(1) G. hat seinen Namen von der Gote, einem östlich oberhalb der Siedlung beim Reinsbrunnen am Westhang des Hainberges entspringenden Bach, der bei G. in die Leine mündet. Nordwestlich G.s, jenseits der Leine, lagen die königliche Pfalz Grone und ihr Wirtschaftshof Altengrone. Insbesondere im ausgehenden 10. und beginnenden 11. Jahrhundert war die Pfalz als kgl.er Aufenthaltsort bedeutend.
Das 953 erstmals schriftlich belegte Dorf Gutingi lag im Bereich der heutigen oberen Lange Geismarstraße / Kurze Geismarstraße / Hospitalstraße. Nordwestlich des Dorfes entstand in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, wohl als planmäßige Gründung der Welfen, eine städtische Siedlung um Markt und der (späteren) Hauptpfarrkirche St. Johannis. Auf diese neue Siedlung ging noch im 12. Jahrhundert der Name des Dorfes über und wandelte sich in die Form G. Das bis in das späte Mittelalter außerhalb der Stadtbefestigung verbleibende Dorf wurde fortan zumeist als antiqua villa bzw. olde Dorp bezeichnet.
Die welfische Herrschaft über die Neugründung ist durch die Teilungsurkunde der Söhne Heinrichs des Löwen (1202) bezeugt, G. gehörte hinfort zum Herzogtum Braunschweig-Lüneburg. Aus der welfischen Landesteilung von 1291 ging das bis 1318 bestehende Fürstentum G.-Oberwald mit der Stadt G. als Residenz Herzog Albrechts II. (um/vor 1268–1318) hervor. Anschließend kam G. wieder an das Fürstentum Braunschweig, ehe eine weitere dynastische Teilung erneut das Fürstentum Göttingen schuf (1345–1463). Entscheidend für die Selbständigkeit G.s als Stadt war die Zerstörung der Burg Bolrus 1387 im Rahmen einer Fehde gegen Herzog Otto III. den Quaden (um 1330–1394). Hierdurch verdrängte G. den Landesherrn, der nach Hardegsen ausweichen musste, auf Dauer aus ihrer Stadt. G. wurde nicht Sitz eines landesherrlichen Amtmanns. Mit dem Ende der G.er Nebenlinie der Welfen kam G. an die Calenberger Linie und machte in der Folge die dynastischen Wechsel mit. Einen Einschnitt in die Stadtgeschichte stellte die Gründung der Universität 1734/37 dar.
(2) Um 1230 sind Rat und Bürgerschaft bezeugt; ihnen werden 1232 durch Herzog Otto das Kind die »gewohnten Privilegien und Rechte« bestätigt. Ab 1250 wurde die Stadt mit einer Mauer befestigt. Am politischen Regiment war in der Hauptsache die wirtschaftlich und sozial herausgehobene Gruppe der Kaufleute beteiligt. Sie hatten sich als erste zu einer Gilde zusammengeschlossen und behaupteten das ganze Spätmittelalter hindurch ihren beherrschenden Einfluss in dem jeweils durch Kooptation ergänzten städtischen Rat. Rathaus und Kaufhaus befanden sich ursprünglich unter einem Dach. Die übrigen Gilden, wie die der Kaufleute durch den Landesherrn privilegiert, bildeten die wichtigsten Handwerke: Schuhmacher, Bäcker, Wollen- und Leineweber. Daneben bestanden noch die Gilde der Knochenhauer sowie die durch den Rat privilegierten Innungen der Schneider und Schmiede. Eine weitere, als meinheit bezeichnete gewerbeständische Schicht umfasste die sonstigen Kleingewerbetreibenden sowie die Landwirtschaft treibenden Bürger. Neben diesen Bewohnern, die das volle Bürgerrecht besaßen bzw. erwerben konnten, gab es die minderberechtigten Mitwohner (medewoner); zu ihnen gehörten die Geistlichen, ferner alle, die sich nur begrenzte Zeit in der Stadt aufhielten. Zu den Mitwohnern zählten in der Regel auch die seit 1289 hier nachweisbaren Juden, die nur ausnahmsweise in das Bürgerrecht aufgenommen wurden. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts gründete der Stadtherr direkt vor G. die Neustadt. Gleichzeitig veräußerte er die südlich an diese Neustadt angrenzenden Grundstücke an den Deutschen Orden, der hier eine Kommende mit zugehöriger St. Marien-Kirche errichtete; damit gab es nunmehr vier Pfarrkirchen in der Stadt. Bereits nach gut zwei Jahrzehnten entledigte der Rat sich der Neustädter Konkurrenz, indem er die bisher vorstädtische Siedlung 1319 (nach Ende des ersten Fsm.s G.-Oberwald) aufkaufte und später in die erweiterte Stadtbefestigung einbezog.
Mit etwa 6000 Einwohnern erreichte G. um 1400 den Höhepunkt seiner Entwicklung im Spätmittelalter. Das Wirtschaftsleben war geprägt von dem auf Export angelegten Leinwand- und Tuchgewerbe; G.er Leinen ist bis nach England und Holland, G.er Wolltuch in den nordöstlichen Hanseraum sowie ebenfalls nach Holland exportiert worden. Aus der Bedeutung dieses Handels erklärt sich die politisch-soziale Dominanz der Kaufleute.
Parallel zum wirtschaftlichen Aufstieg der Stadt und dem Anwachsen ihrer Bevölkerung verlief im 14. Jahrhundert die Emanzipation der Bürgergemeinde vom Landesherrn als dem nominellen Stadtherrn. Umfangreiche Besitzungen im Umland und eine Reihe rechtlicher Befugnisse gingen durch Kauf oder Pfandnahme an den Rat über (1351 Wechsel und Münze, 1368 Schultheißenamt, d. h. Wahrnehmung der landesherrlichen Gerichtsbarkeit). Mit Genehmigung Herzog Ernsts 1344–1367 errichtete die Stadt seit 1350 eine erweiterte Befestigung mit Wall und Graben, die jetzt auch das olde Dorp und die Neustadt mit der Pfarrkirche St. Marien und der Deutschordenskommende einschloss.
Allerdings blieben die Zurückdrängung des Stadtherrn, die machtvolle Position des nur aus einem kleinen Kreis von Familien rekrutierten Rates, der Ausbau der städtischen Verteidigungsanlagen und der Landwehr nicht ohne Einfluss auf die innerstädtischen Verhältnisse. Um 1500 war die Stadt schwer verschuldet, und der Rat erhob neue Verbrauchssteuern, u. a. Mühlen- und Brausteuer. Dies führte 1513 zu offenem Aufruhr und in der Folge zur Revision der Ratsverfassung; Kaufleute und Handwerker hatten künftig gleichen personellen Anteil.
Als Mitglied des Schmalkaldischen Bundes musste sich G. nach der Schlacht bei Mühlberg 1547 an den vom Kaiser auferlegten Bußleistungen beteiligen. Die ohnehin verschuldete Stadt hatte Jahrzehnte daran zu tragen. Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts setzte allmählich eine Aufwärtsentwicklung ein. Sie wurde 1597 und 1611 durch Pestepidemien unterbrochen; mehr als ein Drittel der Bevölkerung starb. Entsprechend ging das Wirtschaftsleben zurück, und das Exportgewerbe der Woll- und Leinenproduktion brach zusammen. Einen noch stärkeren Einbruch brachte der Dreißigjährige Krieg. Es entstanden im ersten Jahrzehnt des Krieges extreme Schäden, zu denen noch die Belastung durch Einquartierungsgelder und Kontributionen hinzukamen. Die daraus erwachsenden Zinsverpflichtungen betrugen 25.000 Taler, das Zehnfache der regulären Steuereinnahmen G.s um 1629.
Aus der wirtschaftlichen Ohnmacht ergab sich eine politische, die es dem Landesherrn ermöglichte, auf die seit rund dreihundert Jahren in städtischer Hand befindlichen Privilegien zuzugreifen: 1665 gelangten Münzrecht, Geldwechsel, Zoll und das Schultheißenamt wieder in die Hände des Fürsten 1690 wurde die Ratswahlordnung aufgehoben, den Rat setzte künftig die Regierung in Hannover ein, der Stadt blieb nur ein Vorschlagsrecht. 1702 folgte eine Bauordnung zur Beseitigung der seit dem Dreißigjährigen Krieg bestehenden Ruinen und verlassenen Hofstellen, es setzte eine verhältnismäßig umfangreiche Bautätigkeit ein. Parallel dazu betrieb die Regierung die planvolle Ansiedlung neuer Gewerbebetriebe, woraus sich ein langfristig ansteigender Wohlstand ergab. Innerhalb von 30 Jahren wuchs seit 1700 die Einwohnerschaft von rund 3500 auf über 8500 Bewohner.
(3) Zum Siedlungskomplex um die Burg herum gehört die Pfarrkirche St. Jakobi, die ehemalige Burgkapelle. Mit päpstlicher Genehmigung versuchte Herzog Otto III. 1369, das Kapitel des Nörtener Petersstifts hierher zu verlegen, um die Kirche zu einem Residenzstift auszubauen. Dies scheiterte aber am Widerstand des G.er Rates.
Die älteste Pfarrkirche, St. Albani, war die des hochmittelalterlichen Dorfes Gutingi, die erst durch die Stadterweiterung ab 1350 nach G. kam. Eigentliche Hauptkirche G.s war St. Johannis, die zu der im 12. Jahrhundert geplanten Stadt gehörte. Als weitere Pfarrkirche ist um oder kurz nach 1200 St. Nikolai mit zugehörigem Sprengel südlich des Areals um Markt und Johanniskirche errichtet worden. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts entstand südlich der vom Stadtherrn angelegten Neustadt eine Kommende des Deutschen Ordens, zu der die St. Marien-Kirche gehörte, die mit dem Kauf der gesamtem Neustadt durch den G.er Rat 1319 zur Stadt kam. Als letztes kam nach der Zerstörung der Burg 1387 die Kirche des Burgsprengels, St. Jakobi, an die Stadt. Damit verfügte G. über insgesamt fünf Pfarrkirchen.
1294 siedelte Herzog Albrecht II. Dominikaner am westlichen Rand der Stadt an – neben dem Braunschweiger der einzige Dominikanerkonvent im Herzogtum Braunschweig-Lüneburg. Franziskaner waren vermutlich bereits seit den 1260er Jahren im Bereich der heutigen Oberen Barfüßerstraße ansässig. Unmittelbar östlich des Dominikanerklosters lag der Stadthof des Zisterzienserklosters Walkenried. Ebenfalls in der Stadt begütert waren das Kloster Weende, das Kloster Mariengarten, das Kloster Lippoldsberg sowie das Kapitel des Nörtener Petersstifts.
Das seit 1517 von Luther und seinen Anhängern verkündete reformatorische Programm fand in G. unterschiedliche Aufnahme: Während die dominierende Gruppe der Kaufleute sich der neuen Lehre gegenüber zunächst reserviert verhielt, wandten sich vor allem die Handwerker ihr rasch zu. Für die Gilden und Innungen verband sich ihr Kampf um die Beteiligung am Stadtregiment mit den Auseinandersetzungen um die Erneuerung der Kirche. Wie in vielen norddeutschen Städten trug auch in G. die 1529 gegen den katholischen Herzog Erich von Calenberg erfolgte Einführung der Reformation zugleich die Züge einer Sozialrevolution.
(4) Im Nordosten der mittelalterlichen Stadt, in unmittelbarer Nähe des heutigen städtischen Museums, existierte um 1200 ein befestigter Wohnsitz der welfischen Stadtherren, der im Laufe des 13. Jahrhunderts zur Stadtburg (castrum nostre civitatis, unse borch, Balrus [1350], Etymologie ungeklärt) ausgebaut und durch einen Graben gesichert wurde. Eine Kemenate, die ursprünglich den Herren von Plesse, später denen von Hardenberg gehört hatte, hat sich als Rest eines zur landesherrlichen Burg gehörenden Burgmannensitzes im ostwärtigen Gebäudekomplex des städtischen Museums erhalten. In einer Fehde gegen Herzog Otto III. den Quaden zerstörten die G.er 1387 die Burg Bolrus. Um dieselbe Zeit stellte die Stadt auf dem Markt als Zeichen ihrer Unabhängigkeit einen Roland auf, etwa in die dieselbe Zeit oder etwas später fällt der Ausbau des Rathauses. Ausdruck des Wohlstandes der um diese Zeit prosperierenden Stadt waren zudem die Erneuerungsmaßnahmen an gleich drei Kirchen (St. Albani, St. Jakobi und St. Johannis) im späten 14. und frühen 15. Jahrhundert
(5) Der auf Tuchexport angelegten Wirtschaftsstruktur entsprechend gehörte G. zur Hanse (1351–1572) und beteiligte sich an politischen Bündnissen (nieder-)sächsischer und thüringischer Städte: 1293 mit Duderstadt, Osterode, Northeim und Münden, 1384 mit Goslar, Lüneburg, Hildesheim, Hannover, Halberstadt, Quedlinburg, Aschersleben, Helmstedt und Einbeck und 1426 mit Goslar, Magdeburg, Braunschweig, Halle, Hildesheim, Halberstadt, Quedlinburg, Aschersleben, Osterode, Einbeck, Hannover, Helmstedt und Northeim. Ein in den Jahren und Jahrzehnten nach 1387 ausgebautes Landwehrsystem mit einem Durchmesser von zehn bis 15 Kilometern sicherte Einkünfte, Rechte und Einfluss im städtischen Umland. Angesichts zahlreicher innerwelfischer Pfand- und Erbauseinandersetzungen schloss G. im Jahre 1440 einen zehnjährigen Schutz- und Hilfsvertrag mit Landgraf Ludwig von Hessen.
(6) Als Residenzstadt lässt sich G. für die Zeit um 1300 und den Zeitraum von etwa 1345 bis 1387 bezeichnen. Im Spätmittelalter bis zum Dreißigjährigen Krieg verfügte G. mit der Tuchherstellung über ein leistungsfähiges Exportgewerbe, das die Stadt in die Lage versetzte, den Zugriff des Landesherrn auf die Stadt abzuwehren. Von den Zerstörungen des Dreißigjährigen Kriegs erholte G. sich nur langsam, der Wiederaufstieg ging einher mit dem zunehmenden Verlust der Autonomie. 1734 begann der Lehrbetrieb der hannoverschen Landesuniversität Georgia Augusta, die, drei Jahre später feierlich eröffnet, als »Universität der Aufklärung« rasch eine der bedeutendsten und größten Universitäten des Reiches wurde und um 1800 rund 800 Studenten bei etwa 8000 Einwohnern hatte.
(7) Die archivalische Überlieferung findet sich im Stadtarchiv Göttingen. Zentral für die landesherrliche Seite ist das Niedersächsische Landesarchiv, Standort Hannover (mit den Bestandsgruppen Cal. Br. 8 und Cal. Or. 100 Göttingen Stadt). Urkundenbuch der Stadt Göttingen, 2 Bde., hg. von Gustav Schmidt, Hannover 1863–1867. – Urkunden der Stadt Göttingen aus dem XVI. Jahrhundert, hg. von Arnold Hasselblatt und Georg Kaestner, Göttingen 1881. – Lubecus, Franciscus: Göttinger Annalen. Von den Anfängen bis zum Jahre 1588, bearb. von Reinhard Vogelsang, Göttingen 1994.
(8) Göttingen. Geschichte einer Universitätsstadt, Bd. 1: Von den Anfängen bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges, hg. von Dietrich Denecke und Helga-Maria Kühn, Göttingen 1987; Bd. 2: Vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Anschluss an Preußen – Der Wiederaufstieg als Universitätsstadt (1648–1866), hg. von Ernst Böhme und Rudolf Vierhaus, Göttingen 2002. – 1050 Jahre Göttingen. Streiflichter auf die Göttinger Stadtgeschichte, hg. von Klaus Grubmüller, Göttingen 2004. – Gutingi – vom Dorf zur Stadt, hg. von Betty Arndt und Andreas Ströbel, Göttingen 2005. – Das Rechnungs- und Kopialbuch der Kirche St. Jacobi in Göttingen 1416–1603, Einführung und Edition, bearb. von Josef Dolle, Bielefeld 2014.