LIPPE
I.
a) munitio Brach (1173; unsicher, ob auf diese Örtlichkeit zu beziehen), castrum Brak (1306) – Burg und Dorf – Herrschaft/Gft. → Lippe; Edelherren/Gf.en zur → Lippe – D, Nordrhein-Westfalen, Regierungsbezirk → Detmold, Kr. Lippe, Stadt L.
b) Limgauuue, Limga (1005 bzw. 1011 als Gauname, MGH DD H II, 100 bzw. 225), Limego (1158, Westfälisches UB II, Nr. 313, S. 88 f.), Limgo (1184, Lippische Regesten I, Nr. 92, S. 98 f.), Lemego (1245, Lippische Regesten, Nr. 235, S. 173, Orig., Stadtarchiv Lemgo, U 2) – Stadt – Herrschaft/Gft. → Lippe; Edelherren/Gf.en zur → Lippe – D, Nordrhein-Westfalen, Regierungsbezirk Detmold, Kr. Lippe.
II.
Burg B. und die Stadt L. liegen in der Talung nördlich des Flusses Bega, die unmittelbar östlich der Burg durch die Muschelkalkhöhen im N (Windelstein, Rieperberg) und die Keuperhügel im S (Biesterberg) stark eingeengt und damit nach O deutlich abgegrenzt wird, während sie sich nach W in die Herforder Mulde öffnet. Die Talung ist lößbedeckt, was sich auch in der Gaubezeichnung Limga (siehe oben Abschn. I.) ausdrückt und günstige Voraussetzungen für Ackerbau bietet. Auf der nördlichen Begaterrasse verläuft ein alter Weg (»Hamelscher Weg«) von Herford nach Hameln, von dem zwischen Stadt und Burg ein nach SO verlaufender Weg nach → Blomberg und Höxter (»Blomberger Weg«) abzweigt, von dem ein Teilstück als Hohlweg nördlich der Burg erhalten ist. Die W-O-Straße wird gekreuzt von einem N-S-Weg von Vlotho nach Horn (»Hornscher Weg; als Straßenbezeichnung südlich der Bega erhalten).
Unmittelbar westlich der Talverengung entstand durch Abgrabung eines Prallhangsporns in der wasserreichen Niederung ein Hügel in Insellage, auf dem eine Burg, deren älteste Phase nach den archäologischen Befunden bis ins 10. Jh. zurückreicht, errichtet wurde (Turmhügelburg in Holz-Erde-Konstruktion). Eine Erneuerungsphase mit Steinbau fällt in die zweite Hälfte des 12. Jh.s, ein runder, nicht erhaltener Bergfried wurde offenbar im 13. Jh. in der Nordwestecke hinzugefügt. Die Identifizierung dieser Burg mit einer munitio Brach, die 1173 von einem Werno de Brak an Kl. Gehrden geschenkt wurde, ist nicht gesichert. In jedem Fall aber war der Platz um 1190 in der Verfügungsgewalt der Edelherren zur → Lippe, denn Bernhard II. zur → Lippe war in der Lage, in dieser Zeit auf der nördlichen Begaterrasse unweit der Burg eine Stadt im Dreistraßenschema (20,5 ha) anzulegen. Das langgestreckte Oval dieser Anlage auf einem alluvialen Kiesrücken nahm seinen Ausgang von einer älteren Pfarrkirche St. Johannis an dessen westlichen Ende (ca. 1,7 km von B. entfernt), deren Anfänge nach archäologischen Zeugnissen offenbar in die Jahre nach 780 zurückreichen. Zu ihr gehörten offenbar mehrere Gehöfte, ob eine Vorsiedlung im heutigen W des Stadtgebiets bestand, ist unbekannt. Diese Kirche blieb außerhalb der Stadtanlage, die in ihrem Westteil einen Herrenhof (»Lippehof«, südlich) und eine Anzahl von Burgmannenhöfen (nördlich) aufnahm. Seit 1230 wird L. auf den am Ort geprägten Münzen als civitas bezeichnet, das Stadtsiegel entstand vermutlich bereits 1200 (erster Abdr. 1248; Typar erhalten: SIGILLUM BURGENSIVM IN LEMEGO). Die Neuanlage erhielt wohl noch von Bernhard II. ein Stadtrecht nach Lippstädter Vorbild (erneuert 1245, Dt.: Gregorius, S. 28-31) mit der Bestimmung, daß innerhalb der Stadt keine Befestigung angelegt werden solle, aus der der Stadt Schaden erwachsen könne (nulla munitio vel edificium unde civitas aggravari possit infra civitatem construatur). Bei der Auslegung wurden Areale für Marktplatz und Kirche (St. Nikolai) ausgespart. Der Baubeginn der Nikolaikirche wird um 1195 angesetzt (Dorn 2006, S. 135). Um 1200 war die Stadt durch Wall und Graben befestigt, wobei der letztere durch eine neuangelegte Zuleitung von der Burg B. aus mit Wasser gespeist wurde. Diese Anlage unterstreicht die gegenseitige Zuordnung von Burg und Stadt. Wohl seit den fünfziger Jahren des 13. Jh.s wurde zwischen dieser Altstadt und der Bega eine Neustadt (Zweistraßenanlage, eigenes Stadtrecht (1283), Rathaus und Kirche St. Marien) angelegt. Während die Altstadt im wesentlichen durch Kaufleute dominiert wurde, scheint die Neustadt überwiegend durch Textilhandwerk und Ackerbau geprägt worden zu sein. 1365 wurden die beiden Städte vereinigt (insgesamt 58 ha, davon Altstadt 31 ha, Neustadt 27 ha), das Neustädter Rathaus wurde aufgegeben. L. darf daher allein von seiner Fläche her schon vor seiner rechtlichen Vereinigung als Stadt von Substanz gelten, die in etwa an Dortmund und Paderborn heranreicht. Ihre Zentralität wurde im kirchlichen Bereich 1231 durch die Erhebung zum Archidiakonatssitz aufgewertet sowie durch die Verlegung des Dominikanerinnenkl.s Lahde an die Pfarrkirche St. Marien in der Neustadt 1306. Im Pactum unionis von 1368 wurde L. neben Lippstadt die entscheidende Stimme bei der Nachfolge in der Herrschaft → Lippe zugesprochen. L. kann daher als das caput der Herrschaft diesseits des Waldes gelten.
Die wirtschaftliche Entwicklung verlief günstig. Die ansässigen Fernkaufleute nutzten seit dem ausgehenden 13. Jh. die hansischen Auslandsprivilegien und v.a. die Vorteile, die sich durch Begünstigungen, die sich im Handel innerhalb des hansischen Verbandes ergaben. Das bewirkte, insbes. in der zweiten Hälfte des 15. Jh.s die Einbindung der städtischen Eliten in ein weitgespanntes Kommunikationsnetz, die eigtl. wirtschaftliche Kraft der Stadt lag jedoch in der Produktion von Textilien und im Handel damit (Garn-, Leinwand- und Tuchhandel).
Das Stadtrecht räumte den Bürgern ein hohes Maß von Autonomie ein. Der aus zwölf Ratsherren bestehende Rat ergänzte sich durch Kooptation, ein Vorrecht, das auch durch die Verschiebung in den innerstädtischen Kräfteverhältnissen während des späteren MAs nicht in Frage gestellt wurde. Doch gewannen seit 1360 die Gilden und über sie die »Meinheit« größeren Einfluß auf das Stadtregiment, der durch eine Neuordnung von 1491 noch einmal verstärkt wurde. Die seit den frühen 1520er Jahren wirksam werdenden reformatorischen Bestrebungen führten 1527/33 zur Einsetzung lutherischer Prediger an den beiden innerstädtischen Kirchen und zur Errichtung eines ratsherrlichen Kirchenregiments. Das geschah zunächst gegen den Willen des Landesherrn. Nutzte die Stadt bereits hier den vollen Spielraum ihrer Autonomie, so leistete sie gegen den Versuch Gf. Simons VI. das reformierte Bekenntnis auch in L. einzuführen (1609) energischen, letztlich erfolgreichen Widerstand.
Die verfassungsrechtliche Konstruktion und das politische Gewicht, das L. durch seine wirtschaftliche Entwicklung und seine Finanzkraft gewann, trugen von Anfang an die Möglichkeit zu Spannungen und zum Dissens mit dem Landesherrn in sich, die in der Reformationszeit in der Tat zu Konflikten führte. Während des MAs jedoch blieb das Verhältnis im wesentlichen von Konflikten frei, auch wenn gelegentlich von schelynge die Rede ist (Lippische Regesten II, Nr. 1277, zu 1377), vielmehr wird man im großen Ganzen von einer Partnerschaft oder Symbiose der Stadt mit dem Landesherrn sprechen dürfen. Für die Geschichte der lippischen Res.bildung ist das insofern von Bedeutung als die Stadt L. und die nahe gelegene Burg B. nicht isoliert betrachtet werden dürfen sondern einschließlich des zwischen ihnen gelegenen Geländes gemeinsam ins Auge zu fassen sind. Als parallele Erscheinung der frühen Res.geschichte um 1200 ist etwa auf das Nebeneinander von Eisenach und der Wartburg zu verweisen.
In L. verfügte der Landesherr über einen dauernden Sitz, den unbefestigten Lippehof mit dem an ihn nördlich anschließenden Burgmannenbezirk, wo während des MAs die Familie von Wendt dominierte. Der Lippehof wurde während des 15. Jh.s zwei Mal als Wwe.nsitz genutzt (Elisabeth von → Moers nach 1415; Elisabeth von Braunschweig-Grubenhagen-Einbeck 1431-1460, vgl. Gaul/Korn 1983, S. 436 f.; Lippische Regesten II, Nr. 1415, S. 432), doch hat es offensichtlich auch Aufenthalte des Landesherrn gegeben (vgl. Lippische Regesten III, Nr. 1777, S. 144). Seit 1460 war er an L.er Familien verpachtet und geriet in der zweiten Hälfte des 16. Jh.s in Verfall. In unmittelbarer Nähe des Rathauses und des Marktes befand sich an der Papenstraße die Gerichtslaube des landesherrlichen Hochgerichts (wenn die Interpretation bei Gaul/Korn, S. 465 zutrifft). In der mit dem Dominikanerinnenkl. verbundenen Neustädter Marienkirche wurde 1323 eine aufwendige landesfsl. Seelgerätstiftung eingerichtet, und sie wurde nach dem Tode des Edelherrn Otto (gest. 1360) zur Grablege des lippischen Hauses (im 1377 fertiggestellten Südchor) bis diese sich seit 1429 nach Wilbasen und dann nach → Blomberg verlagerte.
Sehr deutlich ist auch die personelle Verflechtung von L.er Burgmännern und Bürgern mit dem landesherrlichen Ämterwesen zu fassen. Unter ihnen ragt die Familie von Wendt hervor, die in und um L. über reichen Grundbesitz verfügte und deren Angehörige regelmäßig in der Umgebung der Edelherren anzutreffen sind. Ein anderes Beispiel bieten die Woltering, von denen Heinrich Woltering um die Wende des 14. zum 15. Jh. zu den herausragenden Pfandinhabern und Kreditgebern des Landesherrn gehörte und der auch in dessen Rechnungswesen eine herausragende Rolle spielte (vgl. zu diesen Zusammenhängen Mersiowsky 2000, S. 208-215). Es ist bedeutsam, daß diese Familie, die sich zunehmend von Quaditz benannte, im 15. Jh. nach → Detmold wechselte als dessen Bedeutung als Res.ort zu wachsen begann. Auch ist eine große Zahl von einflußreichen L.er Bürgern Lehnsbindungen mit dem Landesherren eingegangen (Hoppe 1983, S. 30).
Die Präsenz des Landesherrn in L. ist, gemessen an der Quellenlage in der zweiten Hälfte des 13. Jh.s, hoch (insgesamt sechs Belege des 13. Jh.s zwischen 1253 und 1300: Lippische Regesten I, Nr. 279, 308, 356, 448, 527, sowie Lippische Regesten NF.02.24). Die Belege für die Burg B. setzen dagegen erst 1306 ein als sie überhaupt zum ersten Mal gen. wird (sieben Belege bis 1330: Lippische Regesten II, Nr. 557, 585, 645, 687, 689, 708, 714), während die Belege für L. fortan zurücktreten (bis 1330 nur ein weiterer Beleg Lippische Regesten II, Nr. 731 zu 1330). In der Regierungszeit Simons I. hat sich demnach offenbar ein Wandel in Aufenthaltsgewohnheiten und Regierungspraxis vollzogen. Die Bindung an L. und damit wohl an den Lippehof wird keineswegs abgebrochen, doch wird die Burg B. seit Beginn des 14. Jh.s ganz deutlich zum bevorzugten Herrschaftssitz und damit zum politischen Handlungs- und Res.ort. Das zeigt dann auch die seit etwa 1360 einsetzende Rechnungsüberlieferung aus dem Umkreis der lippischen Landesherren. Sie läßt v.a. erkennen, daß der Landesherr zwar häufig abwesend war, aber immer wieder, meist nach sehr kurzer Zeit, nach B. zurückkehrte, das sich so als dauerhafter Res.ort erweist. Die archäologischen Untersuchungen haben auch ergeben, daß die Burg, die im 12. Jh. als »Mischtyp von Abschnitts- und Ringmauerburg mit unregelmäßigem Grdr.« durch die Maßnahmen der Nachfolger Bernhards II. neu ausgebaut, v.a. aber im 14. Jh. in eine »moderne, kastellähnliche viereckige Anlage von hohem Repräsentationswert« umgewandelt wurde (Hohenschwert 1990, S. 72 f.).
Im 15. Jh. scheint sich die Bedeutung B.s als Res.ort abgeschwächt zu haben. Neben → Horn und → Detmold tritt nun v.a. → Blomberg, hervor, das v.a. von Bernhard VII. bevorzugte (siehe C. Blomberg), obwohl er offenbar in L. oder B. gest. ist (Lippische Regesten IV, Nr. 2966a, 2983). Obwohl während der zweiten Hälfte des 15. und im 16. Jh. mehrfach verpfändet, ist B. als Res.ort dennoch nicht völlig aufgegeben worden. Es diente als Wittum für Magdalena von → Mansfeld (gest. 1540, Wwe. Simons V. und Katharina von → Waldeck (gest. 1583, Wwe. Bernhards VIII.). 1476 fand ein Lehnstag Bernhards VII. in B. statt und 1512 der erste Lehnstag Simons V. im Rathaus zu L. (Lippische Regesten IV, Nr. 2543 bzw. 3000).
Die fortbestehende Bedeutung L.s und B.s als herausragende politische Handlungsorte zeigt sich auch in Akten, die sich im offenen Raum zwischen der Stadt und der Burg vollzogen. Offensichtlich hat bereits der Lehnstag von 1476 an einem Platz gen. »Unter den Eichen« nördlich der Burg stattgefunden (Süvern, S. 13 f.). Hier und bei der Gertrudenklause (ebenfalls nördlich der Burg B.) traten bedeutsame Versammlungen zusammen, 1531 berief Simon V. die Ratsherren und Pfarrer der Stadt L. dorthin, um über die Annahme der Reformation zu verhandeln. Im selben Jahr wurde ein Landtag bei der Gertrudenklause abgehalten (Lippische Regesten IV, Nr. 3133) Die Reformationssynode von 1556 fand in arce Brac statt, doch scheint das öffentliche Bekenntnis zur Augsburgischen Konfession des Landesherrn und der Pfarrer und die Wiederherstellung der Kirchenordnung von 1538 nach dem Interim »Unter den Eichen« am »Steinernen Tisch«, dem Symbol einer Gerichtsstätte, abgelegt worden zu sein. Man wird also diesen Platz in die Res.ortkonfiguration, die durch das Nebeneinander von L. und B. gegeben ist, einbeziehen müssen, zumal Simon VI. später diesen Platz architektonisch hervorhob.
Simon VI. ist nach dem Tod seiner ersten Frau (1584) und seiner Heirat mit Elisabeth von Schaumburg (1585) noch einmal nach B. zurückgekehrt, um fortan dort zu residieren (1587). Durch den Tod seiner Mutter 1583 war das Wittum B. verfügbar geworden und der welterfahrene Simon VI. suchte offenbar die Nähe der größten Stadt seines Territoriums mit ihrer Wirtschaftskraft, ihrem kulturellen und künstl. Leben und ihrer Anziehungskraft für den lippischen Adel (verstärkter Bau von Adelshöfen seit 1560, z. B. Donop, Kerssenbrock u. a.).
Die B.r Burg wurde unter der Leitung des Baumeisters Hermann Wulff in ein repräsentatives, von einer Gräfte umgebenes Renaissanceschloß umgebaut. Westlich vorgelagert war ein Wirtschafts- und Mühlenbereich, der gegenüber der ma. Zeit auf das Doppelte vergrößert und mit einer Befestigung eingeschlossen wurde, die mit ihrer Schauseite gegen die Stadt L. einen »wehrhaften und repräsentativen Eindruck« des Res.schlosses vermitteln sollte (Salesch 2002, S. 168). Nördlich des Schlosses entstanden ausgedehnte Gartenanlagen mit Ballhaus, Reithaus und »Wärmehaus« (Vorläufer der Orangerie). Für die Regierungszeit Simons VI. ist ein intensives Kulturleben in B., insbes. eine Hofmusik bezeugt.
Simon zog auch die Regierung und das neugegründete Hofgericht samt den zugehörigen Räten und Beamten nach B. und L. Das Hofgericht tagte im wiederhergestellten Lippehof, der Kanzler Simons, der L.er Bürger Heinrich Kerkmann, errichtete 1585 in der Neustadt, auf der Breiten Straße, damals eine der bevorzugten Wohngegenden der Stadt, nahe dem südlichen Tor einen aufwendigen Traufenbau, in der Art eines Adelshofes für seine Familie. Die Regierung war in B. angesiedelt, vermutlich wurde für ihre Sitzungen, für die Kanzlei und für Gerichtszwecke die sog. »Audienz« (auch »Concillius-hauß«) am Platz »Unter den Eichen« erbaut, wo der »Steinerne Tisch« bereits 1573 erneuert worden war. Dieses bislang nicht lokalisierte Gebäude ist mit Hilfe der Rechnungsüberlieferung rekonstruierbar als siebenachsiger Bau von 16,80 m Innenlänge und 9,84 m Tiefe, nach den Vorbildern ital. Architekturtraktate (Sauer 2000, S. 293-301).
Die Res.konzeption Simons VI. ist jedoch letztlich gescheitert. V.a. der Religionskonflikt, der sich bis zu milit. Drohaktionen der Stadt L. gegen B. steigerte und der erst nach dem Tod Simons VI. durch den Röhrentruper Rezeß 1617 beigelegt wurde, hat dazu beigetragen. Auch kam es bereits früh zu Spannungen zwischen landesherrlichen Räten und Beamten, die in L. ansässig wurden, auf der einen und den städtischen Bürgern auf der anderen Seite, obwohl verschiedene landesherrliche Räte ebenfalls aus der Bürgerschaft stammten (Schilling 1981, S. 266-271)
Simon VII. verlegte die Res. nach dem Tode seines Vaters wieder nach → Detmold, und B. fiel seinem Bruder Otto zu, der die Linie → Lippe B. begründete, die weiterhin das Schloß B. bewohnte (1614-1709). Auch der Lippehof diente immer wieder nichtregierenden Mitgliedern des Hauses als Wohnung.
III.
In der Res.landschaft L./B. haben sich, wenn auch zumeist stark verändert und im Bestand vermindert mehrere architektonische Denkmäler erhalten, die Res.funktionen zuzuordnen sind.
Das Renaissanceschloß B. der Zeit Simons VI., eine Vierflügelanlage mit einem an den Nordflügel angelehnten Turm, hat im Außenbau als einzigen Rest der ma. Anlage am Südflügel feldseitig den Stumpf eines quadratischen Turms beibehalten. Die Bauarbeiten am Renaissanceschloß begannen bereits zu Lebezeiten Katharinas von → Waldeck 1571 und wurden dann von Simon VI. von 1583 an energisch vorangetrieben und längere Zeit nach seinem Tod 1669/71 im Ostflügel abgeschlossen. Unter Simon VI. waren im wesentlichen zwei Baumeister tätig, Hermann Wulff (gest. wohl 1599) und anschl. Hermann Roleff, während die Arbeiten am Ostflügel von Leonard Genser ausgeführt wurden.
Die Arbeiten am Ostflügel begannen 1571 am Südflügel, der in der ma. Burg den eigtl. Repräsentationsbau mit einem großen Saal gebildet hatte, in dem 1511 Bernhard VII. aufgebahrt worden war. Hier entstanden unter Einbeziehung des ma. Baubestandes Wohngemächer. Der Ostflügel war für Wirtschaftszwecke (Brauhaus, Backhaus) gedacht, im Obergeschoß lagen die Bedientenkammern. Der Westflügel (Hermann Roleff; 1811 abgerissen) beherbergte u. a. im Obergeschoß die »Silberkammer« mit dem umfangr. Bestand an Tischgerät und Kleinodien aus Edelmetall.
Der Nordflügel wurde über dem ma. Marstall errichtet, der nun in die Vorburg verlegt wurde. Er darf als ein Hauptwerk des Hermann Wulff gelten und stellt zusammen mit dem Turm den Repräsentationsbau des Renaissanceschlosses dar. West- und Ostgiebel weisen kräftige Fassadengliederung auf (Westgiebel mit plastischen Beschlagwerkvoluten; Ostgiebel bei der Restaurierung 1957/58 frei ergänzt mit kugelbesetzten Viertelkreisbögen. Die Innenhoffassade ganz in Werkstein gehalten, ist bes. prächtig ausgestaltet, dem Obergeschoß ist ein Laufgang vorgelagert. Über dem Eingangsportal im westlichen Bereich befindet sich ein Relief, das den Sündenfall darstellt. Ein ungewöhnlich großer Kellerraum, als »Weinkeller« bezeichnet, diente möglicherw. geselligen Zwecken. Im Erdgeschoß befanden sich im O die Küche, anschl. der für gewöhnlich als Speiseraum genutzte »Untere Saal«, weitere Räume wurden als Kanzlei (die später in die »Audienz« verlegt wurde) und als Schneiderwerkstatt genutzt). Ganz im W lag die Kapelle (errichtet über dem ma. Bergfried), die mit 12 Bildern auf Eichenbrettern des Hildesheimer Malers Johann Hopfe ausgestattet war (heute im Lippischen Landesmuseum Detmold). Sie stellen die Geschichte Abrahams und Lots dar und werden als Allegorie auf den gottesfürchtigen Landesvater gedeutet (Gaul 1967, S. 70). Im Obergeschoß befand sich der »Große Saal« als Repräsentationsraum, dessen Decke nach der Beschreibung Wilhelm von Donops »ganz mit kgl., fsl. und gfl. Wappen derer Vorfahren« geschmückt war, womit Simon die Einbindung seines Hauses in die Reichsstände demonstrierte (Donop 1790, S. 70). Westlich, über der Kapelle lag »Unserer gnädigen Frauen Gemach« sowie im Dachgeschoß die Gemächer weiterer Familienmitglieder.
Im W südlich vor den Nordflügel gesetzt, befindet sich der quadratische Turm, ebenfalls ein Werk Hermann Wulffs, in seiner Konzeption jedoch wohl auf Simon VI. selbst zurückgehend. Er ist mit seinen vier Geschoßen und einer komplizierten geradläufigen Treppenanlage gleichzeitig als Wohnturm sowie als Treppenturm für Nordflügel und das südlich anschließende Pfortenhaus des Schlosses gestaltet. Weiterhin ist zur Hofseite ein Altan vorgelagert, von dem aus Wendeltreppen in die Kapelle sowie in das Wohngemach Simons im Turm führten. Im Turm befanden sich auf der Westseite in drei Geschossen gewölbte, mit reichem Stuck ausgestattete Räume, die der Aufnahme von Simons Bibliothek dienten, die 1614 etwa 2080 Bände umfaßte. Mit diesem als »Studiolo« gestalteten Turmbau schuf sich Simon VI. ein dem kunstsinnigen und gelehrten Landesherrn, als den er sich verstand, angemessenes Ambiente.
In der ehem. Vorburg befinden sich zahlr. Wirtschaftsgebäude älterer Zeit (Marstall, Kornmühle, Ölmühle, Waschhaus) von denen sich jedoch nur das ehem. Schafhaus neben dem südlichen Tor in die Zeit Simons VI. zurückreicht. Von der Befestigung des 17. Jh.s haben sich die Fundamente des »Hexenturms« und des Christinenturms erhalten. Von den Bauten des Res.komplexes nördlich des Schlosses, insbes. von der »Audienz« sowie vom ehem. Lustgarten ist nichts erhalten geblieben (Überblick über den gesamten Baubestand 1614 bei Sauer, 2002, S. 339-343).
Die Linie → Lippe-B., die nach dem Tode Simons VI. bis 1709 in B. residierte hat den Ostflügel des Schlosses fertiggestellt (siehe oben), als Grablege diente ihr die B.r Dorfkirche (Meier 1996, S. 66-70). B. fiel dann zurück an die Detmolder Hauptlinie, unter Friedrich Adolf wurden die Erdgeschoßräume mit Stuck ausgestaltet, das Schloß als Sommersitz, Wittum oder Wohnung für nichtregierende Familienangehörige genutzt. 1804 unter Fs.in Pauline endet die Nutzung als Res.ort. Im Schloß wurde eine Brauerei eingerichtet, im nördlichen Teil des Lustgartens die erste lippische Irrenanstalt (1811). Schloß B. blieb Sitz des Amtes B., 1931-1981 der Verwaltung des Kreises L., später des Kreises Lippe. Seit 1986 befindet sich hier das Weser-Renaissance-Museum.
In L. sind von den Bauten, die sich Res.funktionen zuordnen lassen, der Lippehof erhalten geblieben, für den unter Simon VI. Umbaupläne von Hermann Wulff vorlagen, die aber nicht ausgeführt wurden. Der heutige Baubestand ist das Ergebnis eines Neubaus 1700/34 in klassizistisch geprägten Formen. Das zweigeschossige Hauptgebäude mit drei Achsen und Dreiecksgiebel wird flankiert von zwei schlichten niedrigeren Nebengebäuden Den Hofabschluß mit Lanzengittern und Tor aus Werksteinpfeilern wurde der bis zur Mittelstraße reichende »Lippegarten« vorgelagert, der in den 1990er Jahren wieder hergestellt wurde. Bis 1854 wurde der Lippehof von nichtregierenden Angehörigen des lippischen Hauses bewohnt, seit 1872 beherbergt er das städtische Gymnasium.
Das Haus des Kanzlers Kerkmann (siehe oben Abschn. III.) an der Breiten Straße ist im Kern erhalten geblieben. Es wurde 1768 von Gf. Ludwig zur → Lippe erworben, der von 1790-1795 als Regent des Landes fungierte. Er ließ Umbauten vornehmen, die Innenräume neu ausstatten und an der Rückfront nach Ankauf mehrerer Grundstücke einen ausgedehnten Garten anlegen. Nach seiner ersten Frau Anna von Hessen-Philippstal »Annenhof« gen., gelangte das Gebäude durch testamentarische Verfügung an das Stift St. Marien in L., dessen Äbt.nen seit der Mitte des 19. Jh.s bis 1958 dort Res. nahmen. Seit 1973 Sitz der Volkshochschule.
Den Res.charakter L.s zur Zeit Simons VI. unterstreichen auch mehrere erhaltene Adelshöfe in der Stadt (vgl. Gaul/Korn 1983, S. 593-643).
Literatur
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Aspekte der Stadtgeschichte, hg. von Peter Johanek und Herbert Stöwer, Lemgo 1990 (Beiträge zur Geschichte der Stadt Lemgo, 2), S. 75-101. – Stoob, Heinz: Lemgo, Dortmund 1981 (Westfälischer Städteatlas, II, 8). – Süvern, Wilhelm: Brake. Geschichte des Schlosses und der Gemeinde Brake in Lippe, Lemgo 1960 (Lippische Städte und Dörfer, 2). – Walberg, Hartwig: Stadtentwicklung bis 1365, in: 800 Jahre Lemgo. Aspekte der Stadtgeschichte, hg. von Peter Johanek und Herbert Stöwer, Lemgo 1990 (Beiträge zur Geschichte der Stadt Lemgo, 2), S. 103-114. – Westfalia picta, Bd. 10: Lippe, bearb. von Michael Schmitt und Patrick Schuchert, Münster 2007, Nr. 1090-1285, S. 714-835.