ISENBERG-LIMBURG
I.
Namengebend war der im südlichen Ruhrgebiet liegende Stammsitz → Isenburg bei Hattingen an der Ruhr (Kr. Ennepe-Ruhr, NRW). Etymologisch läßt sich der Name ›Isenberg‹ von ›Isen‹ (Eisen) ableiten, was möglicherw. auf die frühe Rohstoffgewinnung von Eisen in der Umgebung verweist. Als möglicher Ahnherr wird in der Literatur häufig Kg. Herminafried von Thüringen (gest. 534) angegeben. Die Forschung tendiert jedoch dazu, Erenfried (Ezzo) I. (866-904), Gf. im Wormsgau, als konkreten Spitzenahn zu benennen. Von ihm leiten sich die Ezzonen sowie die Gf.en von Saffenberg und von Berg ab. Letztere gelten seit 1160/61 als Ursprungsgeschlecht der Gf.en von der Mark und der Gf.en von Altena. Die Linie Altena bezeichnete sich nach ihrer neuen Res. auf der wahrscheinlich zur Mitte des 12. Jh.s erbauten gleichnamigen südwestfälischen Höhenburg. Ende des 12. Jh.s. spaltete sich von dieser Linie nochmals der Zweig Altena-I. und von diesem zur Mitte des 13. Jh.s der Zweig I.-L. ab. Seit dem Ende des 13. Jh.s nannte sich das Gf.haus nur noch »von Limburg«.
II.
Die I.er Vogteigüter umfaßten mehr als 1400 Hufen, die hauptsächlich zum Stift Essen, zum Stift Rellinghausen bei Essen und zum Kl. Werden gehörten. Die Kontrolle über diese Vogteigüter gestaltete sich für Friedrich II. von I. (geb. um 1190, gest. 1226) von seiner neuen, bes. verkehrsgünstig auf einem Bergrücken oberhalb der Ruhr bei Hattingen gelegenen Burg aus wesentlich einfacher. Er geriet in Konflikt mit seinem Verwandten, dem Kölner Ebf. Engelbert I. von Berg, der versuchte, die Vogteien des westfälischen Adels in den Besitz des Ebm.s Köln zu bringen.
Das im Verlauf des 13. Jh.s entstandene Gft. L., die im Gebiet zwischen der unteren Lenne und ihrer Mündung in die Ruhr entstand, umfaßte auch einen Teil der um 1220 in einer Lehnrolle im Besitz des Gf.en Friedrich II. von I. gen., aber nicht genau verifizierbare Oestrich (cometia Osteric). Im N und S wurde das Territorium L. von der Gft. Mark, im O durch die Gft. → Arnsberg bzw. ab 1368 durch das das Hzm. Westfalen sowie im W durch das kurkölnische Gebiet begrenzt. Eine weitere, anläßlich des Regierungsantritts Gf. Dietrichs IV. 1364 angelegte und bis zu seinem Tod 1401 geführte Lehnrolle verzeichnete 160 der innerhalb und außerhalb des Territoriums verstreut liegenden Lehngüter sowie die vorgenommenen Belehnungen.
Der Lehnbesitz der Gf.en von I.-L. blieb auch im späten MA hauptsächlich Streubesitz im Hellweg-Raum, im Umfeld der Reichsstadt Dortmund, im Gebiet der unteren Ruhr bei Mülheim, am Niederrhein, im Münsterland und im Bergischen Land. Im Verlauf des 13. und 14. Jh.s erreichte das Geschlecht durch Heiraten, Erwerbungen und Erbfälle eine Vergrößerung des Besitzes. Die wichtigsten Zugewinne waren die Herrschaften → Styrum (1271) und Broich (1372), beide bei Mülheim an der Ruhr gelegen, sowie die beiden niederrheinischen Herrschaften und Burgen Bedburg und Hackenbroich (1422). In ihren Territorien übten die Gf.en von I.-L. seit 1250 bis Anfang des 16. Jh.s auch das Münzrecht aus. In der Regierungszeit Gf. Dietrichs I. von I.-L. vollzogen sich die wichtigsten politischen Entwicklungen, die das zugehörige Territorium prägten. Eine von den bergischen Lehnherren möglichst eigenständige Politik gelang jedoch nicht.
Einige wenige Mitglieder des Hauses I. nahmen hohe kirchliche Ämter im Bm. Münster (Bf. von Münster: 1219-1226 Dietrich III.) sowie im Bm. Osnabrück (Bf. von Osnabrück: 1239-1250 Engelbert I., 1251-1258 Bruno) ein.
III.
Seit 1242 siegelten die Gf.en von I.-L. mit der »Isenberger Rose«, eine mehrblättrige rote Rose, die bereits von den Vorfahren aus dem Haus Altena-Mark verwendet wurde. Die Rose verwies auf den Gründungsmythos dieses Geschlechts, der sie angeblich auf die römische Adelsfamilie Orsini zurückführte. Das im Hause I.-L. ab 1279 nach dem Aussterben der verwandten Hzg.e von L. im Mannesstamm eingeführte und parallel zur »Isenberger Rose« verwendete Wappen führte einen roten, teilw. blau bewehrten und bekrönten doppelschwänzigen Löwen auf silbernem bzw. weißem Grund. Das Löwenwappen lebte seit 1911 als offizielles Wappen der 1903 mit Stadtrechten versehenen und bis 1975 selbständigen Stadt Hohenlimburg bei Hagen weiter; bis dahin befand es sich auch im Wappen des damals aufgelösten Ldkr. Iserlohn.
Im benachbarten Elsey befand sich bis zum Ende des Alten Reichs ein Frauenkl., dessen Vorgeschichte bis in das 13. Jh. zurückreichte und eng mit den Gf.en von I. sowie den ihnen in der Gft. L. nachfolgenden Geschlechtern verbunden war. In der Stiftskirche befindet sich die Grablege der 1458 erloschenen Gf.en von I.-L. sowie der männlicherseits 1626 ausgestorbenen Gf.en von → Bentheim-L.
IV.
Am 7. Nov. 1225 kam es zu einem reichsweit beachteten Ereignis, das über Jh.e hinweg die politische und territoriale Situation an Volme, Lenne und Ruhr bestimmte. Gf. Friedrich II. von I. (geb. um 1190, gest. 1226) versuchte einen seit längerer Zeit schwelenden Konflikt mit seinem Verwandten, dem Kölner Ebf. Engelbert von Berg (geb. 1185/86, gest. 1225), um Vogteirechte zu seinen Gunsten zu entscheiden. In der Forschung herrscht allg. Konsens darüber, daß Friedrich II. eine Oppositionsbewegung westfälischer Adeliger gegen den Ebf. von Köln anführte. In einem Hohlweg bei Gevelsberg, westlich von Hagen, den der Ebf. und seine Begleitung auf dem Rückweg von einem Landtag in Soest nach Köln durchqueren mußte, fand der Überfall statt. Die Situation eskalierte, als sich der Ebf. offenbar zur Wehr setzte und wohl im Handgemenge durch zahlr. Schwerthiebe und Messerstiche getötet wurde. Für das Ebm. Köln und für die päpstliche Kurie in Rom galt dieser Vorfall als vorsätzlich geplanter Mord. Friedrich II. von I. wurde vom Papst und vom Ks. geächtet, seine Mitverschwörer verfolgt, getötet und all ihrer Besitztümer entzogen. 1226 wurde Friedrich II. von I. vor dem Severinstor in Köln hingerichtet, der Stammsitz → Isenburg zerstört. Den Besitz des Hauses I. teilten sich das Ebm.er Köln und die verwandten Gf.en von der Mark. Zur Sicherung seiner Territorien ließ Gf. Adolf I. von der Mark nur wenige Kilometer von der zerstörten Isenburg bereits 1226 Burg Blankenstein auf einer an drei Seiten steil abfallenden Bergkuppe oberhalb der Ruhr errichten. In seiner 1357/58 entstandenen annalistischen »Chronik der Gf.en von der Mark« (Chronicon comitum de Marka) vermutet der märkische Chronist Levold von Northof als Grund für die Errichtung der Burg, den herrenlosen ehem. Dienstleuten und Hintersassen des Gf.en von Isenberg »eine Zufluchtsstätte« zu bieten. Der Hauptgrund für die Errichtung von Burg Blankenstein, die heute der Stadt Bochum gehört, war offenbar aber die Verhinderung einer möglichen Rückkehr der Gf. von I. sowie die Neuerrichtung der → Isenburg.
Der erneute Aufstieg des Hauses Isenberg gelang jedoch schon in der nachfolgenden Generation. Dietrich I. (geb. um 1215, gest. um 1301), ältester Sohn Friedrichs II. aus der Ehe mit Sophia, Tochter Hzg. Walrams von L. a. d. Maas, übertrug am 17. Juli 1242 eine als Limburg bezeichnete Befestigung an der Lenne sowie mehrere Güter an seinen Onkel, Hzg. Heinrich IV. von Limburg a. d. Maas, seit 1225 auch Gf. von Berg, um sie von diesem als Lehen des Hauses Berg zurück zu empfangen. Mit der Belehnung konnte sich Dietrich I. von I., der sich ab 1246 auch nach seiner Burganlage L. an der Lenne benannte, die politische Unterstützung seines mächtigen Verwandten sichern.
Durch die Errichtung einer als Neu-Isenburg bezeichneten Anlage bei Essen dokumentierte Dietrich I. seinen Anspruch auf die familiären Vogteirechte über die Reichsabteien Werden und Essen. Seine zweite Anlage L. an der Lenne wiederum befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Kl.s Elsey, das nach 1220 von seinem Vater Friedrich II. von I. als Familienstiftung angelegt wurde. Beide Burgen sollten offenbar die Eckpfeiler der von Dietrich I. angestrebten Rückeroberung der nach 1225 eingezogenen Besitzungen bilden. Nach einem Vergleich zwischen Gf. Adolf I. von der Mark und Gf. Dietrich I. von I.-L. am 1. Mai 1243 und den beigelegten Auseinandersetzungen zwischen Hzg. Heinrich IV. von L. und dem Kölner Ebf. Konrad I. von (Are-)Hochstaden, konnte Dietrich I. teilw. das väterliche Erbe als Grundlage für den Wiederaufstieg seiner Familie zurückgewinnen.
Die politische Lage im Rheinland und in Westfalen wurde im letzten Viertel des 13. Jh.s von reichs- und landespolitischen Konflikten bestimmt. Zwischen dem Ebm. Köln auf der einen und den aufstrebenden Gf.en von der Mark auf der anderen Seite kam es seit 1270 immer wieder zu Auseinandersetzungen. Der Ausbruch des »Limburger Erbfolgestreits« um die Nachfolge im Hzm. Limburg a. d. Maas verschärfte ab 1283 die offenen Gegensätze zwischen Kurköln und Brabant sowie den jeweiligen Verbündeten. Hzg. Johann I. von Brabant wurde von den Häusern Mark, Kleve und Berg sowie von der Stadt Köln unterstützt. Obwohl Gf. Adolf V. von Berg auf Seiten Brabants kämpfte, unterstützte Dietrich I. von I.-L. die Interessen des Kölner Ebf.s, dessen Anlage Raffenburg direkt gegenüber seiner eigenen Befestigung L. lag. Aus politischen Überlegungen eroberte Eberhard I. von der Mark im Frühjahr 1288 dann auch zunächst die Burg L., bevor er die benachbarte kölnische Raffenburg belagerte sowie im Ruhrtal die kölnischen Befestigungen Syburg, Volmarstein und Neu-Isenburg einnahm. Die Familie des damals bereits über 70-jährigen Dietrich I. von I.-L. flüchtete auf Burg → Styrum bei Mülheim an der Ruhr, die nun zur Res. ausgebaut und stärker befestigt wurde. Bei Worringen wurde der »Limburger Erbfolgestreit« in einer der größten Schlachten des europ. MAs am 5. Juni 1288 zugunsten Brabants entschieden. Die mit Brabant verbündeten Gf.en von der Mark stiegen im Anschluß daran zu den mächtigsten Landesherren in Westfalen auf.
Zur Jahreswende 1299/1300 eroberte der Ritter Sobbo de Svirte (auch de Altena) die damals bereits seit zehn Jahren von märkischen Truppen besetzte Burg L. zurück. Sobbo de Svirte gehörte bis 1296 zu den Ministerialen des Gf.en Eberhard I. von der Mark. Nach einem Zerwürfnis, das zum Verlust seines bei Schwerte gelegenen Familienbesitzes führte, schlug er sich auf die (gegnerische) Seite des Kölner Ebf.s. Die Eroberung der Anlage L. löste eine neue Fehde zwischen dem Kölner Ebf. und Gf. Eberhard I. von der Mark aus. Im Mai 1300 errichtete der märkische Gf. gegenüber der L. ein (bisher nicht lokalisiertes) Belagerungskastell, um die Rückgabe der Burganlage zu erzwingen. Burg und Gft. L. gelangten allerdings erst i.J. 1304 an die Gf.en von I.-L. zurück.
Gegen Ende des 14. Jh.s bestand das Haus I.-L. aus drei Familienzweigen: Die ältere Hauptlinie I.-L. in der Gft. L. an der Lenne sowie die beiden im 13. Jh. abgeteilten Nebenlinien → L.-Styrum und → L.-Broich in den Herrschaften → Styrum und Broich bei Mülheim an der unteren Ruhr. Auf Seiten ihres Lehnherren Wilhelm I. von Berg beteiligten sich Angehörige aller drei Linien an der 1397 ausgebrochenen Fehde gegen Gf. Dietrich II. von der Mark. In der Schlacht bei Kleverhamm vor den Toren der Res.stadt Kleve erlitt die bergische Partei am 7. Juni 1397 eine vernichtende Niederlage, die für Hzg. Wilhelm I. von Berg und seine Verbündeten schwerwiegende Folgen hatte. Allerdings war die Fehde damit noch nicht beendet, da Gf. Adolf von der Mark seine milit. Aktivitäten gegen das Hzm. Berg intensivierte. Der Machtzuwachs im Hause Mark rief weitere weltliche und geistliche Landesherren auf den Plan, die auf der einen oder anderen Fehde führende Seite versuchten, ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Erst 1399 kam es zur Aussöhnung zwischen den Gf.en von der Mark und dem Hzg. von Berg. Nach dem Erlöschen des Gf.enhauses von I.-L. 1458 in männlicher Folge, gelangte das zugehörige Territorium an die Seitenlinie L.-Broich (ausgestorben 1511) sowie nacheinander an die beiden rheinischen Adelsgeschlechter Daun-Falkenstein und → Neuenahr.
Die Regentschaft der Gf.en von Daun-Falkenstein ab 1511 blieb jedoch ein Intermezzo, das sich lediglich über eine Generation erstreckte. Durch die 1542 geschlossene Ehe Gumprechts IV. von Neuenahr mit der Erbin Amöna von Daun-Falkenstein gelangte die Gft. L. letztlich in den Besitz des Hauses Neuenahr. Nach dem Tod des letzten männlichen Vertreters, Adolf von Neuenahr-Alpen (geb. 1549, gest. 1589), erbte seine Schwester Magdalena (geb. 1551, gest. 1627) und brachte durch ihre Heirat mit Arnold von → Bentheim u. a. die Gft. L. in das westfälische Geschlecht der Gf.en von Bentheim ein.
Quellen
Bentheim-Tecklenburg-Rheda, Moritz von: Die kleine, ältere Vogteirolle der Grafen von Isenberg-Altena vor 1220, Rheda 1957. – Hulshoff, Adam Lambert: Die Geschichte der Grafen und Herren von Limburg und Limburg-Styrum und ihrer Besitzungen 1200-1550. 3 Bde., Assen u. a. 1963. – Urkunden und Akten der Neuenahrer Herrschaften und Besitzungen Alpen, Bedburg, Hackenbroich, Helpenstein, Linnep, Wevelinghoven und Wülfrath sowie der Erbvogtei Köln, bearb. von Günter Aders, Köln 1977 (Inventare der nichtstaatliche Archive, 21).
Literatur
Blank, Ralf/Marra, Stephanie/Sollbach, Gerhard E.: Hagen. Geschichte einer Großstadt und ihrer Region, Essen 2008. – Klueting, Edeltraut: Das (freiweltliche) adelige Damenstift Elsey. Geschichte, Verfassung und Grundherrschaft in Spätmittelalter und Frühneuzeit, Altena 1980 (Altenaer Beiträge, 14). – Klueting, Harm: »Daß sie ein Abspliß von der Grafschaft Mark ist, daran ist kein Zweifel«. Die Grafschaft Limburg vom 13. bis zum 19. Jahrhundert. Mit einem Exkurs über die Anfänge der Freiheit Limburg, in: Jahrbuch des Vereins für Orts- und Heimatkunde in der Grafschaft Mark 93/94 (1995) S. 63-126. – Marra, Stephanie: Allianzen des Adels. Dynastisches Handeln im Grafenhaus Bentheim im 16. und 17. Jahrhundert, Köln u. a. 2007. – Marra, Stephanie: Gräfin Johannetta Elisabeth von Bentheim (1592-1654). Witwenherrschaft und Vormundschaftsregierung im Dreißigjährigen Krieg, in: Witwenschaft in der Frühen Neuzeit. Fürstliche und adlige Witwen zwischen Fremd- und Selbstbestimmung, hg. von Martina Schattkowsky, Leipzig 2003 (Schriften zur Sächsischen Geschichte und Volkskunde, 6), S. 227-248. – Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in der Grafschaft Limburg. Ausstellungskatalog der Dresdner Bank AG, bearb. von Harm Klueting, o. O. o. J. [Hagen 1980]. – Sollbach, Gerhard E.: Der gewaltsame Tod des Erzbischofs Engelbert I. von Köln am 7. November 1225. Ein mittelalterlicher Kriminalfall, in: Jahrbuch des Vereins für Orts- und Heimatkunde in der Grafschaft Mark 93/94 (1995) S. 7-49.