LEISNIG
I.
in burchwardo Lisnich (1046); burcwardus Lisenic (1074, Fälschung 12. Jh.); castrum Liznich (1158); Otto et Timo de Lisnik (1172); Liznich (1185); Lisenik (1192); Liznik, Lizenic, Lyzenich (1210 ff.); Lizsenik (1347); Lißneck (1485); Leyssnigk (1547); Leißnick (1555) [altsorbisch, etwa »Siedlung an der Land-, Fluß- oder Seezunge«]. Für die Burg L. bürgerte sich seit dem Ende des 14. Jh.s der wohl von einer Ministerialenburg der Umgebung entlehnte Name »Mildenstein« ein. Stadt und Burg/Schloß sind an der unteren Freiberger Mulde, auf dem linken Ufer gelegen. Nach wechselndem Besitz gelangte der frühere Burgwardmittelpunkt 1158 wieder an das Reich und diente seit der Mitte des 12. Jh.s bis 1365 als namengebende Stammburg und Res. der Reichsbgf.en von → L.
II.
Auf einem langgestreckten, steil über dem linken Ufer der Freiberger Mulde aufwachsenden Bergsporn entstanden in markanter Höhenlage an der Spitze zunächst die Burg L., ein ausgedehnter Vorburgbereich (Burglehn) und daran anschl. die jüngere Stadt mit der beherrschenden Matthäikirche. Das unterhalb des Sporns liegende Tragnitz kann als frühe suburbiale Siedlung, später als Ort der kgl. Curia angesehen werden. Auf dem gleichen Ufer befindet sich ungefähr 3 km flußabwärts in Niederungslage Altl., wo die ältere Stadt L. zu suchen ist.
In der Gegend von L., wohl nahe bei Altl., überschritt ein alter, bedeutender Fernweg nach Böhmen zunächst in einer Furt die Freiberger Mulde. Noch in der ersten Hälfte des 13. Jh.s entstand bei Altl. eine erste Brücke, die den inzwischen beachtlichen Fernverkehr am Ort bündelte und von der Altl.er Nikolaikirche unterhalten wurde. Mit der Verlagerung der Rechtsstadt L. auf die Höhe vor der Burg veränderte sich wohl die ursprgl. Wegeführung, die nunmehr die neue Stadt einband und zur späteren Errichtung einer Brücke bei der Burg L. führte.
Durch mäßiges Klima, verträgliche Höhenlage und gute Böden bietet die Region um L. vergleichsweise gute agrarische Bedingungen.
Seit dem 12. Jh. ist ein (Fernhändler)Markt in Altl.er anzunehmen, der mit einem älteren (Nah)Markt vor der Matthäikirche korrespondierte. Eine bgfl. Zollstätte in Altl. wird 1215 überliefert, und L. war auch Ort einer bgfl. Münzstätte.
In Tragnitz, unterhalb der Burg L. wird eine kgl. Curia der Stauferzeit lokalisiert, die als Wirtschaftshof in funktionalem Zusammenhang mit der Itinerarfunktion der Reichsburg L. stand.
Bereits im 12. Jh. dürften die Fernhändlersiedlung (Alt)L. und das ländliche Umfeld vor dem Horizont der noch unterentwickelten ostsaalischen Region einige Wirtschaftskraft aufgewiesen haben, erscheint doch L. im sog. Tafelgüterverzeichnis von Friedrich Barbarossa mit vergleichsweise hohen Leistungen, u. a. auch Pfeffer.
In südlicher Randlage und im unmittelbaren räumlichen Vorfeld des unbesiedelten Erzgebirgsvorlandes gehörte die Gegend von L. als sog. Kleingau zu den mehr oder weniger kontinuierlich besiedelten Altsiedellandschaften östlich der Saale. Seit dem 7./8. Jh. wurde der L.er Raum von der slaw.en Landnahme und Besiedlung erfaßt. Bereits unter Wiprecht von Groitzsch kam es in der ersten Hälfte des 12. Jh.s zu frühen Kolonisationsversuchen, aber erst als in der zweiten Hälfte des 12. Jh.s die großflächige Landeserschließung der hohen Kolonisation einsetzte, verlor L. seine siedlungsmäßige Randlage. Mit der zeitgleichen massenhaften Einwanderung dt. Kolonisten begann ein langsamer Akkulturationsprozess, in dem sich slaw.e Sprache und Identität auch auf dem Lande bis ins 16. Jh. weithin verloren.
In slaw.er Zeit gehörte der L.er Raum zum Gau Daleminze, der 929 unter sächsisch-dt. Herrschaft geriet und seit dem letzten Drittel des 10. Jh. stärker in die Strukturen des Reiches integriert wurde. Als befestigter Burgwardmittelpunkt übernahm die Burg L. seitdem eine regionale Zentralfunktion innerhalb der größeren Mark Meißen, gehörte in der ersten Hälfte des 11. Jh.s zum Allodialgut der ekkehardingischen Mgf.en von Meißen und blieb nach 1047 als Krongut zunächst in kgl. Hand, bis L. i.J. 1084 an Wiprecht von Groitzsch gelangte. Nach dem Aussterben der Groitzscher im Mannesstamm 1135 kam die Burg L. über Umwege in die Hände des schwäbischen Hzg.s Friedrich III., der sie als Ks. Friedrich I. Barbarossa schließlich 1158 mit Colditz aus seinem Hausgut löste, dem Reich zuschlug und in die Formierung des Reichslandes Pleißen einbrachte. Fortan stiegen die schon vor 1158 in L. die staufischen Rechte verwaltenden Bgf.en zu Reichsbgf.en auf und erhielten aus diesem Amt im regionalen Umfeld verschiedene Rechte und Einkommen. Im sog. Tafelgüterverzeichnis Ks. Friedrichs I. erscheint als eine der wenigen Burgen östlich der Saale auch L. Mit den schwächer werdenden Reichsbindungen avancierte die Burg L. im 13. Jh. zum Zentrum einer eigenen bgfl. Herrschaftsbildung und wurde zur Stammburg und Res. der Reichsbgf. von L. Als die Wettiner 1365 in einen Streit der Bgf.en mit dem bgfl. Hauskl. Buch eingriffen, kam es zur Belagerung von L. und schließlich zu einem Zwangsverkauf von Burg und Herrschaft L., die fortan in wettinischen Besitz übergingen. Die Herrschaft wurde als späteres Amt L. in die wettinische Landesherrschaft eingegliedert, die noch unter Mgf. Wilhelm I. (1343-1407) umfänglich ausgebaute Burg L. erlangte im 15. Jh. einige Bedeutung als Nebenres. und Witwensitz der Wettiner.
In der Diöz. Meißen gehörte L., das Sitz eines Erzpriesters war, zum Archidiakonat der Propstei Wurzen. Ursprgl. Urkirche für das weitere ländliche Umfeld von L., wurde die alte Matthäikirche vor der Burg mit der Verlegung der Stadt 1278/80 auch zur Stadtkirche. Die zunächst wohl eigenständige Nikolaikirche der älteren Stadt Altl. erscheint 1215 als Kapelle der Matthäikirche, später aber wieder als selbstständige Pfarrkirche.
Viell. noch vor der Mitte des 12. Jh.s entstand in Altl. in räumlicher Verbindung mit der alten Muldenfurt eine kaufmännische Siedlung, die wahrscheinlich schon durch Ks. Friedrich I. etwa um 1170 ein Marktrecht und um die Mitte des 13. Jh. durch die Bgf.en von L. auch Stadtrecht erhalten hat. 1215 und 1231 wird diese Stadt als oppidum gen., 1259/64 erscheint sie als civitas und damit als mutmaßlich vollgültige Rechtsstadt, auch wenn sich eine Ummauerung nicht nachweisen läßt. In einem herrschaftlichen Akt verlegten die Bgf.en von L. diese ältere Stadt Altl. um 1278/80 ins unmittelbare Vorfeld der Burg an die Stelle der heutigen Stadt L., wo eine planmäßige Gründungsstadt entstand. Die nunmehr als Alt.-L. bezeichnete ältere Stadtstelle blieb besiedelt, allerdings vollzog sich ihre weitere Entwicklung unter dörflich-agrarischen Bedingungen.
Ein älteres Stadtrecht von L. hat sich nicht erhalten. Die Gerichtsbarkeit über die Stadt scheint bis 1365 in den Händen der Bgf.en von L. geblieben zu sein. Erst 1386 und 1423 konnte die Stadt die Gerichtsrechte von den Wettinern erwerben.
Über Spannungen zwischen Res. und Stadt ist in bgfl. Zeit nichts bekannt.
III.
Die Burganlage gliedert sich in den seit dem 16. Jh. als Burglehn bezeichneten Vorburgbereich mit einem bergfriedartigen Turm und verschiedenen Wohnhäusern sowie den Bereich der Hauptburg mit Vorder-, Mittel- und Hinterschloß und dem im Hof der Hauptburg befindlichen Bergfried. Diese heutige Gestalt hat die Burg Mildenstein allerdings erst im Zuge umfangr. Umgestaltungen und Umbauten nach der Herrschaftsübernahme der Wettiner 1365 erfahren. Aus der staufischen und bggfl. Zeit haben sich auf der Burg nur der Bergfried, die Burgkapelle und Reste am Pagenhaus des Hinterschlosses sowie der Turm im Burglehn erhalten. Dazu kommen die Reste eines romanischen Torhauses und Portals, dem mutmaßlichen stauferzeitlichen Tor, in der rückseitigen Mauer des Hauses Burglehn 9.
Eine vormalige räumliche Trennung der staufischen Reichsburg und der bgfl. Burg, wie sie für Nürnberg und für Altenburg klar faßbar wird, ist für L. nur zu vermuten. Die mögliche Teilung der Hauptburg verlief anscheinend zwischen späterem renaissancezeitlichen Herrenhaus und romanischer Kapelle, ohne daß sich eine funktionale Zuordnung der erst in der Neuzeit bezeichneten Unterteilung in Mittel- und Hinterschloß erkennen läßt. Vergleiche legen jedoch nahe, den bgfl. Teil um den Bergfried und das Mittelschloß zu vermuten.
Beherrschendes Bauwerk der staufischen und bgfl. Burg war der Bergfried in der Hauptburg. Der wohl bereits in der zweiten Hälfte des 12. Jh.s entstandene Turm weist einen signifikanten Materialwechsel auf. Bis in 8 m Höhe erfolgte die Schalung in Quaderbauweise mit eingestreuten Buckelquadern, darüber aufgehend wurde die Schalung in Ziegelmauerwerk fortges. Zeitliche und bauliche Bezüge zu den Altenburger Roten Spitzen (Bergerkl.), einem der frühesten Ziegelbauten nördlich der Alpen, und auch zum Bau des Kl.s Altzelle werden augenscheinlich, und verdeutlichen den bauhistorischen Rang und die Symbolkraft des Baues in seiner Zeit. Wohl erst aus wettinischer Zeit rührt ein vollflächiger roter Farbanstrich des Turms, dessen Reste sich bauarchäologisch nachweisen ließen.
Die Burgkapelle geht in ihrer ursprgl. Anlage auf vorstaufische Zeit (ca. 1120/30) zurück, erfuhr aber in den 1160er-Jahren eine Erweiterung und erhielt einen romanischen Chorbogen. Durch einen spätgotischen Umbau in wettinischer Zeit kam es zur Verlegung des Portals von der Nord- an die Westseite und zur Neugestaltung des Dachwerkes.
Für einen Vorgängerbau des um 1384 umgebauten Pagenhauses lassen sich für die staufische bzw. bgfl. Zeit zwei Bauphasen feststellen, von denen die letzte um 1320 anzusetzen ist.
Auf der SW-Seite der Vorburg befindet sich mittig, als Teil der Rückseite eines Hauses, ein spätestens im 15. Jh. vermauerter romanischer Torbogen, dessen Formensprache in staufische Zeit verweist. Das aus akkurat behauenen Quadern zusammengesetzte Portal war wohl Teil eines repräsentativen Torbaus der staufischen/bgfl. Zeit.
Der Turm am äußeren südlichen Ende der ausgedehnten Vorburganlage entstand noch vor der Mitte des 13. Jh.s, aber in deutlichem zeitlichen Abstand zum Bergfried der Hauptburg. In Adaption der Bauformen des älteren Bergfriedes erfolgte auch hier ein Materialwechsel: im unteren Bereich sind die Schalen aus örtlich anstehenden Rhyolithquadern ausgeführt, im oberen Bereich mit Ziegeln gemauert. Die Qualität des jüngeren Baues fällt gegenüber dem Bergfried jedoch deutlich ab. Um die Repräsentativität des Turms zu erhöhen, wurde die minderwertige Ziegelformation durch aufwändige pietra-rasa-Verputzung kaschiert.
Zu Architekten, Baumeistern und Künstlern (Ausstattung) sind keine Nachrichten erhalten geblieben.
Daß eine aus dem späten Namen Burglehn zu erschließende Burgmannschaft funktionale Bezüge bis in die Zeit der Bgf.en besitzt, lässt sich annehmen.
Quellen
Siehe die Angaben zu dem Art. A. Leisnig.
Literatur
Baudisch, Susanne: Lokaler Adel in Nordwestsachsen. Siedlungs- und Herrschaftsstrukturen vom späten 11. bis zum 14. Jahrhundert, Köln 1999 (Geschichte und Politik in Sachsen, 10). – Billig, Gerhard: Zur topographischen Situation der Burg Leisnig in staufischer Zeit, in: Burgenforschung aus Sachsen 8 (1996) S. 33-45. – Billig, Gerhard: Der Bergfried der Burg Leisnig, in: Historische Bauforschung in Sachsen, Dresden 2000, S. 59-68. – Billig, Gerhard/Grässler, Ingolf: Der Turm im Burglehn der Burg Mildenstein/Leisnig, in: Jahrbuch der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen 14 (2006) S. 45-54. – Grässler, Ingolf: Zur zeitlichen Einordnung des Bergfriedes der Burg Mildenstein/Leisnig, in: Jahrbuch der staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten in Sachsen 6 (1998) S. 126-129. – Grässler, Ingolf/Schmidt, Thomas: Ergebnisse bauhistorischer Untersuchungen an der Burg Mildenstein/Leisnig: Tl. 1: Burglehn, Vorderschloss Süd- und Nordwestflügel und der Bergfried im hinteren Schlosshof, in: Burgenforschung aus Sachsen 17 (2004) S. 24-51, Tl. 2: Neu erschlossene Baubefunde in Vorder-, Mittel- und Hinterschloss, in: Burgenforschung aus Sachsen 21 (2008) S. 140-161. – Hingst, Carl Wilhelm: Leisnig. Schloß, Stadt und Amt vor fünfhundert Jahren, in: Mittheilungen des Geschichts- und Alterthums-Vereins zu Leisnig 2 (1871) S. 1-102. – Historisches Ortsnamenbuch von Sachsen, hg. von Ernst Eichler und Hans Walther, Berlin 2001. – Historisches Ortsverzeichnis von Sachsen. Neuausgabe, hg. von Karlheinz Blaschke, bearb. von Susanne Baudisch und Karlheinz Blaschke, Leipzig 2006 (Quellen und Materialien zur sächsischen Geschichte und Volkskunde, 2). – Kamprad, Johann: Leisnigker Chronica, oder Beschreibung der sehr alten Stadt Leisnigk […] beygefügt eine gleichmäßige Beschreibung oder Chronica der benachbarten Stadt Colditz, Leisnig 1753. – Kobuch, Manfred: Die Lehnsherrschaft der Burggrafen von Leisnig. Untersuchungen auf Grund der Lehnbücher der Burggrafen von Leisnig im Sächsischen Landeshauptarchiv Dresden, ungedr. Ms., Potsdam 1958. – Kobuch, Manfred: Zur städtischen Siedlungsverlagerung im Pleißenland. Der Fall Leisnig, in: Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege 35 (1992) S. 111-119. – Kobuch, Manfred: Leisnig im Tafelgüterverzeichnis des Römischen Königs, in: NASG 64 (1993) S. 29-60. – Kobuch, Manfred: Der Ortsname Leisnig, in: Abhandlungen der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Philologisch-Historische Klasse 73,4 (1994) S. 79-91. – Kobuch, Manfred: Leisnig im Hochmittelalter, in: Burgenforschung aus Sachsen 8 (1996) S. 11-32. – Kunze, Jens: Das Amt Leisnig als Teil des wettinischen Kommunikationssystems: Botendienste in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, in: NASG 73 (2003) S. 19-42. – Kunze, Jens: Das Amt Leisnig im 15. Jahrhundert: Verfassung, Wirtschaft, Alltag, Leipzig 2007 (Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde, 21). – Magirius, Heinrich: Die Kapelle St. Martin auf der Burg in Leisnig: Forschungen zur Gestalt und zum Gestaltwandel im Mittelalter, in: Denkmalpflege in Sachsen. Jahrbuch (2007) S. 6-17. – Schlesinger, Walter: Handbuch der historischen Stätten 8: Sachsen, Stuttgart 1965. – Wieczorek, Christine: Ergebnisse der archäologischen Untersuchung an der Burg Leisnig, in: Burgenforschung aus Sachsen 8 (1996) S. 63-69.