Garten und Gartenarchitektur
Wasser ist Voraussetzung für Anlage und Pflege von Gärten. Grundsätzl. kann zw. stehendem, springendem und fließendem Wasser unterschieden werden, wobei die unterschiedl. Zwecke »zum Nutzen und zur Lust« formbildend wirkten.
Die einfachste Form waren steingefaßte Quellen im Baumgarten. Sie dienten, wie im um 1420 entstandenen Paradiesgärtlein des Oberrheinischen Meisters dargestellt, zum Wasserschöpfen, zum Kühlen von Getränken und waren Symbol der Reinheit. In den seltenen Fällen, in denen Gärten innerhalb der Burg lagen, wurde das Wasser von dort durch die Küche zum Ableiten des Unrates weitergeführt.
Neben dieser einfachen, stark vom Nutzaspekt geprägten Verwendung des Wassers existierten bereits im frühen MA Laufbrunnen in den Kl.n, die auch in die höf. Gärten Einzug fanden. Die Brunnen rückten im 13. Jh. in den Mittelpunkt der Gärten, wie es auf zahlreichen Darstellungen dokumentiert ist, aber auch von Albertus Magnus, Pietro de Crescenzi oder im Roman de la Rose beschrieben wird. Nördl. der Alpen war meist der Stockbrunnen zu finden. Durch eine in einem Brunnenbecken stehende Brunnenröhre steigt das Wasser hinauf und läuft und/oder spritzt aus figural oder ornamental verzierten Öffnungen in das Brunnenbecken. Im späten 15. und v. a. im 16. Jh. nahm der plast. Schmuck an den Brunnen zu. Aus den einfachen, schlichten Brunnen wurden kunstvolle, oft mehrstöckige Gebilde mit reichem skulpturalem Schmuck, wie die um 1574/75 von Alexander Colin geschaffenen steinernen Brunnen für das unter Ks. Maximilian II. errichtete Neugebäude in Wien. Dank der fortgeschrittenen techn. Möglichkeiten wurde das Wasser in verschiedenster Form in die Brunnenbecken geleitet.
Das Wasser diente der Belustigung der Gartenbesitzer und ihrer Gäste. So waren die Vexierwasser oder Wasserscherze beliebte Vergnügung an den Res.en. Durch unsichtbare Düsen wurden die Besucher der Gärten durchnäßt. Bereits 1530 berichtete der Mantuan. Gesandte Cesare Gracio anläßl. einer Beschreibung des zu Ehren Ks. Karls V. von Hzg. Wilhelm IV. im Münchner Residenzgarten gegebenen Banketts über die Wasserscherze im Brunnenhaus. Diese Düsen konnten sowohl unbeabsichtigt betätigt werden, z. B. durch das Betreten von Bodenplatten, die einen Mechanismus auslösten, als auch bewußt, wie am Fürstentisch in Hellbrunn, dem Sommersitz des 1612 zum Ebf. von Salzburg ernannten Markus Sittikus. Dieser steinerne Tisch mit einem integrierten Wasserbecken zum Kühlen von Getränken nach dem Vorbild ital. Villen war von zehn steinernen Schemeln umgeben, von denen neun mit Wasserdüsen ausgestattet waren. Oft waren die Vexierwasser in Grotten oder eigenen, abgeschlossenen Gartenbezirken installiert und so angebracht, daß die spritzenden Wasser dem Uneingeweihten den Weg aus diesem Gartenbereich versperrten und ihn durchnäßten.
Grotten sind seit dem 16. Jh. in den Gärten zu finden. Ihre Blüte erreichten sie im frühen 17. Jh. Sie wurden sowohl im Garten in natürl. oder künstl. Bergen, in Futtermauern oder in freistehenden Pavillons als auch im Erdgeschoß von Schlössern und Lusthäusern errichtet. Die Grotten selbst waren mit Muscheln, Korallen, Schnecken und bunten Steinen inkrustiert, oft auch mit Pflanzen bewachsen. Plastiken von mytholog. Figuren wie Nymphen und verschiedensten Tieren zierten sie und bestimmten ihren oft bukol. Charakter. Das Wasser war wichtigster Bestandteil. Brunnen, figürl. Wasserspiele, Wasserscherze und mechan. Kunstwerke wie Wasserorgeln, Androiden und künstl. Tiere, die durch Wasserdruck bewegt wurden, gehörten zur Grundausstattung. Automaten waren seit der Antike bekannt. Heron von Alexandrien verfaßte im 1. Jh. n. Chr. zwei Traktate über Mechanik (Pneumatica und Automatica), die erstmals 1575 von dem ital. Mathematiker Federigo Commandino in lat. Übersetzung herausgegeben wurden.
Die Wasserkünste dienten neben der Unterhaltung auch der Demonstration des techn. Wissens und Könnens der Zeit. Die Naturimitation war Beweis für die wissenschaftl.-techn. Leistungen, die größtenteils mittels Förderung durch die Fürstenhöfe erfolgten. Naturphänomene wie Regen, Donner und Gewitter wurden ebenso imitiert wie Vogelgezwitscher, Gesang und Instrumentenklänge. Künstl. Figuren bewegten sich scheinbar natürl. Beliebt war auch eine auf- und niedersteigende metallene Kugel auf einem Wasserstrahl wie sie für den Heidelberger Hortus Palatinus geplant war. Diese techn. Konstruktionen erforderten Spezialisten, wie den an verschiedenen europ. Höfen tätigen Ingenieur Salomon de Caus. 1605 wurde er von Ehzg. Albrecht und Infantin Isabella zum Hofingenieur ernannt und war ab 1606 für den Bau der nicht erhaltenen Wasserkünste am habsburg. Schloß Coudenberg in Brüssel verantwortlich. De Caus schuf Springbrunnen, Grotten und Wasserscherze, darunter die Magdalengrotte, die Grotte der »trois fontaines« mit Zwitschermaschinen und einer Wasserorgel, den Parnaß sowie eine Vielzahl von Wasserautomaten.
1606 hielt sich Hzg. Johann Friedrich von Württemberg in Brüssel bei Ehzg. Albrecht auf. 1610 sind erste Planungen für eine heute nicht mehr vorhandene Grotte im Lustgarten Hzg. Johann Friedrichs in Stuttgart nachweisbar. De Caus war beratend tätig. Planung und Ausführung oblagen Gerhard Philippi (Ingenieur), Esajas van Hulsen (Maler und Goldschmied), Hans Leonhard Belz (Schlosser und Uhrmacher) und Jakob Ganzer (Orgelbauer). Die Arbeiten an der 1613 begonnenen Grotte mit zahlreichen Tierplastiken, bukol. Statuen, Brunnen, Vexierwassern und einer Orgel in einem eigenen Gebäude an der nordöstl. Lustgartenmauer wurden 1628 eingestellt und ab 1655 unter Hzg. Eberhard III. fertiggestellt. Um während der Bauarbeiten bereits einen benutzbaren Grottenraum zu haben, wurden unweit der Baustelle provisor. Grottenräume eingerichtet, die Philipp Hainhofer 1616 beschreibt: die schöne Grottam, die musiciert und Wasser spritzt, noch nur zum Model dient, und geleichwohl schon vil 1000 Guldin kostet.
Etwa zeitgleich mit der Stuttgarter Grotte entstanden die heute weitgehend zerstörten Wasserkünste im Hortus Palatinus in Heidelberg. 1616-19 war de Caus für Kfs. Friedrich V. von der Pfalz tätig. Auch hier schuf er zahlreiche Wasserspiele im Garten und in den Grotten, bis auf eine Wasserorgel jedoch keine Automaten. Auf jeder der vier Terrassen befanden sich Brunnen und Wasserbecken. Auf der Hauptterrasse schmückten fünf Figuren, darunter Zwey Weibsbilder / deren die eine ihr Haar/ die ander ihr Hembd auswindet. Und tropfft das wasser von den Haaren und vom Hembd, das Wasserparterre. In der Substruktion der Oberen Terrasse befand sich die große Grotte, mit Fürstenbad, Wasserorgel und mancherley lustige Wasserkünste. Vor der Grotte liegt noch heute ein Wasserbecken mit der Personifikation des Rheines, auf der Oberen Terrasse der Venusbrunnen.
Im Lustgarten des Salzburger Ebf.s Markus Sittikus von Hohenems schuf Santino Solari ab 1618 Wasserkünste, größtenteils in Grotten im Untergeschoß des Schlosses. In der Neptungrotte wird mit Hilfe zahlloser Düsen in der Decke ein künstl. Platzregen erzeugt. Weitere Vexierwasser sind an den Ein- und Ausgängen der Grotten installiert sowie am Fürstentisch im Römischen Theater (s. o.) Zahlreiche hydraul. betriebene Automaten in Form von Tieren, mytholog. Figuren und arbeitenden Handwerkern bevölkern die Grotten und den Garten.
Bis in die Mitte des 18. Jh.s waren Wasserkünste wichtiger Bestandteil der Gärten, wie die ab 1701 errichtete monumentale Kaskadenanlage in der Wilhelmshöhe in Kassel. Erst mit der Ablösung der regelmäßigen Gärten durch Landschaftsparks fand ein Wechsel von den künstl. Wasserspielen zu scheinbar natürl. Wasserläufen statt.
Quellen
Albertus Magnus, De vegetabilibus, um 1260. – Andreas Georg Böckler, Architectura Curiosa Nova. Das ist: Neue Ergötzliche Sinn- und Kunstreiche auch nützliche Bau- und Wasser-Kunst […], Nürnberg 1664. – Salomon de Caus, Les Raisons des forces movvantes auec diuerses Machines Tant vtilles que plaisantes […], Frankfurt 1615; dt.: Von Gewaltsamen bewegungen. Beschreibung etlicher, so wol nutzlichen alß lustigen Maschiner […], Frankfurt 1615. - Salomon de Caus, Hortvs Palatinvs a Friderico Rege Boemiae electore Palatino Heidelbergae, Frankfurt 1620. – Pietro de Crescenzi, De viridariis et rebus delectabilibus ex arbores et herbis et fructu artficiose agendis, 1304-06. – Joseph Furttenbach, 1628. – Joseph Furttenbach, Architectura privata, Augsburg 1641. – Heron von Alexandria, Automatentheater, in: Heron von Alexandria, Opera qui supersunt omnia, griech. und dt., hg. von Wilhelm Schmidt, Bd. 1: Pneumatica et Automatica, Leipzig 1899. – Guillaume de Lorris/Jean de Meung, Roman de la Rose, um 1230-1270. – Hans Vredemann de Vries, Hortorum viridario rumque elegantes & multipices formae ad architectonicae artis normam affabre delineatae, Antwerpen 1587. – Heinrich Zeisig, Theatri Machinarum. Fünffter Theil. In welchem Allerhand Lustige und schöne Machina von Spring und Schöpfbrunnen zierlichen fontanen, von seltsamen Inventionen […], Leipzig 1614.
Literatur
Amedick, Rita: Wasserspiele, Uhren und Automaten mit Figuren in der Antike, in: Automaten in Kunst und Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit, hg. von Klaus Grubmüller und Markus Stock, Wiesbaden 2003, S. 9-48. – Bigler, Robert B.: Schloß Hellbrunn, Wunderkammer der Gartenarchitektur, Wien 2001. – Bredekamp 1993. – de Jonge, Krista: Ein Netz von Grotten und Springbrunnen – Die »Warande« zu Brüssel um 1600, in: Gärten und Höfe der Rubenszeit im Spiegel der Malerfamilien Brueghel und der Künstler um Peter Paul Rubens, hg. von Ursula Härting, München 2000, S. 89-105. – Fleischhauer, Werner: Zur Tätigkeit Salomon de Caus an den Grottenwerken zu Brüssel, Heidelberg und Stuttgart, in: Landesgeschichte und Geistesgeschichte. Festschrift für Otto Herding zum 65. Geburtstag, hg. von Kaspar Elm, Stuttgart 1977, S. 372-381. – Franke, Birgit: »... zur Lust und Zierde der Palläst und Gärten« – Salomon de Caus und die Grottenkunst, in: Gärten und Höfe der Rubenszeit im Spiegel der Malerfamilien Brueghel und der Künstler um Peter Paul Rubens, hg. von Ursula Härting, München 2000, S. 83-88. – Franke, Birgit: Natürliche Kunst und künstliche Natur – Ein Beitrag zur Grottenkunst des 16. und 17. Jahrhunderts, in: Künste und Natur in Diskursen der Frühen Neuzeit, hg. von Hartmut Laufhütte, Wiesbaden 2000 (Wolfenbütteler Arbeiten zur Barockforschung, 35,3), S. 1075-1094. – Franke, Birgit: Automaten in höfischen Lustgärten der Frühen Neuzeit, in: Automaten in Kunst und Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit, hg. von Klaus Grubmüller und Markus Stock, Wiesbaden 2003, S. 247-268. – Gothein 1926. – Gugenhan, Stefan: Die Landesherrlichen Gärten zu Stuttgart im 16. und 17. Jahrhundert, Stuttgart 1997. – Hansmann, Wilfried: Gartenkunst der Renaissance und des Barock, Köln 1983. – Hennebo, Dieter: Gärten des Mittelalters, München u. a. 1987. – Lombaerde, Piet: Pietro Sardi, Georg Müller, Salomon de Caus und die Wasserkünste des Coudenberg-Gartens in Brüssel, in: Die Gartenkunst 3 (1991) S. 159-174. – Rietzsch, Barbara: Künstliche Grotten des 16. und 17. Jahrhundert. Formen der Gestaltung von Außenbau und Innenraum an Beispielen in Italien, Frankreich und Deutschland, München 1987.