Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Paderborn

Paderborn

(1) P. liegt am südöstlichen Rand der Westfälischen Bucht am Übergang zur P.er Hochfläche. Das dort versickerte Wasser tritt in über 200 Quellen als Pader hervor, die für die Siedlung namengebend wurde (Erstnennung 777). Oberhalb des Quellbeckens ließ Karl der Große 776 eine Pfalz (»Karlsburg«) anlegen, welche auch als Missionszentrum im sächsischen Eroberungsgebiet diente und wo bis ins 11. Jahrhundert Reichsversammlungen stattfanden. Das 806 gegründete Bistum hatte bis zur Säkularisation 1802/03 Bestand. Als Bf.ssitz hatte P. zentrale Bedeutung für den Raum westlich der Weser. Aufgewertet wurde die weltliche Machtstellung des Bf.s 1028 durch die Verleihung der Regalien für Markt, Münze und Zoll. Vor dem Hintergrund der Konflikte zwischen Bischof und der nach Autonomie strebenden Bürgergemeinde wurde der Bf.ssitz unter Bischof Heinrich von Spiegel (reg. 1361-1380) in die Burg im benachbarten (Schloss) Neuhaus verlegt. Seitdem muss zwischen der bfl.en Residenz (mit Hof und Teilen der weltlichen Verwaltung) in Neuhaus und der Hauptstadt P. als Ort der Kathedrale, des Domkapitels, der Diözesanverwaltung und der Ständeversammlung unterschieden werden. Am Ende des Reichs fiel P. 1802/03 wie das gesamte Fbm. an Preußen. In P. kreuzten sich drei überregional bedeutsame Handelsstraßen, der Hellweg von Westen nach Osten, der Frankfurter Weg von Süden nach Norden, dazu die sog. Holländische Straße aus dem Südosten nach dem Nordwesten.

(2) Die frühmittelalterliche Pfalz lag am nordwestlichen Rand einer befestigten Anlage, die mit angrenzenden Straßenzügen und deren Randbebauung etwa der späteren Domimmunität entsprach. Das befestigte oppidum umfasste ein Areal von etwa 280 mal 250 Meter (mit einer Ausbuchtung im Osten). Außerhalb der Befestigung ließen sich bischöfliche Ministeriale, Handwerker und Händler nieder, ältere Siedelplätze wie Aspedera wurden dem bfl.en Haushalt angebunden und neue geistliche Institutionen wie das Abdinghofkloster und das Busdorfstift gegründet. Um die Wende zum 12. Jahrhundert wurde eine (im ausgebauten Zustand von fünf Toren durchbrochene) Stadtmauer angelegt. Der etwa 66 ha umfassende Stadtraum war in fünf Quartiere, Bauerschaften, gegliedert, die seit der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts fassbar sind und im 16. Jh voll entwickelt als verfassungsmäßige Substrukturen hervortreten.

Zum bfl.en Hof gehörte das schon 1103 nachweisbare Amt des für die Gerichtsbarkeit zuständigen Stadtgrafen bzw. -richters (comes civitatis), das 1292 an die Stadt verpfändet wurde, und der für die niedere Gerichtsbarkeit zuständige Burrichter. Erste bürgerliche Amtsträger sind für 1211 dokumentiert, als eine gemeinsame Spitalverwaltung aus Vertretern des Domkapitels und der Stadt geschaffen wurde. Mit der Herausbildung der Bürgergemeinde, 1225 bekräftigt durch kgl.es Privileg Heinrichs (VII.), war es 1222 zu einer ersten Revolte gegen den bfl.en Stadtherrn gekommen. Auch wenn unter den 1238 nachweisbaren consules (Ratsherren) noch bischöfliche Ministeriale dominierten, so ist zu dieser Zeit ein Auseinandertreten von bfl.en und städtischen Amtsträgern zu konstatieren. Bis etwa 1250 konstituierte sich ein städtischer Rat mit eigener Rechtsprechungskompetenz, die sich allerdings nicht auf bischöfliche Ministeriale und Geistlichkeit erstreckte.

Beschnitten wurde die Autonomie der Stadt durch die stadtherrlichen Rezesse von 1528 und 1532, mit denen insbesondere das Versammlungsrecht der Gemeinde eingeschränkt wurde, und später dadurch, dass der Bischof die Hoch- und Blutgerichtsbarkeit an sein 1582 begründetes Hofgericht zog, das zur höchsten Gerichtsinstanz im Fbm. wurde. Der Stadt verblieben Niedergerichts- und Zivilsachen. Ein Wendepunkt in macht- wie konfessionspolitischer Hinsicht waren die Unruhen in Stadt und Hochstift, die 1604 in der Vierteilung des evangelischen Bürgermeisters Liborius Wichart gipfelten. Freilich waren Stadtordnungen mehrfach und teilweise zugunsten der Stadt modifiziert worden. Schließlich arrangierte sich die städtische Führungsschicht mit der bfl.en Oberhoheit in einer faktischen Teilung der Macht

P. dürfte in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts 3500 bis 4000 Einwohner gehabt haben. Die Pestverluste waren wohl erst Mitte des 16. Jahrhunderts wieder ausgeglichen. Um 1600 gab es rund 4200, in den 1680er Jahren an die 5000 Einwohner, zu Mitte des 18. Jahrhunderts bildeten die etwa 5900 Einwohner den Höchststand, der vermutlich durch die Agrardepression in den 1740er Jahren, den Siebenjährigen Krieg, die europaweiten Ernte- und Hungerkrisen ab 1770 und schließlich die Revolutionskriege gemindert wurde.

Ökonomisch stand zunächst die Landwirtschaft an erster Stelle, grundherrschaftlich Abhängige dienten auf Besitzungen der Pfalz bzw. des Bf.s oder anderer geistlicher Einrichtungen. Entsprechend entstanden die frühesten organisierten Handwerke bzw. Zünfte im Nahrungsmittelsektor. Als Inhaber der Wassernutzungsrechte und Besitzer der Korn- und sonstigen Mühlen besaß das Domkapitel auch im Gewerbe eine starke ökonomische Stellung und verfügte überhaupt über eine wesentlich größere Wirtschaftskraft als der Bischof 1327 bekam die Stadt vom Bischof das Recht, Zünfte zuzulassen oder zu verbieten, 1532 hingegen versuchte der Stadtherr, die Oberaufsicht an sich zu ziehen, indem er Versammlungen der elf P.er Gilden verbot. 1604 wurden diese ganz der landesherrlichen Kontrolle unterworfen. Im weiteren Verlauf der frühen Neuzeit kam es zu einer langsamen Öffnung der Zunftbindung einiger Gewerke, und es entstanden neue, sich professionalisierende Berufsgruppen im Zuge der Formierung herrschaftlicher Behörden, was sich im ersten Bürgerbuch 1571-1624 spiegelt, in welchem als Zuwanderer Juristen, Schulmeister, Schreiber, Diener, Ärzte, Künstler, Kunst- und Spezialhandwerker (zumeist katholischer Konfession) genannt werden. Zwischen Alteingesessenen und Neuzugezogenen lässt sich eine sozial-kulturelle Kluft erkennen, beispielsweise hinsichtlich des Bekleidens von Spitzenämtern in der landesherrlichen Verwaltung oder ihres höheren Bildungsstatus. Insgesamt blieb die Einwohnerschaft politisch, rechtlich und sozial deutlich gegliedert, aber stabil. Um 1800 dürften 20% der Einwohner keine Steuern gezahlt haben, 5% galten als arm, 60% lebten am Existenzminimum, 15% waren als Geistliche, Adlige oder privilegierte Angehörige des dienstleistenden Bürgertums von Steuern befreit. Vom späten 17. bis Mitte des 18. Jahrhunderts prosperierten einzelne Gewerke aufgrund der regen kirchlichen und privaten Bautätigkeit, wirtschaftlich schädigend wirkte sich vor allem der Siebenjährige Krieg aus, gravierender wohl als der Dreißigjährige.

(3) Als Bf.ssitz kannte P. eine ganze Reihe von geistlichen Einrichtungen: An erster Stelle ist (nach dem 777 erwähnten Vorgängerbau, der Salvatorkirche) der Dom zu nennen (geweiht 799, Patrone Maria und Kilian). Den südlichen Bereich der Domimmunität besetzten die Gaukirche St. Ulrich (erbaut 1170-1180) mit nachgelagertem Gaukirchkloster (1229, Zisterzienserinnen, 1500 Benediktinerinnen). Innerhalb des Mauerringes lagen noch folgende Klöster, jeweils mit eigener Kirche: Minoriten (vor 1232-1578, Franziskaner-Conventualen), Franziskanerkloster (1658/60, Franziskaner-Observanten), Jesuiten-Kolleg (1604; Niederlassung ab 1580), Kapuziner-Kloster (1612), St. Michaels-Kloster (1658, Augustiner-Chorfrauen) und Kapuzinessen-Kloster (1628) sowie eine kurzfristige Niederlassung von Trappistinnen (1801-1803), weiterhin zwei Beginenhäuser: »An der Pader« (vor 1235) und vermutlich als dessen Nachfolger »In der Grube« (1409). In der Diözese wie in der Stadt ist nach dem Dreißigjährigen Krieg ein Bauboom zu beobachten, bei dem Kirchen erneuert, umgestaltet, neu ausgestattet oder gar neu errichtet wurden. Die für P. als Kommune wichtige Marktkirche (fertiggestellt 1046), d.h. die Bürgerkirche, wurde 1784 wegen Baufälligkeit abgebrochen.

Besonders am Dom, aber auch an der Gaukirche existierten während des Spätmittelalters eine Reihe kirchlicher Laienbruderschaften. Ein regelrechter Gründungsschub lässt sich mit dem Einsetzen der katholischen Reform seit den 1620er Jahren beobachten; eine weitere Welle folgte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts Auch die Zahl der berufsbezogenen kirchlichen Laiengemeinschaften nahm seit dem 17. Jahrhundert stark zu.

Meist um Klerikernachwuchs heranzuziehen, verfügten Dom (später sog. Gymnasium Salentianum unter jesuitischer Leitung), Busdorfstift und Abdinghofkloster bereits im Hochmittelalter über eigene Lateinschulen, dem Gaukirchkloster wurde nach 1500 auch eine für Frauen angegliedert. Von einer regen Gründungstätigkeit zeugen auch die über die Stadt verstreuter Kranken-, Armen- und Pilgerspitäler, die auf private geistliche und bürgerliche Initiative zurückgingen. Ein Leprosenhaus lag außerhalb der Stadt vor dem Westerntor. 1769 kam ein städtisches Waisenhaus hinzu.

Daneben gab es eine ganze Reihe von Kapellen, so die Bartholomäus- (1017), Alexius- (aus dem frühen 11. Jahrhundert, 1670 ersetzt durch barocken Neubau), Laurentius- (Ende 12. Jh.; 1605 von Fbf. Dietrich von Fürstenberg erneuert), Liborius-Kapelle (1730, außerhalb des südlichen Grabens), sog. Romskapelle (vor dem Westerntor, erstmals 1519 erwähnt) sowie die Domdechanei auf der Paderinsel als Zentrale des Domkapitels.

Die Hauptkirchen (Busdorf, Gau, Markt und Dom) waren zugleich Pfarrkirchen der vier städtischen Kirchspiele. Auf dem Areal des niedergelegten alten Franziskaner-Klosters mit Kirche (1245) entstand der Komplex des Jesuiten-Kollegs mit der 1614 gegründeten ersten westfälischen Universität mit einer philosophischen und einer theologischen Fakultät sowie dem Jesuitengymnasium und der 1692 konsekrierten Universitäts- bzw. Jesuitenkirche (ab Ende des 18. Jahrhunderts anstelle der abgebrochenen Marktkirche zugleich Pfarrkirche der Marktgemeinde).

Ab den späten 1520er Jahren öffnete sich die Einwohnerschaft der Stadt mehrheitlich dem lutherischen Gedankengut - ein ständiges Konfliktpotential mit dem bfl.en Stadtherrn. Aber die Bischöfe Salentin von Isenburg (reg. 1574-1577) und Heinrich von Sachsen-Lauenburg (reg. 1577-1585) vollzogen als Landesherrn eine deutliche Annäherung an die Reformation. Mit dem entschieden altgläubigen Bischof Dietrich von Fürstenberg (reg. 1585-1618) erlebte der Glaubenskonflikt mit der inzwischen mehrheitlich evangelischen Stadt 1604 seinen gewalttätigen Höhepunkt. Faktisch abgeschlossen wurde die Rekatholisierung 1622 durch massive Unterdrückungsmaßnahmen nach dem Abzug Herzog Christians von Braunschweig, der als Militärführer der protestantischen Union Jan.-Mai 1622 P. besetzt hatte.

Eine jüdische Betstube ist für 1764 nachgewiesen.

(4) Stadtbildprägend waren die zahlreichen Kirchen. Unter Bischof Meinwerk (reg. 1009-1036) entstand mit Ks.pfalz, Dom und bfl.em Palast ein für Königtum und Bistum repräsentativer Ort in einem vollständig gepflasterten Bezirk. Die Stadt sollte in Kreuzesform angelegt werden, mit dem Dom im Zentrum, dem Abdinghofkloster (Benediktiner, 1016) im Westen, dem Busdorfstift (1036) im Osten. Überhaupt lässt sich für das Hochmittelalter eine vielfältige kirchliche und profane Bautätigkeit feststellen. Bis zum 13. Jahrhundert verließen 14 Domherren (von insgesamt 24) das ältere Domkloster und richteten seit dem 13. Jahrhundert für ihre Haushalte eigene Kurien ein, die die Domimmunität säumten. Hinzu kamen weitere Häuser im Besitz von Domgeistlichen und von Laien, die seit dem 14. Jahrhundert den südwestlich des Domes gelegenen Bf.spalast ersetzten; südlich und östlich war dem Dom der Friedhof vorgelagert. Trotz seines Rückzugs aus der Stadt behielt der Bischof an der Ostseite der Immunität mit dem 1371 gekauften Sternberger Hof eine eigene Kurie. Zeitweise verpfändet, wurde sie 1574/77 zum Sitz der fbl.en Regierung und Obergerichte, im 17. Jahrhundert auch des bfl.en Offizialats (vorher an Dom oder Busdorfstift). Nach der Regierungskanzlei, der obersten Gerichtsbehörde und als Sitz der hochstiftischen Zentralbehörden kurz »Kanzlei« genannt, diente sie beim Ersten Einzug eines neuen Fbf.s dem landesherrlichen Huldigungsakt. Außerdem fanden hier die hochstiftischen Ständeversammlungen statt.

Der Friedhof im Osten und Südosten des Domes setzte sich nach Westen fort im Marktplatz, auf den weiter auf der Hauptachse zum Westerntor das Rathaus, das, 1279 erstmals erwähnt und 1473 erneuert, zwischen 1613 und 1618 im wesentlichen seine heutige äußere Gestalt erhielt, die Marktkirche und das Franziskanerkloster (ab 1658) folgten. Auf halber Strecke zwischen Neuhäuser Tor und Westerntor an der Stadtmauer lag das städtische Zucht- und Waisenhaus (1731), dem seit dem 15. Jahrhundert schon mehrere kurzlebige Einrichtungen vorausgegangen waren. Über die Stadt verteilt finden sich eine ganze Reihe von Adelshöfen der meist auch im Domkapitel vertretenen Familien und Höfe von Klöstern der Region. Erwähnenswert ist die aus den Paderquellen gespeiste, seit 1523 von der Stadt eingerichtete »Wasserkunst«, die mittels Pumpwerk die in der oberen Stadt verteilten »Kümpe« (Brunnentröge) mit Brauch- und Löschwasser versorgte.

Von Bischof Badurad (reg. 815-862) veranlasste Baumaßnahmen am Dom waren flankiert von der Übertragung der Reliquien des Hl. Liborius von Le Mans nach P. 836; dieser avancierte zum bis heute verehrten Hauptheiligen von Bistum und Stadt (Liboritag 23. Juli; jährliches »Libori« im Juli mit Prozession des Liborischreins und »Kleinlibori« im Herbst, eingerichtet 1627 anlässlich der Wiederheimführung der geraubten Gebeine des Hl. Liborius, begangen am Sonntag vor Allerheiligen).

(5) P. war ökonomisch, sozial und rechtlich eng mit seinem Umland verzahnt. Hierzu zählte die Versorgung mit Gütern des Ackerbaus und der Viehhaltung in der unmittelbaren Feldmark und die Funktion als Nahmarkt für den Absatz städtischer Produkte in der Bannzone. Die Zuwanderung vom Land war demographisch lebenswichtig. Die Anfänge der Landwehr lassen sich bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen. Hinweise auf einen Markt stammen aus dem Beginn des 11. Jahrhunderts Schon für die Meinwerkzeit wird von einem Marktplatz auf dem heutigen Areal des Alten Rathauses berichtet, ein Markthaus ebendort für 1058 erwähnt. Der Wochenmarkt wurde nach den Ereignissen von 1604 auf den Platz südwestlich des Domes verlegt und unter die Aufsicht des Domkapitels gestellt. Mit der Zeit etablierten sich neben dem Wochenmarkt zwei Jahrmärkte (22. Februar und 22. Juli), die vor dem Westerntor abgehalten wurden. Aus letzterem, dem sogenannten Magdalenenmarkt entwickelte sich das Patronatsfest des Hl. Liborius (s.o.). Die Integration in den Fernhandel äußerte sich auch durch die für 1295 bezeugte Teilnahme an dem wirtschaftlich und politisch höchst bedeutsamen Städtebund der Hanse. Aus Kostengründen baute P. seine Beziehungen zur Hanse in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ab, suchte 1604 und 1606 allerdings wieder deren Unterstützung im Kampf gegen seinen Stadtherrn und hielt die Beziehungen bis zum Ende der Hanse 1669 aufrecht. Regen Güteraustausch pflegte P. über das hochstiftische Territorium hinaus mit Bielefeld, Herford und Lemgo, ebenfalls Hansestädten. Intensiver waren die politischen Beziehungen zu Warburg, Brakel, Borgentreich und Nieheim sowie den kleineren in den Landständen vertretenen Städten des Fsm.s. Im Rahmen der Städtekurie fiel P. als größter Stadt und Tagungsort des Landtages sowie als erster Hauptstadt des Hochstifts gewichtiger politischer Einfluss auf die allgemeine Entwicklung des Territoriums zu. Die bischöfliche Residenz befand sich freilich dauerhaft seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in Neuhaus vier Kilometer nordwestlich P.s. Besonders nach der Reorganisation des geistlichen Staates nach dem Dreißigjährigen Krieg bildete P. dessen politisches und kulturelles Gravitationszentrum, zumal hier weiterhin das Domkapitel als entscheidender Landstand residierte, sich die hochstiftischen Obergerichte und oberen Landesbehörden konzentrierten und Jesuitenuniversität und -gymnasium eine weit über das Hochstift hinausstrahlende überörtliche Zentralfunktion erfüllten.

(6) Als Residenzstadt im eigentlichen Sinn lässt sich P. nur für die Zeit bis Bischof Heinrich von Spiegel (reg. 1361-1380) bezeichnen. Damals wurden der Hof und ein Teil der bfl.en Verwaltung nach Neuhaus verlegt. Die meisten zentralen Funktionen in weltlicher und spiritueller Hinsicht verblieben aber in P., so dass es faktisch als Hauptstadt von Hochstift und Diözese angesehen werden kann. Die alten Führungseliten, sozial nach außen durchaus offen und fähig zu Selbstergänzung und Integration neuer Kräfte, herrschten nach den 1604er Ereignissen nicht mehr gegen, sondern mit dem Bischof, worin sich ein komplexer Transformationsprozess der politischen Ordnung in Richtung auf den frühmodernen Landesstaat ausdrückte. Im späten Mittelalter hatten nach der Formierung der Stadt als Bürgergemeinde eine Oligarchisierung der ratsfähigen Geschlechter und die Entwicklung des Rates zur Stadtobrigkeit gegenüber der Einwohnerschaft eingesetzt. Diese Tendenzen wurden durch die Reformation verstärkt, die jedoch in einem hundertjährigen Klärungsprozess mit der Rückkehr zu einer erneuerten alten Kirche endete. In den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts ist ein wirtschaftlicher Abschwung erkennbar. Der Machtkonflikt zwischen Stadt und Stadtherr 1604 muss also auch vor dem Hintergrund der sich verschärfenden sozioökonomischen Lage gesehen werden. Positiv wirkte sich die Baukonjunktur nach dem Dreißigjährigen Krieg aus. Spätestens mit dieser Erholungsphase zeichnete sich eine gespaltene Konjunktur zwischen einer der lokalen Grundversorgung dienenden, stagnierenden Wirtschaft und denjenigen auch außenwirtschaftlich orientierten Produktions- und Handelszweigen ab, die den gehobenen Bedarf der staatlichen und kirchlichen Führungsgruppen der fbl.en Hauptstadt bedienten. Mit zumeist unter 5000 Einwohnern ist P. zu den kleineren Mittelstädten zu rechnen.

(7) Verzeichnisse der für Paderborn relevanten Archivbestände und gedruckten Quellen in: Westfälisches Klosterbuch, hg. von Karl Hengst, Tl. 2 (1994), S. 175-262, jeweils Ziff. 3 sowie in: Paderborn. Geschichte der Stadt in ihrer Region, hg. von Jörg Jarnut, Frank Göttmann, Karl Hüser, Bd. 1 (1999), S. 525-529 und Bd. 2 (1999), S. 565-570 (zu beiden siehe unter [8]).

(8)Hoppe, Ursula: Die Paderborner Domfreiheit. Untersuchungen zu Topographie, Besitzgeschichte und Funktionen, München 1975 (Münstersche Mittelalter-Schriften, 23). - Westfälisches Klosterbuch. Lexikon der vor 1815 errichteten Stifte und Klöster von ihrer Gründung bis zur Aufhebung, Tl. 2, hg. von Karl Hengst, Münster 1994 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, 44). - Paderborn. Geschichte der Stadt in ihrer Region, 3 Bd.e, hg. von Jörg Jarnut, Frank Göttmann und Karl Hüser, Paderborn 1999. - Brandt, Hans Jürgen, Hengst, Karl: Geschichte des Erzbistums Paderborn, 2 Bd.e, Paderborn 2002-2007 (Veröffentlichungen zur mitteldeutschen Kirchenprovinz, 12 und 13). - Lotterer, Jürgen: Gegenreformation als Kampf um die Landesherrschaft. Studien zur territorialstaatlichen Entwicklung des Hochstifts Paderborn im Zeitalter Dietrichs von Fürstenberg (1585-1618), Paderborn 2003 (Studien und Quellen zur westfälischen Geschichte, 42). - Geistliche Staaten im Nordwesten des Alten Reiches. Forschungen zum Problem frühmoderner Staatlichkeit, hg. von Bettina Braun, Frank Göttmann und Michael Ströhmer, Köln 2003 (Paderborner Beiträge zur Geschichte, 13). - Neuwöhner, Andreas: Den Kampf um die Freiheit verloren? Verwaltung und Finanzen der Stadt Paderborn im Spannungsfeld von städtischer Autonomie und frühmodernem Staat, Paderborn 2004 (Studien und Quellen zur westfälischen Geschichte, 48). - Göttmann, Frank: Der »geistliche Staat« und »die Öffentlichkeit« in der Spätzeit des Alten Reiches an westfälischen Beispielen, in: Paderborner Historische Mitteilungen 18 (2005 [2007]) S. 34-70. - Göttmann, Frank: Liborius Wichart - Politik und Religion, in: Zwischen Politik und Religion. Der »Kampf um Paderborn« 1604 und seine Rezeption, hg. von Gesine Dronsz, Martin Leutzsch und Harald Schroeter-Wittke, Bielefeld 2006 (Beiträge zur westfälischen Kirchengeschichte, 31), S. 31-63. - Göttmann, Frank: Der Hof und die Stadt und der staatlich-gesellschaftliche Transformationsprozess im geistlichen Fürstentum. Das Beispiel des frühneuzeitlichen Paderborn, in: Höfe und Residenzen geistlicher Fürsten. Strukturen, Regionen und Salzburgs Beispiel in Mittelalter und Neuzeit. Ergebnisse der internationalen und interdisziplinären Tagung in der Salzburger Residenz, 19.-22. Feb. 2009, hg. von Gerhard Ammerer, Ingonda Hannesschläger, Jean Paul Niederkorn und Wolfgang Wüst, Ostfildern 2010 (Residenzenforschung; 24), S. 359-379. - Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe, Bd. 2:. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, hg. von Karl Hengst und Ursula Olschewski, Münster 2013 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, N.F., 10). - Die Academia Theodoriana. Von der Jesuitenuniversität zur Theologischen Fakultät Paderborn 1614 - 2014, hg. von Josef Meyer zu Schlochtern, Paderborn 2014.

Frank Göttmann