Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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SAYN

C. Hachenburg

I.

Hackenberg (1215); Hachenberch (1234); Hachemburgh (1244); Hachginberg (1336). Burg und Stadt H. liegen auf einer Hochfläche am Ostrand des Oberwesterwaldes. Spätestens nach dem Tod des Gf.en Heinrich III. von → Sayn (gest. 1246/47) löste H. die Burgen → Blankenberg und → Sayn als administrative Mittelpunkte der unter den Neffen Gf. Heinrichs aufgeteilten Gft. → Sayn ab und entwickelte sich zur Res. der Gf.en von → Sayn. Nach der Spaltung des Territoriums 1652 blieb H. Res.stadt der Gft. → Sayn-H., während Altenkirchen das neue Herrschaftszentrum der Gft. → Sayn-Altenkirchen bildete.

II.

Burg und Stadt H., auf einer Hochfläche über dem Tal der Großen Nister gegr., liegt an der Kreuzung der Köln-Leipziger- mit der Hohen Straße von Köln über → Limburg nach Frankfurt. Eine weitere Handelsroute, die Rhein-Straße verbindet H. mit dem Neuwieder Becken und den Rheinübergängen in Vallendar bzw. Engers. Ende des 12. Jh.s scheinen die Gf.en von → Sayn auf einem Basaltkegel etwa 1 km nordwestlich einer bereits bestehenden Siedlung (Ortsteil H.-Altstadt) eine Bg angelegt zu haben. Einen ersten indirekten Hinweis auf die Existenz der saynischen Landesburg bietet die 1215 erfolgte Nennung eines saynischen Lehnsmannes, Rorich des Kleinen, Vogt von H. Die unterhalb der Burg gelegene Talsiedlung entwickelte sich rasch zu einem bedeutenden verkehrs- und wirtschaftszentralen Standort. Das H.er Getreidemaß läßt sich bereits 1234 und ein Markt 1298 nachweisen. Mit der Verleihung des Wetzlarer Stadtrechts am 16. Dez. 1314 trug Kg. Ludwig der Bayer dem wachsenden Bedeutungsgewinn des 1247 als oppidum und 1253 als civitas bezeichneten Ortes Rechnung. Vermutlich war die Stadt bereits vor 1300 befestigt, da auf dem Stadtsiegel von 1292 bereits eine Mauer abgebildet wird. Die wirtschaftliche Entwicklung und Blüte H.s vom 13. bis zum 16. Jh. gründete sich auf die Stellung des Ortes als Marktzentrum des oberen Westerwaldes an bedeutenden Fernstraßen. 1357 bestätigte Ks. Karl IV. zu H. eine vom Reich zu Lehen gehende saynische Zollstätte. Zu den bedeutenden Gewerbezweigen in der Stadt zählten die Wollweberei, Brauerei sowie die Herstellung von Leder. H.er Kaufleute besuchten regelmäßig die Messen zu Frankfurt und Köln. H.er Tuch wurde 1443 in Köln erwähnt und im 16. Jh. in Augsburg gehandelt. Einen starken Einbruch erlitt die Tuchherstellung während des Dreißigjährigen Krieges. Die erste Wollweberordnung zu H. dat. in das Jahr 1343. Zunftbriefe der Schneider und Knopfmacher liegen aus dem Jahr 1477 vor. Eine Zunftordnung der Bäcker wird 1437, die der Schuhmacher und Sattler werden 1485 bestätigt.

Ein Stadtgericht, zuständig für Zivil- und nieder Strafgerichtsbarkeit, bestehend aus sieben Schöffen unter dem Vorsitz eines Schultheißen ist seit 1255 nachweisbar. Die Ausübung der Hochgerichtsbarkeit oblag einem Vogt der Gf.en von → Sayn. Ein Bürgermeister läßt sich erstmals 1441, der Rat der Stadt 1469 nachweisen. Hinweise auf eine bereits im MA in H. ansässigen Judengemeinde fehlen. Sie erscheint erstmals 1674. In das 17. und 18. Jh. datieren der Bau eines Hospitals (1687) und eines Waisenhauses (1715). 1636 gründeten die Franziskaner eine Niederlassung in H., um die in geringer Zahl in der Stadt verbliebenen Katholiken gottesdienstlich zu betreuen. Seit 1665 hielten die Franziskaner in einer eigenen Kirche zu H. Gottesdienste.

Im SpätMA und in der Frühen Neuzeit wurde die Stadt häufig von verheerenden Bränden heimgesucht (1400, 1439, 1484, 1503, 1594, 1664, 1729 und 1756), wodurch der originale Baubestand des SpätMAs erheblich dezimiert wurde. Erhalten blieben u. a. das so gen. Steinerne Haus (Haus zur Krone), ein im Kern spätma. viergeschossiger Bau mit einer eindrucksvollen Renaissancefassade und das Beust'sche Haus, ein stattlicher mehrgeschossiger giebelständiger Fachwerkbau über steinernem Untergeschoß, der in das 16. Jh. dat. und Ende des 18. Jh.s in seinem zur Straße gelegenen Teil klassizistisch überformt wurde. Unmittelbar neben dem Schloß liegt, den Marktplatz nach O abschließend die evangelische Pfarrkirche (ehem. Pfarrkirche St. Katharina) mit spätgotischem Chor und spätbarockem Saalbau. Die St. Katharinenkirche wird in den Schriftquellen erstmals 1372 erwähnt und dient seit 1656 als evangelische Stadtkirche. Pfarrkirche war für H. bis 1656 die Bartholomäuskirche in dem vor den Toren der Stadt gelegene Ort Altstadt. Die St. Nikolauskapelle, die dem Stadtbrand von 1654 zum Opfer fiel, wurde um 1453 als Schloßkapelle errichtet. Vollständig abgegangen ist ferner das bereits vor 1353 erbaute und 1439 durch einen Neubau ersetzte Kaufhaus zu H.

III.

Zur bauliche Entwicklung der wohl um 1200 von den Gf.en von S. angelegten Burg sind aufgrund der Umgestaltung zu einem repräsentativen Barockschloß, fehlender urkundlicher Überlieferung sowie der bislang noch nicht ausgewerteten spätma. und frühneuzeitlichen Schriftquellen aus der Zeit vor 1700 keine zuverlässigen Aussagen möglich. Es handelte sich um eine unregelmäßige Anlage, deren Grundrißgestalt von der als Bauplatz gewählten Basaltkuppe bestimmt wurde. Im 18. Jh. entstand eine hufeisenförmige Baugruppe aus fünf Flügeln mit schräg angeordneten, nach außen vortretenden Eckbauten. Nach NO zum Park (Burggarten) hin öffnet sich der von kurzen Flügel flankierte Hof mit einer Terrasse. Zu den ältesten Bauteilen gehört der Südwestflügel (Sommerbau), der im Kern noch ma. Mauerwerk enthält und zum Hautpeingang einen gotischen Bogen und im Inneren ein Rundbogenfries aufweist. Im Inneren des Barockschlosses verbaut ist ein renaissancezeitlicher Treppenturm, der vermutlich im Zuge einer baulichen Umgestaltung unter dem Baumeister Joachim Rumpf 1616 entstand. Gf. Georg Friedrich von → Sayn-H. (reg. 1715-1749) betraute den Architekten Julius Ludwig Rothweil, der zuvor in nassau-weilburgischen und gleichzeitig in waldekkischen Diensten stand, mit dem barocken Ausbau des H.er Schlosses. 1717-1726 wurde die Anlage zu der heutigen symmetrischen Baugruppe erweitert. Die zum Teil noch erhaltenen Stuckarbeiten stammen von Carlo Cerutti (1726-1729). Die auf einer niedrigeren Geländestufe platzierten Vorgebäude wurden 1737-1746 ebenfalls von Julius Ludwig Rothweil errichtet. Sie folgen ziemlich genau der halbkreisförmigen Umrißlinie der ma. Burg und gliedern sich in sechs ein- bis zweigeschossige Bauteile. Der hufeisenförmige Marstall am Nordende wurde im 19. Jh. niedergelegt. In der Nordwestecke befindet sich die Ruine eines gotischen Turmes der ma. Vorburg.