NEUHAUS
II.
Der ma. Hof der Herren von → N. wurde bislang nicht zum Objekt des Forscherinteresses und aufgrund des Quellenmangels läßt sich kein genaues Bild des Hofes gewinnen. Schon in der Mitte des 13. Jh.s waren die ersten Herren von → N. von einem Hof umgeben, wobei die Titulatur des obersten Hofpersonals den Würden am Hof der letzten Přemysliden entsprach. Ähnlich wie am Hof der Kg.e Přemysl Ottokar I. und Wenzel I. hatte Wittigo von N. (1224-1259) Marschall (marcalcus), Mundschenk (pincerna), Truchseß (dapifer).
Wesentlich ausführlicher sind wir wg. der erhaltenen Quellen über die Struktur des Hofes der letzten Herren von → N. in der zweiten Hälfte des 16. Jh.s informiert. Gerade aus dieser Zeit stammen die meisten Schriftstücke, die im Familienarchiv der Herren von → N. aufbewahrt sind, sowie andere Quellen in Archiven einzelner Großgrundbesitze. Auch in dieser Zeit hat man mehr Informationen über den wirtschaftlichen bzw. Verwaltungsteil des Hofes, dessen Aufgabe die Verwaltung aller Wirtschaftsbetriebe des umfangr. Dominiums war, während die engste Gruppe des Hofpersonals in der Magnatennähe (Hofstaat) in den erhaltenen Quellen nur wenig erscheint.
Der Hof Joachims von N. umfaßte an der Wende der 1550er zu den 1560er Jahren ca. 120 Personen: nach dem Bericht des N.er Hauptmanns aus dem Jahre 1560 verpflegte man im Schloß Jindřichův Hradec/→ N. regelmäßig ca. 60 Personen und ungefähr die gleiche Anzahl weilte auch in der Magnatennähe bei seinen regelmäßigen Reisen nach Prag oder Wien. An der Spitze Joachims Hofes stand in dieser Zeit ein Hofmeister, der sich um die Magnatenhöflinge und die jüngeren »Pagen« kümmerte. Nach dem Tod Joachims von N. ließ seine Wwe. Anna N. von → Rosenberg an ihrem Hof nur ca. 50 bis 55 Personen.
Nachdem aber Adam II. von N. an der Wende der 1560er zu den 1570er Jahren die Herrschaft des böhm. Teils des Dominiums übernommen hatte, begann die Anzahl des Hofpersonals rasch zu steigen. Das vollständigste Verzeichnis des Hofes Adams II. stammt von der Wende der 1570er zu den 1580er Jahren und registriert insgesamt 156 Personen, die Verpflegung aus der Schloßküche bekamen. In Magnatennähe weilte eine ca. 20köpfige Gefolgschaft, an der Spitze ein Hofmeister. Sie bestand v.a. aus jungen Herren und Rittern, deren Eltern Güter in der Umgebung des N.er Dominiums besaßen oder zu Verwandten oder Freunden der Herren von → N. gehörten; diese Adeligen wurden manchmal in den Quellen auch als Kämmerer bezeichnet. Zu dieser Gefolgschaft gehörte auch die Dienerschaft der wohlgeborenen Jungen. Für die geogr. Mobilität des Hofes war ein Stallmeister verantwortlich, dem die herrschaftlichen Kutscher untergeordnet waren. Zusammen mit ihnen gehörten zu Adams Hof in dieser Zeit noch ein Astronom, ein Orgelspieler und später auch ein persönlicher Arzt. In die Nähe Adams II. gehörte auch ein (tsch.) Sekretär, verantwortlich für die Erledigung der herrschaftlichen Korrespondenz. Eher ausnahmsweise wurde am Hof der letzten Herren von → N. auch ein dt. Sekretär beschäftigt, aber es bleibt die Frage, ob dieser dauerhaft oder nur ab und zu tätig war. Um die Kinder des Magnaten kümmerten sich zwei Kinderwärterinnen mit eigener Dienerschaft, später bekamen die Jungen ihren eigenen Präzeptor (praeceptor). Wahrscheinlich in Magnatennähe weilte ein »Hofnarr«, später ein Zwerg.
Ca. 80 bis 90 Personen kümmerten sich um 1590 um den Alltagsbetrieb der → N.er Res. Unter ihnen war auch ein Küchenmeister, der sich um den Betrieb der Schloßküche kümmerte, dem zehn Personen unterstanden. Der Ernährung dienten auch zwei Fleischer, ein Pastetenbäcker und zwei Bäcker in der Schloßbäckerei. Um das Silbergeschirr kümmerten sich zwei Silberpfleger, um die Bekleidung vier Schneider. Die geogr. Mobilität besorgten neben den schon erwähnten Kutschern Fuhrleute und Stallknechte in den Pferdeställen. Den Eingang in die Res. bewachten vier Torwächter, um den Garten im Res.areal kümmerten sich ein Gärtner und ein Pflanzer. Weitere in der Res. angestellte Handwerker kümmerten sich um den alltäglichen Betrieb sowie um notwendige Reparaturen (Schmiede, Binder, Wagner, Seilmacher, Dachdecker, Tischler und andere).
Bis zur Mitte der 1580er Jahre war Adams Hof praktisch dauerhaft mit der Hauptres. in → N. verbunden. Nachdem der Magnat 1585 das Amt des Oberstkanzlers erhalten hatte, war er gezwungen, immer mehr Zeit in der Landeshauptstadt zu verbringen, und so weilte dort auch ein Teil seines Hofes. Die dauerhafte Besatzung des Prager Palastes bestand während der Abwesenheit des Magnaten nur aus seinem Wirt mit Wirtin und manchen anderen, meist wirtschaftlichen Belangen verpflichteten Dienern. Die Begleitung Adams II. bei seinen Reisen zwischen → N. und Prag umfaßte regelmäßig mehr als 20 Personen. Es gab unter ihnen Höflinge, Lakaien, Beamte, einen Jäger, Köche mit einem Bäkker, Überreiter und auch persönliche Diener, die die Mobilität des immer kranker werdenden Magnaten sicherten. Wenn Adams Ehefrau Katharina von → Montfort mitreiste, war auch sie von ihrem Frauenzimmer begleitet.
Seinen Hof in Telč/→ Teltsch 1550-1589 hatte auch der Vertreter der Familiensekundogenitur Zacharias von N. Mit Ausnahme einiger wenigen Quellen aus der Zeit seiner Herrschaft über den südmähr. Teil der Familiendomäne ermöglichen erst Schriftstücke vom Ende der 1580er Jahre, die Hofstruktur kennenzulernen. Sie war aber ähnlich wie bei seinen N.er Verwandten. An der Spitze Zacharias' Hofes stand ein Hofmeister, unter ihm Höflinge, die in der Umgebung der Teltscher Herrschaft wohnten. Es ist auch die Funktion eines Sekretärs und Kämmerers des Magnaten erwiesen. An der Spitze des Verwaltungsteils des Hofes stand ein Hauptmann, unter ihm standen die niedrigeren Verwaltungsbeamten und das Vollstreckenpersonal einzelner Wirtschaftsbetriebe. Es handelte sich in → Teltsch am Ende des Lebens des Magnaten um ca. 25 Personen, zu denen noch eine unbekannte Anzahl Mädchen aus dem Frauenzimmer der Wwe. Anna N. von Šlejnice gezählt werden muß. In der Herrschaft Polná/Polna im ostböhm. Teil an der böhm.-mähr. Grenze, die Zacharias zusammen mit seiner ersten Ehefrau erheiratete, umfaßte der Verwaltungshof ca. zehn Personen.
Ein stabiler Teil des N.er Hofes war sein weiblicher, gen. das Frauenzimmer (fraucimor). Neben den ledigen Töchtern der Herren von N. gehörten zu seinen Mitgliedern während der Zeit der Anna N. von → Rosenberg ca. acht Mädchen. Schon in den 1590er Jahren unter Katharina N. von → Montfort umfaßte das Frauenzimmer bereits 18 Frauen und Mädchen. Da sie in den erhaltenen Quellen nur unter ihren Vornamen erscheinen, kann man ihre soziale Zugehörigkeit nicht bestimmen. Es ist aber deutlich, daß es sich um Mädchen aus herrlichen und ritterlichen Familien handelte, deren Familien Siedlungen in der Umgebung des N.er Dominiums hatten, bzw. um Bürgerinnen aus den Städten in der Herrschaft.
Wesentlich mehr Informationen gibt es über Personen, die in der zweiten Hälfte des 16. Jh.s die wirtschaftliche Verwaltung des Dominiums der Herren von → N. sicherten. Ein Verwaltungshof befand sich in den wirtschaftlichen Zentren Jindřichův Hradec/→ N. (im Familienbesitz bis 1604) Hluboká nad Vltavou/Frauenberg (1562-1598) in Südböhmen, Polná/Polna (1553-1597) in Ostböhmen sowie in dem südmähr. Telč/→ Teltsch (1339-1604). An der Spitze der Verwaltung jeder Herrschaft stand ein Hauptmann, der persönliche Diener zur Hand hatte (in → N. 1580 zwei) und manchmal auch ein Bgf., dessen Stelle aber nicht immer besetzt sein mußte. Um die Führung der schriftlichen Agenda kümmerten sich spezialisierte Schreiber, die zur Besatzung der Schloßkanzlei gehörten. Es handelte sich um einen Rentschreiber, der Einnahmen und Ausgaben der Herrschaft registrierte, einen Fischschreiber, der sich um die Teichwirtschaft kümmerte, einen Kornschreiber, der die Getreidewirtschaft kontrollierte, sowie um einen Bierschreiber, der an der Spitze der obrigkeitlichen Brauerei stand. Neben ihnen dienten in den Kanzleien jeder Herrschaft einige weitere Schreiber ohne genaue Spezialisierung oder Hilfsschreiber. In → N. arbeiteten im letzten Viertel des 16. Jh.s in der Schloßkanzlei meistens acht Schreiber, in anderen Siedlungen dann weniger.
Neben den oben erwähnten Familienherrschaften besaßen die Herren von → N. noch einige Güter, deren Umfang kleiner war als im Falle der Herrschaften. Es handelte sich um Žirovnice/Serowitz (1553-1604), Protivín/Protiwin (1562-1598), Stráž nad Nežárkou/Platz (1596-1604) und um Kardašova Řečice/Kardaschreczitz, die traditionell Teil der Domäne der Herren von → N. waren. An der Spitze der Verwaltung der Güter Protivín und Žirovnice stand ein Hauptmann und zusammen mit ihm war nur ein Schreiber tätig, der die ganze schriftliche Agenda führte, die mit der Gutsverwaltung zusammenhing. Dagegen wurden die Güter Kardašova Řečice und Stráž nad Nežárkou von der Kanzlei im → N.er Schloß verwaltet, so daß sich in den dortigen Wirtschaftsbetrieben nur ein Schreiber und das niedrigere Vollstrekkungspersonal finden.
Erst 1574 entstand die erste Institution der zentralen Verwaltung des ganzen Dominiums, und zwar das Amt des Regenten. Gerade der Regent wurde zum obersten Verwaltungsbeamten des ganzen Dominiums. In den 1580er Jahren entstand darüber hinaus auch die Kammer als zentrale Kasse.
Die meisten obersten Verwaltungsbeamten der Herren von → N. in der zweiten Hälfte des 16. Jh.s, die Regenten und Hauptleute einzelner Herrschaften, stammten aus dem niederen Adel. Sie stammten v.a. aus ritterlichen Familien, die ihre Güter in der Umgebung des Dominiums der Herren von → N. in Südböhmen oder Südmähren besaßen (z. B. Čeloud von Pálovice, Kába von Rybňany, Lipovský von Lipovice, Robmháp von Suchá, Špulíř von Jitra, Vratislav von Mitrovice). Die Ausnahme stellte v.a. der langjährige N.er Hauptmann in den Jahren 1567-ca. 1598 dar, nämlich der Wappenbürger Jan Zelendar von Prošovice, und auch andere oberste Verwaltungsbeamten in kleineren Gütern. Dagegen hatten die Schreiberstellen traditionell die Bürger inne.
Diesen Verwaltungsbeamten wurde das niedrigere Verwaltungspersonal unterordnet, das in den einzelnen Wirtschaftsbetrieben tätig war. Es handelte sich um Teiche in der Pflege der Fischknechte, Mühlen (Müller und ihr Gesindel), Schäfereien, Brauereien (Brauer, Binder und andere), Wälder (Jäger, Vogeler, Verwalter des Wildgeheges), Hopfengärten und v.a. die Besatzung der Meierhöfe im Dominium (Schaffer und Schafferinnen mit ihren Gehilfen), deren Anzahl in der zweiten Hälfte des 16. Jh.s 340-370 Personen erreichen konnte.
Literatur
Ledvinka, Václav: Rezidence a dvůr Zachariáše z Hradce v Telči (1550-1589) [Residenz und Hof Zacharias' von Neuhaus in Teltsch (1550-1589)], in: Život na dvoře a v rezidenčních městech posledních Rožmberků, hg. von Václav Bůžek, České Budějovice 1993 (Opera historica, 3), S. 199-213. – Hrdlička, Josef: Provoz vídeňského domu Jáchyma z Hradce [Der Betrieb des Wiener Hauses Joachims von Neuhaus], in: Poslední páni z Hradce, hg. von Václav Bůžek, České Budějovice 1998 (Opera historica, 6), S. 103-126. – Hrdlička, Josef: Adam II. z Hradce a jeho dvůr [Adam II. von Neuhaus und seiner Hof], in: Poslední páni z Hradce, hg. von Václav Bůžek, České Budějovice 1998 (Opera historica, 6), S. 127-144.