Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

Zurück zur Liste

NEUHAUS

C. Prag, Palais der Herren Neuhaus

I./II.

Obwohl die Res.en der Herren von → N. in Südböhmen und Südostmähren lagen, besaßen oder vermieten Mitglieder der Familie v.a. in der zweiten Hälfte des 16. Jh.s auch Siedlungen in den Landeshauptstätten. Neben dem Palast in Prag handelte es sich um ein Haus, das Zacharias von N. in Brünn als der Hauptstadt der Mgft. Mähren besaß, und auch um ein Haus, das Joachim von N. in den 1560er Jahren direkt am Ks.hof in Wien vermietete.

III.

Ein Haus in der Landeshauptstadt des Kgtm. Böhmen besaß belegbar Heinrich IV. von N., der 1486 zum Besitzer des ehem. Hauses des Dechanten des Kapitels Allerheiligen in der Jiřská-Straße wurde; später verlor aber die Familie diesen Besitz wieder. Um den Gewinn eines eigenen Hauses bemühte sich erst Joachim von N. in den 1550er Jahren, wahrscheinlich im Zusammenhang mit seiner Ernennung zum Oberstkanzler des Kgtm.s und den damit zusammenhängenden häufigen Aufenthalten in Prag. Nach komplizierten Verhandlungen gelang es ihm, 1558 das Haus von Burian Žabka von Limberk unter der Prager Burg zu kaufen, auf den sog. Neuen Schloßtreppen (oder »unter Stufen«), die damals die Prager Burg mit der Stadt verbanden. Wahrscheinlich wg. der nicht ausreichenden Größe und auch deshalb, weil das Haus möglicherw. kurz nach dem Kauf durch Feuer beschädigt worden war, initiierte Joachim am Anfang der 1560er Jahre einen umfangr. Umbau. Mit dessen Führung beauftragte er den ital. Baumeister Antonio Ericer, der während nicht einmal sechs Jahren eine Res. baute, die zwar nicht mit dem Palast des verwandten Wilhelm von → Rosenberg zu vergleichen war, aber trotzdem die Anforderungen an eine adelige Stadtres. erfüllte. Ericer baute für Joachim von N. ein Etagenobjekt mit Dachboden und Arkaden, in dessen Erdgeschoß die Zimmer der Ehefrau des Magnaten und in der ersten Etage die Räume des Herren situiert waren. Zusammen mit den priv. Räumen und dem repräsentativen Saal befanden sich in der Res. auch eine »Kammer« für die Dienerschaft und notwendige Wirtschaftsräume (Küche, Speisekammer, Bier- und Weinkeller oder Ställe). In dem anliegenden Garten mit Arkaden wurde darüber hinaus ein Lusthaus gebaut. Die genauere innere Gestalt der Res. ist aber nicht bekannt, denn sie wurde wesentlich von den folgenden Bauarbeiten vernichtet, die Joachims Sohn Adam II. von N. durchführen ließ.

Adam II. begann die ersten, bisher nur kleinen Bauumwandlungen in der ersten Hälfte der 1580er Jahre, die die Stirnwand des westlichen Flügels betrafen und bei denen einige neue Zimmer errichtet wurden. Nachdem der → N.er Herr 1585 zum Oberstkanzler des Kgtm.s geworden war, war er gezwungen, immer mehr Zeit in Prag zu verbringen. Während er in den 1570er Jahren in Prag ca. 60 bis 70 Tage pro Jahr weilte, wurde diese Zeit nach 1585 ungefähr verdoppelt. In der zweiten Hälfte der 1580er Jahre kam es also zu den anspruchvollsten Umbauten des Palastes, für die der ital. Baumeister Ulrico Aostallis de Sala sorgte. Er erweiterte 1586-1593 den Palast auf eine wesentliche Weise. Er erhöhte v.a. das Objekt um ein Stockwerk und um einen neuen Quertrakt mit einem Treppenturm, der anstelle eines Gartenteiles entstand. Der verkleinerte Garten, umschlossen im N und O vom Palastgebäude, wurde im S mit Arkaden ausgestattet, die den Blick auf die Prager Kleinseite öffneten. Alle Räume bekamen eine neue malerische Verzierung, in der Mitte der 1590er Jahren waren sie mit Mobiliar ausgestattet und die äußeren Fassaden des gesamten Palastes wurden durch Sgraffitirustik vereinheitlicht. Schon 1595 wurde aber der Palast von einem Feuer getroffen, dem weitere, aber nur kleinere Bauveränderungen folgten.

Neben dem Palast besaß Adam II. in Prag noch zwei weitere Häuser, wahrscheinlich weil wg. der Bauarbeiten der Palast nicht immer zur Verfügung stand. Den wirtschaftlichen Hintergrund des Palastes bildete das kleinere Gut Košíře bei Prag, gekauft 1585-1586 und nach 1593 um die Güter erweitert, die zu dem Amt des obersten Prager Bgf.en gehörten, das der → N.er Herr 1593-1596 innehatte. Von den Gütern wurde der Palast mit Lebensmitteln, Pferdefutter und anderen Notwendigkeiten versorgt. Für das Ausruhen der Obrigkeit wurde an der Wende der 1580er und 1590er Jahre ein Lustschloß erbaut.

Nach dem Tod Adams II. von N. nutzte den Palast noch das letzte Familienmitglied Joachim Ulrich von N., der ihn aber 1602 seinem Schwager Wilhelm Slavata verkaufte. Nach den Slavata wurden die Libštejnský von Kolowrat Besitzer, die ihn in den Hintertrakt ihres eigenen Familienpalastes umwandelten, der mit der Hauptstirnwand auf die andere Seite der Schloßtreppen, in die heutige Neruda-Straße, gerichtet ist.

Ledvinka, Václav: Dům pánů z Hradce pod Stupni (Příspěvek k poznání geneze a funkcí renesančního šlechtického paláce v Praze) [Das Haus der Herren von Neuhaus »unter Stufen«. Ein Beitrag zur Genesis und Funktion eines Adelspalastes der Rennaisancezeit in Prag], in: Folia Historica Bohemica 10 (1986) S. 269-309. – Ledvinka, Václav: Rezidence feudálního velmože v předbělohorské Praze (Pražské sídlo pánů z Hradce ve 2. pol. 16. stol.) [Die Residenz des feudalen Magnaten in Prag (Der Prager Sitz der Herren von Neuhaus in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts)], in: Documenta Pragensia 9 (1991) S. 113-131.