Herr allen Wissens: Künstler und Fachleute
Kartographie war seit dem MA eng mit Herrscherpersönlichkeiten verbunden, auch wenn es nicht unbedingt dieselben waren, die Astronomie oder Alchemie und zugl. Kartographie gefördert haben. Eine der größten Karten, die es überhaupt noch gibt, ist die sog. Ebstorfer Weltkarte in einem Kreis mit dem Durchmesser von 3,60 Metern. Da sie nicht den – schon in der Spätantike aufgestellten – Prinzipien einer Landkarte entspricht, ist »Weltgemälde« der passendere Ausdruck. Dieses wurde im Nonnenkl. in Ebstorf bei Lüneburg aufbewahrt und hat dort eine Zeitlang hinter dem Altar gehangen. Wer es hergestellt hat, ist unklar und entspr. umstritten ist die Datierung (um 1239). Eindeutig ist jedoch, daß sie auf der Schrift Otia Imperialia von Gervasius von Tilbury beruht, die zur Erbauung und viell. auch Unterrichtung Ks. Ottos IV. (des Kindes) geschrieben wurde. Dieses Weltgemälde führt uns also bildl. alles das vor Augen, was nach der Meinung von Gervasius ein Ks. auf dem Gebiet der Geschichte, Religion, Mythologie und last but not least Geographie wissen sollte. Auffallend deutl. sind die Gewässer, auch die Binnengewässer abgebildet, denen unter den ma. Verkehrsverhältnissen eine sehr große Bedeutung zukam. Auf Burgen und Palästen wehen Fahnen mit den herald. Zeichen der Besitzer. Dieser Umstand wurde zu einer genauen Datierung genutzt (Wolf 1999).
Portulane (von portus, der Hafen) heißen die Seekarten vom Mittelmeer und dem Schwarzen Meer mit einer durchschnittl. Punktgenauigkeit von 10 Bogenminuten (Mesenburg). Sie entsprechen der – bis heute gültigen – Kartendefinition, die von dem hellenist. Mathematiker und Astronomen Claudius Ptolemaeus um 100 n. Chr. aufgestellt, jedoch nur teilw. erfüllt worden war: Eine Karte soll durchgängig denselben Maßstab haben, in reiner Draufsicht (Vogelperspektive) dargestellt sein und auf astronom. und geometr. Grundlagen basieren, d. h. die Koordinaten einer möglichst großen Zahl von Punkten müssen astronom. bestimmt sein, dazw. muß terrestr. Vermessung stattfinden. Als die ersten Portulane um 1200 entstanden, waren diese Bedingungen erfüllbar. Ob als Auftraggeber die Krone von Aragón auftrat, die damals allenthalben Konsulate einrichtete und Herrschaftsansprüche bis ins Schwarze Meer hatte, oder die Seerepublik Genua, aus der die besten Navigatoren stammten, ist unklar. Roger Bacon und Albertus Magnus haben im 13. Jh. das Fehlen entspr. genauer Landkarten bedauert. Roger Bacon, der die Gefahren der Unkenntnis auf Reisen in dramat. Weise ausmalte, rief Päpste, Ks. und Kg.e dazu auf, hier aktiv zu werden, weil dies in ihrer Verantwortung liege.
Mit der Lösung dieser Aufgabe wurde erst im 15. Jh. im süddt. Raum begonnen und zwar durch neue Konzepte. Wenig trug dazu die von den Humanisten begeistert begrüßte lat. Übersetzung der Geographie von Claudius Ptolemaeus bei, die zwar bis ins 17. Jh. nachgedruckt wurde, worin die Territorien sich jedoch wg. zu grober Ungenauigkeit nicht wiedererkennen konnten.
Die Koordinaten eines Ortes wurden für Horoskope benötigt und für anspruchsvolle Interessenten von Mal zu Mal bestimmt. Ältere Horoskope sind daher für die Kartographen der frühen Neuzeit eine wichtige Quelle. Der Ingolstädter Mathematiker und Astronom Peter Apian hat in seiner Cosmographia (1524) über 50 Koordinaten bayer. Orte in einer Liste, die insgesamt die ganze Erde umfaßt, eingetragen. Dies war eine wichtige Voraussetzung für die Baier. Landtafeln, die sein Sohn und Lehrstuhlnachfolger Philipp Apian im Auftrag von Hzg. Albrecht V. von Bayern in den Jahren 1554-62 erstellte. Die andere Voraussetzung waren trigonometr. Vermessungsmethoden, möglicherw. diejenigen des Löwener Professors Reiner Gemma gen. Frisius, die dieser in den von ihm kommentierten und erweiterten Ausgaben der Cosmographia von Peter Apian publizierte. Kein Flächenstaat der Größe Bayerns, das damals bis zur Donau reichte, hat im 16. Jh. eine derartig genaue Karte vorweisen können.
Philipp Apian hat i. J. 1569/70 Bayern verlassen müssen, weil er sich weigerte, auf das Tridentinum zu schwören. Er hat aber sein Hab' und Gut mitnehmen können, als er an die Universität Tübingen ging. Er behielt auch gute Kontakte zu Albrecht V., in dessen Auftrag er weiterhin an seiner Descriptio Bavariae arbeitete. Das große Globenpaar, das jetzt vor dem Lesesaal der Bayer. Staatsbibliothek steht, entstand ebenfalls nach seiner Ausbürgerung. Seinen Tübinger Lehrstuhl hat Philipp Apian übrigens wiederum aus religiösen Gründen (Verweigerung des Schwurs der Konkordienformel) i. J. 1583 verloren. Er hat aber Tübingen nicht mehr verlassen müssen.
Einem anderen der ganz großen Kartographen, der allerdings nur wenig im Gelände vermessen hat, Gerhard Mercator, gelang es, die wg. der Intoleranz der Statthalterin Maria von Ungarn, einer Schwester Karls V., gefährl. Niederlande mitsamt der Familie und der Werkstatt i. J. 1552 zu verlassen und sich in Duisburg niederzulassen. Im Jahr 1544 war er – wie eine größere Anzahl von Löwener Bürgern – festgenommen worden und vermutl. dank der Intervention des Ks.s und seiner Berater nach neun Monaten Kerkerhaft wieder freigekommen. Er wurde in Duisburg zum Professor für Mathematik am Gymnasium, das als Vorläufer für eine geplante Landes-Universität des Hzm.s Jülich eingerichtet wurde, ernannt, hat diese Funktion aber nur wenige Jahre ausgeübt. Diese Schule (Gymnasium, universitas seu studium generale) hatte 1532 ein päpstl., 1566 ein ksl. Privileg erhalten. Der Hzg. von Jülich, Kleve und Berg, Wilhelm IV., hat Mercator außerdem zum Hofmathematiker, später zum Hofkosmographen ernannt. Seine Karten wirkten für mehr als zwei Jh.e stilbildend, u. a. wg. der differenzierenden und gut lesbaren Schrift, über die er ein spezielles Traktat veröffentlichte. Er experimentierte u. a. mit verschiedenen Projektionsmethoden. Für die Navigation wurde die winkeltreue Projektion wichtig, die sog. Mercatorprojektion, die es dem Seefahrer ermöglicht, den auf der Karte abgelesenen Winkel direkt anzusteuern. Diese Projektion ist nicht flächentreu, d. h. alle Flächen scheinen gegen die Pole zu immer größer zu werden. Mercator hat die Projektion zuerst 1569 auf einer Weltkarte angewendet. Seine Söhne und Enkel wurden ebenfalls in die kartograph. Offizin eingebunden, wo sie an Gerhard Mercators größtem Werk, dem postum erschienenen Atlas von 1595 mitgearbeitet haben.
Seit dem 16. Jh. erschienen Werke zur »praktischen Geometrie«, in denen auch verschiedene trigonometr. Methoden zur Landvermessung erklärt wurden. Die astronom. Methoden konnte man der schon erwähnten »Cosmographia« von Peter Apian entnehmen. Dieses Werk hat mit über 60 Auflagen eine phantast. Verbreitung erreicht, nicht gerechnet anonyme Nachdrucke und Plagiate. Die Autoren der theoret. Traktate waren überwiegend Universitätsprofessoren für Mathematik. Die meisten dt. Kartographen des 16. und beginnenden 17. Jh.s entstammten diesem Milieu. Sie rühmten sich merkwürdigerweise auch, ihre Karten mit geometr. Methoden hergestellt zu haben. Die Ungenauigkeit ihrer Karten spricht allerdings dagegen, daß Geometrie und Astronomie zur Anwendung gekommen sind. Davon mögen die Strapazen abgehalten haben, mit denen eine Landvermessung verbunden war. Der junge Philipp Apian war sieben Sommer lang mit den Geländearbeiten beschäftigt. Gerhard Mercator hat die Geländearbeiten nach einer schweren Erkrankung aufgegeben. Die Gerichte beauftragten häufig einheim. Maler, Lageskizzen – ohne jegl. geometr. Grundlage – von strittigen Gebieten oder Situationen anzufertigen, womit eine Ortsbesichtigung vermieden werden konnte. Heinrich Rantzau, der dän. Gouverneur der Hzm.er Schleswig und Holstein, nahm den bis dahin als Hirte tätigen Reimers Ursus in Dienst, um bei der Kartierung des Landes, die zu seinen Aufgaben gehörte, mitzuarbeiten. Er hat die Begabung Reimers' entdeckt und gefördert. Die Karte ist nicht erhalten.
Quellen
Philipp Apian, Bairische Landtafeln XXIIII, Ingolstadt 1568 (Faksimile in: Philipp Apian 1989). – Gerhard Mercator, Atlas Sive Cosmographicae Meditationis De Fabrica Mundi et Fabricati Figura, Düsseldorf 1595. – Claudius Ptolemaeus, Geographie (Kosmographie), Bologna 1477. – Lindgren, Uta: Die Geographie des C.P. in München. Beschreibung der gedruckten Exemplare der Bayerischen Staatsbibliothek, in: Archives internationales d'histoire des sciences 35 (1985). – Johannes Turmair (genannt Aventinus), Bayerische Chronik, Bd. 1, hg. von Matthias Lexer, München 1883, Bd. 2, hg. von Matthias Lexer, München 1886.
Literatur
Bagrow, Leon/Skelton, Raleigh Ashlin: Meister der Kartographie, 5. Aufl., Berlin 1985. – Gerhard Mercator: 1512-1594 zum 450. Geburtstag, hg. von Günther von Roden, Duisburg-Ruhrort 1962. – Gérard Mercator Cosmographe – le temps et l'espace, hg. von Marcel Watelet, Antwerpen 1994. – Vierhundert Jahre Mercator. Vierhundert Jahre Atlas. Eine Geschichte der Atlanten, hg. von Hans Wolff, Weißenhorn 1994. – Philipp Apian 1989. – Reich, Ulrich: Johann Scheubel und die älteste Landkarte von Württemberg 1559, Karlsruhe 2000. – Wolf, Armin: Ikonologie der Ebstorfer Weltkarte und politische Situation des Jahres 1239. Zum Weltbild des Gervasius von Tilburg am Welfischen Hofe, in: Ein Weltbild vor Columbus. Die Ebstorfer Weltkarte - Interdisziplinäres Colloquium 1988, hg. von Hartmut Kugler im Zusammenarbeit mit Eckhard Michael, Weinheim 1991, S. 54-116. – Wolff, Hans: Peter Apian, Wegbereiter der Kartographie, und Von Johann Aventin zu Philipp Apian, in: Bayern im Bild der Karte. Cartographia Bavariae (Ausstellungskatalog), Weissenhorn 1988.