RIETBERG
I.
Die Gft. R. umfaßte um 1800 ein geschlossenes Gebiet von ca. 215 qkm, in dem 1818 13 181 Einw. lebten. Sie wurde von der oberen Ems durchflossen und reichte mit ihrem nördlichen Teil in das große Heidegebiet der Senne, die sich südlich des Teutoburger Waldes zwischen Paderborn und Bielefeld erstreckte. Grenznachbarn waren das Fürstbm. Paderborn, die lippische Exklave um Lippstadt, das Fürstbm. Münster, die osnabrückische Exklave Reckenberg und die brandenburgisch-preußische Gft. Ravensberg. Die Gft. bestand aus der Stadt R. und zwölf Bauerschaften, die um 1800 den fünf Kirchspielen R., Mastholte, Neuenkirchen, Verl und (Neu)Kaunitz zugeordnet waren. Von diesen waren Neuenkirchen (abgepfarrt von der osnabrückischen Urpfarrei Wiedenbrück) und R. (vermutlich von Neuenkirchen abgepfarrt) ma. Ursprungs. Verl und Mastholte waren im 16. Jh. aus Kirchspielen herausgelöst worden, deren Pfarrorte außerhalb der Landesgrenzen (im lippischen Oerlinghausen und im münsterischen Wadersloh) lagen. Ihre Gründung diente – außer der Bequemlichkeit eines näheren Kirchweges für die Untertanen – der Arrondierung des gfl. Herrschaftsgebietes auch in der Kirchenorganisation. Die Pfarrei (Neu)Kaunitz war 1743 für zwei Bauerschaften neu gegr. worden.
Bezüglich der Grundherrschaft hatten Arrondierungen bereits seit dem 14. Jh. stattgefunden, etwa durch Abtretung von Haupthöfen, die den Gf.en von → Schwalenberg hörig waren, an die Gf.en von R.
Zur Lehnsabhängigkeit der Gft. und zu ihren Aktivlehen siehe A II.
Im kurkölnischen Hzm. Westfalen hatte Gf. Konrad V. (1428-1472) 1469/72 die Herrlichkeit Eiden, bestehend aus einem Schloß, Gütern und einer Fgft., Gf. Johann III. (1618-1625) 1618 die Herrlichkeit Mellrich mit Gerichtshoheit im Kirchspiel Mellrich, Gütern und dem adeligen Haus Eggeringhausen erworben. Eiden und Mellrich, beide bei Anröchte (heute Kr. Soest) gelegen, haben bis zur Aufhebung der Gft. zu R. gehört. Dabei blieb die kurkölnische Landeshoheit unangetastet, während die Lehnshoheit bei den Edelherren von Büren, dem Stift Meschede und Kurköln lag. Das später zu einem Gut herabgesunkene Haus Eiden diente im 16. und 17. Jh. mehrmals als Wwe.nleibzucht (Leesch, S. 295 f.).
Das Harlingerland, bestehend aus den Herrlichkeiten Esens, Stedesdorf und Wittmund, fiel 1540 nach dem Aussterben des letzten männlichen Sprosses des Häuptlingsgeschlechts der Attena an dessen Schwester Anna (gest. nach 1559). Da sie (seit 1523) die zweite Frau Gf. Ottos III. von R. (1516-1535) war, gelangte Harlingerland, das unter der Lehnshoheit des Htms. Geldern stand, an ihren Sohn Gf. Johann II. von R. (1541-1562). Bis zur Erbteilung von 1576 zwischen dessen Töchtern Armgard, die R. erhielt, und Walburgis (1555/56-1586), die Harlingerland bekam, und wieder von Armgards Tod (1584) bis zum Berumer Vertrag (1600) war dieses in Personalunion mit der Gft. R. verbunden. Im Berumer Vertrag traten Sabina Catharina und Agnes die drei Herrlichkeiten an ihren Vater Enno als regierenden Gf.en von Ostfriesland und dessen Mannlehnserben ab (Leesch, S. 294 f., 365-368).
II.
Die Hofhaltung war an die Res. der Gf.en von R. auf der Burg bzw. dem Schloß R. gebunden. Sie dauerte von 1237 bis 1690. Unterbrochen war sie von 1557, als Gf. Johann II. nach der Exekution des Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreises gegen ihn bis zu seinem Tode (1562 in Köln) in Haft genommen wurde, bis 1601, als Gf.in Sabina Catharina und Gf. Johann III. dort ihren Wohnsitz nahmen. Dieses Gf.enpaar erneuerte nicht nur die 1557 geschleifte Befestigung der Burg, sondern wandelte die ursprgl. Rundanlage in eine repräsentative dreigeschossige Vierflügelanlage um. Dieses Gebäude war durch architektonische Elemente der Weser- und → Lippe-Renaissance (Schaufront; Dachgliederung durch Zwerchgiebel; Galerie zum Innenhof) geprägt. Da sämtliche von 1600 bis 1677 regierende Gf.en zugl. Offiziere in ksl. und span. Diensten waren, oblag die Aufsicht über den Hof häufig ihren Frauen, während dessen Verwaltung von einem Hofmeister ausgeübt wurde.
Hof- und Landesverwaltung waren zwar funktional getrennt, aber personell eng verflochten. An der Spitze stand ein Droste, dem das übliche Personal (Rentmeister, Küchenschreiber, Räte, Sekretäre, Hausvogt, Bereiter usw.) zugeordnet war. Der Droste wohnte in der zweiten Hälfte des 16. Jh.s anscheinend auf dem ehem. Burggelände in der Stadt, ehe dieses 1618 zum Bau des Franziskanerkl.s bestimmt wurde. Seit der Mitte des 17 Jh.s wohnten auch einige Beamte in der Stadt, wohin die gfl. Verwaltung 1746 ganz verlegt wurde. Um die Mitte des 17. Jh.s betrug das Verwaltungs- und Wirtschaftspersonal vom Drosten und einer Hofmeisterin bis hinunter zum Küchenjungen etwa 70 Personen. Darunter befanden sich auch ein Tanzmeister und ein Apotheker, während ein Arzt nach Bedarf von auswärts (z. B. Münster) geholt wurde. So war es auch mit den Musikanten, die zu kirchlichen und weltlichen Festen (z. B. Fastnacht) angeheuert wurden. Ein Hofkaplan (erste Erwähnung 1256, letzte Bestallung 1688) hatte auch die jungen Gf.en zu unterrichten, während die Seelsorge für das verbleibende Schloßpersonal im 18. Jh. den R.er Franziskanern oblag. Die Schloßgarnison (um 1650 ca. 100 Mann, 1690 Unterbringungsmöglichkeit für ca. 300 Mann) schrumpfte bis 1803 auf gut 20 Mann.
Allein dem Jagdvergnügen, nicht aber als Res. diente das bereits im 15. Jh. erwähnte, mit einer Kapelle ausgestattete Haus zur Holte (im NO der Gft.; Bauerschaft Liemke), das um 1616 zum Jagdschloß umgebaut, 1654 mit einer der Hl. Ursula geweihten Kapelle versehen wurde und als Schloß Holte heute noch besteht. In R. gab es einen Tiergarten.
Quellen
Münster, Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abt. Westfalen, Grafschaft Rietberg Urkunden und Akten. Territorialarchive von Paderborn, Corvey, Reckenberg, Rheda und Rietberg, bearb. von Martin Sagebiel und Leopold Schütte. Münster 1983 (Das Nordrhein-Westfälische Staatsarchiv Münster und seine Bestände, 4), S. 193-214. – Schwertener, Karl Philipp: Beiträge zur Verfassungs-, Wirtschafts- und Rechtsgeschichte der Grafschaft Rietberg, hg. und erläutert von Franz Flaskamp, Rietberg 1935 (Quellen und Forschungen zur Natur und Geschichte des Kreises Wiedenbrück, 17) – Zwei Karten zum Grenzverlauf zwischen der Grafschaft Rietberg und dem Fürstbistum Paderborn aus dem Jahre 1565, bearb. von Friedrich-Wilhelm Hemann, Münster 1994 (Westfälische Quellen im Bild, 30).
Literatur
Behr, Hans-Joachim: Die Exekution des Niederrheinisch-Westfälischen Kreises gegen Graf Johann von Rietberg 1556-1566, in: Westfälische Zeitschrift 128 (1978) S. 44-104. – Beine, Manfred: Gräflich Rietberger Baueifer. 250 Jahre Pfarrkirche St. Maria Immakulata Kaunitz, in: Heimat-Jahrbuch Kreis Gütersloh (1996) S. 61-78. – Beine, Manfred: Wenzel Anton von Kaunitz-Rietberg und die Entwicklung von Ausgaben und Erträgen der Grafschaft Rietberg, in: Staatskanzler Wenzel Anton von Kaunitz-Rietberg 1711-1794. Neue Perspektiven zu Politik und Kultur der europäischen Aufklärung, hg. von Grete Klingenstein und Franz A. J. Szabo, Graz-Esztergom-Paris-New York 1996, S. 441-465. – Buse, W.: Münzgeschichte der Grafschaft Rietberg, in: Zeitschrift für Numismatik 29 (1912) S. 254-362. – Flaskamp, Franz: Zur Kirchengeschichte der Grafschaft Rietberg. Mittelalter, Reformation und Gegenreformation, in: Jahrbuch für Westfälische Kirchengeschichte 55/56 (1962/1963) S. 22-68. – Hanschmidt, Alwin: Hofkapläne auf Schloß Rietberg im 17. Jahrhundert, in: Heimatblätter der Glocke (Oelde). 3. Folge 4 (1975) S. 64. – Hanschmidt, Alwin: 750 Jahre Grafschaft Rietberg. Geschichte und Nachwirkungen, in: Heimat-Jahrbuch Kreis Gütersloh (1987) S. 55-59. – Hanschmidt, Alwin: Herrschaftswechsel vor 650 Jahren. Die Abtretung von Haupthöfen der Bauerschaft Liemke von Schwalenberg an Rietberg 1345, in: Heimatblätter der Glocke (Oelde). 4. Folge 1 (1996) S. 395-397. – Hanschmidt, Alwin: Liemke – Österwiehe – Kaunitz. Zwei Bauerschaften werden ein Kirchspiel. Zur Gründungsgeschichte der Pfarrei Kaunitz 1743-1753, in: Westfälische Zeitschrift 149 (1999) S. 287-308. – Hemann, Friedrich-Wilhelm: Territorialisierung und Grenzkonflikt. Erläuterungen zu zwei Karten zum Grenzverlauf zwischen der Grafschaft Rietberg und dem Fürstbistum Paderborn von 1565, in: Archivpflege in Westfalen und Lippe 40 (1994) S. 17-24. – Leesch, Wolfgang: Die Grafen von Rietberg aus den Häusern Arnsberg und Ostfriesland, in: Westfälische Zeitschrift 113 (1963) S. 283-376. – Schwerdtfeger, Kurt: Rietberg zur Zeit des Schmalkaldischen Krieges (1546/1547) und der Streit der gräflichen Brüder Otto und Johann (1537-1552), in: Eickhoff, Hermann/Hanschmidt, Alwin/Rust, Josef/Schwerdtfeger, Kurt: Schloß Rietberg. Beiträge zu seiner Geschichte, hg. von Heimatverein der Stadt Rietberg, Rietberg 1989, S. 34-89 (Heimatkundliche Reihe, 3).