STOLBERG
I.
Die von Beginn an wichtigste Burganlage der Gf.en zu → S. war die über der gleichnamigen Stadt am Südrand des Harzes gelegene Burg S. (heute Lkr. Sangerhausen). Auch nach der Erwerbung der Gft. → Wernigerode blieb diese der Hauptsitz der Gf.en. Bis ins 20. Jh. hinein war die Burg bzw. das Schloß Sitz des Gf.enhauses bzw. später der Linie → S.-S.
II.
Die vermutlich in Zusammenhang mit dem Bergbau am Harz entstandene Siedlung Stalberg/S. liegt am Südhang des Harzes im Tal der Thyra. Die auch heute im wesentlichen aus drei Straßen, der Eselgasse, der Niedergasse und der Neustadt, bestehende Stadt ist möglicherw. schon um 1000 entstanden, wenngleich hierfür keine schriftlichen Zeugnisse vorliegen. Insgesamt liegt die Frühgeschichte der Stadt noch im Dunkeln. Spätestens seit Beginn des 13. Jh.s ist sie jedoch geprägt durch die Anwesenheit der Gf.en zu → S., die der Siedlung vor 1300 Stadtrechte verliehen haben.
Aufgrund der topographischen Lage im Schnittpunkt dreier steiler Täler mußte die Stadt nie vollständig befestigt werden, ausschließlich die drei Taleingänge wurden durch Stadttore abgeschlossen. Die Stadt hatte nie eine wirtschaftliche oder kulturelle Mittelpunktsfunktion für ein nennenswertes Umland.Bedeutend waren jedoch der Bergbau und die Metallverarbeitung, die der Stadt zu einigem Wohlstand verhalfen. Die Bevölkerung läßt sich auf der Basis der Schoßlisten in der Mitte des 15. Jh.s auf etwa 1500 Einw. schätzen.
Neben einem Herrenhof der Gf.en befand sich in der Stadt die Pfarrkirche St. Martini, deren Patronatsrecht die Gf.en ausübten. In dieser Pfarrkirche befand sich auch die Grablege des Gf.enhauses. Unterhalb der Pfarrkirche steht noch heute das 1455 erbaute, 1482 erweiterte Rathaus der Stadt.
Auch die Verfassung der Stadt stellt noch weitgehend ein Forschungsdesiderat dar. Im 15. Jh. ist ein aus vier Ratsherren gebildeter Stadtrat belegt, der von den Gf.en eingesetzt wurde. Die drei Gassen und der zentrale Bereich um den Marktplatz (»Stadt«) scheinen eine eigenständige Viertels-Organisationsform aufgewiesen zu haben, an deren Spitze Gassenmeister und Gassenälteste standen.
Zwischen Gf.enhof und Stadt bestanden sehr enge Beziehungen. Einerseits waren diese personeller Natur: Eine ganze Reihe der nachweisbaren Amtsträger des Gf.enhofes stammten aus Familien der städtischen Oberschicht der Res.stadt bzw. waren vor oder nach ihrer Dienstzeit am Hof Ratsherren der Stadt. Hinzu kommt, daß die Gf.en auch auf den Stadtraum zugriffen: Turniere oder sonstige Festlichkeiten des Hofes fanden auch oder ausschließlich auf dem städtischen Marktplatz und im Rathaus statt. Schließlich ist die enge Beziehung der Gf.en zur Pfarrkirche der Stadt zu berücksichtigen. Seit dem 14. Jh. sind immer wieder Stiftungen von Angehörigen der Gf.enfamilie an St. Martini belegt. V.a. aber lag die gfl. Familiengrablege in einer Kapelle der Pfarrkirche. Die wirtschaftliche Verflechtung zwischen Stadt und Hof war in S. jedoch nicht so ausgeprägt, wie dies in größeren Res.städten der Fall war. Zwar waren eine Reihe von Bürgern der Stadt für den Hof tätig und sicher wurden auch Produkte des täglichen Gebrauchs auf dem städtischen Markt erworben. Luxusprodukte, aber auch Schuhe für das Hofpersonal wurden jedoch nicht in S. bzw. über S.er Händler eingekauft, sondern in der nahegelegenen Reichsstadt Nordhausen oder auf dem Messen in Leipzig und Frankfurt.
III.
Auf einem Bergsporn zwischen dem Ludetal und dem »Kalten Tal« steht vermutlich seit Beginn des 12. Jh.s die namengebende Burg der Gf.en zu → S. Das heutige barocke Schloß besteht aus einer vierflügeligen Anlage mit einem der Stadt zugewandten Rundturm. Ein ursprgl. vorhandener zweiter Rundturm ist heute bis auf die Fundamente abgetragen. Nördlich der heutigen Anlage stand bis zu Beginn des 18. Jh.s ein Bergfried. Die ältesten erhaltenen Gebäudeteile stammen aus dem 15. Jh. Tiefgreifende Umbauten der ma. Anlage sind für das 15. und das 16. Jh. belegt. 1539 wurde ein Kontrakt mit dem aus Kommotau (Böhmen) stammenden Baumeister Andreas Günther abgeschlossen, der die Burg im Renaissance-Stil umbaute. Während dieser Umbauten entstand der östliche Küchenflügel, der Wendelstein und das südöstliche, der Stadt zugewandte Turmrondell mit Teilen des angrenzenden sog. Fs.enflügels. Zwischen 1690 und 1720 erfolgte ein Barocker Umbau des Schlosses. Zur Zeit werden baugeschichtliche Untersuchungen Zuge der noch andauernden grundlegenden Sanierungs- und Sicherungsarbeiten vorgenommen (Hennrich). Die Burgkapelle ist seit 1316 belegt. 1324 wird sie aus dem Pfarrverband der Stadtpfarrkirche St. Martini ausgegliedert. 1357 erfolgte der Neubau der St. Johannes Evangelist geweihten Kapelle. 1378 stifteten die Gf.en einen weiteren Altar in der Kapelle, der den Hl. Drei Kg.en geweiht war.
Literatur
Hennrich, Claudia-Christina: Schloß Stolberg. Neue Erkenntnisse zur Baugeschichte, in: Burgen und Schlösser in Sachsen-Anhalt. Mitteilungen der Landesgruppe Sachsen-Anhalt der Deutschen Burgenvereinigung 15 (2006) S. 187-221. – Höh, Marc von der: Stadt und Grafenhof in Stolberg/Harz im 15. Jahrhundert, in: Der Hof und die Stadt. Konfrontation, Koexistenz und Integration in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, hg. von Werner Paravicini und Jörg Wettlaufer, Ostfildern 2006 (Residenzenforschung, 20), S. 487-511. – Köhler, Matthias/Ruck, Germaid: Art. »Stolberg« in: Dehio-Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Sachsen-Anhalt, Tl. 2: Die Regierungsbezirke Dessau und Halle, bearb. von Ute Bednarz, Folkhard Cremer und Hans-Joachim Krause, München u. a. 1999, S. 800-809. – Timm, Alfred/Schwineköper, Berent: Art. »Stolberg«, in: Handbuch der Historischen Stätten, Bd. 11: Provinz Sachsen, Anhalt, hg. von Berent Schwineköper, Stuttgart 1975, S. 453-455.