GLEICHEN
I.
Bereits 760 gen. und ab 1342 im Besitz der Gf.en von → Gleichen, die O. in der zweiten Hälfte des 16. Jh.s zum zentralen Repräsentationsort ihrer Herrschaft ausbauen. Erstmals wird O. in der ältesten, um 760 verfaßten Lebensbeschreibung des Bonifatius im Zusammenhang mit der für das Jahr 724/25 überlieferten Gründung des dortigen Michaelskl.s erwähnt. Bonifatius erschloß O. im Rahmen seiner missionarischen Tätigkeit und legte mit der Gründung der Kl.zelle die frühe Grundlage für den Ausbau der Kirchenorganisation im Thüringer Raum. An der materiellen Ausstattung des frühen kirchlichen Zentrums waren wahrscheinlich auch Angehörige der späteren Gf.en von → Schwarzburg-Käfernburg beteiligt, die im 11./12. Jh. über Vogteirechte in O. verfügten. Nach dem Tod des Missionars 754 ging das Kl. an die Abtei Hersfeld über und bestand danach noch eine Zeit lang. Von einem Siedlungspunkt bei der Michaelskirche kann für die Zeit ab dem 8. Jh. ausgegangen werden. Förderlich für die frühe Anlage einer Siedlung in dem sich nach N öffnenden Ohratal war die verkehrsgünstige Lage an mehreren Wegen, die vom Thüringer Becken über den Thüringer Wald nach S führten. Im 10. Jh. war der Siedlungsausbau soweit fortgeschritten, daß Ks. Otto I. auf seinem Krönungszug 961 in O. Station machte. Ebenfalls auf die Initiative der Hersfelder Abtei geht nach den Annalen Lamperts 777 die Einrichtung einer Peterskirche (aecclesia in Ordorf) zurück, an deren Stelle im 16. Jh. das Residenzschloß der Gf.en von → Gleichen erbaut wurde. Bereits 1170 erscheint Gf. Erwin II. von → Gleichen (gest. 1192) als Vogt der Propstei O. Im Verlauf des 14. Jh.s erwarben die Gf.en von → Gleichen weitere Güter und Herrschaftsrechte in O., darunter 1332 auch das Schultheißenamt. Nach dem Aussterben der Gf.enlinie → Schwarzburg-Käfernburg treten 1342 die Gf.en von → Gleichen die Herrschaftsnachfolge über O. an und nehmen die Stadt mit dazu gehörigen Dörfern als Lehen der Wettiner entgegen. Anläßlich der i.J. 1385 im Gf.enhaus → Gleichen vereinbarten Erbteilung wird O. zusammen mit der namensgebenden Burg → Gleichen der jüngeren Gf.enlinie zugeteilt und verbleibt auch nach der erneuten Zusammenlegung der Stammgüter (1456) im Besitz der Linie → Gleichen-Tonna. »Ratsmeister« werden 1356 erwähnt. 1399 wird O. erstmalig als Stadt bezeichnet. 1546 folgt die Fertigstellung des steinernen Rathauses, 1580 der Bau der Stadtmauer. Mit der Verlagerung des Hofes der Gf.en von → Gleichen vom weiter nördlich gelegenen → Gräfentonna bzw. von Burg → Gleichen nach O. in der Mitte des 16. Jh.s geht der Ausbau zur gfl. Res. einher. Danach diente O. bis 1631 als Hauptsitz des Gf.enhauses, zwischen 1570 und 1599 vorübergehend auch als Witwensitz. Kraft erbvertraglicher Regelung von 1621 ging O. nach dem Aussterben des Gf.engeschlechts (1631) als nunmehrige ernestinische Mediatherrschaft an das fränkische Reichsgf.engeschlecht → Hohenlohe über.
II.
Voraussetzung für den Ausbau O.s als zentralen Repräsentationsort der Gf.en von → Gleichen war die Verlagerung des gfl. Hofes in die am Nordrand des Thüringer Waldes gelegene Stadt. Der Vorgängerbau des nach 1550 errichteten gfl. Res.schlosses war das in Anlehnung an die O.er Peterskirche im 10. Jh. entstandene Kanonikerstift (Augustiner), das bereits 1344 in das nördlich gelegene Gotha umgezogen war. Ab 1463 nutzte die Stiftsgebäude ein Karmeliterkonvent, der 1523 säkularisiert wurde. Bereits ab dem 14. Jh. waren Gebäude in nächster Umgebung des Kl.s von Angehörigen der gfl. Familie zu Wohnzwecken genutzt worden. Den Ausbau O.s zur gfl. Res. initiierte Gf. Georg von → Gleichen-Tonna (1509-1570), der um 1550 seinen Hof von → Gräfentonna nach O. verlegte. Er war in zweiter Ehe mit Gf.in Walpurgis (1521-1599) verh., über deren Erbe das Thüringer Gf.enhaus in den Besitz der reichsständischen, niedersächsisch-westfälischen Gft.en → Pyrmont (Weserbergland) und → Spiegelberg gelangte. Walpurgis überlebte ihren Gatten und vollendete den Bau des neuen Res.schlosses in O., das sie zudem mit einer Schloßkapelle ausstattete. Unter ihrer Leitung vollzog sich nicht nur die Reorganisation des gfl. Hofes, sondern auch der Ausbau O.s zum Verwaltungsmittelpunkt der gleichischen Gft.en und Herrschaften. V.a. die zur Versorgung des gfl. Hofes besser geeignete Infrastruktur und das in zahlr. Gewerbezweige ausdifferenzierte Wirtschaftsleben der Stadt dürften hierbei eine wesentliche Rolle gespielt haben. Stadt und Res. traten in der zweiten Hälfte des 16. Jh.s zudem in eine enge Wechselbeziehung. Bereits 1532 war im Zusammenhang mit der Reformation ein Konsistorium als kirchliche Aufsichtsbehörde eingerichtet worden. Vom politischen Gestaltungswillen des Gf.enhauses zeugen eine Reihe von Verordnungen, welche die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse regulieren sollten (1513 Mühlenordnung, 1528 und 1592 Hochzeits- und Taufordnung, 1534 Schulvisitationsordnung etc.). Die Förderung des städtischen Schulwesens betrieb durch Stipendienstiftungen der zeitw. in → Pyrmont und auf Burg → Gleichen residierende Gf. Phillip Ernst von → Gleichen-Tonna (1561-1619). Dessen jüngerer Bruder Johann Ludwig (1565-1631) war letztes in O. residierendes Familienmitglied.
III.
Das an der Stelle des ehem. Petersstiftes in den 1550er Jahren im Bau befindliche Schloß hat als architektonisch anspruchvollste unter den Res.en der Gf.en von → Gleichen zu gelten. Anlage und Dekoration von Schloß O. sind nach ital. Vorbildern konzipiert und Ausdruck eines gesteigerten Repräsentationsbedürfnisses des Gf.enhauses. Der Schloßkomplex zeigt exemplarisch, wie einheimische Künstler und Architekten die von antiken Vorbildern abgeleiteten Formen der Renaissance ganz unmittelbar in ein lokales Milieu übertragen konnten. Dies bezeugen die mit Pilastern geschmückten Giebel, die Erker, die säulenverzierten Prunkportale sowie umfangr. Relief- und Medaillonschmuck an verschiedenen Teilen des Gebäudekomplexes. Die Gesamtanlage mit rechteckigem Grdr. liegt auf dem linken Ufer der Ohra und bestand aus dem Kernbau und Nebenanlagen, die zu Versorgungszwecken genutzt wurden. Ursprgl. war wohl das Schloß von weiteren zugeschütteten Wassergräben umfaßt. Der Innenhof ist durch jeweils ein Tor im Ostflügel und im Westflügel zugänglich; letzteres wurde vermutlich als Hauptdurchfahrt genutzt und wurde 1665 hofseitig mit dem gfl.-hohenlohischen Wappen verziert. Vier Gebäudeflügel umschließen den rechteckigen Hof mit einer Grundfläche von ca. 30 x 35 m. Der älteste Gebäudeteil der Schloßanlage ist der in der äußersten Südecke des Westflügels gelegene quadratische Turm, der vermutlich zu den 1523 funktionslos gewordenen Stiftsgebäuden zählte und in den Schloßneubau integriert wurde. Der südliche Schloßflügel ist hofseitig durch einen reliefgeschmückten großen Giebelbau akzentuiert. Dessen oberen Abschluß bildet ein groß dimensionierter Frauenkopf, der in seiner apotropäischen Haltung an ein Gorgoneion erinnert. Der gegenüberliegende Nordflügel besteht aus einem hofseitig zurücktretenden Gebäudeteil, der beiderseits mit dekorativen Zwerchgiebeln eingefaßt ist. Architektonisch bes. aufwendig gestaltet ist die Hoffront des Ostflügels. In dessen Mitte tritt ein mehrstöckiger Erkervorbau hervor, der im Erdgeschoß mit Diamantquadern und Reliefdarstellungen versehen ist. Zwischen Vorbau und Nordbau folgt ein repräsentativ ausgestaltetes Eingangsportal, dessen runder Bogen mit Sitzkonsolen und Muschelschmuck eingefaßt ist. Es ist darüber hinaus mit einer kleeblattartigen Bekrönung versehen. In dessen Mitte befindet sich das Wappen der Gf.en von → Gleichen, das um heraldische Verweise auf die neu hinzu erworbenen Herrschaftsteile (→ Pyrmont, → Spiegelberg) vermehrt ist. Hier findet sich für das Jahr 1556 auch ein inschriftlicher Hinweis auf den O.er Ratsherrn und Schloßbaumeister Valentin Kirchhof (gest. 1615), dessen Sepulkralskulptur auf dem dortigen Friedhof erhalten ist. Vermutlich hat bereits dessen Vorfahre Georg (gest. 1565) bei der Erbauung von Schloß O. mitgewirkt. Aufgrund architektonischer Parallelen bringt ein Teil der älteren Forschung den O.er Schloßbau mit dem ernestinischen Baumeister Nikolaus Gromann (um 1500-1560) in Verbindung, für dessen Wirken in O. bis jetzt allerdings kein schriftlicher Nachweis erbracht werden konnte. Nach dem Aussterben der Gf.en von → Gleichen 1631 gingen Stadt und Schloß O. an das damals in zwei Teillinien gespaltene Gf.enhaus → Hohenlohe-Neuenstein über. Das Schloß verlor mit dem Aussterben der Gf.en von → Gleichen jedoch seine Res.funktion und gelangte durch Ankauf 1870 an das Hzm. Sachsen-Gotha.
Literatur
Bau- und Kunstdenkmäler Thüringens, bearb. von Paul Lehfeldt, H 26, Jena 1898 [S. 83-97]. – Blaschke, Karlheinz: Art. »Ohrdruf«, in: LexMA VI, 1993, Sp. 1375. – Heiss, Ernst: Das Ohrdrufer Schloß »Der Ehrenstein«, Erfurt 1925. – Keilhack, Frank: Ohrdruf. Kloster St. Michael, in: Romanische Wege um Arnstadt und Gotha, hg. von Matthias Werner, Weimar 2007, S. 185-189. – Krügelstein, Friedrich: Nachrichten von der Stadt Ohrdruf und deren nächsten Umgebung. Von der frühesten Zeit bis zum Aussterben der Grafen von Gleichen 724-1631, Gotha 1844, ND Bad Langensalza 2003. – Lass, Heiko: Burg und Schloß. Überlegungen zum landesherrlichen und adeligen Profanbau in Thüringen im 15. und 16. Jahrhundert, in: Von der Burg zum Schloß. Landesherrlicher und Adeliger Profanbau in Thüringen im 15. und 16. Jahrhundert, hg. von Heiko Lass, Jena 2001, S. 17-28. – Patze, Hans: Art. Ohrdruf, in: Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, Bd. 9, Stuttgart 1989, S. 324-327.