VIANDEN
I.
Am 11. Juni 1269 nimmt Philipp, Gf. von V. und Herr von Grimbergen, seine Burg mit Vorburgsiedlung, Stadt und Zugehörigkeiten der Kastellanei der Burg (les apartenances entierement de la chastelerie dou dit chastel) vom Gf.en von Luxemburg zu Lehen, mit Ausnahme der Lehen, die er von der Abtei Prüm hält. Als sein Enkel Philipp II. 1306 den Lehnseid erneuert, hat sich der Begriff der Gft. eingebürgert: le chastial de Vyane, la ville et toute la contee de Vyane et toutes les appartenanches. Die Urk. spricht auch von der terre de la contee. Fortan wird der Begriff der Gft./comté geläufig gebraucht, der im engen Sinn etwa 50 Dörfer und ein Gebiet von 16 qkm umfaßte, das sich in West-Ost-Richtung zwischen V. und der Propstei Bitburg (Gft. Luxemburg) und in Süd-Nord-Richtung zwischen der Markvogtei (Gft. Luxemburg) und der Herrschaft Neuerburg ausdehnte.
Der größte Teil der Gft. lag demnach in der Westeifel zwischen Prüm und Our, wozu ein Landstreifen rechts der Our zwischen Stolzemburg und Wallendorf gerechnet werden muß. Dies entspricht in etwa dem Verlauf der Pfarrgrenzen der Mutterpfarreien Wallendorf, Fuhren, Roth/V. und Untereisenbach/→ Falkenstein, die wie bei alten Pfarrverbänden üblich, sich über beide Flußseiten erstreckten.
Das Feuerstättenverzeichnis von 1501 gibt einen ersten detaillierten Überblick über die spätma. Gft.; es nennt neben Stadt V. 43 Siedlungen. Eine Untersuchung von 1617 ermöglicht einen genauen Einblick in die interne Struktur der Gft. mit den Meiereien V., Lahr, Nussbaum, (Ober-)Geckler, Mettendorf, Karlshausen, Ammeldingen und Bettel, sowie den kleinen Meiereien Geichlingen und Krautscheid, die in den beiden vorgenannten Meiereien integriert waren.
Die Gf.en von V. verfügten neben der Gft. V. auch über die Herrschaft Dasburg; so nennt die Lehnsübertragung von 1284 die Burgen V. und Dasburg. Dasburg war Prümer Lehen. Die Herrschaft Dasburg, die nur geringfügig kleiner war als die Gft. V., umfaßte lt. Verzeichnis von 1617 35 Dörfer, die auf die Meiereien Eschfeld, Daleiden und Leidenborn verteilt waren. Sie erstreckte sich über den Eifelraum nördlich der Gft. V., zwischen der oberen Our und der Enz.
Der ursprgl. Herrschaftsbereich der Gf.en von V. war allerdings viel ausgedehnter. Präzise Angaben zur hochma. Gft. lassen sich nicht machen, doch gehörten ihr wohl die späteren Herrschaften Hamm, Neuerburg und Schönekken an, welche als Lehen an nachgeborene Söhne abgetrennt wurden. Ähnliches läßt sich von den Herrschaften Clervaux/Klerf und → Falkenstein an der Our vermuten, doch gibt es diesbezüglich keine eindeutigen Quellenaussagen. Beide Herrschaften wären dann schon im frühen 12. Jh. vom V.er Herrschaftsbereich abgetrennt worden. War die kleine Herrschaft Hamm schon zur Zeit der Berthold/Bezeline Familienbesitz, so liegt der Ursprung der großen Herrschaft Neuerburg (27 Dörfer), die sich zwischen Enz und Prüm nordwestlich der Gft. Prüm erstreckte, im Dunkeln. Über die Ehe zwischen Mechtild von Neuerburg mit Friedrich III. von V. ist sie wohl um 1190 an die Gf.en von V. gekommen. Über den Ursprung der Herrschaft Schönecken (1269: castellania) ist auch nichts bekannt, doch ist die große Herrschaft mit 56 Dörfern wohl schon seit der ersten Hälfte des 13. Jh.s als Prümer Lehen in der Hand der Gf.en von V. (cf. Yolanda-Epos). Unklar ist auch die Frühgeschichte des Hofs Pronsfeld (Prumizvelt – Prümsfeld), der am Beginn des 12. Jh.s der Abtei Prüm angehört, 1270 aber als Allod der Gf.en von V. gen. wird. Pronsfeld wird wohl, wie weite Teile des Herrschaftsgebietes der Gf.en von V. über die Prümer Vogtei an diese gekommen sein. 1222 bemerkt Abt Caesarius von Prüm daß der Gf. von V. ein Drittel des Besitzes (der Erträge?) diesseits, also westlich der Kyll, zu Lehen habe.
Die weitere Entwicklung des V.er Herrschaftsbereichs sei hier nur kurz angedeutet, da er nur die Gft. im weitesten Sinn betrifft. Die Seitenlinie der Herren von Neuerburg bildete sich ab Friedrich, dem nachgeborenen Sohn Gf. Friedrichs III. (1187-1210). Sie spaltete sich zwei Generationen später in drei Zweige, die der Herren von Neuerburg, von Kobern und von Brandenburg. Ein weiterer Sohn Gf. Friedrichs III., Gerhard, stand am Ursprung der Seitenlinie der Herren von Hamm. Die Linie der Herren von Schönecken entstand aus dem Familienzwist zwischen dem Enkel (Heinrich) und dem nachgeborenen Sohne Gf. Heinrichs I. (1214-1252), in den 60er Jahren des 13. Jh.s. Während die Hauptlinie sich mit Schönecken begnügen mußte, ging die Gft. V. an Philipp, den nachgeborenen Sohn. Die große Ardennergft. → Salm (Vielsalm südlich der Abtei Stavelot) war durch die Heirat Elisabeths von → Salm, Urenkelin des Gegenkg.s Hermann von → Salm, mit Gf. Friedrich II. von V. (1172-1187) an die V.er gekommen. Sie ging schon eine Generation später mit dem zweiten Sohn Friedrichs, Wilhelm (1207-1210) an eine Seitenlinie verloren.
Die Zersplitterung des imposanten Machtbereichs der Gf.en von V. zwischen Maas und Mosel erfolgte demnach durch Erbteilungen im Laufe des 13. Jh.s. Dazu kam die sich aufdrängende Rivalität mit den Gf.en von Luxemburg deren Machtzuwachs die Gf.en von V. nichts entgegenzusetzen hatten. Die Politik der Luxemburger war eine doppelte: Einerseits schwächten die ligischen Lehnsbindungen, welche die Vasallen der Gf.en von V. mit dem Luxemburger Gf.enhaus eingingen, die Bindung der kleineren Herren an V. ab. Andererseits wurden die Gf.en von V. mit ihren Seitenlinien nach und nach selbst in die luxemburgische Vassalität gezwungen. 1236 kaufte Gf. Heinrich V. von Luxemburg die Herrschaft → Falkenstein und besaß fortan eine Enklave in V.er Gebiet. 1248 mußten die Gf.en von → Salm die Luxemburger Lehnsherrschaft anerkennen, 1257 die Herren von Neuerburg.
Bleibt schließlich zu erwähnen, daß es dem Gf.en von → Nassau Engelbert I., Gf.en von V. (1417-1442), gelang, neben der Gft. V. und den Brabanter Besitzungen und den Herrschaften von St. Vith und Bütgenbach auch noch die Herrschaft Dasburg zu erwerben, womit ein großer Teil des ehem. Herrschaftsbereichs der Gf.en von V. in der Eifel wieder hergestellt war.
Lehen hatten die Gf.en von V. u. a. von den Erzstiften Trier und Köln, von der Reichsabtei Prüm, vom Hzm. Brabant, von den Gft.en Luxemburg, Namur, Hennegau und Flandern. Um die Mitte des 13. Jh.s ist eine Seitenlinie der V.er, die Gf.en von → Salm, durch Heirat in die Lehnsabhängigkeit des Kg.s von Frankreich und der Gf.en der Champagne, Kg.e von Navarra, geraten.
II.
Es gehört zur Eigenart der Geschichte von Burg und Gft. V., daß der Hof, der sich in diesem monumentalen Bau und um diese mächtige Familie aufhielt, nahezu gänzlich im Dunkeln bleibt. Lediglich die Namen einiger adliger Grundherren und Ritter aus dem unmittelbaren geogr. Umfeld sind aus den Zeugenlisten einiger Urk.n bekannt. Schuld an dieser Lücke ist die äußerst dünne Quellenlage, die wiederum darauf zurückzuführen ist, daß das V.er Hausarchiv in den Wirren der Erbfolgen und der internationalen Spannungen des 17., 18. und frühen 19. Jh.s zerstreut (Dillenburg, Breda, Lille, Brüssel) und wohl auch teils zerstört wurde. Aus der Zeit der ersten Gf.enfamilie sind fast keine Urk.n oder Akten bekannt; die Quellenlage bleibt prekär bis zum Erstellen der Rechnungsbücher ab 1445. Erste Namen von Vasallen gehen aus den Zeugenlisten der Urk.n des 13. Jh.s hervor. 1451 scheint ein erstes Lehnsbuch angefertigt worden zu sein, dies allerdings zu einem Zeitpunkt, wo die Gf.en von V. aus dem Hause → Nassau ihren prunkvollen Hof in ihrer Res. in Breda führten. Somit erklärt sich auch, daß über Aufbau und Organisation des Hofes, wirtschaftliche und prosopographische Aspekte aus der Zeit des in V. residierenden Gf.enhauses nichts bekannt ist.
Was die repräsentativen Aspekte des Hofes anbelangt, bleiben als Zeugen eines wohl prunkvollen Hofes lediglich die Burg selbst, deren architektonische Gestaltung auf einen hohen Entwicklungsstandard schließen läßt (siehe unten unter C.), und eine literarische Quelle, ein Gedicht aus dem späten 13. Jh. Die Yolanda-Dichtung Bruder Hermanns (von Veldenz?, ca. 1250-1308), erhalten in Form einer Kopie die um 1350 für das Kl. Marienthal angelegt wurde (Codex Mariendalensis), dem Yolanda als Äbt. vorstand, zeigt den symbolischen und tatsächlichen (?) Weg einer V.er Gf.entochter namens Yolanda (1231-1283), der Tochter des Gf.en Heinrich (1214-1252), von der höfischen in die klösterl. Welt. Es ist die Geschichte einer Verweigerung einer Gf.entochter, die sich hartnäkkig und mit Erfolg einer geplanten politischen Heirat durch den Eintritt ins Dominikanerinnenkl. entzieht. Die Yolanda-Dichtung lebt vom Spannungsverhältnis zwischen der hochadligen höfischen Welt mit ihren Konventionen und Ritualen und dem Gott geweihten Armutselend der Dominikanerinnen. In dem Sinn wird der V.er Hof v.a. im kontrastreichen Gegensatz zum frommen, ruhigen Kl.leben von Marienthal dargestellt und seine Prachtentfaltung überpointiert. Dem Alltag auf der Burg wird so gut wie kein Platz in der Dichtung eingeräumt. Das höfische Leben blüht, bes. bei Gelegenheit von Festen und Spielen. Tanz, Gesang und Musik prägen unter dem Begriff der wereldvrôide die höfische Stimmung. Aber auch die glanzvolle Farbenpracht der Kleider, der schillernde Schmuck, der Lärm (schalle), gute Speise, die Haartracht und der Kopfschmuck der Frauen sind deutliche Hinweise auf höfische Repräsentation. Obwohl der Leser hier mit einem literarischen Konstrukt konfrontiert wird, entspricht diese Welt dem Kanon der curialitas, die sich zur Stauferzeit um den Kg. entwickelt und in der Architektur der Burg V. ihren entspr. materiellen und künstl. Ausdruck findet.
Was die interne Organisation der Hofhaltung anbelangt, ist auch hier nur wenig bekannt. Aus der spätma. und frühneuzeitlichen Zeit sind eine Reihe von Amtmännern bekannt. Allen voran steht der Bgf. (1397: burgrave et bailli; 1462: amptman; 1470: Bgf.; 1617: Oberamtmann), welcher Burg und Gft. stellvertretend im Namen des Gf.en verwaltete; er steht auch dem Lehnshof vor. Natural- und Geldabgaben wurden unter der Leitung des Rentmeisters (receveur) eingezogen. Weitere niedere Beamten (officiers) wie die Kellner, Wächter und Meier werden in den frühneuzeitlichen Rechnungsbüchern erwähnt. Eine progressive interne Ausdifferenzierung der Gft. nach landesherrlichem Modell (z. B. in der Gft. Luxemburg) scheint es in V. nicht gegeben zu haben.
Quellen
Siehe auch A. Vianden. – Newton Gerald/Lösel, Franz: Yolanda von Vianden. Moselfränkischer Text aus dem späten 13. Jahrhundert mit Übertragung, Luxemburg, 1999 (Beiträge zur luxemburgischen Sprach- und Volkskunde, 21; Sonderforschungsreihe Language and Culture in Medieval Luxembourg (LACUMEL),1). – Vannerus, Jules: Le comté de Vianden au commencement du XVIIe siècle. Enquête de 1617 sur ses limites, in: Ons Hémecht 16 (1910) S. 321-338, 361-370, 401-414. – Vannerus, Jules: Le premier livre de fiefs du comté de Vianden, in: Publications de la Section Historique de l'Institut Grand-Ducal de Luxembourg 59 (1919) S. 219-338. – Vannerus, Jules: Les biens et les revenus domaniaux du comté de Vianden au XVIIe siècle, in: Publications de la Section Historique de l'Institut Grand-Ducal de Luxembourg 62 (1928) S. 33-158.
Literatur
Siehe auch A. Vianden. – Bassing, Theodor: Verzeichnis der Amtmänner, welche für die Grafen von Spanheim-Vianden und Nassau-Vianden die Grafschaft Vianden verwaltet haben, 1351-1795, Diekirch 1925. – Margue, Michel: »Wy ritterlîche sy dâ streit!": Kloster und Burg: Der historische Raum zur und in der Yolanda-Dichtung, in: Man mohte schrîven wal ein bůch: Ergebnisse des Yolanda-Kolloquiums, 26.-27. November 1999, Luxemburg, Vianden und Ansemburg, hg. von Guy Berg, Luxemburg 2001 (Beiträge zur Luxemburgischen Sprach- und Volkskunde, 31; Sonderforschungsreihe Language and Culture in Medieval Luxembourg, 3), S. 105-124. – Mielke-Vandenhouten, Angela: Grafentochter – Gottesbraut. Konflikte zwischen Familie und Frömmigkeit in Bruder Hermanns Leben der Gräfin Yolande von Vianden, München 1998 (Forschungen zur Geschichte der älteren deutschen Literatur, 21). – Milmeister, Jean: »Die tieferen Gründe für den Streit um den Klostereintritt Yolandas«, in: Man mohte schrîven wal ein bůch. Ergebnisse des Yolanda-Kolloquiums, 26.-27. November 1999, Luxemburg, Vianden und Ansemburg, hg. von Guy Berg, Luxemburg 2001 (Beiträge zur Luxemburgischen Sprach- und Volkskunde 31; Sonderforschungsreihe Language and Culture in Medieval Luxembourg, 3), S. 96-101. – Rapp, Andrea/Rosenberger, Ruth: Margarethe und Yolanda von Vianden: Fromme Frauen zwischen Herrschaftspflicht und Armutsideal. Eine dominikanische Erfolgsgeschichte des 13. Jahrhunderts, in: Porträt einer europäischen Kernregion. Der Rhein-Maas-Raum in historischen Lebensbildern, hg. von Franz Irsigler, Trier 2005, S. 92-100. – Rasmussen, Ann Marie: Zur wissenschaftlichen Analyse von Frauen und Müttern im Mittelalter: Margarethe von Courtenay und Yolande von Vianden, in: Das Mittelalter 1/2 (1996) S. 27-38.