HOYA UND BRUCHHAUSEN
I.
Das Hofamt eines Truchsessen findet sich bereits Gf. Heinrich I.: den Ritter Günther aus der Ministerialenfamilie von der Hoya (Hodenb. UB, 1, S. 26 mit Anm. 1). Dieses nicht erbliche Amt war gfl. Vertrauten vorbehalten. Ähnlich wie bei den benachbarten Gf.en von → Oldenburg, Wölpe, Bruchhausen und → Stotel sind weitere Hofämter nicht vergeben worden (vgl. Trüper, Ministerialität, S. 134 ff.). Im 16. Jh. war aus dem Truchsessen der Drost geworden; H.er Landdrost war der Niederadlige Heinrich Behr (gest. 1561; Rathleff, Geschichte, Tl. 3, S. 77), daneben gab es in Nienburg den Drosten Jürgen von Mengersen (Streich, dieses hauses, S. 61).
Die Kanzlei wird von den Pfarrern in H. und Nienburg nebenamtlich versehen worden sein. Nur bei Gf. Gerhard II. (1279-gest. 1312/13) ist ein Kapellan bezeugt (Calenb. UB, Bd. 3, S. 275). Seit dem 14. Jh. wurden umfängliche Lehnsregister angelegt (Hoy. UB, Bd. 1, IV und V). Später dienten dem Gf.en Jobst II. auf dem Nienburger Schloß Kanzler, Notar, Rentmeister und Sekretär (Streich, dieses hauses, S. 57 ff.). Der Kanzler (seit 1529/30!) Johann Hake (gest. 1579) hat historische ›Collectaneen‹ hinterlassen (vgl. Hucker, Hake). Aus der Registerführung von 1533 und ca. 1560 erhellt die Zusammensetzung des husgesindes, aus dem hier nur Büchsenschütze, Vogelfänger und zwei Schulmeister gen. werden sollen (Streich, dieses hauses, S. 60 ff.). Die H.er und Nienburger Pfarrer des 16. Jh.s waren zugl. Hofkaplane bzw. -prediger.
II.
H. war ein nördlicher Vorort höfischer Kultur, als der er im ›Jüngeren Titurel‹ (ca. 1260/70) gen. wird (Hucker, H., S. 50); Gf. Gerhard II., dessen milte ein Inschrift in H. rühmt (Meyer, Der helt, S. 34-36), wird um 1300 von dem Minnesänger Heinrich von Meißen gen. Frauenlob als ein minnen schüler besungen (ebd., S. 13-19). 1371 bis 1378 sind Spielleute des Gf.en Erich I. bezeugt, darunter der ioculator Schandenvyend (= Schänd den Feind, oder: der Schande Feind) (ebd., S. 61). Hinter dem unbekannte Dichter des Magdeburger ›Aesop‹ kann, ganz gleich ob auf 1270 oder 1370 dat. wird, ein gfl. Hofgeistlicher in H. vermutet werden (ebd., S. 57-62; Hucker, H., S. 57). Die Gf.en Otto VII. (1455-1497) und Friedrich (1455-1503) besaßen eine auf dem H.er Schloß bewahrte Bibliothek von 31 Codices juristischen, theologischen, historischen und literarischen Inhalts, die sie von ihren Vorfahren geerbt hatten, in der ein illustrierter ›Sachsenspiegel‹ und ein ›Parzival‹ beachtlich sind (Meyer, Der helt, S. 42-55 und 101 f.). Um 1500 gastierten in Essen fremde Spielleute, darunter auch solche aus H. Der Spielmann Marten trug 1531 in Nienburg dem Gf.en Jobst II. vor (ebd., S. 63).
Mit einer eigenen Stifts- oder Kl.gründung sind die H.er nicht hervorgetreten; auch Bettelordensniederlassungen hat es in den Städten und Flecken der Gft. nicht gegeben. Die Grablege der H.er war im 13. Jh. die Stifts- bzw. Kl.kirchen zu Bücken und Loccum, dann dienten dazu die Stadtpfarrkirchen in H. und Nienburg (Hucker, H., S. 45, 49, 54, 58, 62, 73, 84, 89 f. und 114 f.). Gf. Erich I. zu Nienburg (1377-gest. 1427) besaß neben kostbarem Geschirr, Ringen, Gürteln mit Glöckchen und Düsing u. a. eine Goldstatue Mariens an einem gulden hues, ein silbernes Gewürzfäßchen und 20 Korallen mit einer gulden maiestas (Hucker, H., S. 71). Die Marienverehrung ist zeittypisch, der Spezialheilige (hoffther) des Gf.enhauses hingegen war der Hl. Georg (Hucker, H., S. 62 f.).
Ihr Wappen, auf Gold zwei gegeneinandergekehrte rotbewehrte schwarze Bärentatzen (Gelre, ed. Adam-Even, S. 25; Hucker, H., S. 28-31), übernahmen die Gf.en von denen von Stumpenhusen (hier ein redende Wappen: stumpen = Tatzen). Seit dem Erwerb der Gft.en Alt- und Neubruchhausen erscheinen im Geviert neben den Bärentatzen die Altbruchhäuser Ständerung Silber-Blau und die Neubruchhäuser rot-goldene Teilung. In dieser Gestalt ist das Wappen 1582 in das große Wappen der Welfenhzg.e übergegangen. Auf dem Schloß H. wurden drei Kleinodien als Talismane verwahrt: ein Schwert, ein Goldring mit einem roten Löwen und ein Salamanderlaken (d.i. Asbest). Einer schon früh nachweisbaren Sage zufolge stellten sie Geschenke der Schloßkobolde an die Gf.en dar (Hucker, H., S. 28; vgl. Büttner, Sage vom Ende der Gft. H.).