Akademie der Wissenschaften zu Göttingen

Patristik: Dionysius-Areopagita

Frontispiz zur Antwerpener Dionysius Areopagita-Edition aus dem Jahre 1634

Auch wenn der Name „Dionysius Areopagita“ nicht jedem wie selbstverständlich über die Lippen kommt: Diese ebenso schillernde wie faszinierende frühe Gestalt des Christentums prägt bis heute wesentlich unser Denken. In jeder Generation wurde sein Werk gelesen und durchdacht; über Johannes Scotus Eriugena, Albert den Großen und Thomas von Aquin, Meister Eckart, Nikolaus von Kues und Marsilius Ficinus beeinflusst er die Philosophie und Theologie bis in die Gegenwart. Dionysius Areopagita lebte zwischen 476 und 528, doch wer er war, ist bis heute ein Rätsel. Auch wo genau er im byzantinischen Reich gelebt hat, ist noch unbekannt. Bescheiden dürfte er gewesen sein, denn schon zu seiner Zeit war er den Zeitgenossen nur durch sein Werk präsent, das früh als eine Art Zweite Heilige Schrift verstanden wurde.

Die Forschungsstelle „Patristik: Dionysius Areopagita-Edition“ der Göttinger Akademie hat sich zum Ziel gesetzt, das literarische Werk dieses Kirchenvaters in einer ersten modernen kritischen Edition der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der Ausgabe zugrunde liegen rund 1000 handschriftliche Abschriften der Dionysischen Originale, die überall in der Welt lagern und den Mitarbeitern des Projektes auf Mikrofilmen und Digitalisaten zur Verfügung stehen. Das Quellenmaterial ist damit ebenso umfangreich wie die Überlieferung von Platon. Die Fülle der Handschriften zu sichten, sie zu entziffern, zu übersetzen und zu vergleichen, ja letztlich die ursprünglichen Texte zu rekonstruieren, darin besteht die editionsphilologische Aufgabe der Herausgeber dieser kritischen Ausgabe.

Reizvoll ist das Werk vor allem, weil es so zeitlos ist. Dionysius Areopagita hat sich als erster der Kirchenväter allgemeinen Fragen gestellt, die viele Menschen bewegen; er hat sich Gedanken darüber gemacht, wie Gott in der Welt zu begreifen ist, und sich überdies mit der Ordnung der Kirche beschäftigt. Außerdem trat er entgegen dem herrschenden Trend seiner Zeit entschieden für einen friedlichen Dialog zwischen Christen und Andersdenkenden ein. Insofern zählt Dionysius Areopagita zu jenen großen Gestalten der europäischen Geistesgeschichte, welche die Idee der Toleranz vorangetrieben haben.

Als philosophisch geschulter Denker integrierte er den Athener Neuplatonismus in die christliche Theologie und formte ihn dabei eigenständig um. Das Zentrum seines Werkes bildet eine Summe der Philosophischen Theologie, die sich in vier Einzeltraktate und zehn Briefe aufteilt. Sie wurde gleich nach ihrem Entstehen ins Syrische, darnach ins Armenische, Georgische, Lateinische und Kirchenslavische übersetzt, so dass es weder im Osten noch im Westen eine Bibliothek gab, die nicht zumindest eine Abschrift dieser Summe besaß.

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