Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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GERA

C. Gera

I.

Namenformen: um 995 (usque ad terminum) Gera, 999 (quandam provintiam) Gera (dictam), 1104/05 (Luph de) Gera, 1121 (pago dictam) Geraha, 1125 ff. (Luph de) Gera, 1146 (Sibertus de) Gehra, 1146 (in pago etiam) Geraha, 1151/1152 Geraha, 1184/1203 (in provincia) Gherensi, 1200 (villa) Gera, 1204 (Thuto de) Gera, 1224 (urbanis de) Gera, 1237 (civis oppidi de) Gera, 1238 (Heinricus quondam advocatus de) Gera, 1303 (castrum et civitas) Gera.

Der Name G. zählt zu den wenigen Ortsnamen dieses geogr. Raumes, der seinen Ursprung in frühgeschichtlicher Zeit, vor der slaw.en Landnahme, hat. Ursprgl. wohl nur auf die Landschaft bezogen, wurde der Name später auf den sorbischen Gau, den dt. Burgward sowie auf die Siedlung und die spätere Stadt übertragen. In den ma. Diplomata treten variierende Schreibweisen wie Geraha, Gehra, Ghera und Geraw auf. Die Endung »-aha« oder die zum Hauchlaut reduzierte Endung »-a« ist im gesamten germanischen Sprachraum zu finden und bedeutet »großes Wasser«. Die etymologische Bedeutung der ersten Silbe »ger« ist nicht sicher. Wurde die Silbe »ger« von der älteren Forschung als ahd. in der Bedeutung »keilförmiger Landstrich« übersetzt – G. damit als keilförmiger Landstrich in der Mündung eines Flüßchen in die Weiße Elster gedeutet – so leitet die jüngere Forschung den Terminus »ger« als früh- oder sogar vorgermanisch in der Bedeutung von »gurgeln«, »rauschen« oder »reiben« respektive »Geröll« ab. G. wäre demzufolge die Beschreibung für einen Landstrich an einem rauschenden oder kiesreichen Fluß.

II.

Die Naturbedingungen im Raum G. sind vielgestaltig und prägten Entstehung und Entwicklung der Stadt in entscheidendem Maße. Während im N und W die »Saale-Sandsteinplatte« mehrere geologisch bedingte Naturräume darstellt, so liegt der S G.s im »Ostthüringer Schiefergebirge«. Den O prägen das »Ronneburger Acker- und Bergbaugebiet« sowie das »Altenburger Lößgebiet«. Im N, W, und O stellt sich G.s engere und weitere Umgebung als ebene respektive flachwellige Landschaft dar. Der S zeichnet sich durch vom paläozoischen Schiefergebirge geprägten Mittelgebirgscharakter aus. Bes. die Weiße Elster, die das Stadtgebiet von S nach N durchquert, kennzeichnet die morphologischen Verhältnisse G.s. Südlich von Wünschendorf gestattet die hohe Verwitterungsfestigkeit des Thüringer Schiefergebirges dem Fluß nur das Einschneiden enger und steilwändiger Täler, doch bilden nördlich von Wünschendorf Ablagerungen des Zechsteines und Buntsandsteines den Untergrund, so daß der Fluß ein weites Tal mit flachen Hängen und breiten Talauen einschneidet. Nur bei G.-Liebschwitz und G.-Oberröppisch engen Tonschiefer und Grauwacken des Kulm das Tal nochmals ein und bilden die hohen und steilen Hänge des Zoitzberges respektive des Heersberges. Weiter nördlich folgen die Schichten des Rotliegenden und des Zeichsteins, die durch ihre geringe Verwitterungsfestigkeit das Elstertal zum bis zu 4 km breiten G.er Becken werden lassen. Klimatisch liegt der Raum G. im Übergangsbereich zwischen kontinentalen und maritimen Klima – ein feucht-gemäßigtes Klima mit warmen Sommern. Die mittleren Jahrestemperaturen betragen 7 bis 8 C, die mittleren jährl. Niederschläge 576 mm. Die Bodenwertzahlen des behandelten Gebietes liegen links der Weißen Elster zwischen 20 und 30, rechts der Weißen Elster zwischen 40 und 50.

Nach archäologischen Funden wies das Gebiet um die spätere Stadt G. eine relativ starke slaw.e Besiedlung auf. Die dt. Burg und Stadt G. entstanden in Zuge der dt. Ostsiedlung. Bürger der Stadt G. werden erstmals 1237 erwähnt. Im frühen 13. Jh. dürfte G. zu einem kirchlichen Mittelpunkt geworden sein, da ein Pfarrer und eine Johannes dem Täufer geweihte Pfarrkirche gen. werden. Um 1200 muß G. bereits Markt gewesen sein. Zwischen 1180 und 1200 wurde die älteste G.er Münze geschlagen – Brakteaten mit dem Bild der Äbt. von Quedlinburg. Die Größe des auf zwei Elsterterrassen planmäßig angelegten Altstadtbereiches betrug etwa 450 x 500 m und wies meist im rechten Winkel aufeinanderstoßende Straßen auf. Abweichungen von diesem Schema lassen sich nur im NO und im SW (Bereich der Häselburg) der Stadt erkennen. Befestigungsanlagen sind für das 13./14. Jh. anzunehmen, eine steinerne Mauer mit fünf Toren umgab die Stadt seit der Mitte des 15. Jh.s. Schwere Zerstörungen erlitt die Stadt 1450 im Sächsischen Bruderkrieg. Das älteste überlieferte Stadtrecht stammt von 1487, geht aber auf eine Fassung aus dem 13. Jh. zurück. Grundlage der wirtschaftlichen Entwicklung war das Marktrecht sowie die Bestimmung, daß sich auf den Dörfern der Herrschaft G. kein Handwerker ansiedeln durfte. Eine dominierende Stellung erlangten die Tuchmacher. Marktstände befanden sich auf dem Marktplatz und dem Kornmarkt. Im 15. Jh. werden auch Hospitäler, die Ratsschule, Mühlen und eine Badestube erwähnt. In den 70er Jahren des 16. Jh.s hatten sich religiös verfolgte Niederländer in G. niedergelassen und neue Verfahren in der Zeugmacherei und der Verarbeitung von Kammgarn eingeführt, was einem nachhaltigen Aufschwung der Textilindustrie zur Folge hatte.

III.

Die seit dem 12. Jh. nachzuweisende Stadtburg (sog. Häselburg) wurde während des Sächsischen Bruderkrieges 1450 schwer beschädigt und diente nach einer notdürftigen Wiederherstellung vom 16. bis zur Mitte des 19. Jh.s als Kerker, seit 1844 nochmals als priv. Burg und wurde schließlich zu Ende des 19. Jh.s abgebrochen. Noch im 12. Jh. wurde am westlichen Elsterufer außerhalb der Stadt eine zweite Burg (Spornlage auf Plateau des Hainsberges, von drei Seiten natürlich geschützt und 44m über dem Ufer der Weißen Elster) errichtet, deren Erbauer möglicherw. die Edlen von → G. waren. Wohl seit 1180 diente die Burg den Heinrichingern als Res. Nachdem man um 1450 die innerstädtische Burg als Res. aufgab, wurde der neue Herrschaftssitz auf den sog. Osterstein verlegt. Sie bestand zunächst wohl aus einer Kernburg mit Bergfried, Palas und Kapelle, die durch einen Quergraben von der Vorburg abgetrennt war. Lt. der ältesten überlieferten Bauinschrift wurde 1470 an der Burganlage gebaut. Weitere Umbauten fanden wohl in der ersten Hälfte des 16. Jh.s statt (älteste überlieferte Ansicht von 1547). In der zweiten Hälfte des 16. Jh.s folgten Erweiterungsbauten nach S (zweigeschossiger Südbau, in Stadtansicht von 1670 überliefert). Bedeutende Umbauten (Nordflügel mit Priv.- und Repräsentativzimmern, Ostflügel, große Hofstube, Kapelle, hölzerne Haube auf Bergfried, div. Innenausbauten) geschahen unter Heinrich Post(h)umus → Reuß j.L. (1572-1635) und dessen Sohn Heinrich II. → Reuß j.L. Unter Gf. Heinrich XVIII. → Reuß j.L. (1677-1735) erfolgte der barocke Ausbau des Ostersteins. Großartige historisierende Überformungen begannen nach 1853. Fs. Heinrich XLV. → Reuß j.L. (1895-um 1945) begann 1928 mit der Zusammenfassung der Reußischen Kunstsammlungen. Im April 1945 von anglo-amerikanischen Bomben beschädigt, verlor die sehr wohl reparable Bausubstanz durch die im Ungeiste der rücksichtslosen DDR-Kulturpolitik 1962 erfolgte Sprengung ihre Symbolkraft für immer. Erhalten blieben vom unteren Teil lediglich Grdr.konfigurationen und vom oberen Teil der Bergfried.

1598 wurde die Kanzlei errichtet. 1590 wurde ein Gartenhaus auf dem Hainberg erbaut. Ferner entstand wohl im unteren Hof 1601 das »Tummelhaus« (Reitbahn). Küche, Backhaus und Räucherkammer wurden unter Heinrich II. → Reuß j.L. erneuert. Repräsentative Raumfassungen (Ahnensaal) sowie die Anlage von Orangerie und Lustgarten erfolgten unter Gf. Heinrich XVIII. → Reuß J.L.

Gera. Geschichte der Stadt in Wort und Bild, hg. von einem Autorenkollektiv unter Leitung von Hans Embersmann, Berlin 1987. – Gera und das nördliche Vogtland im hohen Mittelalter, hg. von Peter Sachenbacher und Hans-Jürgen Beier, Langenweißbach 2010 (Beiträge zur Frühgeschichte und zum Mittelalter Ostthüringens, 4). – Kretschmer, Ernst Paul: Geschichte der Stadt Gera und ihrer nächsten Umgebung. Bd. 1, Gera 1926. – Kulturdenkmale in Thüringen. Bd. 3: Gera, bearb. von Anja Löffler unter Mitwirkung von Nicola Damrich, Dresden 2007. – Löffler, Anja: Reußische Residenzen in Thüringen, Weimar 2000.