ISENBURG
I.
Roneburg (1258); castrum Ranburg (1312); Roneburgk (1476); Ronneburgk (1550) – Höhenburg oberhalb des Dorfes Altwiedermus – Herrschaft → Büdingen, 1313 Kurmainzer Gericht Langendiebach, 1476 als Mainzer Lehen an die Gf.en von → Isenburg; – Schloß – Res. von 1523 bis 1601. – Hessen, Main-Kinzig-Kr., (seit 1971) Gmd. R.
II.
Die R., auf einer markanten Basaltkuppe (238 m NN) über dem Fallbachtal bei Alt-Wiedermus gelegen, dürfte spätestens zu Beginn des 13. Jh.s durch die Ebf.e von Mainz zur Sicherung ihres dortigen Besitzes, des späteren Gerichts (Langen-)Diebach, errichtet worden sein. Nicht auszuschließen ist die Beteiligung der Herren von → Büdingen als Vögte des Erzstifts, in deren Besitz die Burg gelangte. Deren Erben, die Herren von → Hohenlohe-Brauneck, veräußerten die Burg 1313 wieder an das Erzstift. Seit 1258 nennen sich ritterliche Burgmannen nach der R., 1317 ist ein Mainzer Amtmann erwähnt. 1327 kauften sich die Herren von Rokkenberg, eine begüterte Wetterauer Ministerialenfamilie, dort ein und ließen im Laufe der Zeit umfangr. Baumaßnahmen durchführen. Anschl. gelangten die Ritter von Kronberg am Taunus in den Pfandbesitz der Burg und investierten ebenfalls in deren Unterhaltung. 1407 konnte das Erzstift die R. wieder einlösen, um sie 1427 erneut zu verpfänden, diesmal an Reinhard II. von → Hanau. Auch die Interessen der → Isenburger richteten sich bei der Konsolidierung ihres Territoriums auf die in Sichtweite Büdingens gelegene Burg. Am 4. Juni 1476 übertrug Ebf. Diether schließlich seinem Bruder Gf. Ludwig II. die R. als Mainzer Lehen, als Entschädigung für die in der Stiftsfehde geleistete Hilfe und um drei an ihn verpfändete Ämter wieder dem Erzstift zuzuführen. Gf. Ludwig ließ die R. umgehend widerherstellen, ohne sie als Res. zu nutzen, sie blieb Verwaltungssitz. Ihre künftige Rolle erhielt sie dann bei den Teilungen ab 1517, was sich in der Benennung der Linie des Gf. Philipp ausdrückt. Die Burg wurde seit 1520 als Wohnung für den kranken Gf.en ausgebaut und er konnte sie mit seiner Frau 1523 beziehen, während sein Sohn (und Vormund) Anton, der im selben Jahr in die Ehe mit Elisabeth von Wied trat, in Schloß → Büdingen wohnte. Der Tod Philipps schuf schon 1526 eine andere Situation, seine Frau Amalie von → Rieneck zog in ihr Wittum → Wächtersbach. Erst später, seit 1538/39 begann Anton dann die R. im großen Stil auszubauen und für eine Hofhaltung mit den nötigen Wirtschaftsgebäuden zu versehen. Er selbst hat die Burg erst in seinen späteren Jahren für längere Zeit bewohnt, wg. seiner starken Gicht zog er das luftige Bergschloß den in der feuchten Niederung gelegenen Schlössern → Büdingen und → Wächtersbach vor. Mit Musikern und dem kurzzeitigen Wirken eines Druckers entfaltete der kleine Hof sogar eine gewisse kulturelle Blüte. Nach dem Tode Antons kam die Burg bei der Teilung 1565 an den dritten Sohn Heinrich, der sie zu dem beeindruckenden Renaissanceschloß ausbauen ließ, wie es heute noch in weiten Teilen erhalten ist. Das um 1566 gen. Hofgesinde zeigt exemplarisch den personellen Kernbestand einer kleinen Hofhaltung: an der Spitze stand der Amtmann, dem der Amtskeller und der Bgf. zu Seite standen, der Hofrichter beaufsichtigte Ställe und Scheunen, daneben ist ein Stubenknecht gen. An Hofhandwerkern gab es je einen Bäcker, Metzger, Küfer (Bender) und Schneider, als Burgbesatzung fungierten ein Türmer und zwei Pförtner. Zum »Frauenzimmer« gehörten Hofmeisterin, Hoffrau und Hofjungfrau sowie zwei Mägde. Aber das Bergschloß blieb ein isolierter Körper: es entwickelte sich daneben nicht einmal in Ansätzen eine Siedlung, so blieb man, etwa bei Spezialhandwerkern, von → Büdingen oder Gelnhausen abhängig. Die Kellerei mit geräumigen neuen Gebäuden, der auch der Bereich des aufgehobenen Kl.s Selbold zugeordnet war, entwickelte sich zu einer ökonomischen Verteilungsstelle, etwa hinsichtlich der Weine, die in dem mächtigen Keller des Bandhauses zusammengeführt wurden. Auch ein Kirchenbau war geplant, kam aber nicht zur Ausführung.
In der für das Gesamthaus unklaren Situation ließ Gf. Wolfgang Ernst nach dem Tode Heinrichs am 31. Mai 1601 die R. umgehend milit. besetzen, um seinen Erbanspruch zu behaupten. Er räumte die Burg dann aber der Wwe., Gf.in Elisabeth von → Gleichen, als Wittum ein und konnte daher erst nach deren Tod 1615 darüber verfügen. Die weiteren Schicksale der R., von einem verheerenden Brand 1620, dem Besitzwechsel zwischen den verschiedenen auf Wolfgang Ernst zurückgehenden Linien, bis zu ihrer Rolle als »Freistätte des Glaubens« im 18. Jh., sind hier nicht mehr zu schildern. Abgesehen von einer Episode 1730, als Gf. Wilhelm von → Isenburg-Wächtersbach die R. für einige Monate wieder bezog, hat das baulich so stolze Bergschloß als Res. für die Gf.enfamilie keine Bedeutung mehr gewonnen.
III.
Ursprgl. eine bescheidene Anlage innerhalb einer Ringmauer, die den Flanken eines Bergsporns folgt, der anstehende Basalt lieferte einen Teil des Steinmaterials. Vom ersten Bau, viell. mit Holzaufbauten, haben sich allenfalls im Keller des Saalbaus und in der untersten Zone der Kernmauern Reste erhalten. Doch dürfte der 96 m tiefe Brunnen mit exakt behauenen Sandsteinquadern aus der frühen Zeit stammen (Steinmetzzeichen). Ihre noch erkennbare Gestalt erhielt die Kernburg in der ersten Hälfte des 14. Jh.s, durch die Bautätigkeit der Pfandherren von Rockenberg. Damals wurde die äußere Wehrmauer um den Kern mit halbrunden Flankierungstürmen angelegt und auch der Bergfried stammt im unteren Teil aus dieser Zeit. V.a. wurde der heute als »Palas« bezeichnete massive Wohnbau errichtet, der später im obersten Geschoß einen zierlichen Kapellenerker erhielt. Andere Bauten, wie ein »Sommerhaus« vor der Burg, sind wieder verschwunden.
Der Übergang an I. 1476 als Mainzer Lehen bedeutete auch baulich einen Neubeginn. An der als buwefellig bezeichneten Anlage leitete Gf. Ludwig II. schon 1477 durch seine neue Bauhütte unter Meister Hans Kune die nötigen Maßnahmen ein. Die R. sollte zunächst als Amtsburg mit wirtschaftlichen Funktionen dienen, nun entstanden die nördlich an den Saalbau anschließenden schlichten Geschoßbauten, aber auch mehrere Treppentürme.
Als die zweckmäßig ausgebaute R. 1523 Wohnsitz des Gf.en Philipp wurde, waren damit zunächst keine auffälligen Veränderungen verbunden, das mittlere Tor am Brunnenhaus erhielt einen schön gestalteten Stein mit dem Allianzwappen → Isenburg-Rieneck. Die grundlegende Umgestaltung zu einem »festen Schloß« erfolgte unter Philipps Sohn, Gf. Anton, ab etwa 1527 in mehreren Etappen. V.a. wurde die Kernburg durch eine ausgedehnte Vorburg erweitert, die zum einen mit breiten Zwingern und Geschütztürmen der fortifikatorischen Entwicklung Rechnung trugt, zum andern eine Reihe von Ökonomiegebäuden aufnahm, die für eine Hofhaltung in der isolierten Res. erforderlich waren. Der erste Mauerabschnitt wurde 1538 mit dem äußeren Torbau geschlossen, ab 1549 entstanden, mit längeren Unterbrechungen, die großen Stallungen (Reis-Stall und Marstall, heute Restaurant), ein Schlachthaus und schließlich 1554/55 das Bandhaus mit einem 25 m langen Weinkeller. Die Kernburg wurde zum Wohnschloß umgestaltet, so mit der wappengeschmückten »Großen Hofstube« von 1546. Baudatierungen und Inschriften, manche in Versform, stellen in ihrer Häufigkeit eine kulturhistorische Besonderheit dar und lassen die Baufolge gut erkennen.
Antons jüngster Sohn, Gf. Heinrich (1537-1601) leitete seit 1565 neue großzügige Ausbauten ein. Die Bauphasen folgen seiner Lebensplanung. Anläßlich der Heimführung seiner Braut Maria von → Rappoltstein aus dem Elsaß wurde 1570 über der oberen Tordurchfahrt ein Gebäude für die Frauengemächer errichtet, das einen prachtvollen Wappenerker erhielt. Baumeister war Conrad Leonhard aus Franken, der zuvor am Oberhof in → Büdingen tätig war. Nach dem frühen Tod Marias ging Heinrich 1572 eine zweite Ehe mit Elisabeth aus dem Thüringer Gf.enhaus → Gleichen-Tonna ein. Nach einer Planänderung schritt das Paar zum Neubau des viergeschossigen Nordflügels, Herrenbau gen. (heute »Kemenatenbau«), der allen Wohnkomfort der Zeit bot und im Innern mit einer Folge von Malereien versehen wurde. Werkmeister am Bau, der 1575 unter Dach und Fach stand, war Georg Münster, der auch am Kelsterbacher Schloß zu finden ist. Auch der Maurer Jacob Stupanus aus dem Alpenraum hat auf beiden Großbaustellen gearbeitet. Als Krönung des Baugeschehens erhielt der Bergfried 1576 seine charakteristische »welsche Haube« nach einem Entwurf des flämischen Architekten Jörg Robin, Hofbaumeister in Mainz. Nach dem Tode Heinrichs 1601 diente die Burg seiner Frau noch einige Jahre als Witwensitz, erfuhr dann wechselvolle Schicksale, wobei sie baulich immer mehr vernachlässigt wurde, bis es im 19. Jh. sogar zu größeren Abbrüchen kam. Um 1900 durch die Jugend- und Wanderbewegung wieder entdeckt, konnten erst die Sanierungen und Restaurierungen unserer Tage dem Bauwerk wieder etwas von seinem alten Glanz zurückgeben.
Literatur
Decker, Klaus-Peter: Die Ronneburg bei Büdingen, in: Burgen in Deutschland, hg. von Uwe A. Oster, Darmstadt 2006, S. 131-138. – Decker, Klaus-Peter/Grossmann, G. Ulrich: Die Ronneburg, 2. Aufl., Regensburg 2003 (Burgen, Schlösser und Wehrbauten in Europa, 6). – Kling, Burkhard: Die Ronneburg, München u. a. 1993 (Große Baudenkmäler, 471). – Kunstdenkmäler im Großherzogtum Hessen. Provinz Oberhessen. Kreis Büdingen, bearb. von Heinrich Wagner, Darmstadt 1890, S. 256-266. – Niess, Peter: Die Ronneburg. Eine Fürstlich Ysenburgische Burg und ihre Baugeschichte, Braubach 1936. – Niess, Peter: Die Ronneburg, in: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins Gießen. NF 33 (1936) S. 191-244. – Niess, Peter: Die Ronneburger Fresken, in: Hessische Heimat 6,2 (1956) S. 41-44.