IJSSELSTEIN
I.
IJ., das »steinernes Gebäude an der IJssel« bedeutet, war eine Wasserburg im SW der heutigen Provinz Utrecht an der Hollandse IJssel.
II.
Die Burg liegt unweit vom Deich am Ufer der holländischen IJssel im Moorgebiet der Utrecht-holländischen Niederung. Dieses Moorgebiet wurde viell. schon ab der Mitte des 11. Jh.s unter Bf. Wilhelm von Utrecht (1054-1076) in langen Parzellen mit Entwässerungsgräben dazwischen urbar gemacht, mit den Rechten einer sog. »Cope« (= Kauf). Die Gerichtsbezirke Benscop und Noord-Polsbroek, über die die Herren von Amstel und nach ihnen die Herren von IJ. von alters her verfügten, waren »Cope«-Bezirke, das heißt, das die Inhaber frei über ihre Grundstücke verfügen konnten und dem Landesherrn jährl. nur einen kleinen Rekognitionszins schuldeten.
Es ist anzunehmen, daß es schon vor der Zeit der Urbarmachung in der Mitte des 11. Jh.s eine (unregelmäßige) Siedlung von Bauern und viell. sogar Schiffer am Ufer der IJssel gegeben hat. Die planmäßige, längliche Anlage des Kerns der späteren Stadt IJ., quer auf dem IJsseldeich, könnte darauf hinweisen, daß diese Strecke an sich schon seit der Mitte des 11. Jh.s eine »Cope«-Urbarmachung gebildet hat. Es ist somit fraglich, ob wir es hier mit einer sog. Bastide zu tun haben.
Diese Siedlung erhielt am 14. Nov. 1310 von Bf. Guy von Utrecht das Recht, dreimal i.J. einen Jahrmarkt abzuhalten: im Frühling, am 29. Juli und am 28. Okt., deren jeder acht Tage dauern durfte. Einige Monate zuvor, im April 1310, hatte er auf Bitten Gijsbrechts von IJ. die Pfarrkirche von Eiteren nach IJ. umgesiedelt und ihr Sankt Nikolaus als Patronatsheiligen zugewiesen. Des Bf.s Bastardtochter Maria von Avesnes verh. sich im Juli dieses Jahres mit Gijsbrechts Sohn Arnold von IJ.
Eine Stadtrechtsverleihung an IJ. ist nicht bekannt, doch wird diese Kombination von Pfarrkirche und Jahrmärkten als Grundlage dafür angesehen. Die Siedlung wurde 1321 als poerte bezeichnet und die Einw. 1331 als poorteren van I.e. Im Laufe des 14. Jh.s bekam sie eine Ummauerung mit Mauern und Toren, nachdem ihr Grundgebiet sich um etwa ein Viertel vergrößert hatte. Die Burg lag in der Mitte der nordwestlichen Langseite außerhalb der Ummauerung und bildete somit eine zusätzliche Befestigung der Stadt. Der Stadtgraben umfaßte die Burg an allen Seiten und wurde mit einer Brücke zwischen Stadt und Burg überquert.
Die Pfarrkirche in IJ., Sankt Nikolaus gewidmet, wurde 1396 zur Kollegiatskirche mit sieben weltlichen Kanonikern erhoben, darunter einem Dechanten, der zugl. die Seelsorge der Pfarrangehörigen auf sich nehmen mußte. Die sieben Vikarien, aus denen die Kanoniker bezahlt wurden, waren schon von Herrn Arnold I. von IJ. und seiner Tochter Guyote gestiftet worden.
Als die Pfarrkirche von Eiteren 1310 nach IJ. umgesiedelt wurde, wurde in Eiteren eine neue Kapelle gegründet. Sie war Mariä Himmelfahrt gewidmet. Zudem stiftete Herr Gijsbrecht I. von IJ. kurz vor seinem Tode zusammen mit seinem Sohn Arnold 1342 ein Zisterzienserkl. mit einem Abt und zwölf Mönchen. Dieses Kl. wurde wahrscheinlich um 1360 aufgehoben, doch 1394 als Priorat Marienberg in der IJ.er Neustadt außerhalb der alten Ummauerung neu gestiftet. Die Kapelle in Eiteren stand als Pilgerort für Melaten in Ansehen, und jedes Jahr wurde dort am 24. Juni eine Prozession gehalten, an der die IJ.er Bürger mit einer Kerze in der Hand in der Reihenfolge ihrer Berufsgruppen teilnahmen. Es gab auch eine Liebfrauenbruderschaft an dieser Kapelle, in der die holländische Gf.in Jacobäa von Bayern und ihr Mann Frank von Borsselen Mitglieder waren. Weil Jacobäa sich als Herrin der »Hoeken« auf ihrem Sterbebett schuldig fühlte für die Verwüstung der Stadt IJ. 1417, taten die Exekutoren ihres Testamentes, unter denen ihr Ratsherr Wilhelm I. von → Egmond und IJ. war, 1436 aus ihrem Nachlaß eine große Schenkung an die Kirche, das Kl. und das Altenstift in IJ. sowie an die Kirche zu Benscop.
Die Stadt wurde von einem Kollegium vom Schultheiß im Namen des Stadtherrn und sieben Schöffen (erste Erwähnung 1328), später vermehrt durch zwei Bürgermeister (erste Erwähnung 1399), von Seiten der Stadtbürger verwaltet. Das Land von IJ. bekam 1348 von ihrem Herrn Arnold ein Landrecht und die Stadt zwischen 1363 und 1369 von dessen Tochter Guyote ein stadtrechtähnliches Privileg mit strafrechtlichen Bestimmungen und Verordnungen über Besitzveräusserungen. Ihr Sohn, Arnold II., versprach 1391 allen Einw.n seiner Lande das Bürgerrecht von IJ., wenn sie sich in seiner Stadt niederlassen würden. Zusammen mit der Stadtverwaltung beendete er 1399 das Recht der Schuldhaft, und 1402 versprach er, säumigen Schuldnern nicht länger Geleitschutz zu gewähren.
Durch die Streitigkeiten zwischen »Hoeken« und »Kabeljauwen« in den Jahren 1404-1430 erlitten die Einw. von IJ. viel Schaden, weil die Herren von → Egmond und IJ. als Anführer der »Kabeljauwen« immer wieder in Kriege hineingezogen wurden. So wurden Burg und Stadt 1417-1418 gründlich verwüstet, und die Stadt nochmal 1427 nach einer kurzen Zeit des Wiederaufbaus. Die Bürger bekamen 1423 und 1424 neue Privilegien von ihrem Stadtherrn Johann »met de Bellen« von → Egmond und IJ.
In der Mitte des 15. Jh.s erschien ein neuer Amtsträger für die Baronie von IJ.: der Drost (erste Erwähnung 1453). Er war für die hohe Gerichtsbarkeit zuständig, residierte auf der Burg IJ. (soweit sie nach der Verwüstung vom Jahre 1417 wieder bewohnbar war) und war der Stellvertreter des Herrn. Der Herr selber residierte hier selten.
Im Jahre 1557 baute die Stadt sich ein neues Rathaus, bemerkenswerter Weise ein Jahr nach der Anerkennung der Baronie 1556 als souveräne Herrlichkeit (siehe oben unter A.II.).
III.
Nach der Verwüstung vom Jahre 1417 entstand ab etwa 1470 im SW ein viereckiger Turm mit einem westlichen Flügel an einem ummauerten Innenhof mit drei runden Türmen. Zwischen zweien dieser runden Türme wurde vermutlich viel später ein Stall und ein Bauernhof gebaut.
In den Jahren 1527-1532 wurde quer auf dem viereckigen Turm nach O hin eine Galerie mit einem Renaissance-Treppenturm gebaut, vermutlich entworfen von dem Baumeister Rombout II. Keldermans (gest. 1531). Dieser Treppenturm ähnelt der großen Treppe des Markiezenhofes in → Bergen op Zoom von 1495, erbaut von Anthonis I. Keldermans.
Südöstlich von diesem Treppenturm wurde 1540/41 ein palastartiger Ausbau realisiert, der viell. nach einem Muster aus Brüssel entworfen war, wo die Gf.en von → Egmond ein Stadtpalais hatten. Diese Bauteile müssen eine repräsentative Funktion mit hohem Symbolwert gehabt haben, obwohl die Herren von IJ. sie nicht als solche benutzt haben. Beachtenswert ist in diesem Rahmen auch das Grabmal der Aleid von Culemborg in der Nikolaikirche, das um 1540 in Renaissancestil erbaut wurde, obwohl diese Ehefrau des Friedrich von → Egmond und IJ. schon 1471 verstorben war (siehe A.III.). An Architekten, Baumeistern und Künstlern ist lediglich der Baumeister Rombout II. Keldermans bekannt. Von der Burg steht heute nur noch der Treppenturm aus dem Jahre 1530.