Akademie der Wissenschaften zu Göttingen

Digitale Gesamtedition und Übersetzung des koptisch-sahidischen Alten Testaments

Papyrus-Handschrift aus dem 4. Jh.
Papyrus-Handschrift aus dem 4. Jh.

Das koptische Alte Testament ist eine der ältesten und am umfangreichsten erhaltenen Übersetzungen der griechischen Septuaginta (LXX). Es liegt sogar in verschiedenen Dialekten des Koptischen und in sehr frühen Textzeugen vor und bildet somit eine einzigartige Quelle für die Erforschung der Bibelversionen. Die koptische Bibelübersetzung ist aber auch das monumentalste Zeugnis der letzten Sprachstufe der ägyptischen Sprache, eben des Koptischen, und eröffnet der Linguistik die Möglichkeit die am längsten schriftlich belegte Sprache der Welt (ca. 4000 Jahre!), bis in ihre späteste Entwicklungsform zu verfolgen.

Nach frühen Vorläufern im 3.-4. Jh. wurde das Alte Testament etwa seit der Mitte des 4. Jh. systematisch und vollständig in den sahidischen Dialekt des Koptischen übersetzt. Der sahidische Dialekt avancierte über die Bibelübersetzung zum literarischen Standard und blieb Literatur- und Liturgiesprache der ägyptischen Christen bis zum 12. Jh. Unter den Bedingungen der Zurückdrängung des Christentums im seit dem 8. Jh. islamisch dominierten Ägypten war die Pflege der koptischen Literatursprache seit dem 12. Jh. fast nahezu auf die Klöster des Wadi Natrun westlich des Nildeltas beschränkt. Der dort gepflegte bohairische Dialekt wurde nun Kirchen- und Liturgiesprache der koptisch-orthodoxen Kirche, während Koptisch als gesprochene Sprache vollständig vom Arabischen verdrängt werden sollte. Allerdings wurden nicht alle Bücher des Alten Testamentes in den bohairischen Dialekt übertragen, sondern nur die für die Liturgie wichtigsten, so dass die koptische Kirche seit dem Mittelalter über keine vollständige Bibel des Alten Testamentes, nach dem Kanon der LXX, mehr verfügte.

Die noch an alter Stelle, wie z.B. in der Klosterkirche des Apa Schenute Klosters westlich von Sohag („Weißes Kloster“), deponierten sahidischen Handschriften gerieten in Vergessenheit bzw. wurden in aufgegebenen Klosteranlagen zurückgelassen. Schätzungen zufolge besaß die Klosterbibliothek des Apa Schenute Klosters noch im 9.-10. Jh. um die 1000 Kodizes, darunter waren ca. 100 Bibelkodizes. Die in einem Raum neben der Apsis der Klosterkirche aufbewahrten Handschriften wurden seit dem 18. Jh. portionsweise zunächst an westliche Missionare, in Folge dann an Reisende und Gelehrte verkauft. Erst 1883 entdeckte die Wissenschaft die Quelle der Handschriftenfunde und versuchte die verbliebenen Reste zu sichern, was leider nicht nachhaltig gelang. Mit der Zunahme des Interesses an ägyptischen Antiquitäten im späten 19. und frühen 20. Jh. wurden auch die koptischen Handschriften in immer kleineren Portionen – nicht selten zerteilte man sogar noch ein einzelnes Blatt – zur Gewinnmaximierung verkauft. So befindet sich die Masse der erhaltenen sahidischen Handschriften heute nicht mehr in Ägypten, sondern ist über ca. 50 Sammlungen und Museen in Europa und Nordamerika zerstreut. Alle Versuche der Wissenschaft in den letzten 100 Jahren, auch nur die Handschriften aus dem Apa Schenute Kloster wieder virtuell und in einer Publikation zusammenzuführen, scheiterten an der Größe der Aufgabe.

Das Akademie-Vorhaben nimmt sich dieser Aufgabe unter Nutzung der technischen Revolution des ‚digitalen Zeitalters’ nun an. Die einzelnen Handschriftenblätter und Fragmente werden in einer Online-Datenbank gesammelt und katalogisiert. Vertreter eines Handschriftenblattes ist ein digitales Foto, anhand dessen der Bibeltext transkribiert und analysiert wird. Die Handschriften werden virtuell wieder zu Kodizes rekonstruiert, die man am Bildschirm durchblättern kann. Auf der Basis des transkribierten Textes wird zunächst eine diplomatische Edition erstellt. Die Auswertung der gesamten handschriftlichen Überlieferung und der Vergleich mit dem griechischen Septuaginta-Text fließt schließlich in eine kritische Edition der einzelnen Bücher des Alten Testamentes ein. Aufgrund des Textes der Edition wird eine Handausgabe des koptisch-sahidischen Alten Testamentes erstellt, die in verschiedene moderne Sprachen (Deutsch, Englisch, Arabisch) übersetzt wird. Der Wissenschaft wird so der Text der koptisch-sahidischen Bibel wiedergewonnen und den koptischen Christen ihre traditionelle Bibel für das Alte Testament wiedergegeben.

Die Online-Datenbank stellt der internationalen Fachwelt überdies eine virtuelle Forschungsumgebung (VFU) zur Verfügung, in die Wissenschaftler weltweit ihre Forschungsergebnisse zur koptischen Bibel aber auch zur koptischen Literatur allgemein einspeisen können. Der Aufbau der Datenbank erfolgt in enger Kooperation mit den Kollegen vom Institut für neutestamentliche Textforschung (INTF) in Münster, die sich u.a. der koptischen Überlieferung des Neuen Testamentes widmen. Die Forschungsergebnisse beider Institutionen werden künftig über eine gemeinsame Internetplattform abrufbar sein. Vorgesehen ist auch die Anbindung des griechischen Neuen und Alten Testamentes, so dass die Überlieferung des griechischen und koptischen Bibeltextes von der Spätantike bis ins Mittelalter online verfolgbar sein wird. Fernziel des Vorhabens über den Förderzeitraum des Akademien-Programms hinaus ist die virtuelle Rekonstruktion der gesamten Literatur in koptischer Sprache.


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