegen die Behauptung der Bewohner W.s ins Feld: kein Rathaus, kein Stadtgericht oder andere Gerichtsbarkeit, kein Wochenmarkt, kein Bierzwang, höhere Fron als (umliegende) Dörfer.
III.
Bauliche Untersuchungen datieren den ersten, romanischen Bau um 1170 (Wohnturm in kastellförmiger Kernburg). Erweiterungen und Umbauten erfuhr der Bau um 1200 (Umrandung Talsporn nach W, Abschnittsgraben nach O, Tor im SO des Wohnturms), um 1320 (Bergfried, Nordzwinger, Zisterne im Nordzwinger, Torhaus, Palas auf dem Sporn und erweiterte Wohnfläche), um 1450 (Verlegung des Torzugangs von SO nach O unter Errichtung einer Brücke über den Halsgraben). Die Burg W. wird seit 1464 (Herren von Weida) als Schloß (Sloß) bezeichnet. Um 1600 begannen Umbauten der Verteidigungsanlagen (Bastion, Flankierungstürme für Musketenschützen), 1650 die Erweiterung zum Barockschloß (Verfüllung des Halsgrabens und erhebliche Erweiterung der gesamten Anlage nach O). 1725 folgte die Errichtung der Rokokorotunde, 1780 bis 1820 umfangr. weitere Baumaßnahmen (1800 Abbruch des gotischen Fs.enhauses), sowie geringere Um- und Anbauten im 19. Jh. Das Schloß brannte mehrere Male nieder (1521, 1589, 1636). Trotz mehrfacher Restaurierungsarbeiten zu Zeiten der SED-Diktatur mußte das Schloß grundlegend restauriert werden (seit 1999, noch nicht abgeschlossen) und beherbergt heute Stadtbibliothek, Musikschule und Wohnungen.
Das gotische Fs.enhaus (1464) enthielt im Untergeschoß den Keller, Funktionsräume (Küche) im Erdgeschoß, Amtsräume im ersten Obergeschoß, Wohn- und Schlafräume des Fs.en im zweiten Obergeschoß, sowie Personalräume im dritten Obergeschoß. Dieses Fs.enhaus wurde erst 1800 abgebrochen »was einen hohen Rang des Gebäudes in Bezug auf Architektur und Nutzung erschließen« läßt (Mitlacher, Baualterungspläne, S. 115). Mit dem Umbau von 1464 wurde das Ringareal zum Turnierplatz.
Quellen
Altenburger Urkundenbuch. 976-1350, bearb. von Hans Patze, Jena 1955 (Veröffentlichungen der thüringischen historischen Kommission, 5). – Dobenecker, Otto: Regesta diplomatica necnon epistolaria historiae Thuringiae, Bd. 1: C. 500-1152, Stuttgart 1896. – CDSR I, B,4.
Literatur
Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen, hg. von G. A. Poenicke, Tl. 4: Erzgebirgischer Kreis, Leipzig 1856. – Blaschke, Karlheinz/HAUPT, Walther/Wiessner, Heinz: Die Kirchenorganisation in den Bistümern Meissen, Merseburg und Naumburg um 1500, Weimar 1969. – Böhnhoff, Leo: Der erzgebirgische Uradel und seine Stammsitze. Eine familiengeschichtliche Skizze, in Glückauf. Zeitschrift des Erzgebirgsvereins 54 (1934) S. 47-63, 52. – Handbuch der historischen Stätten Deutschlands. Bd. 9: Thüringen, hg. von Hans Patze und Peter Aufgebauer, 2. Aufl., Stuttgart 1989. – HONB. – 750 Jahre Wildenfels Kreis Zwickau, hg. vom Rat der Stadt Wildenfels, erarb. von Heinz Jahn, ohne Ort 1983. – Krausse, Johannes: Art. »Wildenfels, Kr. Zwickau«, in: Deutsches Städtebuch. Handbuch städtischer Geschichte, hg. von Erich Keyser, Bd. 2: Mitteldeutschland, Berlin 1941, S. 232. – Mitlacher, Klaus P.: Baualterungspläne für die Burg Wildenfels und Pläne zur städtebaulichen Entwicklung der Stadt Wildenfels für den Zeitraum 1170 bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert, in: Burgenforschung aus Sachsen 13 (2000) S. 108-122. – Zühlke, D.: Zwischen Zwickauer Mulde und Geyerschem Wald. Ergebnisse der heimatkundlichen Bestandsaufnahme in den Gebieten von Wildenfels, Lößnitz und Geyer, 2. Aufl., Berlin 1980 (Werte unserer Heimat, 31).