Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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HANAU (MIT H.-LICHTENBERG UND H.-MÜNZENBERG)

A. Hanau (mit H.-Lichtenberg und H.-Münzenberg)

I.

Namengebend war der Wald Hagenowe am rechten unteren Ufer der Kinzig, später der Hegwald gen., und die gleichnamige Burg, die von den Herren von Buchen erbaut wurde. Sie fiel mit weiteren Teilen aus dem Besitz dieses 1122 erstmals bezeugten und noch vor 1170 erloschenen Geschlechts an die Herren von Dorfelden. Verwandtschaftliche Beziehungen zwischen beiden Familien sind nicht nachweisbar. Als erster gesicherter Ahnherr der H.er kann daher erst der in der Zeugenreihe einer Mainzer Urk. vom 19. März 1168 erwähnte Reinhard von Dorfelden gelten, dessen gleichnamiger Enkel bei einer 1234 mit seinem Bruder Heinrich vereinbarten, aber nicht vollzogenen Erbteilung den Namen der ihm zugefallenen Burg H. (Hagenowe) wählte. Die in der Genealogie des Zweibrücker Hofregistrators Sebastian Burggraf Anfang des 17. Jh.s behauptete Rückführung bis auf einen Ulrich von H., der i.J. 210 nach Chr. zur Zeit des Ks.s Severus lebte, ist eine Fiktion, mit der Stammbaum und Ansehen aufgewertet werden sollte.

II.

Reinhard I. von H. heiratete zwischen 1243 und 1245 Adelheid, eine der insgesamt sieben Erbtöchter aus dem begüterten und einflußreichen Geschlecht der Reichministerialen von Münzenberg. Da Reinhard, dessen Vorfahren bereits den Staufern gedient hatten, nicht unwesentlich an den Vorbereitungen zur Kg.swahl von Rudolf von Habsburg beteiligt war, erlangte er von diesem 1273 eine Urk., durch die Adelheid 1273 aus dem Ministerialenstand entlassen und gleich ihm für frei erklärt wurde. 1283 wurde dies erneut mit einer Urk. bestätigt, die diesmal auch Adelheids und Reinhards Sohn Ulrich einbezog. Der Aufstieg des Geschlechts erreichte seinen Höhepunkt mit der Erhebung Reinhards II. von H. in den Reichsgf.enstand durch Kg. Sigmund am 11. Dez. 1429. Zwischen 1685 und 1686 in Wien geführte Verhandlungen um eine Erhebung des vorletzten H.er Gf.en Philipp Reinhard in den Reichsfs.enstand blieben ergebnislos. 1269 belehnte Ebf. Werner von Mainz Reinhard I. von H. mit dem Truchsessenamt und den zugehörigen Stiftslehen. Mehrfach bekleideten H.er das Amt des ksl. Landvogts in der Wetterau: 1275 Reinhard I., 1300–1306 Ulrich I., 1349-1365 Ulrich III., 1371 Ulrich IV. Zu Beginn des 17. Jh.s unterhielt Philipp Ludwig II. von H.-Münzenberg enge Beziehungen zu Ks. Rudolph II., der ihn zum ksl. Rat ernannte und seine verwandtschaftlichen Beziehungen zum Hause → Nassau-Oranien zu nutzen suchte, indem er ihn als Vermittler einsetzte. Zugl. trat er an Stelle von Gf. Johann VI. von → Nassau an die Spitze des Wetterauer Gf.envereins.

Die Gf.en von H.-Lichtenberg (siehe unten Abschn. V.) übernahmen mit der Lichtenbergischen Erbschaft das Amt des Obervogts von Straßburg, mußten die Einkünfte aus diesem Amt aber zunächst mit den verschwägerten Herren und Gf.en von Bitsch ebenso teilen wie die Stammburg Lichtenberg.

III.

In den seit Beginn des 13. Jh.s belegten Reitersiegeln der Herren von Dorfelden erscheint ein Dreiecksschild mit nach rechts gewandtem steigenden Löwen. Ulrich I. ersetzte ihn durch den seit 1275 bekannten, zunächst fünffach sparrenweise geteilten, später drei rote nach oben gespitzte Sparren im goldenen Feld zeigenden Schild. Die Gründe für den Wappenwechsel sind nicht geklärt. Zimmermann vermutet, daß die Sparren auf Ulrichs I. mütterliche Vorfahren, die Herren von Arnsburg-Hagen, spätere Herren von Münzenberg verweisen und der Wechsel im Zusammenhang mit den Ansprüchen an das Münzenberger Erbe steht. Daß die H.er Elemente aus den Wappen angeheirateter Familien übernahmen, zeigt der in Ulrichs II. seit 1306 verwandtem Reitersiegel als Helmzier erscheinende wachsende Schwan, der an die Familie von Ulrichs Mutter, die Gf.en von → Rieneck erinnert. 1496 übernahm Gf. Reinhard IV. das Münzenberger Wappen, so daß von da an das erste und vierte Quartier des Schildes mit den hanauischen Sparren, das zweite und dritte Quartier aber als rot und gold quergeteiltes Feld erscheint. 1559 wurde das Rienecker Wappen hinzugefügt. Seither zeigte das zweite und dritte Quartier ein achtfach rot und gold quergeteiltes Feld und für Münzenberg stand ein rot und gold quergeteilter Herzschild. Mit dem Wappen veränderten sich auch die Helmkleinodien. Zum wachsenden zunächst nach rechts gewandten, dann aber mit Bezug zu den anderen Helmkleinodien nach links gedrehten silbernen Schwan mit erhobenen Flügeln wurde für Münzenberg der mit einem Fs.enhut bedeckte Helm hinzugefügt, auf dem sich aus einer goldenen Kugel ein Pfauenschweif zwischen zwei braunen, goldgespitzten Lanzen mit rot und gold quergeteilten Fähnlein erhebt. Für → Rieneck kam der auf einem gekrönten Helm stehende silberne Schwan mit aufgehobenen Flügeln, schwarzem Schnabel und schwarzen Füßen hinzu. Die Helmdecken waren zu beiden Seiten von Gold und Rot.

Nach der Teilung von 1458 (siehe unten Abschn. IV) behielt Philipp d.Ä. von H.-Babenhausen, ab 1480 von H.-Lichtenberg den gesparrten Schild und übernahm als Helmzier den Schwanenhals ohne Schwingen. Mit dem Erbfall von 1480 ergänzte sein Sohn das Wappen durch den Lichtenberger Löwen. Philipp V. fügte 1570 die beiden Querbalken von Ochsenstein hinzu und sein Sohn Reinhard nahm den Zweibrücker Löwen und den Schild von Bitsch ins Wappen auf. 1642 wurde das H.-Münzenbergische Wappen dem H.-Lichtenbergischen Wappen zugefügt. Nach 1736 nahm Hessen-Kassel das H.-Münzenbergische Wappen in sein eigenes Wappen auf, während Hessen-Darmstadt sein Wappen nur durch die hanauischen Sparren ergänzte.

Abbildungen der Siegel, Epitaphien und Porträts der Gf.en und Gf.innen beider Linien sind in Suchiers Festschrift für den H.er Geschichtsverein aus dem Jahre 1894 wiedergegeben.

Grablege der Herren von H. war bis 1380 das Kl. Arnsburg. Ulrich V. starb in Schaafheim und wurde dort oder in Babenhausen beigesetzt. Seit dem Tode seines Bruders und Nachfolgers Reinhard II. 1451 diente die Marien-Magdalenenkirche in H. als Grablege der H.-Münzenberger. Die H.-Lichtenberger bestatten ihre Toten zunächst in Babenhausen (erste Beisetzung 1474 Anna von Lichtenberg, Gemahlin Philipps d.Ä. von H.-Babenhausen), bis Philipp IV. auf Burg Lichtenberg eine Familiengruft bauen ließ. Als Ludwig XIV. 1680 Lichtenberg besetzen und neu befestigen ließ, wurde die Kirche abgebrochen. Die Särge der H.-Lichtenberger kamen in die Schloßkapelle nach → Buchsweiler. Bestattungen hatten auf Burg Lichtenberg ohnehin nicht mehr stattgefunden, seit Gf. Friedrich Kasimir 1642 die Regierung in H. übernommen hatte. Er ließ dort 1658 den Grundstein für die lutherische Johanniskirche legen, die er für sich und seine Nachfolger zur letzten Ruhestätte bestimmte.

IV.

Trotz des durch Hausverfügungen von 1339, 1343 und 1375 festgelegten, in der Regel auch beachteten, aber erst 1607 vom Ks. bestätigten Primogeniturrechts, kam es 1458, als die erbberechtigte Linie mit dem neunjährigen Philipp nur noch auf zwei Augen stand, zur Sicherung des Familienfortbestands zu einer Teilung. Philipps gleichnamiger Onkel Philipp d.Ä. erhielt die links des Mains liegenden Besitzungen und nannte sich nach dem ihm damit zugefallenen Amt Babenhausen von H.-Babenhausen. Philipp d.J. behielt den Besitz rechts des Mains. Philipp d.Ä. heiratete 1458 Anna, eine der beiden Erbtöchter Ludwigs V. von Lichtenberg. Nach Eintritt des Erbfalls 1480 nannte er sich Gf. von H.-Lichtenberg. Ab 1496 führte die ältere Linie den Namen H.-Münzenberg.

Neben den v.a. wg. des anfallenden Erbes wichtigen Heiratsverbindungen mit den Familien der Herren von Münzenberg und der Gf.en von → Rieneck wurden für die H.-Münzenberger v.a. die verwandtschaftlichen Beziehungen zu den Gf.en von → Nassau-Dillenburg und daraus resultierend die Verbindungen zu → Nassau-Oranien religiös und politisch bedeutsam. Beide Linien hatten sich Mitte des 16. Jh.s dem lutherischen Bekenntnis zugewandt, doch während die H.-Lichtenberger lutherisch blieben, trat Philipp Ludwig II. unter dem Einfluß seiner Vormünder Gf. Johann VI. von → Nassau-Dillenburg und Gf. Ludwig von → Sayn-Wittgenstein und seines Stiefvaters Gf. Johann VII. von → Nassau-Dillenburg (ab 1606 von → Nassau-Siegen), zum reformierten Bekenntnis über. Zum Heiratskreis gehörten auch die Gf.en von → Solms und → Waldeck und die Pfgf.en bei Rhein, die durch verschiedene Eheschließungen auch den lutherisch gebliebenen H.-Lichtenbergern verbunden waren. Aus deren Stammtafeln sind ferner die Familien der Mgf.en von Baden, der Gf.en von Anhalt, der Gf.en von → Hohenlohe, der → Wild- und Rheingrafen und wg. des anfallenden Erbes die der Gf.en von Zweibrücken und Ochsenstein zu nennen. Die 1717 geschlossene Ehe zwischen Lgf. Ludwig VIII. von Hessen-Darmstadt und Charlotte, der Tochter des letzten H.er Gf.en Johann Reinhard, begründete die Darmstädter Ansprüche an das H.-Lichtenbergische Erbe. Die 1736 von Hessen-Kassel geltend gemachten Erbrechte gingen auf einen Vertrag aus dem Jahre 1643 zurück, der im Falle des Erlöschens des H.er Gf.enhauses den Erbverzicht der mit Lgf. Wilhelm V. verh. Gf.in Amalia Elisabeth von H. aufhob.

Quellen

Genealogia et successio dominorum et comitum Hanoviensium ab anno aerae humanae 1237 usque ad annum 1613, [(210-) 1613-1736]. Nach Dokumenten der hanau-münzenbergischen Kanzlei von Conrad Textor aus Roßdorf und Johann Daniel Rhodius, beide Notare und Registratoren, von 1237 an vorgenommene Neubearbeitung der bis zum Jahre 210 n. Chr. zurückgeführten Genealogien von Sebastian Burggraf aus Speyer, Hofregistrator zu Zweibrücken, und Dr. med. Helisaeus Rößlin, hanau-lichtenbergischer Physikus, StAMarburg, Best. 81 A 12 Nr. 1 und H 143.

Lachmann, Hans-Peter: Siegel der Herren und Grafen von Hanau, in: 675 Jahre Altstadt Hanau, Festschrift zum Stadtjubiläum, Hanau 1978, S. 141-149. – Matt, Alfred, Cinquième centenaire de la création du comté de Hanau-Lichtenberg, Bouxwiller 1980 (Société d'Histoire et d' Archéologie de Saverne et Environs, 111-112). – Mohrhardt, Wilhelm: Hanau alt's – in Ehren b'halts – Die Grafen von Hanau-Lichtenberg in Geschichte und Geschichten, Babenhausen 1984 (Babenhausen einst und jetzt, 10). – Reimer, Heinrich, Urkundenbuch zur Geschichte der Herren von Hanau und der ehemaligen Provinz Hanau, Bde. 1-4, Leipzig 1891-1897 (Publikationen aus den K. Preußischen Staatsarchiven, 2. Abt. Hessisches Urkundenbuch, 48, 51, 60, 69). – Schwind, Fred: Art. »Hanau«, in: LexMA IV, 1989, Sp. 1894. – [Suchier, Reinhard]: Festschrift des Hanauer Geschichtsvereins zu seiner fünfzigjährigen Jubelfeier am 27. August 1894, Hanau [1894]. – Zimmermann, Ernst J.: Hanau – Stadt und Land, Hanau 1903.