BEICHLINGEN
I.
Bichelingen (860/12. Jh.), urbs Bichlingi (1014). Der am Nordrand des Thüringer Bekkens gelegene Ort B. befand sich seit dem 9. Jh. in Fuldaer Besitz. Burg B. war ab der zweiten Hälfte des 11. Jh.s herrschaftlicher Bezugspunkt der gleichnamigen Gft. und später Res. der nach ihr benannten Gf.enfamilie. Von deren erstem Auftreten 1141 an bis 1519 diente Burg B. als Hauptsitz des im Nordthüringer Raum begüterten Gf.engeschlechts. Die frühmoderne Geschichtsschreibung verlegt die Erbauung der Burg fälschlicherweise in das 4. Jh. oder verknüpft sie mit einer römischen Gründungslegende. Während ihrer Frühgeschichte hatte die Burg diverse Besitzerwechsel erfahren. Erstmals wird eine Burg i.J. 1014 erwähnt, als Gf. Wirinhar, ein Vetter des Bf.s Thietmar von Merseburg, die adelige und ks.nahe Besitzerin der Burg, Reinhilda, entführte (ad urbem Bichlingi vocatam). Anschl. befand sich die Burg wohl im Besitz der Mgf.en von Meißen. Im Zusammenhang mit den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Heinrich IV. und dem Mgf.en Dedi wurde Burg B. 1069 vom kgl. Heer eingenommen, gelangte danach aber erneut an das Mgf.enhaus. Kuno von Northeim (erm. 1103), ein Sohn des Gf.en Otto von Northeim, trägt als Erster 1061/62 den Titel eines Gf.en von B. Dessen Wwe. Kunigunde aus dem Haus Weimar (gest. 1140), die in weiterer Ehe mit Wipprecht II. d.Ä. von Groitzsch verh. war und die aus ihren insgesamt drei Ehen Töchter besaß, hält offenbar zuletzt Burg und Gft. B. in ihren Händen, bevor die Gf.en von B. als deren Inhaber auftreten.
II.
In dem von der Unstrut durchflossenen Gebiet zwischen den Höhenzügen Hainleite und Finne (nördliches Thüringen) lag die Gft. B. Der im Verlauf des 16. Jh.s zum Schloß ausgebaute Herrschaftssitz befindet sich am Südwesthang der Finne und war in ma. Zeit aufgrund seiner Lage von strategisch hervorragender Bedeutung für die Kontrollierung des nördlichen Thüringer Beckens. Mit ihrem nach S gerichteten Flußlauf unterbricht die Unstrut hier die beiden in Ost-West-Richtung verlaufenden Höhenzüge und schafft damit eine Verbindung zwischen den beiden Senkenlandschaften des Thüringer Beckens und der »Goldenen Aue«. Schloß B. liegt an einem Hügel oberhalb des gleichnamigen Ortes und öffnet sich nach S in die Ebene des Thüringer Beckens. Zur Entstehung einer Res.stadt kam es nicht. Einziger städtischer und zugl. kirchlich-monastischer Bezugspunkt der kleinen Gft. war das 5 km entfernte Kölleda. Der Aufstieg der Beichlinger Gf.en vollzog sich durch den Erwerb weiterer Herrschaftsrechte (darunter auch Städte) ab dem Beginn des 13. Jh.s, so daß es zur Ausbildung zweier Hauptlinien mit unterschiedlichen Res.en kam (B. und → Rothenburg). Nach einer im ausgehenden 13. Jh. verabredeten Erbteilung traten im Beichlinger Stammbesitz die Söhne des Gf.en Friedrich V. (gest. 1287) die Herrschaftsnachfolge an. Nach dem Verlust etlicher Herrschaftsrechte im Verlauf des späteren MAs bildete B. ab dem 15. Jh. den alleinigen Herrschaftssitz des Gf.enhauses. Den Ausbau der Burg zum Schloß betrieb im angehenden 16. Jh. Gf. Adam von B. (gest. 1538), der seine Familienstammgüter dem kursächsischen Hofbeamten und ksl. Erbkammertorhüter Hans von Werthern (1443-1533) verkaufte. Gf. Adam bezog anschl. mit seiner aus dem hessischen Lgf.enhaus stammenden Gattin Katharina auf der Kraynburg (an der Werra) Res. Von seinen neuen Besitzern, den Frh.en, später Gf.en von Werthern, wurde das Schloß im weiteren Verlauf des 16. Jh.s im Renaissancestil ausgebaut und anschl. bis 1945 als Res. bzw. zu Wohnzwecken genutzt. Die Integration B.s in den albertinischen Lehensverband und somit in das albertinische Thüringen (bis 1815) hatte dessen anschließende Zugehörigkeit zur preußischen Provinz Sachsen zur Folge.
III.
Die Gesamtanlage besteht aus einer Vorburg und einer Kernburg. Der Zugang befand sich ursprgl. wohl an der Nordostseite, die durch einen Graben geschützt ist. Die frühe Baugeschichte der Burg ist nicht systematisch erforscht. Ihr Ausbau zur Res. muß parallel zur Erweiterung des gfl. Herrschaftsbereiches im 12. und 13. Jh. verlaufen sein. Seine heutige Gestalt erhielt das Schloß im Rahmen mehrerer Umbauphasen im Verlauf des 16. Jh.s, als Neu- und Umbauten mit repräsentativen epigraphischen und heraldischen Schmuckelementen im Renaissancestil folgten. Eine Inschrift aus dem Jahr 1553 mit historisch legendären Nachrichten zur Baugeschichte von Burg B. und zum Herkunftsmythos der gleichnamigen Gf.en nennt den italienerfahrenen Wolfgang von Werthern (1519-1583) als den Inititator des über dem Haupttor aufsteigenden und wohl für Verwaltungszwecke genutzten Torgebäudes, dessen Außenfassade und Giebelwerk im ital. Renaissancestil gestaltet sind. Weitere epigraphische Schmuckelemente mit Engelsverzierungen kamen aus der Hand des Erfurter Künstlers Hans Friedemann 1622 hinzu. In die erste Hälfte des 16. Jh.s fällt der Ausbau der dahinter liegenden Vorburg mit Wirtschaftsbauten. Die Werkstatt der Erfurter Familie Friedemann führte wahrscheinlich auch die künstl. Ausgestaltung der Innenräume (Decken- und Wandbemalungen, Stuck) des repräsentativen, dreistökkigen und im Westteil der Hauptburg gelegenen Wohnbaues aus, welcher mit seinem hoch aufragenden Giebelwerk als »Hohes Haus« bezeichnet wird und in seiner massiven Architektur an spätma. Wohntürme vom Typ des Donjon erinnert. Mit einer Mauerstärke von 2,4 m (nach oben hin abnehmend) und ca. 32 x 18 m Seitenlänge dominiert dieser Wohnbau das Schlossensemble. Dessen Erbauung wird von der älteren Forschung in das hohe MA verlegt, während neuere Studien insbes. die runden Ecken als Indiz für eine jüngere Erbauungszeit heranziehen (nach Strickhausen um 1350). Eine weitere Umbauphase folgte unter dem Gf.en Adam von B. um 1500 (Wendeltreppe, Innenarchitektur, Dach). 1592 kam das epigraphisch sowie heraldisch geschmückte und mit Pilastern versehene Renaissanceportal hinzu, welches mit einer weiteren Wappeninschrift ursprgl. am »Hohen Haus« angebracht war (heute am »Neuen Schloß«). Die mit aufwendig verzierten Reliefdarstellungen ausgeschmückte Schloßkapelle, deren Erbauungszeit umstritten ist (entweder in der ersten Umbauphase am Beginn des 16. Jh.s oder wesentlich später), diente auch als Grablege für Mitglieder der wertherschen Familie. Sie ist über eine wohl im 18. Jh. hinzu gebaute Fachwerkbrücke mit einem weiteren zu Wohnzwecken genutzten Gebäudeteil (»Neues Schloß«) verbunden. Hier befindet sich auch eine kleine, wahrscheinlich im 16. Jh. geschaffene Gartenanlage. Im O der Kernburg befindet sich darüber hinaus ein zur wirtschaftlichen Versorgung des gfl. Hofes verwendetes Gebäude. Nach dem baulichen Niedergang im Verlauf des 18. Jh.s erfolgten größere Restaurierungs- und Instandsetzungsmaßnahmen ab der zweiten Hälfte des 19. Jh.s, die mit dem Neu- bzw. Umbau einzelner Gebäude ihren Abschluß fanden.
Literatur
Bechler, Lothar: Schloß Beichlingen. Ein Schloßführer, Weißensee 1999. – Bechler, Lothar: Renaissancekunst auf Schloß Beichlingen, in: Burgen und Schlösser in Thüringen (1996) S. 63-69. – Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Eckartsberga, unter Mitw. von Heinrich Otte, bearb. von Gustav von Sommer, Halle a.d.S. 1883 (Beschreibende Darstellung der älteren Bau und Kunstdenkmäler der Provinz Sachsen und angrenzender Gebiete, 9) [S. 7-10]. – Jäger, Franz: Renaissance-Inschriften am Schloß zu Beichlingen, in: Burgen und Schlösser in Thüringen (1999/2000) S. 79-92. – Kneschke, Ernst Heinrich: Art. »Werthern«, in: Neues allgemeines Deutsches Adels-Lexicon IX, 1870, ND Hildesheim 1996, S. 539-546. – Leitzmann, J.: Diplomatische Geschichte der ehemaligen Grafen von Beichlingen, in: Zeitschrift des Vereins für Thüringische Geschichte und Alterthumskunde 8 (1871) S. 177-242. – Martin, J.: Die Historie des Schlosses Beichlingen, Beichlingen 1990. – Neuss, Erich: Art. »Beichlingen«, in: Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, Band 11: Provinz Sachsen-Anhalt, 2. Aufl., Stuttgart 1987, S. 35. – Patze, Hans: Politische Geschichte im hohen und späten Mittelalter, in: Geschichte Thüringens, hg. von Hans Patze und Walter Schlesinger, Bd. 2,1: Hohes und Spätes Mittelalter, Köln, Wien 1974 (Mitteldeutsche Forschungen 48/II, 1), S. 1-214 [S. 179-183]. – Pludra, Heiko: Rundungen statt Ecken. Zu den Thüringer Burgen der Grafen von Beichlingen, von Honstein und von Schwarzburg im 14. Jahrhundert, in: Burgen und Schlösser in Thüringen (1999/2000) S. 41-67. – Strickhausen, Gerd: Beobachtungen zur älteren Baugeschichte des Hohen Hauses auf Schloß Beichlingen, in: Von der Burg zum Schloß. Landesherrlicher und Adeliger Profanbau in Thüringen im 15. und 16. Jahrhundert, hg. von Heiko Lass, Jena 2001, S. 67-93.