(1) L. liegt östlich des Teutoburger Waldes am Rande des nordlippischen Hügellandes im Tal des Flusses Bega. Die Talung wird im Norden und Osten durch die Höhen der L.er Mark und des Rieperberges und im Süden durch den Biesterberg umschlossen, wodurch die Stadt deutlich gegen den Oberlauf des Flusses abgegrenzt wird. Nach Westen öffnet sich die fruchtbare, lößbedeckte Herforder Mulde.
Bereits in vorgeschichtlicher Zeit befand sich offenbar unmittelbar östlich L.s eine Kreuzung von Fernwegen, die sich wohl in karolingischer Zeit nach Westen verschob und den (für L. namengebenden) Limgau für Mittelpunktsfunktionen attraktiv machte. Von Herford an führte der »Hämelsche Weg« über L. weiter nach Osten. Kurz nach Verlassen L.s zweigte der »Blomberger Weg« nach Südosten ab. Nach Süden führte der »Hornsche Weg«, der nach etwas über zwei Kilometern das Dorf Brake berührte, wo sich die landesherrliche Burg befand, weiter über Detmold nach Horn, wo er Anschluss an den überregionalen Hellweg fand. Von L. aus führte eine nördliche Straße nach Vlotho an der Weser. Von dieser zweigte unmittelbar hinter der Stadtgrenze ein Weg nach Rinteln an der Weser und damit ins Schaumburgische ab.
L. wurde im Rahmen der Ausdehnung der lippischen Herrschaft nach Osten als befestigter Grenzort gegenüber den Grafen von Schwalenberg bzw. deren Seitenlinie, den Grafen von Sternberg, um 1190 von Edelherrn Bernhard II. zur Lippe (†1224) gegründet, was durch Erbschaft der Güter der Herren von Rheda 1191 ermöglicht wurde. Als Stadt ergänzte L. die von den Edelherren zu Lippe vom 13. bis zum 15. Jahrhundert als Residenz fungierende Burg Brake. Beide lösten Lippstadt (knapp 70 km südwestlich L.s) als Hauptsitz der Edelherren ab. Im Verlauf des 15. und frühen 16. Jahrhunderts bevorzugte Bernhard VII. Detmold. Um 1570 wurde Burg Brake zum Witwensitz für Katharina von Waldeck (†1583), der überlebenden Frau Bernhards VIII. (reg. 1547-1563). Ab 1584 wurde unter Simon VI. (reg. 1563-1613) Burg Brake zum Regierungssitz umgebaut und erweitert (unter seinem Sohn wieder nach Detmold verlegt). 1621-1709 diente Schloss Brake der Nebenlinie Lippe-Brake, begründet von Simons VI. zweitem Sohn Otto (reg. 1621-1657) als Hauptsitz.
(2) Bereits im Frühmittelalter war westlich der späteren Stadt eine Pfarrkirche St. Johann errichtet worden (1638 zerstört, erhalten der heutige »Stumpfe Turm«). Direkt östlich dieser wurde die Stadt L. als Dreistraßenanlage im langgestreckten Oval (typisch für lippische Städte) angelegt. An der Stelle dürfte es vorher einen Herrenhof, den späteren Lippehof, gegeben haben. Neuerdings wird eine Händlersiedlung mit Kapelle, aus der die Nikolaikirche hervorging, angenommen, was unwahrscheinlich ist. Um 1200 begann die Anlage von Mauer und Graben sowie vier Toren, um 1300 wurde ein weiteres hinzugefügt. 1265 wurde, Indiz starken Wachstums, eine Neustadt als Zweistraßenanlage ausgewiesen, die eine eigene Ummauerung mit drei Toren und (im ausgebauten Zustand) elf Türmen und eine Brücke über die Bega erhielt (Zwischentor zur Altstadt 1579 abgerissen). Um 1500 begann man eine gemeinsame Umwallung beider Stadtteile, was sich bis zum Ende des Dreißigjährigen Kriegs hinzog.
Verliehen wurde um 1190 das Lippstädter Recht, was seine direkten Nachfolger Hermann II. (als Mitregent ab 1196, allein 1224-1229) und Bernhard III. (reg. 1229-1265) erneuerten. Es gewährte der Gemeinde weite Gestaltungsspielräume und sah u.a. vor, dass der Landesherr ohne Zustimmung der Bürger keine Befestigung innerhalb der Stadt errichten durfte; Sitz der Herren blieb Burg Brake. Bernhard III. fügte der Altstadt wohl in den 1250er Jahren die Neustadt hinzu, welche 1263 von Simon I. (reg. 1273-1334) mit dem Recht Lippstadts, Lemgos und Horns begabt wurde. Immer wieder findet sich die Zuordnung der Altstadt zur Kaufmannsgilde bzw. Fernhändlern und der Neustadt zu den Handwerkern, besonders zum Textilgewerbe.
Ausdruck einer frühen Gemeindebildung ist das möglicherweise schon um 1200/20 entstandene städtische Siegel (Typar erhalten, erster Abdruck 1248) mit der Umschrift SIGILLVM BVRGENSIVM IN [I mit Kürzungsstrich] LEMEGO. Auf den seit 1230 in L. geprägten Münzen wurde die Stadt erstmals als Civitas bezeichnet. 1245 werden erstmals Ratsherren, 1270 ein Bürgermeister erwähnt. Mehrmals erscheinen im 13. Jahrhundert »Richter, Ritter, Ratsherren und die ganze Gemeinheit« als verfassungsmäßige Organe bzw. Gruppen, im 14. Jahrhundert hingegen allein Rat und Bürgermeister. Anlässlich mehrerer im 14. Jahrhundert ausgetragener Konflikte (schellinge) zwischen verschiedenen Gruppen und zwischen der Alt- und Neustadt sowie anlässlich des Judenprogroms 1350 lässt sich die Verfasstheit L.s genauer erkennen. 1360 wurde in der Altstadt zur Beilegung eines Konflikts ein als meynheyd bezeichneter Ausschuss als Vertretung der Gemeinde gebildet, der bei der jährlichen Ratswahl und Vorgängen finanzieller Natur kontrollieren sollte. Die Meynheyd führte ein eigenes Siegel.
Entscheidend war das Privileg von 1365, mit dem die Gesamtstadt gegründet wurde, deren Rechtsverhältnisse überwiegend auf dem Altstädter Recht aufbaute. Nun gab es einen Rat. Für den landesherrlichen Stadtrichter gab es nun einen einheitlichen Rechtsraum. In der städtischen Selbstdarstellung spielte er hingegen keine Rolle. Der Rat erhielt beträchtliche Eingriffs- und Kontrollrechte im Wirtschaftsleben, selbst auf städtische Besitzungen des Landesherrn. Zur Ratswahl wurde festgehalten, dass die herkömmliche jährliche Ratswahl am 7. Januar in Anwesenheit des Landesherrn oder seines Vertreters stattfinden sollte. Aus dieser Konstellation entwickelten sich die »Vier Haufen« (hoipen), die in zwei Texten des 15. Jahrhunderts, der Regimentsnottel I und II, ausführlich dargelegt werden. Die vier Haufen bestanden aus dem sitzenden Rat (1), dem alten Rat (2), der Meinheit, d.h. den Bauermeistern der sechs Stadtquartiere (siehe unter 4), den Redmeistern und gewählten Meinheitsherren (3) sowie den Dechen, d.h. den Vorstehern der Gilden und Ämter (4). Dieses Verfassungsgefüge blieb in seinen Grundzügen bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts bestehen. Schwere innerstädtische Konflikte blieben aus, auch im Verhältnis zum Landesherrn blieb es bei dem einen grundlegenden Konflikt von 1609.
Für L. ist eine reiche und differenzierte handwerkliche Produktion belegt, wobei das Metallgewerbe (Waffenherstellung) bedeutsam war. Belegt sind die Gilden der Kaufleute und Wandmacher, die in einer Liste von 1472, in der zwölf Gilden erscheinen, ebenso wie das Schneiderhandwerk (zuerst belegt 1590) fehlen (genannt werden Schumacher, Knochenhauer, Bäcker, Schmieder, Pelzer, Brauer, Höker, Kramer und Leineweber). Die Grundlage des Exporthandels bildeten die Leinenprodukte. 1580-1620 wurde zur Qualitätssicherung eine Leggesozietät unterhalten. L. gehörte zum ostwestfälisch-ravensbergischen Leinengebiet mit Herford und Bielefeld als weiteren Zentren. Seit dem 12. Jahrhundert war L. in den auflebenden Handel zwischen dem westlichen Deutschland und der Ostsee mit Lübeck als zentralem Umschlagplatz eingebunden. Diese Gegebenheiten ließen eine finanzkräftige Oberschicht entstehen. Vermögen wurden in Renten sowie in Grundbesitz in der städtischen Feldmark sowie im Um- und Hinterland angelegt. Diese Elite, die sich vermutlich vor allem durch Zuwanderung auf bereits hohem Vermögensniveau ergänzte, ist außerordentlich stabil gewesen und reichte in letzten Ausläufern bis ins 20. Jahrhundert (z.B. Familie von der Wipper/Wippermann, die 1456 einwanderte). Zwischen 1392 und 1520 haben mehr als 160 L.er ein Universitätsstudium in Erfurt, Rostock oder Köln absolviert. Nach Rückkehr in die Heimat nahmen sie zumeist Positionen im städtischen Klerus ein, der bedeutsam für die städtische Finanzwirtschaft war. Der Chronist und evangelische Pfarrer Herrmann Hamelmann hat diese Elite als patritii bezeichnet, was in die Lokalliteratur einging, doch bestand in L. kein rechtlich abgeschlossenes Patriziat.
Nach dem gescheiterten Versuch Simons VI., die Residenz wieder nach L. und Brake zu verlegen, und während des Dreißigjährigen Krieges und den nachfolgenden Kriegshandlungen des 17. Jahrhunderts kam es zu starken Niedergangserscheinungen, vor allem auch zur Abwanderung von Bevölkerung; 1651 verzeichnete man einen Verlust von 43% der steuerpflichtigen Häuser. Innere soziale Spannungen, verbunden mit politischen und wirtschaftlichen Gegnerschaften, waren der Grund für eine 1583-1682 andauernde Serie von Hexenprozessen, die über 250 Todesopfer forderten, etwa die Hälfte ab 1653 (ca. 80% Frauen).
Nach diesen Einbrüchen hat sich die wirtschaftliche Lage im 18. Jahrhundert fortschreitend leicht gebessert, ohne dass entscheidende unternehmerische Durchbrüche stattfanden.
(3) L. gehörte kirchlich zur Diözese Paderborn. Die erste Kirche St. Johann wurde in karolingischer Zeit errichtet und blieb außerhalb der Mauern als Pfarrkirche des mit dem Gogerichtsbezirk identischen Kirchspiels. Bei der Archidiakonatsordnung 1231 wurde L. als Archiakonat des Paderborner Domthesaurars bestimmt. Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Kirchengebäude bis auf den Turm abgebrochen. In der Gründungsstadt gab es zwei Kirchen, St. Nicolai in der Altstadt und St. Marien in der Neustadt, die 1306 zusammen mit St. Johann dem Patronat des Dominikanerinnenklosters unterstellt wurden und 1323 alle drei noch einem gemeinsamen Pfarrer unterstanden. Erst zur Mitte des 14. Jahrhunderts wurden die beiden innerstädtischen Kirchen zu selbständigen Pfarrkirchen.
In L. war (anders als bei Lippstadt) bei der Stadtgründung keine Ansiedlung einer geistlichen Gemeinschaft vorgesehen. Erst zu Beginn des 14. Jahrhunderts erachtete man es für angemessen, die mittlerweile wichtigste Stadt der Herrschaft Lippe diesseits des Waldes durch ein Kloster in ihrer geistlichen Wertigkeit zu erhöhen. Edelherr Simon I. (reg. 1273-1344) veranlasste 1306 die in Schwierigkeiten geratenen Dominikanerinnen in Lahde an der Weser zur Übersiedlung nach L. Fortan spielten sie eine wichtige Rolle in der Stadt (1538 in ein evangelisches Damenstift umgewandelt). Im 14. Jahrhundert wurde die Neustädter Marienkirche Grablege der Landesherren, bis ab 1429 Wilbasen und Blomberg als solche dienten.
Im 15. Jahrhundert kamen zwei weitere Klöster hinzu: 1448 entstand wie in Detmold auf Initiative des Rektors des Herforder Fraterhauses Cord Westerwold und mit Unterstützung des Rates sowie des Landesherrn ein Haus der Schwestern vom Gemeinsamen Leben, in welches Augustinerinnen aus Eldagsen übersiedelten. 1460 wurde es der Windesheimer Kongregation angeschlossen. Schon bevor in der Reformationszeit die letzten Nonnen 1576 verstarben, wurden die Gebäude seit 1538 von der Lateinschule bzw. dem Gymnasium genutzt. 1463 setzte gegen den Widerstand des Dominikanerinnenklosters Edelherr Bernhard VII. (reg. 1429-1511) die Gründung eines Franziskaner-Observantenklosters durch, das am Johannistor lag. 1560 floh der Konvent nach Bielefeld, Kirche und Klostergebäude wurden anderen Nutzungen zugeführt, vor allem wurden hier die Hospitäler in die Stiftung St. Loyen (Eligius) zusammengeführt (noch heute bestehend).
Es gab mehrere Hospitäler, dazu das Leprosorium St. Jürgen außerhalb der Stadt, vier Beginenhäuser sowie eine Gertrudenkapelle östlich der Stadt, wo gelegentlich Landtage und andere Versammlungen abgehalten wurden. Es gab zahlreiche Meßpfründen- und Altarstiftungen (Übersicht bei Gerlach 1932, S. 277-351) ebenso wie eine große Anzahl von Bruderschaften. Der Priesterkaland war mit der Lateinschule verbunden. Außerdem kontrollierte der Rat die sich bei der Pfarrkirche in Hillentrup (ca. sechs Kilometer nordöstlich) seit 1407 entwickelnde Hostienwunderwallfahrt mit jährlich drei, in L. beginnenden Prozessionen.
Die Reformation entwickelte sich in L. seit den 1520er Jahren als eine von Luthers Schriften beeinflusste Bürgerbewegung, die gegen Widerstand des Rats und vor allem des Landesherrn G.f Simons V. entstand. Unter dem Einfluss lutherischer Prediger und Pfarrer wurde 1533 die durch Braunschweig vermittelte Bugenhagesche Kirchenordnung festgelegt. Nach dem Tod Simons V. 1536 und unter politischem Einfluss Landgraf Philipps von Hessen wurde 1538 in der Grafschaft Lippe die Reformation förmlich eingeführt. Für den L.er Rat bedeutete das einen Machtzuwachs (Aufsicht über kirchliche Einrichtungen, Repräsentation der Stadt als Glaubensgemeinschaft). Es führte zu einem schweren Konflikt, als Simon VI. zeitgleich mit dem Versuch, Residenz und Regierung wieder nach Brake und L. zu verlegen, aus politischen Gründen von der lutherischen zur reformierten Konfession übertrat. 1609 kam es zur Revolte der L.er Bürgerschaft. Die Streitigkeiten wurden erst 1617 im Röhrentruper Rezess beigelegt, der L. die Beibehaltung der lutherischen Konfession zugestand. L. blieb eine lutherische Stadt im reformierten Territorium.
Die wenigen Katholiken sind nach der Reformation bis ins 19. Jahrhundert nicht zur Gemeindebildung gelangt; katholischer Gottesdienst war seit dem 18. Jahrhundert in Privathäusern gestattet.
Es muss im Spätmittelalter Juden gegeben haben, doch ist ihre Präsenz bis ins 16. Jahrhundert nur dürftig belegt. 1552 wurde ein Geleitbrief ausgestellt. Nach der Vertreibung aus Lippe durften sich erst 1643 wieder Juden in L. niederlassen. Mit drei bis fünf Familien war die L.er Judengemeinde die kleinste aller lippischen Städte. 1730 wurden die Gottesdienste nach Brake verlegt, wo es eine größere Gemeinde gab.
(4) Die beiden ursprünglichen Stadtteile bildeten seit ihrer Vereinigung 1365 ein Rechteck mit einer gemeinsamen Ummauerung, deren Einbuchtungen die vormals eigenständigen Befestigungen der beiden Teilstädte markierten. L. war in sechs Quartiere bzw. Bauerschaften eingeteilt (Slaver, Tröger-, Rampendaler, Nicolai-, Marien-, Heiligengeistbauerschaft), denen jeweils ein Bauermeister vorstand, die vor allem für Finanzfragen und Huderechte in der Feldmark zuständig waren. Im westlichen Teil von Slaver und Rampendaler Bauerschaft befanden sich die Höfe der Burgmannen, in letzterer zudem der unbefestigte Stadthof (»Lippehof«) des Landesherrn. 1413 ist dort eine Kapelle St. Georg und Elisabeth bezeugt. Als die Residenz nach Detmold und Blomberg verlagert wurde, geriet er baulich in Verfall, wurde jedoch unter Simon VI. (reg. 1563-1613) zum Sitz des lippischen Hofgerichts bestimmt. Auch nach der endgültigen Niederlassung der Residenz in Detmold diente er Angehörigen der Dynastie als Wohnung, 1700-1731 entstand ein bereits klassizistisch geprägter barocker Neubau (1872 Gymnasium). Östlich der Nordsüdachse und südlich der Mittelstraße befanden sich dicht bei einander Marktplatz, Rathaus und Pfarrkirche. An der Ostseite des Marktplatzes entstand das Rathaus, 1330 als kophus bezeugt, dem 1358/60 im Süden ein Anbau angefügt wurde (domus consulatus). Hieraus entwickelte sich ein umfangreicher Rathauskomplex. In dessen Mitte wurde 1380 die Alte Ratskammer vorgelagert (1480 erneuert). Bis etwa 1590 wurden weitere Häuser in eine zweite Zeile des Rathausbaus einbezogen, zuletzt am Südende die »Neue Ratsstube«. Seit 1565 erhielt das Rathaus mehrere Schmuckelemente, z.T. unter Beteiligung von Künstlern, die auch für den Landesherrn tätig waren. An der Schmuckseite im Norden entstand ein neuer Haupteingang in Form einer Laube mit landesherrlichen Wappen und zwei menschlichen Köpfen, die einen Wappenschild mit der lippischen Rose einschließen. Weitere heraldische Zeugnisse mit Bezug auf den Landesherrn sind im Innern und an der Marktfassade bezeugt oder erhalten. Die Neue Ratsstube erhielt einen Fassadenschmuck mit Skulpturen der Tugenden mit erläuternden Inschriften. Die 1559 in das Nordende verlegte Ratsapotheke erhielt 1612 eine Auslucht, die mit Skulpturen antiker Ärzte geschmückt ist, ein auf Antike und Bürgertugenden gegründetes städtisches Selbstbewusstsein formulierend, das auch der städtischen Politik im Konflikt mit Simon VI. zugrunde lag. Auf der anderen zeigt sie die Einbindung L.s in die Landesherrschaft ebenso wie bei den Huldigungsakten, oder den Landtagsakten im L./Braker Umfeld, in denen das Rathaus eine zentrale Rolle spielte.
An der Westseite des Marktplatzes entstand die Kramerstraße, indem eine Budenreihe in feste Häuser umgewandelt wurde. Auf der Südseite und in Fortsetzung des Rathausbaues zur Papenstraße und zum Schweinemarkt hin lagen die Fleischbänke, die Altstadt-Scharren, und andere öffentliche Bauten. Der Raum südlich des Rathauses zwischen Nicolaikirchplatz und dem Durchgang von Marktplatz zur Papenstraße (Diebesgasse) war mit Buden und dem Hl. Geist-Hospital in der Altstadt besetzt. In der Folgezeit dominierte hier das städtische Zeughaus. In diesem Bereich befand sich an der Papenstraße eventuell auch das landesherrliche Gericht (1608 als tyhauß, Gerichtshaus bezeichnet); trifft diese Interpretation zu, stellte dieses eine Markierung landesherrlicher Gewalt im Machtzentrum des Rates dar. Hervorzuheben ist ferner das städtische »Ballhaus«, das westlich auf der anderen Seite der Diebesgasse 1608/09 im beginnenden Konflikt mit dem Landesherrn gegen dessen Willen für Festlichkeiten erbaut wurde. Durch eine ursprünglich an der Marktfassade angebrachte Inschrift (Si Deus pro nobis quis contra nos, Is gott mit uns woll kann wedder uns) wurde es zum Symbol des Widerstandes gegen den Landesherrn in Konfessionsfragen.
Seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde die Breite Straße in der Neustadt zu einer bevorzugten Wohnstraße der L.er Eliten. 1585 erbaute wohl im Zusammenhang der Residenzverlegung Simons VI. dessen Kanzler Heinrich Kerkmann am südlichen Ende der Breiten Straße ein Haus nach Art eines Adelshofes. 1768 ging das Anwesen an Graf Ludwig, den Bruder Simon Augusts, über, der östlich des Gebäudes einen Garten anlegte, der den größten Teil der südlichen Heiliggeistbauernschaft einnahm. 1797 bestimmte er das Gebäude zum Sitz der Äbtissinnen des Marienstiftes. Bereits 1571 war gegenüber der wohl bedeutendste Bau der Weserrenaissance in L., das seit dem 19. Jahrhundert sogenannte »Hexenbürgermeisterhaus«, entstanden (benannt nach dem nachmaligen Besitzer Hermann Cothmann).
Die Altstadt erfuhr im ausgehenden 16. und 17. Jahrhundert eine beträchtliche bauliche Verdichtung, indem neue Adelsgeschlechter (u.a. Donop, Kerssenbrock) Stadthöfe erbauten und eine größere Zahl von Bürgerhäusern neu errichtet bzw. erneuert wurden. Sie weisen zumeist eine hohe künstlerische Qualität auf, was insbesondere für die Fachwerkhäuser (Schnitzwerk der Fassade) gilt.
Als Darstellungen L.s sind zu nennen ein Stich von Elias von Lennep von 1663/65 sowie der sogenannte »Schwedenplan« (Linde 2015) von 1646, der allein die Stadtbefestigung ohne die Innenbebauung wiedergibt.
(5) L. besaß ein größeres Waldgebiet, die »L.er Mark«. Das Gericht über die L.er Mark (holtink) übte der Landesherr aus bzw. ein holtgreve in seinem Namen. Eine Landwehr ist seit dem Ende des 13. Jahrhunderts anzunehmen (erstmals erwähnt 1353). Vor 1411 muss eine Erweiterung begonnen worden sein, die vor allem das gesamte Waldgebiet der »L.er Mark« einschloss. 1718 wurde das Waldgebiet geteilt, der Landesherr behielt das Gebiet von der Maibolte ostwärts bis zu Stadtgrenze.
L. war ein bedeutender Kreuzungspunkt der Straßen von Frankfurt nach Bremen sowie von den Niederlanden nach Magdeburg. Daraus resultierte die Einbindung L.s an den seit dem 12. Jahrhundert auflebenden Handel zwischen dem westlichen Deutschland mit dem Rheinland und der Ostsee mit dem Zentrum Lübeck, der durch die Hanse geprägt wurde, in welche die L.er Kaufleute eingebunden waren. Nachzuweisen sind sie an den nördlichen und östlichen Handelsplätzen, hingegen nicht im Westen. L. stellte mit seinen drei Jahrmärkten trotz der Nähe von Bielefeld und Herford ein wichtiges Nahversorgungszentrum dar. Dies galt auch für den landesherrlichen Hof und änderte sich nicht, als sich die Hanse 1669 auflöste.
(6) Höchstwahrscheinlich als Grenzstadt zusammen mit der Burg Brake um 1190 gegründet, gewann L. als Gewerbe-, Handels- und Residenzort im 13. Jahrhundert schnell an Bedeutung. Hinsichtlich der Herrschaft muss sie stets im Zusammenhang mit der zwei Kilometer entfernten Burg Brake gesehen werden. Im 15. Jahrhundert verlor L. seine Residenzfunktion an Detmold, unter der fünfzigjährigen Herrschaft von Graf Simon VI. kann L. wieder als Residenzstadt verstanden werden. Bezeichnend ist die in etwa gleichzeitige bauliche Gestaltung im Stil der Weserrenaissance von Burg Brake und den Hauptgebäuden der Stadt. Die genauere Verflechtung zwischen Stadtgemeinde und Hofgesellschaft bleibt zu untersuchen. In jedem Fall darf L. als interessanter Sonderfall einer Art »Residenz-Konfiguration« von landesherrlich genutzter Stadt, Burg und landespolitisch wichtigen Versammlungsplätzen im Vorfeld von Stadt und Burg betrachtet werden.
(7) Die schriftliche Überlieferung befindet sich im Stadtarchiv Lemgo und im Nordrheinwestfälischen Landesarchiv, Abt. Ostwestfalen-Lippe, in Detmold. Heranzuziehen ist auch das Archiv der Lippischen Landeskirche in Detmold.
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