Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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HOYA UND BRUCHHAUSEN

A. Hoya und Bruchhausen

I.

Das nach dem Sturz Heinrichs des Löwen entstandene Machtvakuum nutzten (sächsische?) Edelfreie aus Rüstringen, um in der burgenbesetzten Weserlandschaft Fuß zu fassen. Gegen den Widerstand von Welfenanhängern erbaute dieser nichtfsl. Hochadel um 1190 bei H. eine Burg auf einem Weserwerder unterhalb der Veste → Hodenberg. Die Gft. dieser Gegend stand weder ihnen noch den Edelherren von → Hodenberg.zu, sondern lag in den Händen der Gf.en von Bruchhausen und von Roden. Gf.enrechte und -titel sowie das Wappen erwarben die neuen H.er Burgherren von den Gf.en von Stumpenhusen (aus Wietzen, Kr. Nienburg). Die Stumpenhuser Freigft. im Hochstift Verden war Lehen des Hzg.s von Sachsen. Da sie sowohl für die Stumpenhuser als auch für die H.er weitab lag, wurde sie als Krumme Grafschaft bezeichnet. Schon 1206 konnte Gf. Heinrich I. (1202-1235) die benachbarte Weserveste → Hodenberg gewaltsam einnehmen (Hucker, Ursprung der Gf.en von H., S. 25 ff.) und seine Herrschaft auch in den Jahren darauf weiter ausdehnen. Die wichtigste Erwerbung war die Freigft. Nienburg mit deren Zentrum, Burg und Stadt Nienburg. Sein Sohn Heinrich II. mit dem Beile (1235-gest. 1290) setzte die z.T. gewaltsame Expansionspolitik fort und erwarb die Burg Steyerberg (Hucker, H., S. 19 ff.). Die Belehnung mit dem westlichsten Teil der Gft. Wölpe (1302), der Kauf der Herrschaften Alt- und Neubruchhausen 1338 bzw. 1384 und vor 1400 der Erwerb des mindischen Sulinger Landes erweiterten das H.er Territorium erheblich. Schon kurz nach 1290 und endgültig um 1345 konnte die Gft. in eine Nieder- und Obergrafschaft geteilt werden (Hucker, H., S. 26 und 54). Die ältere Linie (Nachkommen Gf. Gerhards III., 1324-gest. 1383) verfügte über die Stadt (1249 civitas) und Gf.enres. H., die Gft. B. sowie die Stiftsund Kl.vogteien Bassum, Bücken, Heiligenberg und Heiligenrode; die jüngere Linie (Nachkommen Gf. Johanns II., 1324-gest. 1377) nahm ihren Sitz in Nienburg und beherrschte den südöstlichen Teil des Territoriums mit den Kl.vogteien Nendorf und Schinna sowie den Städten Nienburg und Sulingen (1558 statt). Den Titel »Gf. von H. und B.« führten jedoch die regierenden Gf.en beider Linien, von denen die ältere mit den söhnelosen Gf.en Otto VII. und Friedrich 1497 bzw. 1503 ausstarben. Gf. Jobst I. (1466-gest. 1507) konnte zwar beide Landesteile vereinigen, doch mußte sein Sohn Jobst II. (1507-gest. 1545) ab 1512 eine langjährige Besetzung der Gft. durch die Welfenhzg.e hinnehmen. Von seinen 8 Söhnen haben nur zwei, Otto VIII. und Erich VII. (gest. 1575), das Jahr 1570 überlebt und keine männlichen Erben gezeugt. Nach dem Tod Ottos am 25. Febr. 1582 zogen die Welfen auf Grund der Vereinbarungen von 1507 die Gft. als heimgefallenes Lehen ein.

Die Familie stand im Konnubium mit fast allen benachbarten nichtfsl. Hochadelsfamilien, aber auch mit den Fs.enhäusern Mecklenburg, Sachsen-Lauenburg und Braunschweig-Lüneburg. Das Gf.enhaus besetzte fast in jeder Generation Bf.sstühle in Minden, Verden, Osnabrück, Münster und Paderborn (vgl. Henking, Westfälische Bm.er). Gerhard, ein Sohn Gf. Ottos III., war 1442-1463 Bremer Ebf. Gf. Johann V. der Streitbare (1427-gest. 1466) spielte von 1450 bis 1457 als Administrator des Bm.s Münster eine bedeutende politische Rolle (Hucker, H., S. 77-84; Giesen, Münzen, S. 82-84).

Quellen

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Büttner, Jan: Die Sage vom Ende der Grafschaft Hoya und die oldenburgische Geschichtsschreibung im 16. Jahrhundert, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 77 (2005) S. 169-188. – Drögereit, Richard: Sulingen und das Sulinger Land im Mittelalter, in: Chronik von Stadt und Land Sulingen 4 (1984) S. 139-204. – Erler, Gernot: Das spätmittelalterliche Territorium Grafschaft Hoya (1202-1582), Diss. phil. Univ. Göttingen 1972. – Feuerle, Mark: Garnison und Gesellschaft. Nienburg und seine Soldaten, Bremen 2004. – Gade, Heinrich: Historisch-geographisch-statistische Beschreibung der Grafschaften Hoya und Diepholz […] nach den Quellen bearbeitet, 2 Bde., Nienburg 1901. – Hellermann, Joseph: Die Entwicklung der Landeshoheit der Grafen von Hoya, Hildesheim 1912 (Beiträge für die Geschichte Niedersachsens und Westfalens, 36). – Henking, Gerhard: Die westfälischen Bistümer im Spannungsfeld gräflich hoya'scher Politik, Hoya 2008. – Hukker, Bernd Ulrich: Die Chronik Johann Hakes und weitere historische Manuskripte aus dem Besitz des Hoyaer Kanzlers Rupert Hake, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 68 (1996) S. 259-268. – Hucker, Bernd Ulrich: Drakenburg. Weserburg und Stiftsflecken – Residenz der Grafen von Wölpe, Drakenburg 2000 (Geschichte des Fleckens Drakenburg, 2). – Hucker, Bernd Ulrich: Die Grafen von Hoya – ihre Geschichte in Lebensbildern, Hoya u. a. 1993 (Schriften des Instituts für Geschichte und Historische Landesforschung Vechta, 2). – Hucker, Bernd Ulrich: Die Grafen von Stumpenhusen und das Bärenklauen-Wappen, in: Heimatkalender für den Landkreis Verden 1991 (1990) S. 17-35. – Hucker, Bernd Ulrich: Der Ursprung der Grafen von Hoya, in: Die Grafschaften Bruchhausen, Diepholz, Hoya und Wölpe. Ein Streifzug durch ihre Geschichte, Nienburg 2000 (Schriften des Museums Nienburg, 18), S. 8-23. – Hüne, Albert: Geschichte der Grafen von Hoya, in: Hannoversches Magazin 94-98 (1832) S. 745-790. – Meyer, Cord: Der helt von der hoye Gerhart und der Dichter Frauenlob. Höfische Kultur im Umkreis der Grafen von Hoya, Oldenburg 2002. – Neubert-Preine, Thorsten: Die Rittergüter der Hoya-Diepholz'schen Landschaft. Im Auftrage der Hoya-Diepholz'schen Landschaft. Mit Beiträgen von Hilmar Hieronymus Freiherr von Münchhausen und Jürgen Stegemann, Nienburg 2006. – Rathleff, Ernst Ludewig: Geschichte der Grafschaften Hoya und Diepholz, 3 Tle., Bremen 1766-1767. – Streich, Brigitte: »… daß dieses Hauses Gemächer und Gelegenheiten so ganz wenig und enge eingezogen sind.« Herrschaft, Verwaltung und höfischer Alltag in den Grafschaften Hoya und Diepholz, in: Die Grafschaften Bruchhausen, Diepholz, Hoya und Wölpe. Ein Streifzug durch ihre Geschichte, Nienburg 2000 (Schriften des Museums Nienburg, 18), S. 53-62. – Streich, Brigitte: Herrschaft, Verwaltung und höfischer Alltag in den Grafschaften Hoya und Diepholz im 16. Jahrhundert, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 68 (1996) S. 137-173.