HANAU (MIT H.-LICHTENBERG UND H.-MÜNZENBERG)
I.
1290 – Oppidum Steina, 1304 – Steinahe, 1339 Steyna an der strasze gegin Fulde, 1364 Steinau. Das an der wichtigen Handelsstraße Frankfurt-Leipzig gelegene S., ein Lehen der Abtei Fulda, wurde 1272 bei der Heirat von Ulrich I. von → Hanau und Gf.in Elisabeth von → Rieneck aus dem Rienecker Besitz als Heiratsgut erworben und erhielt 1290 das Stadt- und Marktrecht nach Gelnhäuser Recht. Damit setzte ähnlich wie in → Hanau (Verdrängung von Kinzdorf) und Babenhausen (Verdrängung von Altdorf) eine Entwicklung ein, in deren Verlauf die zur Stadt erhobene Siedlung im Schutz der Burg das im Tal gelegene Niederdorf (Niedersteinau) zurückdrängte, bis es nur noch den Charakter einer Vorstadt hatte.
II.
Die Ummauerung S.s erfolgte zu Beginn des 14. Jh.s durch Ulrich I. von → Hanau. Im 15. Jh. wurde der Mauerring erweitert durch die Einbeziehung der Vorstädte Steinweg und Niederdorf. Im S schloß die Stadtmauer an die Schloßbefestigung an. 1481 wurde der Neubau der Stadtpfarrkirche St. Katharinen begonnen, eine Hallenkirche, der 1511 ein südliches Seitenschiff angefügt wurde. Der Kirche gegenüber am Markt wurde 1561-1562 durch Meister Asmus an Stelle eines als Kaufhaus (wohl ein Rathaus, das wie üblich im Untergeschoß eine Kaufhalle besaß) bezeichneten Vorgängerbaus das neue Rathaus errichtet.
III.
Die erste Burganlage war vermutlich eine Gründung der Abtei Fulda, die 1290 von Ulrich von → Hanau ausgebaut wurde. Aus der ma. Zeit stammt ein hoher quadratischer Bergfried, der allerdings im Zuge des 1525 begonnenen Neubaus verändert wurde. Unter den Gf.en Philipp II. und Philipp III. entstand, möglicherw. nach Plänen des zeitweiligen Vormundschaftsregenten Gf. Reinhard von → Solms und unter Aufsicht des S.er Werkmeisters Asmus, der auch in → Schwarzenfels tätig war, eine unregelmäßige viereckige Anlage, die von einem trockenen Graben (Hirschgraben) und schmalem Zwinger umgeben wurde. Die vier Winkel sind von bastionsartig in den Graben vorspringenden Winkelbauten mit eingestellten Treppentürmen besetzt, die als Kanzlei, Pförtner-, Schlacht- und Backhaus dienten. An der Nord- und Südseite sind Torhäuser vorgebaut, von denen aus Zugbrücken über den Graben führten. An der Westseite wurde 1525-1528 ein großer Saalbau mit dreigeschossigem Erkervorbau errichtet, in dessen Erdgeschoß die zweischiffige Hofstube mit einem auf fünf Rundsäulen ruhenden Netzgewölbe eingerichtet war. Im Mittelgeschoß lag der im 16. Jh. mit Renaissancemalereien ausgestattete blaue Saal, darüber lag der ebenfalls mit Malereien (Liebesszenen) geschmückte gelbe oder Bankettsaal. Im rechten Winkel dazu schließt der ehem. Küchenbau (1542-1546) mit Erkervorbau an. Das rippenlose Kreuzgewölbe des Erdgeschosses ruht auf drei starken Steinsäulen. Im ersten Geschoß haben sich Reste von Ornament- und Wappenmalerei erhalten. Im Schloßhof vor dem Küchenbau befand sich ein Ziehbrunnen. Nord- und Ostflügel wurden 1551 und 1553 fertiggestellt. Im Nordwesten wurde vor dem Schloß 1557-1558 ein Marstall errichtet, östlich angrenzend ein Vieh- und Wirtschaftshof. Während des Dreißigjährigen Krieges diente das Schloß durchziehenden Truppen als Quartier, wurde geplündert und verlor einen Teil des Südflügels durch Brand.
Wie der aufwendige Ausbau der alten Burganlage im 16. Jh. zeigt, diente S. den Gf.en von → Hanau als Nebenres., die gerne zur Jagd aufgesucht wurde, aber auch dann, wenn die Pest den Aufenthalt in → Hanau unmöglich machte. Auch als Witwensitz wurde das Schloß genutzt, wenn sich das nach Meinung der jeweiligen Vormundschaftsregierungen nicht aus Kostengründen verbot wie im Falle der Wwe. Philipps III., die alles daran setzte, wenn schon nicht in → Hanau, so doch in S. bleiben zu dürfen und schließlich doch nach → Schwarzenfels ziehen mußte, weil ihre aufwendige Hofhaltung in S. zu teuer wurde. Da an einer wichtigen Durchgangsstraße liegend, diente das Schloß häufig auch der Beherbergung reisender Fs.en und ihres Gefolges. So nahm 1573 auf seinem Weg nach Polen der neugewählte Kg. Heinrich von Anjou in S. Quartier.
Literatur
Backes, Magnus: Art. »Steinau«, in: Dehio-Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Hessen, bearb. von Dems., 2. bearb. Aufl., München u. a. 1982, S. 828-830. – Hartmann, Ernst: Geschichte der Stadt und des Amtes Steinau an der Straße, hg. von Ernst Hartmann, 3 Bde., Steinau 1971-1977. – Historisches Ortslexikon für Kurhessen, bearb. von Heinrich Reimer, Marburg 1926 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck, 14), ND Marburg 1974. – Zimmermann, Ernst J.: Hanau – Stadt und Land, Hanau 1903.