Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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Herr allen Wissens: Künstler und Fachleute

Geschichtsschreiber

Im Reich zielt die vom Fs.en angeregte und zunächst für ein höf. Publikum bestimmte Geschichtsschreibung in erster Linie auf eine Geschichte der Dynastie; der Bericht über die Taten des regierenden Fs.en tritt daneben zurück. Sie sucht insbes. die vornehme Abkunft aufzuweisen und setzt sich dabei ggf. durch genealog. Konstruktionen über die an das liturg. Personengedächtnis gebundene klösterl. Überlieferung hinweg. Dies geschieht aber vielfach in Anknüpfung an ältere landschaftl. und herrschaftl. Traditionen, so daß die Geschichte des fsl. Geschlechts eingebettet wird in eine Geschichte des Landes (Böhmen, Österreich, Bayern, Hessen, Mecklenburg). Dieser Zug verstärkt sich während der ersten Hälfte des 16. Jh.s in Anknüpfung an die antike Ethnographie und Chorographie. In Österreich mündet die mit Thomas Ebendorfer († 1464) einsetzende Kaisergeschichtsschreibung schließl. ein in die Geschichte Ungarns (Wolfgang Lazius † 1565, Johannes Sambucus † 1584). Genealog., ethnograph., aber auch reichsgeschichtl. begründen im konfessionellen Zeitalter die Historiographen der bayer. Wittelsbacher, der Wettiner und der Lothringer den königsgleichen Rang der Fürstendynastie.

1200-1450

Eine Geschichtsschreibung im Auftrag des Fs.en, die sowohl die gelehrte wie die adlige Führungsschicht erreichen sollte, setzte im Reich am Prager Hof Ks. Karls IV. ein. Der adlige Magister Přibík Pulkava von Radenín († 1378/80) hat möglicherw. selbst bereits seine Böhm. Chronik vom Lat. ins Tschech. übersetzt. Die Verwendung der Volkssprache, für eine adlige Rezeption unerläßl., konnte sich weitgehend behaupten, stieß aber im dt. Sprachraum auf seiten der Gelehrten weiterhin auf gewisse Vorbehalte. Ein reimgebundener Vortrag des Stoffes am Hof blieb bis ins späte 15. Jh. hinein denkbar (Michel Behaim, Heidelberg, † 1474/78). Adliger Vorstellungswelt entstammt die rückwärtige Verlängerung der Geschichte des Landes – und nicht der regierenden Dynastie, durch eine fiktive Herrscherserie, wie sie für Österreich Leopold von Wien († nach 1394) auf Anregung Hzg. Albrechts III., möglicherw. nach dem Vorbild der böhm. Dalimil-Chronik, in seiner sog. Chronik der 95 Herrschaften popularisierte. Von den frühen Chronisten, zum überwiegenden Teil Hofkaplänen, erwartete man ein Kompendium, das eine Schneise durch das vermeintl. Dickicht der älteren Chronistik schlagen sollte, und nicht etwa eine ausgreifende Darstellung. Eine vermittelnde Position zw. gelehrter und adlig-höf. Lebenswelt läßt auch das Spektrum ihrer Tätigkeiten erkennen: Dem weitgereisten Minoriten Giovanni di Marignolli († 1358/59) gab Ks. Karl IV. einen Platz an seiner Tafel, Leopold von Wien übersetzte für den Wiener Hof lat. Literatur, Thomas Ebendorfer schrieb Reden für Friedrich III. und Matthias von Kemnat († 1476) betätigte sich als Astrologe Pfgf. Friedrichs des Siegreichen.

1450-1550

Unter den Chronisten finden sich in der zweiten Hälfte des 15. Jh.s nun auch Laien: Eine bayer. Chronik verfaßten nahezu zeitgl. Ulrich Fuetrer († 1496), Wappen- und Freskenmaler am Münchener Hof, und Hans Ebran von Wildenberg († 1501/03), Hofmeister der Hzg.innen von Bayern-Landshut, der noch auf die Hilfestellung lateinkundiger Priester angewiesen war. Mit Gert van der Schüren († nach 1488/89), dem Geschichtsschreiber der Gf.en und Hzg.e von Kleve, erscheint unter den Chronisten erstmals ein fsl. Sekretär. Unter Ks. Maximilian I. sind mehrere Sekretäre, gelehrte wie ungelehrte, mit der Umsetzung seiner autobiograph. Aufzeichnungen und Lebenserinnerungen in allegorisierende dt. Romane befaßt, als Teil des von ihm selbst mit wechselnden Beratern konzipierten Ruhmeswerks. In der Deutung Maximilians umfaßt das secretari amt auch die Arbeit an der fsl. gedechtnus und gehört zu den Fertigkeiten des allseits beschlagenen Herrschers. Die genealogisch-histor. Forschung und Quellensammlung hingegen wurde Sache der an den Hof drängenden, zunächst aber nicht fest bestallten Gelehrten. Mit aus ihrer Arbeit ging die große Fürstliche Chronick des Juristen und ksl. Rates Jakob Mennel († 1526) hervor. Um eine Anstellung als Hofhistoriograph beim Hzg. von Bayern-Landshut bemühte sich der humanist. Literat Joseph Grünpeck 1496 noch erfolglos. 1517 beauftragten dann die bayer. Hzg.e ihren ehemaligen Erzieher, den Humanisten Johann Aventin († 1534), damit, die alten monument antiquitet und anzaigen allenthalben bei den clöstern unsers fürstentumbs zu erfaren, zu besichtigen und zu beschreiben. In Anerkennung der daraus erwachsenen Annales ducum Boiariae wurde das Jahresgehalt des bayerisch fyrstliche[n] geschichtsschreiber[s], wie er sich selbst nannte, 1524 auf 100 fl. heraufgesetzt. Gleichzeitig wurde er verpflichtet, alle Entdeckungen, die dem Hause Bayern von Nutzen sein könnten, den Hzg.en zu offenbaren, die sich zudem die Freigabe seiner Chroniken zur Veröffentlichung vorbehielten. In Sachsen hatte bereits 1510 Georg Spalatin († 1545), auch er zu dieser Zeit Prinzenerzieher, im Auftrag Kfs. Friedrichs des Weisen mit der Arbeit an einer sächs. Chronik begonnen. Der Kfs. selbst förderte die Kontaktaufnahme mit anderen Historikern, doch die Arbeit gedieh nie zur Publikationsreife. Freie Hand bei seinen zahlreichen Publikationen behielt dagegen Wolfgang Lazius, Professor der Medizin in Wien, den Kg. Ferdinand I. zum Leibarzt, Rat und Historiographen mit dem ansehnl. Jahresgehalt von 200 rhein. fl bestellte, der aber weiterhin an die Universität gebunden blieb.

1550-1650

Nicht am Kaiserhof, sondern am Hof der Innsbrucker Ehzg.e wurde die Historiographie des Hauses Habsburg (Gerard van Roo † 1588, Franz Guillimann † 1612) bes. gepflegt und gefördert. Einen offiziellen Historiographen beschäftigten in dieser Zeit ständig die Reichsfs.en mit konfessions- und reichspolit. Führungsanspruch, die bayer. Wittelsbacher (ab 1589) und die ernestin. und albertin. Wettiner. Bes. Hzg. Maximilian I. von Bayern († 1651) war das Projekt einer bayer. Chronik, die anders als die unter Verschluß gehaltene Baierische Chronik Aventins geeignet war, diesen Anspruch zu untermauern, ein persönl. Anliegen, das renommierten Gelehrten wie dem Augsburger Marcus Welser († 1614) angetragen wurde. Es kam schließl. unter der Feder von Maximilians lothring. Beichtvater Johannes Vervaux mit den Annales Boicae Gentis (postum 1662), deren Schwerpunkt nunmehr auf Maximilians eigener Regierungszeit liegt, zu einem erfolgreichen Abschluß. Quellenstudium und literar. Anspruch verbanden sich hier in einer reflektierten Darstellung, die auch als eine Repräsentation fsl. Bildungswillens gelten konnte. Tendenziell bewegte sich die Geschichtsschreibung der fsl. Archivare, Sekretäre und geheimen Räte auf einem anderen Gleis. Sie verfaßten histor. Parteischriften zur Verteidigung geschichtl. Rechtsansprüche (der späte Spalatin; Thierry Alix † 1594 [Lothringen]; Christoph Gewold † 1621 [Bayern]; Marquard Freher † 1614 [Kurpfalz]; Friedrich Hortleder † 1640 [Sachsen-Weimar]) oder arbeiteten weiter an einer histor. und deskriptiven Erfassung des Landes, unter das mittlerweile auch der Adel subsumiert wurde (Alix; der als Leibarzt zum ersten württ. Hofhistoriographen berufene Oswald Gabelkover † 1616); Petrus Albinus † 1598 [Kursachsen]; Freher).

→ vgl. auch Farbtafel 3; Abb. 7

Quellen

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Bláhová, Marie: Offizielle Geschichtsschreibung in den mittelalterlichen böhmischen Ländern, in: Die Geschichtsschreibung in Mitteleuropa. Projekte und Forschungsprobleme, hg. von Jarosław Wenta, Thorn 1999 (Subsidia historiographica, 1), S. 21-44. – Cullière, Alain: Les écrivains et le pouvoir en Lorraine au XVIe siècle, Paris 1999 (Bibliothèque littéraire de la Renaissance. 3e sér., 41). – Engel, Wilhelm: 400 Jahre Hennebergische Geschichtsschreibung, in: Sachsen und Anhalt 9 (1933) S. 1-32. – Hirn, Josef: Erzherzog Ferdinand II. von Tirol, Bd. 1, Innsbruck 1885. – Hirn, Josef: Erzherzog Maximilian der Deutschmeister. Regent von Tirol, Bd. 1, Innsbruck 1915. – Höss, Irmgard: Georg Spalatin: 1484-1545: ein Leben in der Zeit des Humanismus und der Reformation, 2., erw. Aufl., Weimar 1989. – Johanek, Peter: Hofhistoriograph und Stadtchronist, in: Autorentypen, hg. von Walter Haug und Burghart Wachinger, Tübingen 1991 (Fortuna vitrea, 6), S. 50-68; ND in: Johanek, Peter: Was weiter wirkt … Recht und Geschichte in Überlieferung und Schriftkultur des Mittelalters, hg. von Antje Sander-Berke und Birgit Studt, Münster 1997, S. 353-371. – Johanek, Peter: Der Schreiber und die Vergangenheit. Zur Entfaltung einer dynastischen Geschichtsschreibung an den Fürstenhöfen des 15. Jahrhunderts, in: Pragmatische Schriftlichkeit im Mittelalter. Erscheinungsformen und Entwicklungsstufen, hg. von Hagen Keller, Klaus Grubmüller und Nikolaus Staubach, München 1992 (Münstersche Mittelalter-Schriften, 65), S. 195-209. – Klein, Michael: Zur württembergischen Historiographie vor dem Dreißigjährigen Krieg, in: Deutsche Landesgeschichtsschreibung im Zeichen des Humanismus, hg. von Franz Brendle u. a., Stuttgart 2001 (Contubernium, 56), S. 259-278. – Mertens, Dieter: Geschichte und Dynastie – Zu Methode und Ziel der »Fürstlichen Chronik« Jakob Mennels, in: Historiographie am Oberrhein im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit, hg. von Kurt Andermann, Sigmaringen 1988 (Oberrheinische Studien, 7), S. 121-153. – Lhotsky, Alphons: Apis Colonna. Fabeln und Theorien über die Abkunft der Habsburger, in: Mitteilungen des Instituts für Geschichtsforschung und Archivwissenschaft in Wien 55 (1944) S. 171-245. - Moeglin, Jean-Marie: Les ancêtres du prince. Propagande politique et naissance d'une histoire nationale en Bavière au moyen âge (1180-1500), Genf 1985 (Hautes études médiévales et modernes, 54). – Moeglin, Jean-Marie: Dynastisches Bewußtsein und Geschichtsschreibung. Zum Selbstverständnis der Wittelsbacher, Habsburger und Hohenzollern im Spätmittelalter, in: HZ 256 (1993) S. 593-635. – Moeglin, Jean-Marie: Zur Entwicklung dynastischen Bewußtseins der Fürsten im Reich vom 13. zum 15. Jahrhundert, in: Die Welfen und ihr Braunschweiger Hof im hohen Mittelalter, hg. von Bernd Schneidmüller, Wiesbaden 1995 (Wolfenbütteler Mittelalter-Studien, 7), S. 523-540. – Müller 1982. – Patze, Hans: Landesgeschichtsschreibung in Thüringen, in: Geschichte Thüringens, hg. von Hans Patze und Walter Schlesinger, Bd. 1: Grundlagen und frühes Mittelalter, Köln u. a. 1968 (Mitteldeutsche Forschungen, 48/I), S. 1-47. – Rundnagel, Erwin: Der Mythos von Herzog Widukind, in: HZ 155 (1937) S. 233-277, 475-505. – Schmid, Alois: Von der Reichsgeschichte zur Dynastiegeschichte. Aspekte und Probleme der Hofhistoriographie Maximilians I. von Bayern, in: Späthumanismus. Studien über das Ende einer kulturhistorischen Epoche, hg. von Notker Hammerstein und Gerrit Walther, Göttingen 2000, S. 84-112. – Stein, Ulrike: Die Überlieferungsgeschichte der Chroniken des Johannes Nuhn von Hersfeld. Ein Beitrag zur Hessischen Historiographie, Frankfurt a. M. 1994 (Europäische Hochschulschriften, 3/596). – Strauss, Gerald: Historian in an Age of Crisis. The Life and Work of Johannes Aventinus 1477-1534, Cambridge/Mass. 1963. – Strohmeyer, Arno: Geschichtsbilder im Kulturtransfer. Die Hofhistoriographie in Wien im Zeitalter des Humanismus als Rezipient und Multiplikator, in: Metropolen und Kulturtransfer im 15./16. Jahrhundert. Prag – Krakau – Danzig – Wien, hg. von Andrea Langer und Georg Michels, Stuttgart 2001 (Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa, 12), s. 65-84. – Studt, Birgit: Fürstenhof und Geschichte. Legitimation durch Überlieferung, Köln u. a. 1992 (Norm und Struktur, 2). – Werner, Günter: Ahnen und Autoren. Landeschroniken und kollektive Identitäten um 1500 in Sachsen, Oldenburg und Mecklenburg, Husum 2002 (Historische Studien, 467).