LIPPE
I.
BLOMENBERIC, BLOMENBERG-CI[VITAS] (ca. 1250-1255; Münzumschriften, vgl. Berghaus 1952, S. 127 f.) Blomenberche, Blomberg (kurz vor 1255, Lippische Regesten I, Nr. 192; UB Barsinghausen, Nr. 22, S. 14, vgl. aber zu Schreibweise und Datierung Kittel 1951, S. 29 f., 36-37); Blomberg (1283 und 1291, Westfälisches UB IV, Nr. 1770 bzw. 2157); tho dem Blomberge (1413, Stiewe, S. 46); benannt nach dem Wappenbild der Edelherrn zur → Lippe (Rose); Höhenburg und Stadt im zentralen lippischen Hügelland; Res.ort der Edelherren zur → Lippe, v.a von ca. 1450-1511; D, Nordrhein-Westfalen, Kr. Lippe.
II.
Burg und Stadt B. wurden auf einem Bergsporn einer Schichtstufe des mittleren Keupers (ca. 180 m NN) am östlichen Rand des B.er Beckens im zentralen lippischen Hügelland angelegt. Die lößbedeckte Mulde des B.er Beckens bietet günstige Voraussetzungen für Getreidebau. Hier kreuzen sich die »Kölnische Straße« (die nördliche Abzweigung der Fortsetzung des Hellweges von Horn nach Hameln (Verlauf der heutigen B 1) sowie eine W-O-Straße von Herford über Lemgo nach Höxter, und auf diese Kreuzung trifft eine S-N-Straße (»Frankfurter« oder »Weinstraße«) von Kassel über Warburg und Steinheim.
Der Gründungsvorgang ist zwischen 1231 und 1255 anzusetzen, wobei viell. die Burg vor der Stadtanlage entstanden ist. Die älteste Münzprägung ist auf 1247/52 zu datieren. Ob eine Vorgängersiedlung westlich des heutigen B. in der Gemarkung Istrup auf einem Ausläufer des Hurn existiert hat, wo ein Flurname »Altenblomberg« belegt ist, muß unsicher bleiben, da archäologische Funde fehlen (vgl. Stiewe, S. 25 f.).
Die Gründung B.s gehört in die Expansions- und Sicherungsphase der lippischen Territorialpolitik unter Bernhard III. und ist im Zusammenhang mit der Gründung von Horn (erstmals belegt 1248) und → Detmold (vor 1265) zu sehen. Die Auslegung der Stadt erfolgte wie bei den meisten lippischen Gründungen in einem Dreistraßenschema mit einer Querachse(Burgstraße/Kurzer Steinweg), wobei im W/Südwesten auf dem höchsten Teil des Spornplateaus ein Areal für die Burg ausgespart wurde. Der Markt besteht aus einer nach N sich verjüngenden Erweiterung des mittleren Straßenzuges nördlich der Querachse. In dieser Erweiterung fand das Rathaus Platz, während im W davon ein quadratisches Areal für die Pfarrkirche St. Martini freigelassen wurde. Die Stadtfläche beträgt 11, 3 ha.
B. wird erstmals 1283 oppidum gen. (Westfälisches UB IV, Nr. 1770, S. 825; Lippische Regesten I, Nr. 401, S. 233 f.). 1291 sind Ratsherren und Gmd. sowie der Pfarrer von St. Martini bezeugt (Westfälisches UB IV, Nr. 2157, S. 989 f.: Lippische Regesten NF 1291 07. 04), ebenfalls im späten 13. Jh. ist das älteste Stadtsiegel entstanden (Stiewe, S. 26, Abb. 2). Das Stadtrecht entsprach den Privilegien von Lemgo, wie sie die Urk. von 1283 für die Lemgoer Neustadt festhielt (siehe oben; Erneuerung 1448, Lippische Regesten III, Nr. 2067), doch verfügten der Rat und die Bürgerschaft aufgrund der starken Präsenz des Landesherrn wohl nicht über weitreichende politische Spielräume. Seit der zweiten Hälfte des 16. Jh.s erfolgten starke Eingriffe in die städtische Autonomie. Über die soziale Struktur und die städtische Wirtschaft ist für das MA kaum etwas bekannt, da die städtische Überlieferung bei der Zerstörung der Stadt in der Soester Fehde zugrundegegangen ist.
Der Res.charakter B.s ist schwierig zu fassen. W. L. G. von Donop meinte zu wissen, daß B. Anfang des 14. Jh.s »zur gewöhnlichen Residenz« der lippischen Edelherren wurde (Donop, S. 89), doch fehlen Belege in der urkundlichen Überlieferung. Allerdings ist B. gelegentlich der Ort lippischer Lehntage, so 1411 und 1467 (vgl. Rolf, S. 19 f., bzw. Lippische Regesten Nr. 2318-2329, S. 390-396). Ein stärkeres Interesse an B. wird sichtbar als Simon III. und Bernhard IV. 1398 in der Kapelle zu Wilbasen, knapp ein km südwestlich der Stadt, bei der Stätte eines Freistuhls und am Hellweg einen Johannes Evangelist-Altar stiften und ausstatten (Lippische Regesten NF, 1398. 12. 24). Bei der Kapelle hatte sich eine Wallfahrt zu einer Marienstatute entwickelt, und seit 1429 wurden mehrere Angehörige des Hauses → Lippe, darunter Simon IV. in Wilbasen beigesetzt, das so zur zeitweiligen Grablege des Geschlechts wurde. Mehrere lippische Adelsgeschlechter folgten seinem Beispiel.
Nach den Zerstörungen der Soester Fehde durch die böhm. Hilfstruppen des Kölner Ebf.s Dietrich von → Moers, denen mehrere wichtige Plätze, darunter → Brake und B. zum Opfer fielen, entschloß sich Bernhard VII. offenbar, sich beim Wiederaufbau auf einen einzigen Platz zu konzentrieren. Seine Wahl fiel, viell. gelenkt durch die Existenz von Wallfahrt und Grablege, auf B. Das bis dahin bevorzugte → Brake wurde 1450 an zwei Amtsträger Bernhards VII. (Calwenberg Busche und Johann Quadites) für 1500 Gulden rh. versetzt, um B. einlösen zu können und vermutlich auch, um den Wiederaufbau zu finanzieren (Lippische Regesten III, Nr. 2097, S. 284 f.). Nach 1460 setzte Bernhard VII. zusammen mit seinem Bruder Bf. Simon III. von Paderborn einen religiösen Akzent, der B. über die übrigen lippischen Res.orte hinaushob. Nach einem Hostienfrevel – eine Frau hatte 45 geweihte Hostien, die sie aus der Pfarrkirche gestohlen hatte-in einen Brunnen geworfen – ließ Bernhard VII. an der Stelle des Brunnens eine Kapelle errichten (ca. 1462), zu der sich bald eine lebhafte Wallfahrt mit weitem Einzugsbereich entwickelte. Er übergab die Wallfahrt an die Augustiner-Chorherren der Windesheimer Kongregation in Möllenbeck und privilegierte ein neues Kl. dieser Gemeinschaft an der Stelle der Wallfahrtskapelle (1468). Die Kl.kirche wählte er als Grabstätte für sich und seine Gemahlin Anna von Schaumburg und ließ durch Heinrich Brabender aus Münster ein aufwendiges Grabmal errichten. Die Kl.kircheblieb bis 1650 die Hauptgrablege der lippischen Edelherren und Gf.en. Die Kapelle in Wilbasen wurde der Kl.kirchen 1495 inkorporiert. Damit erfuhr der Res.ort B. eine außerordentlich starke religiöse Konnotierung im Rahmen einer bedeutendsten Reformbewegungen des 15. Jh.s.
Bernhards Nachfolger Simon V. bevorzugte → Detmold als Res.ort, und auch die späteren Landesherren sind nicht nach B. zurückgekehrt, v.a. da das Amt B. nach 1613 an die Nebenlinie Lippe-Brake fiel. Doch blieb B. offenbar im 16. Jh. noch ein wichtiger Platz landesherrlicher Präsenz und Repräsentation, worüber die noch nicht ausgewerteten B.er Hofrechnungen für 1589 und die folgenden Jahre Auskunft geben könnten (Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abt. Detmold, L 92 P Nr. 1030 ff.).
III.
Im Gefüge der Stadt hebt sich der Res.bereich klar heraus. Er liegt im W und hat die Führung des westlichen Straßenzuges im Dreistraßenschema deutlich beeinflußt (vgl. Stiewe, Karte 4, S. 42). Die Burg bestand aus der eigtl. Burganlage an der höchsten Stelle der Stadt und einer niedriger gelegenen »Niederburg« mit den Wirtschaftsgebäuden im S davon. Erhalten ist eine unregelmäßig um einen Binnenhof gruppierte dreiflügelige Anlage, deren Form wahrscheinlich noch auf die Zeit vor den Zerstörungen der Soester Fehde zurückgeht. Ältester Teil ist der Südflügel, ein Palas mit großem Saal im Obergeschoß; die datierbaren Formen stammen aus der Zeit des Wiederaufbaus nach 1447. Ein Inventar der Burg ist aus dem Jahr 1474 überliefert, als sie an Arnd von dem Bussche zur Verwaltung übergeben wurde (Lippische Regesten III, Nr. 2469); es darf jedoch nicht als Beleg für eine Aufgabe B.s als Res. zugunsten Detmolds interpretiert werden (so Kittel, Heimatchronik, S. 92). Bes. repräsentativ gestaltet und ausgestattet ist der Ostflügel, der 1560/61 als »neuer Saalbau« errichtet wurde und in seinem Fachwerkobergeschoß außerordentlich qualitätvolle ornamentale Schnitzereien aufweist. Auch die Nordteile (Bruchsteinunterbau und Obergeschoß in Fachwerk, um 1570) sind aufwendig ausgestattet, u. a. durch den auch in → Brake tätigen Hermann Wulff. Damit ist auch durch den architektonischen Befund belegt, daß die Burg B. noch im 16. Jh. in der landesherrlichen Repräsentation eine Rolle gespielt hat.
Der Platz vor der Burg (heute Piderit-Platz; in älterer Zeit als »wüste Stelle« oder »wüste Stätte« bezeichnet) blieb unbebaut und diente als Versammlungsplatz, bspw. für die erwähnten Lehnstage. Er ist damit ebenfalls als Ort der Herrschaft anzusehen. Für den nördlich anschließenden Teil der Stadt sind mehrere Burgmannen- und Adelshöfe belegt.
Quellen
Donop, Wilhelm Gottlieb Levin von: Historisch-geographische Beschreibung der fürstlichen lippschen Lande, Lemgo 1790, ND Lemgo 1984 (Lippische Geschichtsquellen, 12). – Lippische Regesten, Bd. 1-4, bearb. von Ott Preuss und August Falkmann, Detmold 1860-1868. – Urkundenbuch des Klosters Barsinghausen, hg. von Achim Bonk, Hannover 1996 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission Niedersachsen und Bremen, XXXVII,21).
Literatur
Die Brabender. Skulptur am Übergang vom Spätmittelalter zur Rennaissance, hg. von Hermann Arnhold, Münster 2005, S. 185-187. – Besselmann, Karl-Ferdinand: Stätten des Heils. Westfälische Wallfahrtsorte des Mittelalters, Münster 1998 (Schriftenreihe zur religiösen Kultur, 6), S. 66-73, 95-99. – Brinks, Jürgen: Graf und Gräfin zur Lippe. Die lippischen Regenten und ihre Angehörigen in der Gruft unter der Klosterkirche Blomberg, Blomberg 1983. – Haase, Carl: Die Entstehung der westfälischen Städte, 4. Aufl., Münster 1984 (Veröffentlichungen des Provinzialinstituts für westfälische Landes- und Volksforschung, I,11), S. 89. – Kittel, Erich: Zur Gründung der lippischen Städte, in: Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde 20 (1951) S. 9-62, hier 29-40. – Meier, Burkhard: Kirchen, Klöster, Mausoleen. Die Grabstätten der Häuser Lippe und Schaumburg-Lippe, Leopoldshöhe u. a. 1996 (Sonderveröffentlichungen des Naturwissenschaftlichen und Historischen Vereins für das Land Lippe 46), S. 19-34. – Pieper, Paul: Das Grabmal Bernhards VII. zur Lippe und seiner Gemahlin in Blomberg, in: Lippische Mitteilungen 34 (1965) S. 23-45. – Rolf, Heinz-Walter: Blomberg. Geschichte – Bürger – Bauwerke, Blomberg 1981. – Stiewe, Heinrich: Hausbau und Sozialstruktur einer niederdeutschen Kleinstadt. Blomberg zwischen 1450 und 1870, Detmold 1996 (Schriften des Westfälischen Freilichtmuseums Detmold, 13). – Stöwer, Herbert: Lippische Ortsgeschichte. Handbuch der Städten und Gemeinden des ehemaligen Kreises Detmold, o.O. 2008 (Lippische Studien, 23), S. 37-47. – Veddeler, Peter: Die Deutung der Ahnenwappen am Grabmal Bernhards VII. zur Lippe in Blomberg, in: Lippische Mitteilungen 43 (1974) S. 19-32. – Wehlt, Hans-Peter: Blomberg – Augustiner-Chorherren, in: Westfälisches Klosterbuch, Tl. 1, hg. von Karl Hengst, Münster 1992, S. 84-88. – Westfalia picta, Bd. 10: Lippe, bearb. von Michael Schmitt und Patrick Schuchert, Münster 2007, Nr. 115-142, S. 126-144.