VIRNEBURG
I.
Monroial (1229), Munreial (1238), Munreal (1246), Munriun (1253), M. (1259), gelegen in der Vordereifel über dem Tal der Elz 7 km südwestlich von Mayen. Die regionaltypische frankophone Namensgebung (dt. Königsberg) ist dem Vorbild des romanischsprachigen Bereichs für das höfisch-ritterliche Leben geschuldet; sie wurde mangels Verständnisses bald vielfältig abgewandelt. Die bald nach 1200 errichtete Burg war zweiter Sitz der Gf.en von → Virneburg und bildete mit wenigen Orten und Höfen eine eigene Herrschaft innerhalb dieser Gft. Die steil über der Siedlung im Tal liegende Höhenburg wurde zusätzlich durch eine ihr westlich gegenüberliegende kleinere Burg, das Rech, als Vorwerk gesichert. Seit 1417 waren die von Brohl mit dieser zur Unterscheidung von der »großen« »Kleinburg« gen. belehnt. Burg M., wohl schon im 13. Jh. zeitw. als Res. genutzt, stand dafür von 1335 bis 1353 als Sitz der Maria von Jülich, Wwe. Gf. Heinrichs von → Virneburg, nicht zur Verfügung. In der Folge, mit Sicherheit ab 1445, darf M. als Hauptres. des Gf.enhauses bis zu seinem Erlöschen 1545 gelten. Danach gelangten Burg und Herrschaft als kurtrierisches Lehen auf Lebenszeit an Gf. Hans Heinrich von → Leiningen-Dagsburg-Hardenburg (gest. 1575); um anschl. als Amt unmittelbar verwaltet zu werden.
II.
M. liegt 295 m hoch im Tal der Elz. Im Ort überschreitet die Landstraße von Cochem nach Mayen den Bach auf einer um 1500 errichteten zweibogigen Brücke mit Eisbrecher. Ein Stück Straße, Reste einer Straßenstation und Gräber nahebei bezeugen die römische Präsenz in diesem Raum. Das enge Bachtal und die bewaldeten Höhen lassen nur wenig landwirtschaftliche Nutzung zu, jedoch Schäferei in größerem Umfang. Allerdings wirkten die Gf.en von → Virneburg nahebei durch Rodung auf eine Verbreiterung der wirtschaftlichen Grundlagen hin.
Die Erwähnung einer ersten Pfarrkirche – viell. der heutigen Friedhofskapelle St. Georg – zum Jahr 1210 ist unsicher, markiert aber zeitlich den Beginn der durch den Bau der Burg ausgelösten Siedlungstätigkeit. Die fast ganz verschwundene Befestigung, eine Mauer mit zwei Tor- und zahlr. weiteren Türmen, umschloß die beiden Burgen und den Ort und überschritt den Bach ober- und unterhalb auf Brückenbauwerken. Die gut erhaltene Bausubstanz, vorwiegend in Fachwerk, reicht bis ins SpätMA zurück. Der Markt auf dem zentralen Platz erlangte kaum mehr als lokale Bedeutung. Die unmittelbar an der Elz gelegene Pfarrkirche Hl. Kreuz, unter Verwendung eines älteren Turms ab der Mitte des 15. Jh.s neu errichtet, gehörte zum Archidiakonat St. Kastor zu Karden des Ebm.s Trier; das Besetzungsrecht stand den Gf.en von → Virneburg zu.
Die Absicht, M. zur Res. mit der dafür erforderlichen Stadt auszubauen, belegt das durch Vermittlung seines Bruders, des Kölner Ebf.s Heinrich, von Gf. Ruprecht II. von → Virneburg 1306 von Kg. Albrecht erlangte Stadtrechts- und Marktprivileg; M., das bereits als Stadt bezeichnet ist, sollte sich der Rechte Cochems erfreuen und montags einen Markt abhalten dürfen. 1293 schon hatte Kg. Adolf, als er den Gf.en zum Burgmann in der Reichsburg Cochem annahm, das Judenregal zu M. verschrieben; in der Tat sind 1343 Juden in M. als Gläubiger belegt. M. verharrte jedoch auf dem Status einer Minderstadt; in der Folge ist der Ort sehr selten als Stadt, in der Regel nur als Tal bezeichnet. Erst um 1500 werden ein siegelführendes Gericht mit Schöffen, ferner ein Schultheiß sowie Bürgermeister und Gmd. faßbar. Von Konflikten der Herrschaft mit diesen Organen ist nichts bekannt. Das ansässige Handwerk stand der Res. zur Verfügung; indessen deutet der große räumliche Umfang der ostwärts von der großen Burg gelegenen Vorburg darauf hin, daß die Herrschaft auf ein hohes Maß von Selbstversorgung Wert legte; die Fläche der ganzen Burganlage nimmt etwa ein Viertel derjenigen der Siedlung ein. Eine Mühle am Elzbach abwärts des Ortes stand zur Verfügung. Die Existenz eines Brauhauses und Weinbau unterhalb der großen Burg bezeugen Flurnamen. Als herrschaftliche Organe sind im 15. Jh. Kellner und Amtleute nachweisbar, als Personal der Burg 1347 Bgf., Pförtner und Turmknechte. Zahlr. sind die Erwähnungen von Burgmannen, beginnend 1310. Ein sich nach M. nennendes Burgmannengeschlecht führt das gleiche Siegelbild wie das Gf.enhaus und dürfte bis ins 14. Jh. hinein auf der kleinen Burg ansässig gewesen sein. Ob die Sitze weiterer Burgmannenfamilien in dem etwas niedriger gelegenen Teil der großen Burg, deren geräumiger Vorburg oder in einem der im Tal nachweisbaren Steinhäuser zu suchen sind, muß offen bleiben. Nach 1450 erscheinen in den Zeugenlisten neben Niederadligen auch Pfarrer zu M., z. B. Gerhard von Mendig, was auf die Verwendung der zahlr. Geistlichkeit der Pfarrkirche auch für Belange der Herrschaft hindeutet.
III.
Der Kern der großen Burg M. – im Volksmund auch »Löwenburg« gen. – nimmt ein seine Umgebung um 12 m überragendes Felsplateau ein, dessen Position am Hang freilich dazu zwang, die Annäherung von Bergseite durch Anlage von zwei Gräben zu erschweren. Auf dem Plateau steht noch eine monumentale, spitzwinklig angelegte Mauer, die bergseits den noch 25 m hohen runden Bergfried deckte; sie war wohl in geringerer Stärke um das ganze Plateau herumgeführt. Für Wohnbauten war nur auf der darunter liegenden oval geformten Terrasse Raum. Das repräsentativste Wohngebäude lag auf der Nordostseite; es war zweigeteilt. Jenseits einer Lücke Schloß sich westwärts die später ummantelte und überbaute, innen sechsekkige Kapelle an, ein Bauteil von großem, auf Adelsburgen seinesgleichen suchendem Anspruch. An sie schloß sich nach S ein weiteres Wohngebäude an. Weitere Gebäudereste finden sich südöstlich und östlich, wo die Brücke über den außergewöhnlich breiten und tiefen Halsgraben einmündete. Für diesen Teil der Burg findet sich die Bezeichnung »niedere« bzw. »niederste« Burg, etwa 1465, als Johanna, Gf.in von → Horn von ihrem Gemahl Gf. Philipp II. dort bei der Kapelle ihr Wittum, nämlich die Hälfte der Burg, angewiesen wurde; Kapelle, Backhaus und Pforte sollten gemeinsam bleiben. Die gleiche Anweisung von 1479 für dessen zweite Frau erwähnt zusätzlich die alte Küche und eine große Stube sowie zwei Ställe, davon einer innerhalb des Burgtors, als gemeinsam zusätzlich den Brunnen und den Vorhof. Ostwärts des Grabens schloß sich die geräumige Vorburg an, ein Zwinger in Gestalt eins verschobenen Trapezes und ihm anliegend Wirtschaftsgebäude; sie war ihrerseits durch einen vorgelegten Graben mit Brücke geschützt. Die Schenkelmauern, mit denen die Burg in die Befestigung des Tals einbezogen wurde, schlossen am südlichsten Punkt der »niederen« Burg und unterhalb der Wirtschaftsgebäude der Vorburg an. In Ermangelung von Baunachrichten und wg. der Verwendung des landestypischen Bruchsteins verbieten sich Datierungen von Bauteilen; lediglich die Anlage der Kern- und »niederen« Burg erlaubt den Rückschluß auf eine Errichtung zwischen 1200 und 1250. Die Dimension der gesamten Anlage rückte sie in die erste Reihe der Adelsburgen ihrer Zeit.
Die kulturelle Ausstattung der kleinen Res. ist spärlich zu nennen. Die Burg beherbergte 1545 und wohl schon geraume Zeit früher das Archiv der Gf.en von → Virneburg. Offenbar von einem Standort innerhalb der Burg ist über mehrere Stationen das sog. Löwendenkmal, eine Bildhauerarbeit aus Basaltlava, auf die Elzbrücke gelangt. An seinem spätgotischen Sokkel sind kreuzweise vier sitzende Löwen in hoher bildhauerischer Qualität angeordnet; ihre Deutung kann mangels heraldischen Bezugs zum Gf.enhaus → Virneburg.nur allg. auf den politischen Symbolgehalt des Löwen als Herrschaftszeichen abheben.
Als datierbare Herrschaftsarchitektur können die beiden Kirchenbauten in M. gelten: Hauptschiff und Chor der Pfarrkirche und die daran angebaute Heiligkreuzkapelle sowie der Chor der Friedhofskapelle, entstanden nach 1450 unter den Gf.en Ruprecht V. und Philipp II. von → Virneburg; des letzteren erste Gattin Johanna von → Horn stiftete das kostbare Sakramentshäuschen in den Chor der Pfarrkirche. Auf der Nordseite des Turms gab es im ersten Obergeschoß einen Zugang, über den die Herrschaftsloge erreicht wurde. Dies setzt ein heute verlorenes bauliches Pendant jenseits der Straße am Hang voraus, in das ein eigener Kirchweg von der Burg herab mündete. Behördenbauten am Ort sind nicht als solche identifizierbar; immerhin könnte das auf 1452 datierte Haus Markt 1 dafür in Anspruch genommen werden. Als Standort kommt dafür freilich primär die Burg in Frage. Sie wurde 1689 zusammen mit dem inzwischen errichteten kurtrierischen Amtshaus und 25 weiteren Häusern bei einer Brandlegung durch frz. Truppen zerstört und ist seitdem Ruine.