Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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TECKLENBURG

B. Tecklenburg

I.

Die Gft. T. kann frühestens 1119 als Territorium erfaßt werden. Umgeben war die rund 330 qkm große Gft. T. von den Hochstiften Osnabrück und Münster sowie von der Gft. Lingen. 1173 mußten die Gf.en von T. die Vogtei über das Hochstift Münster und 1236 die (seit 1180 gehaltene) Vogtei über das Hochstift Osnabrück aufgegeben. Dennoch gelang es ihnen in der Folge, einen umfangr. Besitz zwischen Hunte und Ems (u. a. 1189 Ibbenbüren) zu gewinnen. 1248 wurden Güter um Vechta und im Emsland an Münster verkauft. Zur Gft. T. gehörte seit 1365 auch erbweise die westfälische Herrschaft → Rheda am Oberlauf der Ems, die 1491 endgültig durch Verkauf an T. gelangt war. Unter der Herrschaft der aus einer durch Heirat verwandten Linie stammenden Gf.en von → Schwerin (ab 1358 Gf.en von T.) kam es zur territorialen Erweiterung um das Gebiet südlich von Oldenburg mit Cloppenburg, Friesoythe einschließlich des Saterlandes und des Hümmlings; 1385 kam Iburg hinzu. In Auseinandersetzungen mit den Hochstiften Münster und Osnabrück sowie dem Ebm. Köln mußten die Gf.en von T. um 1400 den Verlust Cloppenburgs, Friesoythes und Bevergern bei Rheine an das Stift Münster hinnehmen. 1493 kam es zur Aufteilung des Gesamtterritoriums in die Gft. T. (mit → Rheda) und in die Gft. Lingen.

Die Gft. T. umfaßte konkret die Orte T., Lengerich, Lienen, Ladbergen, Ledde, Lotte, Kappeln und Wersen sowie das Zisterzienserkl. Leeden und das Kreuzherrenkl. Osterberg. Zur Herrschaft → Rheda gehörten die Orte Rheda und Gütersloh, das Benediktinerinnenkl. Herzebrock und das Prämonstratenserkl. Clarholz.

1541 erhielt Konrad von T. (geb. 1493, gest. 1557) durch Erbvergleich wiederum Lingen, das er jedoch als Folge seiner Teilnahme am Schmalkaldischen Bund an Ks. Karl V. verlor. Lingen gehörte ab 1632/33 zu Oranien, ab 1702 zu Brandenburg-Preußen.

Unter Umgehung eines Erbvertrags mit den Gf.en von → Solms-Braunfels ging die Gft. T. über die Erbin Anna von T. (geb. 1532, gest. 1582), durch ihre Vermählung mit Everwin III. von → Bentheim (geb. 1536, gest. 1562) erneut an das Haus Bentheim. Nach einer Erbteilung 1606/09 gelangten die Gft.en T. (mit → Rheda) und → Limburg (seit 1618) an die Linie Bentheim-T. Um die Gft. T., die zum Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreis gehörte, kam es wg. der strittigen Erbfolge von 1557 zu einem mehr als hundertjährigen Erbprozeß vor dem Reichskammergericht (T.er Erbschaftsstreit) mit den Gf.en von Solms-Braunfels. Diese erhielten durch das Urteil des Reichskammergerichts einen Anteil von 3/8 der Gft. T. und der Herrschaft → Rheda. Im Ausgleich zwischen beiden Häusern (Vergleich von Lengerich), kam es 1699 zur Übergabe der T.er Schloßanlage, einer auf 3/4 der Anteile reduzierten Übertragung der Gft. T. sowie einem Anteil von 1/4 der Herrschaft → Rheda.an das Haus Solms-Braunfels. Im Gegenzug verpflichtete sich Wilhelm Moritz von Solms-Braunfels (geb. 1651, gest. 1724) u. a., einen Teil der Landesschulden zu begleichen und die unverheirateten Töchter des regierenden Gf.en Johann Adolf von Bentheim-T. zu alimentieren. 1707/29 fiel T. an Preußen, 1807/08 gemeinsam mit der Reichsgft. Lingen an das Großhzm. Berg, 1810 bis 1813 an Frankreich. Danach war T. mit der Obergft. Lingen Teil Preußens (Prov. Westfalen) und ging 1946 an Nordrhein-Westfalen über. Die Niedergft. Lingen gelangte über Hannover 1866 an Preußen (Prov. Hannover) und wurde 1946 Teil Niedersachsens.

II.

Über den Aufbau und die Organisation des T.er Hofes finden sich kaum belegbare Informationen. Wenig läßt sich auch zum Hofpersonal oder zu den bes. Persönlichkeiten finden, die im MA und in der Frühen Neuzeit zu Gast auf der T. waren. Überliefert sind lediglich Hinweise auf einige Personen, die seit dem 16. Jh. am Hofe gewirkt haben.

Der Theologe Johannes Pollius (geb. um 1490), Prediger am Hofe Konrads von T. in → Rheda, war 1527 für die Umsetzung der Reformation in Rheda zuständig. Bereits zuvor hatte sich der T.er Hofprediger Hermann Keller um die Einführung des evangelischen Glaubens in T. bemüht. Unter Gf. Arnold von → Bentheim wurde in allen bentheimischen Territorien der reformierte Glauben eingeführt.

Berühmter Gast auf der T. war im 16. Jh. der Leibarzt der Hzg.e von Jülich, Dr. Johann Weyer (geb. 1515/16, gest. 1588), der 1569 Gf.in Anna von T. von einer Krankheit kuriert hatte und ihr seitdem wohl freundschaftlich verbunden blieb. Er widmete ihr sein Artzney-Buch (1580). Während einer Besuchsreise am T.er Hof verstarb er und wurde in der Kapelle beigesetzt. In T. erinnern eine Gedenktafel an der Stadtkirche sowie der auf dem Schloßberg i.J. 1884 errichtete Aussichtsturm (Wierturm) an diesen bekannten Gegner der Hexenverfolgungen.

Quellen

Essellen, Moritz Friedrich von: Geschichte der Graffschaft Tecklenburg, Schwerte an der Ruhr 1877. – Holsche, August Karl: Historisch-topographisch-statistische Beschreibung der Grafschaft Tecklenburg, Berlin u. a. 1788 [ND Osnabrück 1975]. – Meese, Friedrich: Historisch-geographische Nachrichten die Grafschaft Tecklenburg betreffend, in: Westphälisches Magazin zur Geographie, Historie und Statistik 2,8 (1791) S. 319-331.

Gertzen, Bernhard: Die alte Grafschaft Tecklenburg bis zum Jahre 1400, Münster 1939 (Münstersche Beiträge zur Geschichtsforschung, 71). – Hunsche, Friedrich Ernst: Tecklenburg 1226-1976, Tecklenburg 1976. – Koebler, Gerhard: Art. »Tecklenburg (Grafschaft)«, in: Ders.: Historisches Lexikon der deutschen Länder, 7. vollst. überarbeitete Aufl, München 2007, S. 702-704. – Kohl, Wilhelm: Die Grafschaft Tecklenburg, in: Köln-Westfalen 1180-1980. Landesgeschichte zwischen Rhein und Weser (Ausstellungskatalog), Bd. 1, Lengerich 1980, S. 194-196. – Rohm, Thomas/Schindling, Anton: Tecklenburg, Bentheim, Steinfurt, Lingen, in: Die Territorien des Reichs im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung, Bd. 3, hg. von Anton Schindling und Walter Ziegler, Münster 1991 (Katholisches Leben und Kirchenreform im Zeitalter der Glaubensspaltung/Vereinsschriften der Gesellschaft zur Herausgabe des Corpus Catholicorum, 51), S. 182-198. – Saatkamp, Marlies: Der Hexenwahn und seine Gegner. Dr. Weyer (Wier) und die Grafen von Tecklenburg, Tecklenburg 1988. – Schaub, Hermann: Die Herrschaft Rheda und ihre Residenzstadt. Von den Anfängen bis zum Ende des Alten Reichs, Bielefeld 2006 (Veröffentlichungen aus dem Kreisarchiv Gütersloh, 10). – Weichel, Erich: Johannes Pollius Widmungsbrief und drei Epigramme an den Grafen Konrad von Tecklenburg, in: Tecklenburger Beiträge 1 (1988) S. 69-95. – Wolf, Manfred: Die Entstehung der Obergrafschaft Lingen, in: WestZ 140 (1990), S. 9-29.