Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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LEISNIG

B. Leisnig

I.

L. gelangte 1147 als Teil aus dem Erbe Wiprechts von Groitzsch über den Bamberger Stiftsvogt Rapoto von Abenberg in staufischen Hausbesitz und wurde als Zentrum einer neu geschaffenen Bgft. vorgesehen. Im Zuge eines umfangr. Gütertausches zwischen den Staufern und Hzg. Heinrich dem Löwen wurde es 1158 in Reichsgut überführt dem Reichsland Pleißen angegliedert. Dabei kam es auch zur tatsächlichen Einrichtung der Bgft., als deren Amtsträger Ks. Friedrichs I. Barbarossa eine edelfreie Familie einsetzte, die bis 1365 in erblichem Besitz von Burg und Bgft. L. blieb. Umfang und ökonomische Potenz dieser Bgft. L. sind recht gut aus den späteren Aufzeichnungen über das daraus hervorgegangene meißnisch-sächsische Amt L. zu erkennen. Demnach lassen sich für mehr als 40 Dörfer im weiteren Bereich entlang der Freiberger Mulde Beziehungen zu L. nachweisen, die auf Strukturen der alten Bgft. zurückzuführen sind. Das kleinräumige Gebiet der Bgft. stieß im N und O bei Grimma, Oschatz und Döbeln an den wettinischen Herrschaftsbereich, im W schloß in unmittelbarer Nähe zu L. der Herrschaftsbereich der Herren von Colditz an und im S setzte der Sornziger Wald bei Hartha eine natürliche Grenze. Ihre reichsunmittelbare Stellung büßte die Bgft. L. bereits 1329 ein, als Kg. Ludwig der Bayer sie der Lehnshoheit der wettinischen Mgf.en von Meißen unterstellte. Das endgültige Ende als eigenständiges Herrschaftsgebiet markierte dann der milit. erzwungene Verkauf von Burg und Herrschaft L. an die Wettiner durch die Bgf.en Heinrich II. und Albrecht III. am 28. Juni 1365. Nach mehrfachen Verpfändungen an die Herren von Torgau, die Herren von Colditz die Herren von → Querfurt und die böhm. Herren von Riesenburg/z Rýzmburka wurde die Bgft. L. nach 1414 als landesherrliches Amt der Mgf.en von Meißen geführt.

Die Bgft. umfaßte jedoch nur einen Teil des Herrschaftsbereiches der Familie der Bgf.en von L. Diese führten nach dem Verlust L.s zwar Titel und Namen weiter, hatten aber schon zuvor – und auch später noch – weiteren ansehnlichen, z.T. reichsunmittelbaren Besitz erworben. Auf dieser Basis verlagerten sich Hofhaltung und Res.en der seit dem Beginn des 14. Jh.s herausgebildeten verschiedenen Linien bereits an andere Orte (Mutzschen, Rochsburg, → Penig). Das wichtigste Zentrum bildete bis zum Aussterben der Bgf.en von L. 1538 v.a. die 1327/28 aus dem Erbe der Bgf.en von Altenburg übernommene große Herrschaft Rochsburg-Penig, ab 1448 nur noch in → Penig. Aus den überlieferten Lehnbüchern der bgfl. Kanzlei vom Ende des 15. Jh.s geht zudem hervor, daß die Lehnsherrschaft der Bgf.en zu dieser Zeit erheblich über ihren eigtl. damaligen Besitz- und Herrschaftsraum hinausreichte. Dazu gehörten zahlr. Orte der ehem. vorübergehend in bgfl. Besitz befindlichen Herrschaften Lauterstein, Waldheim, Zschopau, Schwarzenberg und Mutzschen ebenso wie solche im Bereich der ehem. Bgft.en Altenburg, Döben und Groitzsch (jedoch keine der ehem. Bgft. L.).

II.

Über die Hofhaltung der Bgf.en zur Zeit ihrer Herrschaft über die Bgft. L. lassen sich mangels entspr. Quellen nur wenige Aussagen machen. Eine wichtige Rolle spielten jedenfalls die zur Burg L. gehörenden Burgmannen als bgfl. Dienstleute, die erstmals 1117 als castellani erwähnt und ab 1275 mit Hirdenius castellanus de Liznik, später mit weiteren Familien, auch namentlich bekannt werden. Sie hatten ihren Sitz vermutlich innerhalb des Burglehns im Bereich des Vorderschlosses und der Vorburg. Ebenfalls im Burgbereich angesiedelt waren verschiedene Amtsträger des Reiches wie die 1213 gen. Theodericus camerarius de Sytin und Hermanus advocatus imperatoris, die eine offenbar neben der bgfl. stehende ksl. Verwaltung ausübten. Auf den Ausbau einer bgfl. Verwaltungsorganisation deuten die ab der Mitte des 13. Jh.s in den Quellen zu greifenden advocatii und villici der Bgf.en hin, die in ihrem Namen auch die Gerichtsverhandlungen auf der Burg L. führten.

Auch für die Zeit des 15. und 16. Jh.s, als sich der Herrschaftsschwerpunkt auf → Penig konzentrierte, läßt sich kein umfassendes Bild eines Hofes zeichnen. Das liegt weniger an den Quellen, die für diese Zeit aufgrund der guten archivalischen Überlieferung reichlich – wenn auch nicht hofspezifisch – vorliegen, sondern vielmehr an ihrer bislang fehlenden systematischen Auswertung. Zudem muß wohl die bis um 1500 anhaltende ökonomische Schwäche und dementsprechend geringe Größe der bgfl. Hofhaltung in → Penig berücksichtigt werden, so daß kaum mit nennenswertem Personal und höfischer Ausstrahlung zu rechnen ist. 1483 mußte Bgf.in Johanna sogar einen Besuch ihrer Schwägerin Margaretha von Colditz (geb. von Wartenberg/z Vartmberka) wg. mangelnder Versorgungsmöglichkeiten abweisen. Diese Situation änderte sich erst mit den Einkünften, die die Bgf.en Hugo und Alexander durch ihre Dienste bei den Wettinern und Kg. Matthias Corvinus in Ungarn erzielten. Aus dieser Zeit berichten die überlieferten Korrespondenzen denn auch wieder von Besuchen der benachbarten Verwandtschaft auf → Penig, von den Aufwendungen Bgf. Hugos für Jagdhunde und Pferde sowie für seine Teilnahme an Turnieren und Festen der Wettiner und benachbarter Dynasten. Zugl. jedoch bezog seine Mutter Johanna von Colditz ein eigens neu erbautes Haus beim Magdalenerinnenkl. in Freiberg als Alterswohnsitz. Vermutlich bot das kleine Schloß in → Penig angesichts der wachsenden Familie ihres Sohnes nur beengten und den steigenden Ansprüchen nicht entspr. Wohnraum.

Neben seiner Funktion als Res. der Bgf.en blieb → Penig auch das Zentrum für die den Bgf.en zustehende Hochgerichtsbarkeit und ihren Lehnhof, der ihre aus verschiedenen Wurzeln erwachsenen, weit verzweigten Lehnshoheiten verwaltete. Die vielerorts mehrfach überlagerten und unübersichtlichen Herrschaftsansprüche provozierten wiederholt Übergriffe wettinischer Amtsträger auf die Rechte der Bgf.en und daraus folgende Kompetenzstreitigkeiten. Um dem zu begegnen, wurde die schriftliche Verwaltung der Lehen ab dem letzten Viertel des 15. Jh.s erheblich intensiviert und die Lehnsleute selbst korporativ in die Verantwortung gezogen, indem sie zu sog. »Landtagen« nach → Penig einberufen wurden. Mit der Führung der Kanzlei beauftragte man den aus Franken stammenden Juristen Thomas Hacke von Hochstadt (geb. um 1454, gest. nach 1508), der seit 1477 als Erzieher der Bgf.en Hugo und Alexander tätig war und nach 1478 zum Kanzler, einflußreichen Vertrauten und Ratgeber aufstieg. Seiner regen Tätigkeit ist eine durchgreifende Reorganisation und Inventur der Kanzlei zu verdanken, die sich heute in dem bedeutenden und in seiner Vollständigkeit aus dieser Zeit seltenen Bestand von überlieferten Kopialen, Registern, Missivenbüchern und Lehnbüchern niederschlägt.

Mit der Einrichtung der Bgft.en an Saale und Elbe im 12. Jh. waren verschiedene herrschaftliche Rechte verbunden. So auch das Münzrecht, das nachweislich durch die Bgf.en von L. im Namen des Reiches ausgeübt wurde. Davon zeugen verschiedene Funde von Brakteaten aus den Jahren 1296 bis 1298 ebenso wie schriftliche Erwähnungen von 1234 und 1303, die eine eigene Münzprägung zu L. vermuten lassen. Allerdings wurde den Bgf.en das Münzrecht vermutlich im Zusammenhang mit dem Verlust ihrer Reichsunmittelbarkeit 1329 wieder entzogen.

Eigene Bergbauinitiativen der Bgf.en sind erst für das 15. Jh. belegt. Zunächst waren sie Regalherren über den Zinnbergbau in der erzgebirgischen Herrschaft Schwarzenberg, die sie von 1356 bis 1422 besaßen. Später versuchten sie auch um → Penig nach Erzen zu graben. Allerdings erfüllte sich 1493 die Hoffnung auf Goldfunde nicht. Daneben traten die Bgf.en mit der Verbesserung ihrer finanziellen Situation um 1500 als Investoren in den Bergbau hervor. Hugo von L. besaß einige Anteile am Bergbau zu Wolkenstein, während sein Bruder Alexander sich 1516 bei der Begründung des Bergbaus im böhm. St. Joachimsthal/Jáchymov durch die Gf.en → Schlick engagierte.

Kurz vor 1192 gründete Bgf. Heinrich I. von L. vier Kilometer oberhalb von L. an der Freiberger Mulde das Kl. Buch, das er mit Mönchen aus dem Zisterzienserkl. Sittichenbach besetzte. Obwohl Buch als Hauskl. und Ort der bgfl. Grablege fungierte und von den Bgf.en noch bis ins 15. Jh. hinein durch Stiftungen und Schenkungen gefördert wurde, verzichteten sie auf vogteiliche Rechte daran, vermutlich zunächst zu Gunsten des Kg.s. Statt dessen übernahmen bereits ab 1234 und dann endgültig im 14. Jh. die Wettiner die Schutzherrschaft über Buch. Diese nutzten die Situation 1365 aus, um milit. in einen Streit zwischen dem Kl. und den Bgf.en einzugreifen und sie zum Verkauf der Bgft. L. zu zwingen.

Quellen

Registrum Dominorum Marchionum Missnensium. Verzeichnis der den Landgrafen in Thüringen und Meißen jährlich in den wettinischen Landen zustehenden Einkünfte (1378), hg. von Hans Beschorner, Leipzig u. a. 1933.

Battré, Herta: Beiträge zur Geschichte des Klosters Buch, Diss. Leipzig 1951. – Baudisch, Susanne: Lokaler Adel in Nordwestsachsen. Siedlungs- und Herrschaftsstrukturen vom späten 11. bis zum 14. Jahrhundert, Köln 1999. – Beil, Arthur: Burggräfin Johanna von Leisnig, in: Aus der Heimat für die Heimat, Beiblatt zum Burgstädter Anzeiger und Tageblatt 1925. – Bönhoff, Leo: Die Lehnshoheiten Leisnigs im Mittelalter, in: Mittheilungen des Geschichts- und Altertums-Vereins zu Leisnig 14 (1912) S. 54-66. – Fröbe, Walter, Stadt und Herrschaft Schwarzenberg bis zum 16. Jahrhundert (1150-1586), Schwarzenberg 1930. – Haupt, Walter: Sächsische Münzkunde, Bd. 1, Berlin 1974. – Hingst, Carl Wilhelm: Die adlige, bürger- und bäuerliche Bevölkerung der Stadt- und Amtsbezirke Leisnig und Döbeln im 13.-16. Jahrhundert, in: Mittheilungen des Geschichts- und Altertums-Vereins zu Leisnig 1 (1868) S. 1-43. – Hingst, Carl Wilhelm: Jahrbuch der Geschichte Leisnigs und seiner Umgebung, in: Leisnig in alter Zeit, Leisnig 1925, S. 94-182. – Kunze, Jens: Das Amt Leisnig im 15. Jahrhundert. Verfassung, Wirtschaft, Alltag, Leipzig 2007. – Kunze, Jens: Umfang und Verfassung des Amtes Leisnig, in: Wilhelm der Einäugige. Markgraf von Meißen (1346-1407), hg. von Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen und Verein für sächsische Landesgeschichte e.V., Dresden 2009, S. 160-172. – Rübsamen, Dieter: Kleine Herrschaftsträger im Pleissenland. Studien zur Geschichte des mitteldeutschen Adels im 13. Jahrhundert, Köln 1987.