BLANKENHEIM
I.
S. (Sleyda, Scleyde u. ä.) ist eine Kleinstadt der Rureifel im Tal der Olef, die von einem auf dem Bergrücken zwischen den Tälern der Olef und des Dieffenbachs gelegenen Schloß (heute Seniorenheim) überragt ist. Sie liegt ca. 38 km südöstlich von Aachen, war bis 1972 namengebende Kreisstadt und gehört seitdem zum Kr. Euskirchen.
Die Burg S., erstmals 1198 bezeugt, ist im 12. Jh. von dem nach ihr benannten Edelherrengeschlecht erbaut worden, das aus der Familie der Herren, späteren Gf.en von → Blankenheim hervorgegangen ist (Wappen: Auf blauem, mit goldenen Lilien bestreutem Feld ein silberner, goldgekrönter doppelschwänziger Löwe). Im 14. und 15. Jh. vermochten die Herren von S. im Gebiet des südlichen Ebm.s Köln eine beachtliche Stellung zu erringen, u. a. als ebfl. Amtleute. Mitglieder der Familie erwarben Dignitäten an Kölner Stiftskirchen; der Kölner Dompropst Wilhelm von S. hatte 1362 sogar gute Aussichten, Ebf. von Köln zu werden. Auch an der Trierer Domkirche konnten Angehörige des Hauses Fuß fassen. Das politische Gewicht und die – infolge der im S.er Tal blühenden »Eisenindustrie« – verfügbaren Ressourcen erlaubten einen massiven Ausbau der Burg, die in ihren Grundstrukturen (Palas im S, Bau eines starken Ostflügels, mächtiger freistehender Bergfried, Kapelle in der Vorburg) auf die hoch- und spätma. Zeit zurückgeht. Abbildungen vom Anfang des 17. und 18. Jh.s vermitteln davon einen recht genauen Eindruck. Allerdings war die territoriale Basis der Familie zu schmal, um die angestrebte Selbständigkeit bewahren bzw. erreichen zu können. Schon 1271 mußte die Burg an Luxemburg zu Lehen aufgetragen werden, 1343 bekannte sich der Herr von S. mit Burg, Vorburg und »Tal« als Lehnsmann des Ks.s, der ihm 1346 gestattete, die Burg iure secundarii feudi von Luxemburg zu Lehen zu nehmen. Um eben diese Zeit wurde das »Tal« S. von Jülich lehnsabhängig. 1546 rechnete man die Herrschaft S. zu den freien Landen des Hzm.s Luxemburg. Die zweideutige Rechtsstellung zwischen Reichsunmittelbarkeit und luxemburgischer Lehnsabhängigkeit, verkompliziert noch durch lehnsherrliche Ansprüche Jülichs, blieb auch bestehen, als S. von 1602 an offiziell als Reichsgft. behandelt wurde.
1434 starben die Herren von S. aus und wurden von den Schwiegersöhnen des letzten Herrn von S. beerbt, zunächst von dem Gf.en Heinrich II. von → Nassau-Diez, nach dessen kinderlosem Tod 1450 von Dietrich III. von → Manderscheid. Die Herrschaft des Hauses → Manderscheid.S. stellt für S. den Höhepunkt seiner Geschichte in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht dar. Erst jetzt gewann die Burg Res.charakter. Dietrich IV. »der Weise« von → Manderscheid.S. (1501-1551) ließ 1515-1525 die 1214 bezeugte ma. Burgkapelle in der Vorburg, die schon 1217 das Taufrecht erhalten hatte, durch eine relativ aufwändige spätgotische Hallenkirche ersetzen, in deren Glasfenstern und Grabmälern sich die Familie verewigt hat. Sein Enkel Dietrich VI. (1560-1593) führte ab 1556 schrittweise die Reformation ein, die sich bis zum Ende seiner Regierung in der Gft. S. durchgesetzt hatte. Mit seinem Tod allerdings erlosch die Linie → Manderscheid-S. und wurde – nach einer von 1593 bis 1613 dauernden Wittumsherrschaft von Dietrichs VI. Wwe. Elisabeth von → Stolberg – von den Gf.en von der Marck abgelöst, einer im 13. Jh. abgespaltenen Nebenlinie des märkischen Gf.enhauses, aus dem bis 1609 die Hzg.e von Jülich-Berg-Kleve-Mark stammten. Die in dieser Zeit geführten Erbauseinandersetzungen zwischen den Berechtigten haben mehrere Inventare der im Schloß befindlichen Kleinodien, Silber- und Zinngeräte, Tapisserien, Möbel, Tücher und Bilder hervorgebracht, die eine Vorstellung von der – weder kärglichen noch allzu üppigen – Ausstattung des Schlosses in → Manderscheider Zeit ermöglichen. Einen groben Eindruck von der inneren Aufteilung des Gebäudes gibt ein Verzeichnis der mit Möbeln versehenen Räumlichkeiten des Schlosses von 1606. Höfisches Leben kann sich hier, wie Auflistungen des Schloßpersonals von 1480 und 1511 bestätigen, nur in einem bescheidenen, gleichwohl den Rahmen einer normalen adeligen Haushaltsführung deutlich übersteigenden Maße entfaltet haben.
Auf Philipp von der Marck, Schwager Dietrichs VI., der schon 1593 versucht hatte, S. wie andere Besitzungen des Hauses → Manderscheid gewaltsam an sich zu bringen, folgte sein Sohn Ernst (1613-1654), der in S. die Gegenreformation einleitete, ohne allerdings den Protestantismus, der v.a. in der Schicht der »Reidemeister« (Bergwerks- und Hüttenunternehmer) fest verankert war, völlig beseitigen zu können. Dieser wohlhabenden und vom Gedankengut des Humanismus berührten Bevölkerungsgruppe entstammten auch die prominentesten Abkömmlinge S.s, der Historiograph Johannes Sleidanus (1506-1556) und der Straßburger Schulgründer Johannes Sturmius (1507-1589) – ein Zeugnis für das unter den → Manderscheidern erreichte kulturelle Niveau des Eifeler Res.- und Gewerbestädtchens. Nach dem Erlöschen des Hauses Marck 1773 fiel die Gft. an die genealogisch zur gleichen Familie gehörenden Hzg.e von → Arenberg, die – dank der jetzt wieder in Erinnerung gerufenen Lehnsabhängigkeit von Luxemburg – ihre S.er Liegenschaften samt dem Schloß als Privatbesitz über die Revolutionszeit in das 19. Jh. hinein retten konnten.
II.
Im östlichen Anschluß an die Vorburg und von dieser durch Mauer und Tor getrennt, entwickelte sich eine Siedlung, die 1322 dorp, 1343 thal, 1360 statt, 1649 stattgen gen. wird; sie war spätestens 1419 ummauert. Um die Mitte des 17. Jh.s wurde der Mauerring erweitert. Doch haben dort zu keiner Zeit vor 1800 mehr als 700 Einw. gelebt. Das »Tal« erhielt 1575 ein ksl. Jahr- und Wochenmarktsprivileg. S. war der Mittelpunkt des im S.er Tal mind. seit dem 14. Jh. betriebenen Eisengewerbes, das 1569 insgesamt 18 Hütten und Hammerwerke umfaßte, an deren Erträgen die Herrschaft durch Abgaben verschiedener Art kräftig partizipierte. Während die → Manderscheider das religiöse Leben durch den Neubau einer (Stadt-) Kirche (in der Vorburg) förderten, an der sie 1539 das Besetzungsrecht von der Abtei Steinfeld erwarben, und auch für den Bau eines Hospitals (1535 gen.) sorgten, gründete Ernst von der Marck im Zuge seiner gegenreformatorischen Bestrebungen 1642 ein Kl. der Franziskanerrekollekten, dessen Neubau 1684 an der Stelle des abgerissenen Hospitals erfolgte. In der Hospitalskirche hatten die Evangelischen nach ihrer Vertreibung aus der Pfarrkirche Gottesdienst gehalten, solange ihnen das exercitium publicum noch gestattet war. Der Geist der Aufklärung ermöglichte dann 1786 den Bau eines evangelischen Gotteshauses.
III.
Die Baugeschichte der Burg läßt sich infolge der starken Kriegsschäden im 2. Weltkrieg am ehesten noch an den überkommenen Abbildungen des 17./18. Jh. ablesen. Die im 14. Jh. erreichte Struktur der Anlage ist unter den ersten → Manderscheidern, v.a. unter Dietrich IV. (1501-1551), im Sinne einer Verbesserung von Wohnqualität und Repräsentationsfunktion durch eine modernere Fassadengestaltung und den Ausbau eines großen Saals im Südflügel verändert worden. Der von den Gf.en von der Marck initiierte Umbau der Burg zu einem unbefestigten Schloß wurde um die Wende vom 17. zum 18. Jh. dadurch erleichtert, daß die Franzosen 1689 die Ringmauern und 1702 die Wehrtürme der Vorburg (samt der Stadtbefestigung) niederlegten; Bergfried, Torturm und Nordosteckturm ließen sie allerdings stehen. Der Saalbau erhielt damals jene großen regelmäßigen Fensteröffnungen, die noch heute die Ansicht des Südflügels von der Talseite aus prägen. Ein geplanter Umbau der Anlage in ein offenes Ehrenhofschloss, für den Entwürfe des Aachener Baumeisters Johann Jakob Couven von 1744 vorliegen, kam nicht mehr zur Durchführung, nicht zum wenigsten wohl deshalb, weil die letzten S.er Gf.en aus dem Hause Marck als hohe Offiziere im frz. Heer dienten und nur selten in S. residierten. Den Bauplänen fielen aber der gotische Bergfried und der Nordflügel des Schlosses zum Opfer. Die Hzg.e von → Arenberg hatten ebenfalls einen Umbau ins Auge gefaßt, doch abgesehen von der Beseitigung des Torturms und der Reste des Nordflügels führten sie zu keinem nennenswerten Ergebnis. 1920 verkauften sie das Schloß an den Orden der Missionspriester vom Hl. Vinzenz von Paul (Lazaristen) und nahmen die Innenausstattung mit auf ihre belgischen Besitzungen.
Quellen
Die archivalischen Quellen liegen vornehmlich im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf und im Arenbergischen Archiv zu Enghien; vgl. Oediger, Friedrich Wilhelm: Das Hauptstaatsarchiv Düsseldorf und seine Bestände, Bd. 2: Kurköln, Herrschaften, Niederrheinisch-Westfälischer Kreis, Siegburg 1970, S. 356-359 [Schleiden]. – Inventar des herzoglich arenbergischen Archivs in Edingen/Enghien, 1: Akten und Amtsbücher der deutschen Besitzungen, bearb. von Peter Brommer, Wolf-Rüdiger Schleidgen und Theresia Zimmer, Siegburg 1984, S. 164-220 (Grafschaft Schleiden). – Lacomblet, Theodor Joseph: Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins, 4 Bde., Düsseldorf 1840-1858. – Die Regesten der Erzbischöfe von Köln im Mittelalter, 12 Bde., Bonn u. a. 1901-2001.
Literatur
Die bis 1932 erschienene Literatur ist verzeichnet in: Die Kunstdenkmäler des Kreises Schleiden, bearb. von Ernst Wackenroder, Düsseldorf [1932] (Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz. 11, 2), S. 347-350 (zu Schleiden insgesamt S. 320-360); Die Bau- und Kunstdenkmäler von Nordrhein-Westfalen, Tl. 1: Rheinland, Bd. 9.9: Stadt Schleiden, bearb. von Ruth Schmitz-Ehmke und Barbara Fischer, Berlin 1996. – Herzog, Harald: Burgen und Schlösser. Geschichte und Typologie der Adelssitze im Kreis Euskirchen, Köln 1989 (Veröffentl. des Vereins der Geschichts- und Heimatfreunde des Kreises Euskirchen, A 17), S. 442-457. – Hinsen, Hermann: 800 Jahre Schloß Schleiden. Schleiden 1198-1998, [Schleiden 1998]. – Hinsen, Hermann: Herrschaft, Schloß und Stadt Schleiden 1593-1613, Euskirchen 1990. – Holbach, Rudolf: Stiftsgeistlichkeit im Spannungsfeld zwischen Kirche und Welt. Studien zur Geschichte des Trierer Domkapitels und Domklerus im Spätmittelalter, Trier 1982 (Trierer Historische Forschungen, 2), Bd. 2, S. 580-582. – Höroldt, Ulrike: Studien zur politischen Stellung des Kölner Domkapitels zwischen Erzbischof, Stadt Köln und Territorialgewalten 1198-1332. Untersuchungen und Personallisten, Siegburg 1994 (Studien zur Kölner Kirchengeschichte, 27), S. 560 f. – Möller, Walther: Stammtafeln westdeutscher Adelsgeschlechter im Mittelalter, Tl. 3, Darmstadt 1936, S. 214 Taf. 87. – Neu, Peter: Eisenindustrie in der Eifel. Aufstieg, Blüte, Niedergang, Köln 1988 (LV Rheinland. Amt f. rheinische Landeskunde. Werken und Wohnen im Rheinland, 16), S. 156-174. – Neu, Peter: Geschichte und Struktur der Eifelterritorien des Hauses Manderscheid, vornehmlich im 15. und 16. Jahrhundert, Bonn 1972 (Rheinisches Archiv, 80). – Schleiden, bearb. von Peter Neu, Bonn 1974 (Rheinischer Städteatlas. II, 12).