Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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RIETBERG

C. Rietberg

I.

Rietbike (1100-1150), Retberg (1237); umgangssprachlich nd. Rebberg, hd. Rittberg. Der älteste Name der Burg bedeutet »Rietbach«, also Bach oder Fluß im Schilf, was der Lage im Niederungsgebiet an der oberen Ems entspricht. Da das Namensgrundwort Bike/Bach keine genuine Bezeichnung für eine Burg ist, könnte deren Bau eine ältere Siedlung vorausgegangen sein. Wann der Wechsel von Rietbike zu Retberg, also vom Grundwort »Bach« zum Grundwort »Berg« zwischen 1150 und 1237 erfolgt ist, läßt sich nicht näher bestimmen. »Berg« meint wg. der R.er Bodenverhältnisse keine Erhebung, sondern ein festes Haus, eine Burg, die man sich wohl als Erdhügelburg (Motte) vorzustellen hat. Viell. beruhte die Namensänderung auf einer bewußten Entscheidung, die ihren Grund darin haben könnte, daß die → Arnsberger Gf.en die Burg um 1200 als Symbol adeliger Herrschaft und Lebensweise betrachtet haben.

Die älteste Burg lag in einem Emsknie auf dem Platz, auf dem seit 1618 das Franziskanerkl. gebaut wurde. An die Burg lagerte sich westlich und südlich die Stadt an. Vor der Mitte des 14. Jh.s wurde etwa ein km südlich der Stadt emsaufwärts in morastigem Gelände eine neue Burg gebaut, ebenfalls eine Erdhügelburg. Wg. der Bodenverhältnisse wurde sie auch Dreckslot gen. Diese durch ein Be- und Entwässerungssystem mit der nahen Ems verbundene Burg war ausweislich einer kurz nach 1600 entstandenen Zeichnung eine Rundanlage. In ihrer Mitte stand ein runder Turm (Bergfried), in ihrem Randbereich ein vor 1557 entstandener vierekkiger Wohnturm (Stuventorne). Das alte slot in der Stadt wurde zunächst (für 1399 belegt) Wwe.nsitz, dann Wohnsitz des Drosten.

II.

R., in dessen Nähe sich vorgeschichtliche Siedlungsspuren finden, liegt im SO der münsterländischen Bucht und ist die erste geschlossene Siedlung an der oberen Ems (70-77 m NN). Die überörtliche Verkehrsanbindung der Stadt war ungünstig, da die Straße von Münster nach Paderborn über das 3 km nördlich gelegene Dorf Neuenkirchen lief, die Hauptverbindung zwischen Bielefeld und Lippstadt über das 10 km westlich gelegene Wiedenbrück. Über bessere Bodenqualitäten verfügten höher gelegene Bauerschaften in der Umgebung.

Bald nach der Verselbständigung der Gft. begannen die Gf.en mit dem planmäßigen Ausbau R.s zur Stadt. Wahrscheinlich schon in den 1240er Jahren mit Lippstädter Recht ausgestattet, hatte der Ort 1289 die volle Rechtsform einer Stadt erlangt. Dies belegt eine das Kl. Marienfeld betreffende Urk. vom 10. Okt. 1289, in der iudex, proconsules et consules opidi Rethb[er]g[e]nsis die Beilegung eines Streits beurkunden (WUB III Nr. 1383). Der zweischichtige, durch Kooptation ergänzte Rat (je zwölf Personen) gewann im 14. Jh. gegenüber dem stadtherrlichen Richter dadurch an Einfluß, daß Ratmannen als Freischöffen der Fgft. fungierten. 1568 wurde dem gewählten Bürgermeister allerdings ein vom Gf.en bestellter Bürgermeister zur Seite gestellt, der die Verschärfung der stadtherrlichen Aufsicht personifizierte und später als Regierender Bürgermeister bezeichnet wurde. Dem entsprach, daß die städtische Rechnungslegung nicht mehr vor der versammelten Bürgerschaft (Gemeinheit), sondern »in Anwesenheit gfl. Beamter vor dem Ratskolleg« zu geschehen hatte (Hemann, Stadtbuch, S. 253).

Diese Beschränkung der bürgerlichen Selbstverwaltung hatte einen wesentlichen Grund in der geringen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Stadt. Sie beruhte auf einer Landwirtschaft mit vergleichsweise kleinen Ackerflächen und auf einem Handwerk, das ohne Gliederung in Zünfte nur die Grundversorgung befriedigen konnte, während der gfl. Hof seinen Bedarf an spezifischen handwerklichen Produkten und Leistungen in den Nachbarstädten deckte. Wie sehr die Stadt trotzdem aus der Res.funktion Nutzen zog, läßt sich daran ablesen, daß von den 1502 bis 1546 verzeichneten 60 Neubürgern etwa 20% gfl. Bedienstete waren (Hemann, Stadtbuch, S. 197 f.).

Bis gegen Ende des 14. Jh.s waren drei Burgmannen in der Stadt ansässig. Wg. der geringen materiellen Basis der Gft. standen andere Rietberger Ministerialen »häufig gleichzeitig in den Diensten der Gf.en von Ravensberg, der Edelherren zur → Lippe oder der Bf.e von Münster und Osnabrück« (Hemann, Stadtbuch, S. 25 f.). Aus dem gleichen Grunde gelang es den Gf.en nicht, die von ihnen um die Mitte des 13. Jh.s gegr. Pfarrei in → Rietberg um ein Kollegiatstift (wie im benachbarten Wiedenbrück) oder um ein Kl. (wie in Wedinghausen bei → Arnsberg) zu erweitern. Mangels einer solchen Institution wurde das Kl. Marienfeld bis zum Beginn des 17. Jh.s zur Grablege des gfl. Hauses, ehe in der Krypta des Rietberger Franziskanerkl.s eine residenznahe Begräbnisstätte zur Verfügung stand, die von 1629 bis 1689 regelmäßig benutzt wurde, danach nur noch sporadisch (1758 Herzbestattung der letzten dem ostfriesischen Hause entstammenden Gf.in Maria Ernestine Franziska; 1805). Mit der Verlegung der Res. unter dem Hause Kaunitz wurde die Spitalkirche in Austerlitz zur Hauptgrablege.

Außer dem ursprgl. Burggelände im O befand sich ein großes Areal gfl. Grundbesitzes im W der Stadt, das während einer zeitweiligen Herrschaftsteilung zu Beginn des 14. Jh.s womöglich der Anlage einer zweiten Res. dienen sollte. Hier befand sich seit Anfang des 16. Jh.s die gfl. Münze, die 1746 durch ein Verwaltungsgebäude ersetzt wurde.

Die um 1300 erreichte Ausdehnung der Stadt wurde erst in der zweiten Hälfte des 16. Jh.s erweitert, als nach der Eroberung von 1557 die alten Wälle geschleift wurden und die neue Stadtbefestigung aus Wall und Graben an der Südseite vorgeschoben werden konnte. Dadurch wurde eine Stadtfläche von 14 ha erreicht. Im 16. Jh. betrug die Einw.zahl bei schätzungsweise 150-160 Häusern 750-800, um 1770 bei ca. 220 Häusern zwischen 1050 und 1200.

Man kann R. dem »Typ einer Kleinstresidenz« zuordnen. Lt. Hemann »stellt R. einen Typ von Kleinstadt dar, dessen relativ breite rechtliche Ausstattung im wesentlichen auf der frühen Gründung basiert, ohne daß die wirtschaftliche Stärke damit korrespondiert« (Stadtbuch, S. 257). Durch den Verlust der Res. um 1700, vollends nach dem Ende der gfl. Bautätigkeit um 1750, war die Aussicht, diese Kluft durch Impulse, die von einer am Ort residierenden Landesherrschaft ausgehen konnten, zu schließen, geschwunden.

III.

Die in den ersten Jahrzehnten des 17. Jh.s erneuerte Verteidigungsanlage des Schlosses erhielt die Gestalt eines unregelmäßigen Fünfecks. Fünf Bollwerke und die sie verbindenden Wälle, die als einziger Teil der Gesamtanlage bis heute erhalten sind, lagen zwischen einem inneren und äußeren Graben. Im W wurde ein Torhaus (1607) in die Umwallung eingefügt. Während der spätma. Rundturm auf dem Schloßplatz verschwand, erhielt der vorhandene Viereckturm am Nordostflügel ein etwas kleineres, ebenfalls viereckiges Gegenstück am südwestlichen Ende des Hauptflügels gegenüber dem Torhaus. Durch diesen Turm führte die Zufahrt zum Schloßplatz. Drei wesentlich kleinere Rundtürme an der nach NW gerichteten, im Renaissancestil gestalteten Schaufront des Schlosses dienten viell. nicht nur zur Zierde, sondern könnten Wendeltreppen enthalten haben. Alle fünf Schloßtürme und auch die beiden Rundtürme am Torhaus waren mit welschen Hauben und darauf gesetzten Laternen bedacht (Abb. in Jahrbuch Westfalen 1995, S. 91-95). Im Schloßhof befand sich eine Fontäne. Über die Baumeister und Handwerker dieser aufwändigen Baumaßnahmen ist außer einigen Vornamen und Herkunftsorten nichts bekannt.

Ob die Schloßkapelle, in der 1629 eine Altarweihe stattfand, zumindest im Kern noch mit derjenigen identisch war, die 1464 errichtet und mit einem Marien- und Johannesaltar ausgestattet worden war, läßt sich nicht sagen.

Lt. Inventaren aus dem 17. und 18. Jh. (1653, 1688, 1718, 1734/42) zählte das Schloß rund 60 Säle, Kammern und Kabinette (Beine, Verlust, S. 193). Bei der Ausstattung (u. a. bemalte Ledertapeten, noch 1718 gut 70 Gemälde) stach ein Alkoven hervor, mit dessen Gestaltung der westfälische Bildhauer Johann Mauritz Gröninger (um 1652-1708) 1683 beauftragt wurde. Er war verziert mit zwei lebensgroßen (6 Fuß hoch) Figuren von Apollo und Venus, zwei halb so großen Engelsfiguren und dem gfl. Wappen (4,5 x 5 Fuß). Das Ende der Hofhaltung (1690) hatte zur Folge, daß viele Teile des Mobiliars und andere Stücke nach → Bentheim (1691/92 durch Joanetta Franziska von → Manderscheid- → Blankenheim, die Wwe. des letzten Gf.en, die in zweiter Ehe mit Gf. Arnold zu → Bentheim- → Bentheim verh. war) und nach Essen (1694 zur dortigen Fs.äbt. Bernhardine Sophie von R., reg. 1691-1726) abtransportiert wurden (Beine, Schloß Rietberg 1718, S. 147).

Auf dem Schloßgelände befanden sich 1690 neben drei casarn (Kasernen) und Vorratsgebäuden eine Wassermühle, eine Schmiede, eine Brauerei und ein Reithaus. Für einen Verteidigungsfall standen 25 Geschütze und etwa 200 Gewehre zur Verfügung (Hanschmidt, Verteidigungszustand 1690, S. 287 f.).

Anfang des 18. Jh.s brannte der Südflügel des Schlosses nieder. Da wg. der weggefallenen Res.- und seit 1746 auch Verwaltungsfunktion dieser und andere Bauschäden nicht behoben wurden, wurde dem zunehmenden Verfall des Schlosses 1803 mit dem Abbruch ein Ende gesetzt. Das regierende Haus Kaunitz-R. residierte zu diesem Zeitpunkt bereits seit 100 Jahren in Mähren (Schloß Austerlitz, Brünn) und Wien.

Quellen

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Balzer, Manfred: »De Rehtbergi« – von Rietberg? Zur Nennung des Ortsnamens in der Translatio S. Alexandri und zum Namenswechsel »Rietbike« – »Retberg«, in: 700 Jahre Stadt Rietberg 1289-1989. Beiträge zu ihrer Geschichte, im Auftrage der Stadt Rietberg hg. von Alwin Hanschmidt, Rietberg 1989, S. 37-46. – Beine, Manfred: Im »neuen herrschaftlichen Haus« Regierte der »Gevollmächtigte« des Fürsten Wenzel Anton, in: Heimat – Jahrbuch Kreis Gütersloh (1994) S. 88-99 – Beine, Manfred: Vom Knast zur Kunstgalerie. Das Alte Gericht in der ehemaligen Residenzstadt Rietberg, in: Jahrbuch Westfalen (1999) S. 191-198. – Beine, Manfred/Herbort, Käthe: Rietberg. Historischer Stadtrundgang, 2., überarb. u. erweiterte Aufl., Münster 2008 (Westfälische Kunststätten, 67) (mit umfassendem Literaturverzeichnis). – Beine, Manfred/Weber, Ernstjosef: Die Rietberger Schlosswälle. Der Ausbau von Schloß Rietberg zu einer neuzeitlichen Festung, in: Heimat – Jahrbuch Kreis Gütersloh (2002) S. 51-60. – Beine, Manfred: Ein großer Verlust für Westfalen. Das gräfliche Schloß Rietberg und seine Geschichte, in: Jahrbuch Westfalen (1995) S. 91-95 und 182-197. – Beine, Manfred: Schloß Rietberg 1718. Türkische Tapeten und Sessel von Damast, in: Heimat-Jahrbuch Kreis Gütersloh (1995) S. 137-149. – Ecker, Alfred Eugen: Das Gymnasium Nepomucenum in Rietberg. Ein Beitrag zur kulturellen und politischen Geschichte des Rietberger Landes, Rietberg 1975. – Eickhoff, Hermann/Hanschmidt, Alwin/Rust, Josef/Schwerdtfeger, Kurt: Schloß Rietberg. Beiträge zu seiner Geschichte, hg. vom Heimatverein der Stadt Rietberg, Rietberg 1989 (Heimatkundliche Reihe, 3). – Falke, Didacus: Kloster und Gymnasium Mariano-Nepomucenianum der Franziskaner zu Rietberg. Ein Beitrag zur Schulgeschichte der Neuzeit, Rietberg 1920. – Flaskamp, Franz: Begräbnisse des älteren Rietberger Grafenhauses außerhalb des eigenen Landes, in: Jahrbuch für Westfälische Kirchengeschichte 68 (1975) S. 163-168. – Hanschmidt, Alwin: Der Verteidigungszustand von Schloß Rietberg im Jahre 1690, in: Westfälische Zeitschrift 122 (1972) S. 285-292. – Hanschmidt, Alwin: Ein Auftrag für Johann Mauritz Gröninger auf Schloß Rietberg (1683), in: Westfalen 49 (1971) S. 182-183. – Hanschmidt, Alwin: Der Vertrag über den Abbruch von Schloß Rietberg aus dem Jahre 1802, in: Gütersloher Beiträge zur Heimat- und Landeskunde des Kreises Wiedenbrück 56/57 (1979) S. 1122-1129. – Hanschmidt, Alwin: Die Burg in der Stadt Rietberg, in: Westfälische Zeitschrift 131/132 (1981/1982) S. 257-265. – Hanschmidt, Alwin: Die Pfarrei St. Johannes Baptista Rietberg von den Anfängen bis zum Ende der gräflichen Zeit, in: 500 Jahre Pfarrkirche St. Johannes Baptista Rietberg 1483-1983. Aus Geschichte und Gegenwart von Kirche und Gemeinde. Im Auftrag der Pfarrei St. Johannes Baptista hg. von Alwin Hanschmidt, Rietberg 1983, S. 9-34. – Hanschmidt, Alwin: Die gräflichen Regierenden Bürgermeister der Stadt Rietberg 1637 bis 1808, in: Westfälische Zeitschrift 137 (1987) S. 213-216. – Hanschmidt, Alwin: Rietberg – Franziskaner, in: Westfälisches Klosterbuch, hg. von Karl Hengst, Tl. 2, Münster 1994, S. 296-303. – Hanschmidt, Alwin: Rietberg, in: Westfälischer Städteatlas, hg. von Wilfried Ehbrecht, Lieferung V, Nr. 5, Altenbeken 1997. – Mertens, Melanie: Art. »Rietberg Kr. Gütersloh«, in: Dehio-Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Nordrhein-Westfalen, Tl. 2: Westfalen, München (im Druck). – Nordberg, Benno: Franziskanerkirche St. Katharina Rietberg, München 1978 (Kleine Kunstführer, 1155). – 500 Jahre Pfarrkirche St. Johannes Baptista Rietberg 1483-1983. Aus Geschichte und Gegenwart von Kirche und Gemeinde. Im Auftrag der Pfarrei St. Johannes Baptista hg. von Alwin Hanschmidt, Rietberg 1983. – 700 Jahre Stadt Rietberg 1289-1989. Beiträge zu ihrer Geschichte, im Auftrage der Stadt Rietberg hg. von Alwin Hanschmidt, Rietberg 1989. – 250 Jahre Gymnasium Nepomucenum Rietberg 1743-1993, im Auftrag des Gymnasiums Nepomucenum Rietberg hg. von Alwin Hanschmidt, Rietberg 1993.