Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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HANAU (MIT H.-LICHTENBERG UND H.-MÜNZENBERG)

C. Hanau

I.

1151 Hagenowa, 1277 Hagenha, 1287 Hanowe, 1288 Haynowe, 1288 Hanouwe. Die Burg wurde vor 1143 von Dammo von Hagenowe, auch Dammo von Buchen gen., erbaut und war zunächst im Besitz der Herren von Buchen, ehe sie an die Herren von Dorfelden fiel, die sich seit 1234 nach der Burg von H. nannten.

II.

Der südlich der Burg im Anschluß an die Vorburg und ihre Adelshöfe entstandene Ort nahm vermutlich die Bewohner des seinerseits südlich von H. gelegenen Kinzdorfs auf, das im 13. Jh. verlassen wurde. 1303 erhielt Ulrich von H. von Kg. Albrecht für die Siedlung das Stadt- und Marktrecht nach Frankfurter Recht. Eine 1338 erstmals bezeugte Stadtmauer umschloss, durchbrochen von zwei Toren im S und W und verstärkt durch zahlr. Schalentürme, das Oval der Stadt. Diese wurde von einer nordsüdlich verlaufenden Straßenachse durchquert (Marktstraße), die sich im Bereich des Westtores zu einem rechteckigen Marktplatz ausweitete, an dessen Westrand das Rathaus stand. Sein 1484 errichteter Bau wurde 1537 durch einen Neubau des Baumeisters Conrad Speck und der Steinmetzen Hans von → Lich, Hans von Gießen und Peter von Aschaffenburg ersetzt. Von der Marktstraße zweigten beidseitig vier Gassen ab, von denen eine zu der hinter dem Rathaus liegenden Marien-Magdalenenkirche führte. Bis 1434 hatte die Kinzdorfer Kirche als Pfarrkirche für H. gedient, danach war sie nur noch Wallfahrts- und Totenkirche und wurde 1632 abgebrochen. Die 1234 in H. begründete Marien-Magalenen-Kapelle wurde erst 1448 zu einer dreischiffigen Kirche erweitert und 1493 zu einem Kollegiatstift erhoben, das aber nur bis zur Reformation 1530 bestand. Ab 1451 diente sie als Grablege der Gf.en von H. und H.-Münzenberg.

Westlich der Stadt gab es eine 1429 erstmals erwähnte Hospitalvorstadt (1334 wird bereits ein Hospital mit einem Hospitalmeister erwähnt), die, da sie im Zusammenhang mit einer zingel gen. wird, offenbar durch eine Fortifikation geschützt wurde.

1528 begann der als Vormund amtierende Gf. Reinhard von → Solms, der sich als Festungsbaumeister (→ Lich, → Büdingen) bereits einen Namen gemacht hatte, mit dem Bau einer der veränderten Waffentechnik entspr. Fortifikationsanlage um die Stadt. Ein breiter Wassergraben wurde ausgehoben und der Aushub an der Stadtseite als der Stadtmauer und der Vorstadt vorgelagerter Schutzwall aufgeschichtet. An markanten Punkten des Walles in den Graben hineinragende Rondelle dienten als Geschützstellungen. 1597 wurde mit der Planung einer regelmäßig angelegten Neustadt zur Aufnahme von ihres Glaubens wg. vertriebenen Niederländern und Wallonen begonnen. Der Ingenieur Niclas Gillot hatte die Befestigung als einfaches im Zick-Zack verlaufendes Wall-Graben-System in Form eines regelmäßigen Achtecks entworfen. Gebaut wurden allerdings nur fünf von einfachen Zangen (Tenaillen) gebildete Ecken, da die Befestigung der unmittelbar anschließenden Altstadt einbezogen wurde. Als die Schweden 1631 H. besetzten, verstärkten sie die Neustädter Befestigung durch sog. Ravelins. Ab Nov. 1806 wurden auf Befehl Napoleons die Festungsanlagen der Stadt geschleift.

Für die Ordnung in der Stadt sorgten vermutlich zunächst die Burgvögte (Ersterwähnung 1302). Ein Schultheiß wird erstmals 1329 erwähnt. Aus dem Jahre 1345 ist das erste Stadtsiegel überliefert und in einer Urk. von 1354 erscheint die Stadt, vertreten durch den Vogt und ihre Schöffen als eine in einem Rechtsgeschäft handelnde Institution. Das läßt auf ein vom herrschaftlichen Vogt und bürgerlichen Schöffen besetztes Stadtgericht schließen. Die Verwaltung dürfte in den Händen von Vogt, Schultheiß und Schöffen gelegen habe. 1501 ließ Gf. Reinhard IV. einen neuen Hospitalkomplex errichten.

Die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt verlief zunächst eher schleppend. Das Marktrecht förderte zwar die Geschäfts- und Handelstätigkeit, aber der Aufschwung kam erst, als die Gf.en ihre Res. in H. einrichteten und für die Stadt 1468 von Ks. Friedrich III. das Recht zur Abhaltung von Jahrmärkten erwirkten. Mit der Gründung der Neustadt am Ende des 16. Jh.s und der Ansiedlung der wallonischen und ndl. Glaubensflüchtlinge kam es zu einer spürbaren wirtschaftlichen Blüte.

Die Anwesenheit von Juden in H. ist im Zusammenhang mit der Verpfändung von Vieh erstmals für das Jahr 1316 bezeugt. Das belegt zugl., daß Ulrich III., als er Kg. Karl IV. 1351 um eine Neubelehnung mit den Juden zu H. bat, wohl zu Recht behauptete, bereits seine Eltern hätten dieses Lehen besessen.

III.

Die 1234 erstmals gen. Burg wurde nördlich einer Mainschleife auf einer Insel zwischen dem heute zugeschütteten Hauptarm der Kinzig und einem Seitenarm, der krummen Kinzig als ringförmige Wasserburg errichtet. Sie lag zwischen den beiden großen im Besitz des Mainzer Mariengredenstiftes (St. Maria ad Gradus) befindlichen Forsten des H.er und Bulauer Waldes, so daß anzunehmen ist, das die Herren von H. von dieser Burg aus als weltliche Vögte den geistlichen Besitz verwalteten, bis es ihnen 1277 gelang, diesen ganz für sich zu erwerben. Während die Rechte an den Waldungen über lange Jahre Anlaß zu Auseinandersetzungen zwischen dem Mariengredenstift und den H.ern gaben, waren sie im Besitz der Burg, die ihnen 1414 in einem ksl. Gesamtlehnsbrief als Reichslehen übertragen wurde, offenbar von Anfang an unangefochten. Über das Aussehen dieser bei der nicht vollzogenen Erbteilung von 1237 als castrum Hagenowe bezeichneten Anlage können nur Vermutungen angestellt werden. Zwischen dem 14. und 18. Jh. wurde sie mehrfach umgebaut. Der Abriß der letzten ma. Teile erfolgte 1829, das Schloß selbst wurde 1945 zerstört.

Backes, Magnus: Art. »Hanau«, in: Dehio-Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Hessen, bearb. von Dems., 2. bearb. Aufl., München u. a. 1982, S. 385-390. – Bott, Heinrich/Dielmann, Karl: Abriß der Baugeschichte Hanaus vom 12. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts, in: 675 Jahre Altstadt Hanau, Festschrift zum Stadtjubiläum, Hanau 1978, S. 15-19. – Kulturdenkmäler in Hessen, Stadt Hanau, Darmstadt, hg. von Landesamt für Denkmalpflege, Stuttgart 2006; S. 35-90. – Kurz, Heinz: Das Althanauer Hospital in Geschichte und Gegenwart, in: 675 Jahre Altstadt Hanau, Festschrift zum Stadtjubiläum, Hanau 1978, S. 75-83. – Historisches Ortslexikon für Kurhessen, bearb. von Heinrich Reimer, Marburg 1926 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 14), ND Marburg 1974. – Schwind, Fred: Zu den Anfängen von Herrschaft und Stadt Hanau, in: 675 Jahre Altstadt Hanau, Festschrift zum Stadtjubiläum, Hanau 1978, S. 20-33. – Zimmermann, Ernst J.: Hanau – Stadt und Land, Hanau 1903.