Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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HOLSTEIN-SCHAUMBURG-GEMEN

C. Stadthagen

I.

S. wurde 1230 als indago comitis (des Gf.en Hagen) erstmals erwähnt, 1306 als indaginis comitis Adolfi und ab 1287 als Grevenalveshagen nach dem Stadtgründer Adolf III. von → Holstein-Schaumburg. Dieser Name besteht noch bis nach 1600 neben dem 1378 erstmals bezeugten »S.«. Die Burg wurde am südlichen Rand S.s als Wasserburg angelegt und in die Stadtbefestigung eingebunden. Im 13. und 14. Jh. war S. neben der Schaumburg bevorzugter Aufenthaltsort der Gf.en von → Holstein-Schaumburg, im 15. Jh. wurde die Burg eher als Witwensitz genutzt, 1452 sogar verpfändet. Seit 1535 bevorzugter Aufenthaltsort des Gf.en Otto IV. (bis 1576) und bis 1607 fester Sitz der ab etwa 1550 nachweisbaren gfl. Kanzlei. Res. des Landesherrn war S. dann nur noch einmal 1601-1607 zu Anfang der Regierung des Gf.en Ernst. 1622 bis 1644 lebte Gf.in Hedwig von Hessen, Wwe. des Fs.en Ernst, im Schloß. Später diente das Schloß auch als Wwe.nsitz für Gf.in Johanne Sophie zu Schaumburg-Lippe (1728-1743 als Sommersitz) und Gf.in Charlotte Friederike Amalia (1748-1785).

II.

Stadt und Burg wurden etwa gleichzeitig einige Jahre vor 1230 zur Sicherung der Binnenkolonisation der Gf.en von → Holstein-Schaumburg angelegt. Die Stadt wurde am damaligen Rande des Rodungsgebietes am Dülwald in gut drei Kilometer Entfernung vom alten Helweg erbaut. Zwei parallel geführte Straßen mit dazwischen liegendem Markt ergaben ein leiterförmiges Stadtbild, ähnlich wie bei den fast gleichzeitigen schaumburgischen Gründungsstädten (Hess.) Oldendorf und Rinteln. Erst im späteren MA wurde der Verlauf der Fernstraße durch die Stadt geführt.

Die Stadt erhielt 1382 einen Steinbruch bei Obernwöhren und hatte seit 1450 einen Ziegelhof. Um 1600 ist Kohlebergbau in der Stadthäger Umgebung belegt. Im 14. und 15. Jh. wurden Kaufleute und Markt der Stadt mit diversen Rechten ausgestattet, der Handel blieb allerdings auf die Umgebung beschränkt. Das nahe gelegene Zisterzienserinnenkl. Bischoperode wich der Stadt und wurde nach Rinteln verlegt. Die Kirche St. Martin wurde bereits 1230 erstmals gen. und gehörte zum Archidiakonat Obernkirchen. Anf. 14. Jh. erfolgte die Gründung eines Hospitals durch den Landesherrn und eines Siechenhauses durch die Stadteinw. 1486-1570 bestand ein Franziskanerkl., seit 1534 ein Beginenhaus. 1610 bis 1620 existierte ein Gymnasium illustre, das 1619/1621 als Universität nach Rinteln verlegt wurde.

Es wird vermutet, die erstmals 1230 erwähnte Stadt sei von Gf. Adolf III. von → Holstein-Schaumburg (bis 1225) um 1224 gegr. worden. Man darf eine früh vollständig ausgebaute städtische Verfassung vermuten. 1244 werden in einer Urk. civitas et castrum, schon 1261 auch Bürgermeister und Ratsmannen erwähnt. Die niedere Gerichtsbarkeit übte ein vom Gf.en eingesetzter Richter zusammen mit dem Stadtrat aus. In der Stadt residierte auch ein gfl. Vogt (ab 16. Jh. Amtmann), der die landesherrlichen Einkünfte einzog und verwaltete. 1344 wurde die Stadt durch Gf. Adolf VI. von → Holstein-Schaumburg mit dem Lippstädter Recht ausgestattet.

Über das Verhältnis zwischen Stadt und Res. ist nichts bekannt, es wird lediglich vermutet, für den Wechsel des Regierungssitzes 1607 nach → Bückeburg habe das geringere Selbstbewußtsein der dortigen Einw.schaft eine Rolle gespielt. Mind. ebenso plausibel (und ebensowenig belegt) sind aber geostrategische und städtebauliche Überlegungen.

III.

Vermutlich bestand die älteste, um 1224 entstandene Burg aus einem Turm und einem Wohngebäude auf einem aufgeschütteten Terrain, umgeben von Mauer und Wassergraben. Das Aussehen dieser Burg ist jedoch nicht überliefert, Grabungen haben nicht stattgefunden. Um 1300 veranlaßte Gf. Adolf VI. von → Holstein-Schaumburg auch in der Stadthäger Burg Neubauten, es wird die Anlage eines Torhauses vermutet. Von dieser älteren Anlage ist heute praktisch nichts mehr erkennbar.

Den Umbau der lange vermutlich im wesentlichen unveränd. ma. Burg zu einem Renaissance-Schloß veranlaßte Gf. Adolf XIII. von → Holstein-Schaumburg etwa ab 1533. Es entstand bis 1541 unter der Leitung des Baumeisters Jörg Unkair eine Zweiflügelanlage mit Treppenturm (in der Ecke des Innenhofes), dessen auffälliges Zwiebeldach 1749 abgetragen wurde. Die Gebäude waren mit den zeittypischen Rundgiebeln versehen, an den Stirnseiten dreiteilig, orientiert an Bauformen des Schlosses → Mansfeld. Adolfs Bruder Otto IV. ließ etwa 1552 zur Schlosserweiterung den deutlich längeren Ostflügel hinzufügen unter Wahrung der Bauformen. 1593 ließ Adolf XIV. den kurzen Nordflügel durch Baumeister Cord Reineking anlegen. Die vier Flügel waren nun so angeordnet, daß zwischen Nord- und Westflügel eine Hoföffnung blieb. Der sog. »Gerechtigkeitsbrunnen« in der Mitte des Schloßhofes, 1552 vom Stadthäger Steinmetz Jacob Kölling geschaffen, wurde 1920 in den Hof des Schlosses → Bückeburg versetzt.

Aus der Innenausstattung des Schlosses blieben im wesentl. zwei Prunkkamine des Bildhauers Arend Robin (1576), ein dritter wurde 1876 aus dem Bückeburger Schloß nach S. überführt. Die umfassenden Restaurierungsarbeiten dieser Zeit unter Baurat Wilhelm Richard schufen eine neue Ausstattung im Stil der Neorenaissance und veränderten die Aufteilung der Räume. Im 16. Jh. befanden sich im Südflügel im Erdgeschoß Hofstube und Küche, darüber der repräsentative Große Saal. Im Ostflügel befanden sich oben Frauengemächer, im Erdgeschoß viell. die Gerichtsstube. Eine Schloßkapelle ist nicht belegt, vermutlich wurde die nahe Martinikirche genutzt.

Südlich an das Schloß angrenzend befand sich ein in der Mitte des 16. Jh.s angelegter Lustgarten, der heute nicht mehr erhalten ist. Vor dem Westflügel des Schlosses befindet sich ein vermutlich im letzten Drittel des 16. Jh.s angelegtes Steingebäude (heute »Kavaliershaus«), das vermutlich als Sitz der Kanzlei diente. Einige Meter weiter, direkt an der Obernstraße, im Fachwerkgebäude der »Amtspforte« (erbaut vermutlich 1554, heute Museum) befand sich der Sitz des Amtmanns. Nördlich an die Obernstraße stoßend ließ Gf. Otto IV. 1570 einen repräsentativen Marstall anlegen, aus Bruchsteinen mit einem zum Schloß gewandten repräsentativen Giebel. Weiter nordöstlich steht die ehem. Zehntscheune, ebenfalls aus Bruchsteinen mit horizontal gegliedertem Dreiecksgiebel.

An die städtische Martinikirche (mehrere Bauphasen 12.-14. Jh., mit dem Grabmal Ottos IV. um 1580 von Arend Robin) ließ Fs. Ernst von → Holstein-Schaumburg 1609-1627 das erst nach seinem Tod fertiggestellte Mausoleum östlich anschließen (Entwurf Giovanni Maria Nosseni/Bauleitung Anton Boten). Im Mittelpunkt des siebeneckigen Zentralbaus steht das Grabmal mit den Skulpturen von Adrian de Vries.