Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Magdeburg

Magdeburg

(1) M., gelegen im Nordthüringgau an der westlichsten Stelle der mittleren Elbe, wurde erstmals 805/06 als Handelsplatz an der Grenze zwischen dem Frankenreich und den Elbslawen sowie als karolingische Befestigung erwähnt. Zu Beginn des 10. Jahrhunderts wurde der Ort unter König Otto I. Standort einer Königspfalz und bevorzugter Aufenthaltsort des Herrschers. 937 errichtete der König hier ein dem Hl. Mauritius geweihtes Benediktinerkloster und stattete dieses reich aus, schenkte ihm u. a. den kgl.en Hof. Der Besitz des Moritzklosters wurde zur Grundlage der Ausstattung des 968 errichteten Ebm.s M.

Im Laufe des Spätmittelalters erreichte die neben Pfalz und Dom entstandene Stadt eine weitgehende Unabhängigkeit von ihrem Stadtherrn, doch kam es nicht zu einer vollständigen Lösung. Ein in der ersten Hälfte der 1480er Jahre unternommener Versuch, die Reichsunmittelbarkeit zu erlangen, blieb erfolglos. Mit der Fertigstellung der Moritzburg in Halle a. d. Saale 1503 verlagerte sich der Schwerpunkt der ebfl.en Aufenthalte endgültig von M. weg in die Saalestadt. M. agierte weitgehend selbständig, musste jedoch 1551 nach langer Belagerung Kurfürst Moritz von Sachsen als Schutzherrn des Erzstifts huldigen. 1555 wurde eine gemeinsame Oberhoheit des Ebf.s mit Sachsen und Brandenburg vereinbart, die bis 1579 erhalten blieb.

Die Zerstörung der Stadt durch kaiserliche Truppen 1631 brachte das Ende der Selbständigkeit M.s. Die Stadt wurde zunächst durch den ksl.en General Pappenheim, seit 1632 durch schwedische, 1636 bis 1646 durch kursächsische Truppen besetzt. Auf dem Westfälischen Friedenskongress versuchte M. noch einmal, die Reichsfreiheit zu erlangen, scheiterte jedoch endgültig 1654. Allerdings verweigerte es dem Administrator August von Sachsen (1628–1680) weiterhin die Huldigung, wurde jedoch 1666 im zu Kloster Berge geschlossenen Vergleich gezwungen, sie sowohl ihm, August, als auch dem brandenburgischen Kurfürsten zu leisten, welchem das Erzstift nach Augusts Tod zufallen sollte. Die doppelte Hoheit endete im Jahr 1680, als das Erzstift M. als weltliches Herzogtum an den Kurfürsten von Brandenburg fiel.

(2) Die Anfänge der Stadt lagen um den heutigen Domplatz, archäologisch sind sie in die karolingisch-ottonische Zeit zurückzuführen. Unklar ist die Lage der ottonischen Pfalz. Ein seit 968 erwähntes suburbium südlich des Domes dürfte der Vorläufer der späteren Vorstadt Sudenburg sein. Bereits im 10. Jahrhundert existierte ein weiterer Siedlungskern um die heutige Johanniskirche. Einen dritten Kern bildete das Dorf Frose am Elbufer im Nordosten der Altstadt um die Petrikirche.

Der Aufstieg des Bereichs um den heutigen Alten Markt zum Zentrum der Kaufmannssiedlung dürfte in die Zeit Erzbischof Wichmanns (1152–1192) fallen. Ebenfalls im 12. Jahrhundert wurden Marktsiedlung und Domimmunität durch eine gemeinsame Mauer umgeben. Nördlich davon bildete sich in Anlehnung an das Dorf Frose eine Neustadt (1209 erstmals erwähnt), die nach 1214 teilweise in die Mauer einbezogen wurde. Neben der in der Folge als solche bezeichnete Altstadt waren die restliche Neustadt sowie die Sudenburg Landstädte unter stärkerem ebfl.en Einfluss. Vorstädte im Süden der Altstadt waren das Judendorf und der Flecken St. Michael (heutiger Friedensplatz).

Seit etwa 1000 ist ein praefectus urbis, später als Burggraf bezeichnet, bezeugt. Daneben erscheint seit 1100 ein secundus advocatus oder praefectus, der vom Erzbischof ernannt wurde. Seit der zweiten Jahrhunderthälfte wird er meist »Schultheiß« genannt und fungierte als Vorsitzender des Niedergerichts in der Altstadt. Neben ihm ist seit der Mitte des 12. Jahrhunderts ein Schöffenkollegium nachweisbar. Der seit 1238 bezeugte Rat beschränkte die Schöffen schließlich auf eine rein richterliche Funktion. 1293 erfolgte eine strikte Trennung zwischen Rat und Schöffenkollegium. 1294 verkaufte der Erzbischof der Bürgerschaft das Schultheißenamt und verpflichtete sich, die inzwischen erworbenen bggfl.en Rechte in der Stadt nicht mehr aus der Hand zu geben. Bereits 1238 umfasste der Rat zwölf jeweils für ein Jahr amtierende Ratmannen, an deren Spitze zwei Bürgermeister standen. Im 15. Jahrhundert sind drei Ratsmittel bezeugt.

Innungen erscheinen seit dem frühen 13. Jahrhundert, als erstes die Gewandschneider (1214 Bestätigung der Privilegien durch den Ebf.), dann die Schwertfeger (1244 Bestätigung durch den Rat). 1281 werden die Meister der Kaufleute, Krämer, Kürschner, Gerber und Leinwandschneider genannt, welche die fünf sogenannten großen Innungen bildeten, die bis 1330 allein am Stadtregiment beteiligt waren. Seither bestand der Rat aus ihren Vertretern, fünf Mitgliedern der »gemeinen« Innungen sowie zwei Ratmannen aus den »gemeinen Bürgern«. Teil des Stadtregiments waren auch die Innungsmeister, die zu bestimmten Angelegenheiten heranzuziehen waren, sowie seit dem 15. Jahrhundert das Kollegium der Hundertmannen. Eine Veränderung der Ratsverfassung erfolgte erst 1630. Durch den sogenannten »Hanseatischen Rezess« wurde ein ständiger Rat aus 24 auf Lebenszeit gewählten Mitgliedern, darunter vier Bürgermeistern und vier Kämmerern, geschaffen. Die obligatorische Wahl aus den Innungen wurde aufgehoben.

Kennzeichnend für die Altstadt M. war die große Domimmunität im Süden der Stadt, die als »Neuer Markt« bezeichnet und 1497 räumlich definiert wurde. Vertreter des Ebf.s auf dem Neuen Markt und gleichzeitig Amtmann über eine Reihe von Orten (im 16. Jahrhundert über die Sudenburg, St. Michael und vier Dörfer) war der sogenannte »Möllenvogt« (erwähnt seit 1362). Einen eigenen Gerichtsbezirk bildeten die Häuser des Domkapitels und der Domherren auf dem Neuen Markt.

Auseinandersetzungen zwischen Stadt und Erzbischof entzündeten sich im 14. und 15. Jahrhundert vor allem an den Rechten an der Stadtbefestigung, der Gerichtsbarkeit auf dem Neuen Markt, Steuern und Abgaben an sowie Beeinträchtigungen des städtischen Wirtschaftslebens durch den Landesherrn, wobei die Ermordung Erzbischof Burchards III. (1307–1325) durch M.er Bürger den Höhepunkt bildete. Im 16. Jahrhundert kamen konfessionelle Auseinandersetzungen zwischen der seit 1524 protestantischen Stadt und den zunächst altgläubig bleibenden Stadtherren hinzu.

Personell war das M.er Domkapitel im Spätmittelalter eine Domäne des regionalen Adels. M.er Bürgersöhne erscheinen nur selten als Inhaber von Dompfründen. In den Domnebenstiften finden sich gelegentlich Söhne M.er Bürger. Auch in der engeren Umgebung des Ebf.s und in den Behörden des Stifts treten M.er nur vereinzelt auf.

In wirtschaftlicher Hinsicht spielte für die Stadt die erzbischöfliche Hofhaltung seit dem Spätmittelalter keine Rolle mehr. Begünstigt durch die Lage zwischen Unter- und Oberelbe und durch sein Stapelrecht, diente M. bereits seit dem 12. Jahrhundert als Zentrum des Durchgangshandels zwischen Flandern und dem osteuropäischen Raum. Die Stadt übernahm zudem die Vermarktung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse der Magdeburger Börde sowie des Salzes der Salinen der Umgebung. Gemeinsam von Erzbischof und Rat abgehalten wurde die Herrenmesse, die nach einem Vertrag von 1463 zwischen Mauritii und Michaelis auf dem Neuen Markt abgehalten werden sollte, für fremde und einheimische Kaufleute offenstand und dessen Standgelder sich beide Parteien teilten.

(3) Als Bischofssitz besaß M. eine reichhaltige Sakraltopographie. Neben dem Dom existierten auf dem Neuen Markt drei Kollegiatstifte: St. Sebastian (gegründet wohl unter Erzbischof Gero [1012–1023]), St. Nikolai (zu Beginn des 12. Jahrhunderts) und St. Marien und Gangolfi an der ebfl.en Kapelle (unter Erzbischof Peter [1371–1381]). Ein viertes Domnebenstift war das 1200 gegründete Kollegiatstift St. Peter und Paul in der Neustadt. Ebenfalls auf ein zu Beginn des 11. Jahrhunderts errichtetes Kollegiatstift ging das Stift Unser Lieben Frauen zurück, das jedoch 1129 mit Prämonstratensern besetzt wurde.

An Klöstern sind zu nennen das 968 in Nachfolge des Moritzklosters errichtete Benediktinerkloster St. Johannis Baptist oder Berge südlich der Sudenburg, ferner die beiden im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts aufgerichteten Zisterzienserinnenklöster St. Lorenz und St. Agnes in der Neustadt. Seit 1338 ist zudem ein Karmeliterkloster in der Sudenburg bezeugt (1545 für eine Befestigungsanlage aufgehoben).

Älteste Pfarrkirche dürfte eine zu Beginn des 10. Jahrhunderts erwähnte, später zerstörte Stephanskirche sein. Die 1015 genannte Kaufmannskirche ist eventuell Vorgängerin der Pfarrkirche St. Johannis am Alten Markt, die seit der Mitte des 12. Jahrhunderts erwähnt wird. Weitere Pfarrkirchen in der Altstadt waren St. Ulrich im Westen (1197 erstmals bezeugt), die Katharinenkirche am nördlichen Breiten Weg (ab 1288 nachweisbar) sowie St. Jacobi im Nordosten der Stadt (seit 1220 genannt, ursprünglich wohl die Kirche der Neustadt oder des Dorfes Frose).

In der Neustadt existierte bereits vor 1209 die Pfarrkirche St. Nicolai, von der in diesem Jahr die St. Lorenz-Pfarre abgetrennt wurde. 1253 wurde aus den Teilen des Pfarrsprengels von St. Jacobi, die in der Neustadt lagen, die Pfarre St. Martini eingerichtet, welche mit dem Kloster St. Agnes verbunden war. An St. Lorenz wurde vor 1221 ebenfalls ein Zisterzienserinnenkloster eingerichtet; St. Nicolai wurde 1228/29 der Sitz des Kollegiatstifts St. Peter und Paul. 1564 wurde St. Nicolai als Hauptpfarre der Neustadt, die anderen beiden als »Beipfarren« bezeichnet. Pfarrkirche der Vorstadt Sudenburg war St. Ambrosius, deren Pfarrsprengel bis auf den Neuen Markt reichte. Die nahegelegene Kirche St. Michael, die zwischen 1200 und 1228 Sitz des Stifts St. Peter und Paul gewesen war, scheint im 16. Jahrhundert mit der Ambrosiuspfarre verbunden gewesen zu sein.

Bereits 1224 hatten sich Dominikaner in der Neustadt niedergelassen, siedelten aber schon im folgenden Jahr auf einen Hof am Breiten Weg um. Franziskaner kamen in den 1220er Jahren in die Neustadt. 1230 verlegten sie ihr Kloster ebenfalls in die Altstadt an die westliche Seite des nördlichen Breiten Weges. Die Augustiner-Eremiten wurden 1285 nördlich der Petrikirche in Elbnähe ansässig. 1230 erhielten die Reuerinnen oder Magdalenerinnen ein Gelände im Osten der Stadt bei der Petrikirche. Jüngstes Kloster in der Stadt war die Niederlassung der Hieronymiten, die 1489 ihren Sitz hinter der Domdechanei nahmen.

Hospitäler (jeweils mit Kapellen) in und vor M. waren das zu Beginn des 13. Jahrhunderts gegründete Spital zum Heiligen Geist oder St. Annen an der Goldschmiedebrücke, das 1264 erstmals erwähnte »Siechenhaus« St. Georgii vor dem Sudenburger Tor sowie das St. Gertrudis- oder St. Elisabeth-Hospital in der Nähe der Augustiner-Eremitenkirche. Zwei weitere Hospitäler existierten 1564 in der Neustadt. Von den weiteren Kapellen sind St. Matthaei apostoli auf dem Johanniskirchhof beim Rathaus, errichtet um 1340, und St. Stephani an der Johanniskirche, die älteste Kapelle der Stadt, zu nennen.

Die Reformation fand früh Eingang in die Bürgerschaft der Altstadt. 1521 kam es zu ersten Übergriffen auf Geistliche. Seit Mitte 1522 setzte der Rat der reformatorischen Bewegung keinen nennenswerten Widerstand mehr entgegen. Im Sommer 1524 wurden an allen Pfarrkirchen durch Gemeindeausschüsse evangelische Pfarrer eingesetzt. Der an St. Ulrich zum Pfarrer bestimmte Nikolaus von Amsdorf wurde zum leitenden Geistlichen in M. In den Vorstädten wurden evangelische Pfarrer erst 1544 (Sudenburg) bzw. 1547 (Neustadt) berufen, nachdem sich nach dem Rückzug Erzbischof Albrechts von Brandenburg (1513–1545) aus dem Erzstift die Reformation auch in den Landstädten durchgesetzt hatte. 1546 verbot die Altstadt den katholischen Gottesdienst im Dom und in den Klöstern und Stiften. Das Domkapitel verließ die Stadt und kehrte erst 1558 zurück.

In den Jahren nach dem Schmalkaldischen Krieg, an dem M. auf Seiten des Schmalkaldischen Bundes teilgenommen hatte, wurde die Stadt zum Bollwerk gegen die Einführung des Interims und konnte das lutherische Bekenntnis bewahren. 1558 musste allerdings der katholische Gottesdienst im Dom, den Stiftskirchen und dem Dominikanerkloster wieder zugelassen werden. 1567 ging man schließlich auch im Dom zum evangelischen Gottesdienst über, nachdem Erzbischof Sigismund von Brandenburg (1552–1566) auf dem Totenbett das Abendmahl in beiderlei Gestalt genommen hatte.

Nach Einführung der Reformation wurde die Hospitalkirche Zum Heiligen Geist zur Pfarrkirche umgewandelt. Die Pfarrer bildeten gemeinsam das Geistliche Ministerium mit dem Superintendenten an der Spitze. Das Amt wurde seit 1562 nicht mehr besetzt. Nicht in das städtische Kirchenwesen eingeschlossen blieben der Dom (auch in nachreformatorischer Zeit im Besitz des Domkapitels) sowie die Stiftskirchen, von denen als letzte Unser Lieben Frauen 1598 vollständig zum Luthertum überging. Als katholischer Frauenkonvent erhalten blieb St. Agnes in der Neustadt, während St. Lorenz 1577 aufgehoben wurde.

Die früh bezeugte jüdische Gemeinde M.s lebte im Judendorf südlich des Neuen Marktes, wo sich auch die Synagoge befand. 1493 wurden sämtliche Juden durch Erzbischof Ernst aus dem Erzstift vertrieben. Bis zum Übergang des Erzstifts an Brandenburg kam es zu keiner Neuansiedlung in M.

(4) Baulich war die Altstadt M. geprägt vom Dom, den Stifts- und Klosterkirchen sowie den fünf städtischen Pfarrkirchen. Der Dom entstand nach einem Brand seit 1209 an der Stelle eines Vorgängerbaues. 1363 wurde das Kirchenschiff geweiht, während an den Westtürmen bis ins frühe 16. Jahrhundert gearbeitet wurde. Von den Stiftskirchen am Neuen Markt reicht die Kirche Unser Lieben Frauen bis ins 11. Jahrhundert zurück. Die Stiftskirche St. Nikolai wurde im 14. Jahrhundert an der östlichen Seite des Breiten Wegs neu erbaut, da der Vorgängerbau den Domtürmen weichen musste. Die Stiftskirche St. Sebastian am westlichen Breiten Weg wurde in der Mitte des 12. Jahrhunderts errichtet und erhielt im 14./15. Jahrhundert einen gotischen Chor. Wenig nördlich davon befand sich seit dem frühen 13. Jahrhundert das Dominikanerkloster, das nach 1561 verfiel.

Nordöstlich des Domes stand der bischöfliche Palast, der mit dem Dom durch einen Gang verbunden war. Zum Palast gehörte die vom Gangolfstift genutzte Kapelle (Chor erhalten). Bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurde der Palast selten genutzt, im Dreißigjährigen Krieg wurde er teilweise abgerissen. Hinter dem südlichen Teil des Palastes hatte der erzbischöfliche Möllenvogt seinen Sitz. Nördlich des Palastes lag das Kapitelhaus des Gangolfistiftes, dessen Platz in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zum Standort der Domdechanei wurde. Der Sitz des Dompropstes lag an der westlichen Seite des Domplatzes, wo ab 1486 ein Herrenhaus entstand. Mehrere Kurien der Domherren, u. a. die alte Domdechanei, befanden sich bis ins 16. Jahrhundert in der Sudenburg.

Ins frühe 13. Jahrhundert zurück reicht die Doppelturmfassade von St. Johannis, während das Langhaus im Kern aus dem ersten Drittel des 14. Jahrhunderts stammt. Zum Bautyp der spätgotischen Hallenkirche sind St. Peter (dessen Westturm romanische Teile enthält) sowie die nach dem Zweiten Weltkrieg abgerissenen Pfarrkirchen St. Jakobi, St. Katharinen, St. Ulrich und die Heilig-Geist-Kirche zu zählen. Nach der Zerstörung aller Pfarrkirchen 1631 wurde ihre Wiederherstellung erst 1679 mit der Wiedereinweihung von St. Katharinen abgeschlossen. Die Franziskanerkirche wurde seit dem 16. Jahrhundert bis auf wenige Reste abgebrochen.

Ein Rathaus am Alten Markt ist seit 1293 belegt (nur der Keller ist erhalten). Vor dem Rathaus befindet sich (heute in Kopie) ein Reiterstandbild eines Königs oder Kaisers flankiert von zwei weiblichen Figuren mit Fahnenlanze und Schild, das in die Mitte des 13. Jahrhunderts datiert (»Magdeburger Reiter«) und häufig als Darstellung Ottos des Großen interpretiert wird. In unmittelbarer Nähe standen bis 1631 der M.er Roland sowie eine Hirschstatue. Reiter und Roland werden als Gerichtssymbole interpretiert, ohne dass über die nähere Bedeutung der Symbolik Einigkeit besteht. Chronikalisch belegt sind für die Zeit vor 1631 auch lebensgroße Kaiserfiguren an der Westfassade des Rathauses, die offensichtlich als Reichssymbolik fungierten.

Die ältesten bildlichen Darstellungen finden sich in der Schedelschen Weltchronik (1493) und der »Chroneke der Sassen« (1493), bei denen es sich um typisierte Darstellungen ohne Realitätsgehalt handelt. Die ersten wirklichkeitsgetreuen Darstellungen stammen aus der Mitte des 16. Jahrhunderts: Ein Holzschnitt von Hans Rentz zeigt die Belagerung M.s mit einer detailreichen Stadtansicht (1552). Mehrere Stiche, die zunächst Augustin von Brack 1552 in seiner kurzen Historie der Belagerung M.s gedruckt hatte, finden sich in Friedrich Hortleders Geschichte des Teutschen Krieges (Bd. 2, 1645). Weitere frühe Pläne der Stadt wurden in den topographischen Werken von Georg Braun und Frans Hogenberg (1572) und Sebastian Münster (1574) abgedruckt. Eine Ansicht von Westen findet sich in der »Chronik der Sachsen und Niedersachsen« des Johannes Pomarius (1589).

(5) Bedingt durch die Lage in der M.er Börde, einer der fruchtbarsten Landschaften Deutschlands, und am Kreuzungspunkt mehrerer Fernhandelswege, war M. ein bedeutendes Handelszentrum. In M. wurden die Agrarerzeugnisse des Umlands sowie das Salz der umliegenden Salinen in den überregionalen Verkehr gebracht. Handelsverbindungen reichten im Spätmittelalter sowohl nach Flandern als auch in den Ostseeraum sowie besonders in den ostmitteleuropäischen Raum. Das Stapelrecht der Stadt wurde 1497 durch den Erzbischof vertraglich anerkannt. Der Fern- und Durchgangshandel bot den Kaufleuten die Möglichkeit zum Erwerb größerer Vermögen, von denen die Stadt profitierte. Über Grundbesitz M.er Bürger im ländlichen Umland liegen bisher keine Forschungen vor. Von der Mitte des 14. Jahrhunderts bis 1573 besaß die Stadt das Schloss Neugattersleben mit den Dörfern Hohndorf, Glöthe und Löbnitz. In engeren Umland der Stadt wurde Ende des 15. Jahrhunderts das Dorf Gübs erworben. In der Mitte des 16. Jahrhunderts konnte die Altstadt die Vorstädte, die formal weiterhin der Möllenvogtei unterstanden, faktisch weitgehend unter ihren Einfluss bringen.

Überregionale Bedeutung erlangte das M.er Stadtrecht, das seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts vor allem neu gegründeten Städten östlich der Elbe verliehen und zum vorherrschenden Stadtrecht in Mittel- und Ostdeutschland, den böhmischen Landen, aber auch in Polen, Litauen und der Ukraine wurde. Der M.er Schöppenstuhl fungierte teilweise bis ins 17. Jahrhundert als Oberhof für viele Städte M.er Rechts und nahm somit auf deren Rechtsentwicklung Einfluss. Mit der Etablierung landesherrlicher Obergerichte und endgültig mit der Zerstörung M.s 1631 fand die Spruchtätigkeit der M.er Schöffen ihr Ende.

Seit dem frühen 14. Jahrhundert war M. mehrfach mit Nachbarstädten (Halberstadt, Halle, Calbe) in lokalen Städtebündnissen zusammengeschlossen. Ein weite ausgreifender Städtebund bestand 1351 bis 1354 mit Braunschweig, Helmstedt, Goslar, Halberstadt, Quedlinburg und Aschersleben. Nachdem sich M. in der zweiten Jahrhunderthälfte von weiteren Bündnissen ferngehalten hatte, suchte die Stadt zu Beginn des 15. Jahrhunderts erneut Anschluss und erscheint seit 1426 gemeinsam mit Braunschweig als Vorort des Sächsischen Städtebunds. Ebenso standen M. und Braunschweig seit der Jahrhundertmitte dem sächsischen Viertel der Hanse vor, der die Altstadt spätestens seit der Mitte des 14. Jahrhunderts bis in den Dreißigjährigen Krieg angehörte.

In die sich im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts formierenden Landstände des Erzstifts war die Altstadt M. von Beginn an einbezogen, doch versuchte sie ihre Sonderstellung zu wahren. Im dem 1564 errichteten Großen Ausschuss war sie nicht vertreten.

(6) M. war im Spätmittelalter für die Erzbischöfe nicht nur als Kathedralstadt, sondern auch als Aufenthaltsort von erheblicher Bedeutung. Auch wenn die Stadt sich seit dem 13. Jahrhundert weitgehend von ihrem Stadtherrn emanzipieren konnte, so blieb dieser doch im Dombezirk präsent. Die schweren Konflikte zwischen Stadt und Erzbischof im 14. und 15. Jahrhundert änderten an der starken Stellung der durch den Fernhandel zu überregionaler wirtschaftlicher Bedeutung gelangten Stadt allerdings nichts. Zwar scheiterte ein Ende des 15. Jahrhunderts unternommener Versuch der Stadt, die Reichsfreiheit zu erlangen, doch gelang es auch in dieser kritischen Periode unter Erzbischof Ernst von Sachsen (1476–1513), weitergehende Ansprüche des Stadtherrn abzuwehren, so dass M. 1524 gegen den Willen des Ebf.s die Reformation einführen konnte. Nachdem die Erzbischöfe schon im 15. Jahrhundert die Stadt nur noch zeitweise aufgesucht hatten, verlagerte sich die Hofhaltung zu Beginn des 16. Jahrhunderts endgültig nach Halle, womit M. die Residenzfunktion verlor. Im Schmalkaldischen Krieg konnte die Stadt auch das Domkapitel zeitweilig verdrängen.

Auch von den evangelischen Ebf.en und Administratoren wurde M. selten aufgesucht. Die nominellen Stadtherren hatten kaum Einfluss auf die innerstädtischen Verhältnisse. Der erzbischöfliche Palast verfiel. Umgekehrt spielten M.er am ebfl.en Hof keine Rolle. Enger waren die Verbindungen zum Domkapitel und seinen Nebenstiften, doch auch hier kam es nur zu wenigen personellen Verbindungen.

Auch die Zerstörung der Stadt 1631 brachte keine Änderung des distanzierten Verhältnisses zwischen Stadt und Landesherrn, der weiterhin in Halle residierte. Erst die erzwungene Aufnahme einer brandenburgischen Garnison 1666 bereitete die Eingliederung M.s in das Erzstift vor, die schließlich unter brandenburgisch-preußischer Herrschaft in die Verlegung der Verwaltungsbehörden des nunmehrigen Hzm.s M. 1714 von Halle nach M. mündete, wodurch M. den Charakter einer Verwaltungsstadt annahm.

(7) Die ältere städtische Überlieferung ist seit der Zerstörung und Plünderung Magdeburgs durch kaiserliche Truppen unter General Tilly verloren. Reste des Urkundenbestands wurden zudem am Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört. Im Stadtarchiv Magdeburg werden Akten seit 1632 verwahrt (Bestand A I). Einen gewissen Ersatz für die verlorene städtische Überlieferung bietet diejenige des Erzstifts Magdeburg, die sich im Landesarchiv Sachsen-Anhalt, Abteilung Magdeburg befindet (v. a. Bestand A 2: Erzstift Magdeburg, Innere Landesverwaltung).

Die Magdeburger Schöppenchronik, bearb. von Carl Janicke, Leipzig 1869 (Die Chroniken der deutschen Städte vom 14. bis ins 16. Jahrhundert, 7). – Urkundenbuch der Stadt Magdeburg, 3 Bde., bearb. von Gustav Hertel, Halle 1892–1896 (Geschichtsquellen der Provinz Sachsen, 26–28).

(8)Hoffmann, Friedrich Wilhelm: Geschichte der Stadt Magdeburg, 2 Bde., neu bearb. von Gustav Hertel und Friedrich Hülsse, Magdeburg 1885. – Wolter, Ferdinand Albert: Geschichte der Stadt Magdeburg von ihrem Ursprung bis auf die Gegenwart, Magdeburg 1901 (ND Magdeburg 1996). – Krause, Paul: Art. „Magdeburg, Stadtkreis“, in: Deutsches Städtebuch, Bd. 2: Mitteldeutschland (1941), S. 592–603. – Neubauer, Ernst, Gringmuth-Dallmer, Hanns: Häuserbuch der Stadt Magdeburg, Tle. 1–2, Magdeburg/Halle 1931–1956 (Geschichtsquellen der Provinz Sachsen NR, 12; Quellen zur Geschichte Sachsen-Anhalts, 4). – Uitz, Erika: Der Kampf um kommunale Autonomie in Magdeburg bis zur Stadtverfassung von 1330, in: Stadt und Städtebürgertum in der deutschen Geschichte des 13. Jahrhunderts. hg. von Bernhard Töpfer, Berlin 1976 (Forschungen zur mittelalterlichen Geschichte, 24), S. 288–323. – Hanse – Städte – Bünde. Die sächsischen Städte zwischen Elbe und Weser um 1500, Bd. 1: Aufsätze, hg. von Matthias Puhle, Magdeburg 1996 (Magdeburger Museumsschriften, 4,1). – Magdeburg in Bildern von 1492 bis ins 20. Jahrhundert, hg. von Matthias Puhle, Magdeburg 1997 (Magdeburger Museumsschriften, 5). – Asmus, Helmut: 1200 Jahre Magdeburg. Von der Kaiserpfalz zur Landeshauptstadt, Bd. 1: Die Jahre 805–1631, Halberstadt 1999. – Magdeburg. Die Geschichte der Stadt 805–2005, hg. von Matthias Puhle und Peter Petsch, Dößel (Saalkreis) 2005. – Puhle, Matthias: Magdeburg im Mittelalter. Der Weg von der Pfalz Ottos des Großen bis zur Hansestadt um 1500, Halle a. d. Saale 2005 (Studien zur Landesgeschichte, 15).

Michael Scholz