Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Virneburg

Virneburg

(1) V. liegt in der Vulkaneifel, etwa 50 km westlich Koblenz, im Nitzbachtal an einer Straße, die vom Rhein über Mayen nach Aachen weiter in die Niederlande führt.

Die V. war der Stammsitz der Grafen von V. und neben der Burg in Monreal eine der beiden Residenzen. Die seit dem 11. Jahrhundert belegten Grafen von V. erlangten an Bedeutung als Grafen der großen und kleinen Pellenz und dann im 13. Jahrhundert durch den Erwerb mehrerer Vogteien. Aus ihren Reihen gingen im 14. Jahrhundert ein Erzbischof von Mainz, ein Erzbischof von Köln sowie ein Bischof von Münster und von Utrecht hervor. Graf Ruprecht IV. von V. (†1445) konnte durch zahlreiche Erwerbungen den Besitz weit ausdehnen und wurde 1419 zum Statthalter des Hzg.s von Lothringen im Land Limburg sowie 1443 zum Statthalter des Hzg.s von Burgund im Land Luxemburg. Bei der Teilung 1445 zwischen Ruprecht V. (†1459) und seinem Bruder Wilhelm (†1469) kam die Grafschaft V. mit den Burgen bzw. Schlössern V. und Monreal, die große und die kleine Pellenz sowie die Hälfte des übrigen Besitzes an Ruprecht V. Dieser hatte wohl seinen Sitz auf der V. Nach seinem Tod übernahm dessen auf Burg Kronenburg sitzender Bruder Wilhelm 1459 die Vormundschaft über seine Neffen. Die Politik der Erzbischöfe von Trier zur Abrundung ihres Machtbereichs schränkte indes zunehmend den Einfluss der V.er Grafen ein. 1545 starben die Grafen in männlicher Linie aus. Kurtrier zog daraufhin den größten Teil der Grafschaft ein.

Nach etlichen Auseinandersetzungen um die Erbfolge erhielt 1554 Dietrich V. von Manderscheid-Schleiden (†1560) das Haus V. sowie die erheblich verkleinerte Grafschaft als kurtrierisches Lehen. V. war im 16. Jahrhundert Sitz eines Amtmanns und eines Rentmeisters. Bei Abtretung der Grafschaft 1570 von Graf Dietrich VI. von Manderscheid-Schleiden (†1593) an seinen Bruder Joachim (†1582) wurde die V. zur Nebenresidenz und erhielt eine Kanzlei. Über den Tod Dietrichs VI. hinaus residierte seine Frau, Magdalena von Nassau-Wiesbaden (†1594), bis zu ihrem Tod auf der V. Sie vertrat ihre erbberechtigten Töchter, über die die Grafschaft nach langwierigem Erbstreit und Tausch 1615 an die älteste Tochter Elisabeth von Löwenstein-Wertheim (†1621) fiel. 1623 wurde ihr ältester Sohn Friedrich Ludwig von Löwenstein-Wertheim (†1657) mit der Grafschaft V. belehnt. Von dieser Familie wurde die V. nur gelegentlich als Aufenthaltsort genutzt, anfänglich kam sie etwa einmal im Jahr, später seltener. Die Verwaltung der Grafschaft oblag einem in V. residierenden Amtmann, der der Kanzlei in Wertheim unterstellt war. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg wurde die V. 1689 zerstört und danach nicht wieder aufgebaut. V. blieb bis zum Ende des Alten Reiches Sitz des Amts, für das 1750 das repräsentative Amtshaus errichtet wurde. 1794 wurde die Grafschaft vom revolutionären Frankreich besetzt und später annektiert. Nach dem Wiener Kongress fiel V. 1815 an Preußen und wurde Sitz einer Bürgermeisterei.

(2) Der unterhalb der Burg entstandene Ort blieb in rechtlicher Hinsicht Tal, d.h. eine dörfliche Siedlung mit gesonderter Rechtsstellung. So wurde er in der frühen Neuzeit durchgängig bezeichnet. 1582 gab es in V. 16 Häuser, 1623 mindestens 125 bis 138 Einwohner, zwischen 1645 und 1648 mindestens 50 bis 55 Einwohner. 1662 zählte das Tal 21 Feuerstellen (Räuche), die Zahl verdoppelte sich auf 44 Haushalte 1792.

V. gehörte im Spätmittelalter zum Hochgericht Nachtsheim (fünf Kilometer südöstlich V.s). Die Gerichtsbarkeit wurde seit dem 16. Jahrhundert zunehmend durch den Amtmann in V. übernommen. Familien des lokalen Adels hatten in V. Burgmannensitze oder -lehen inne (beispielsweise 1447 Dietrich von Monreal, 1469 Karl von Monreal). Im 18. Jahrhundert rekrutierten sich aus den Einwohnern V.s mehrere niederrangige landesherrliche Bedienstete wie Boten, Förster, Gerichtsschöffen und Forstknechte, mit einem Landvogt (bei Vakanz Stellvertreter des Amtmanns) auch ein etwas höherrangiger Amtsträger, ansonsten sind die rechtlichen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Strukturen des Tals weitgehend unerforscht. Mit dem Ausbau der landesherrlichen Verwaltung (Amt) zogen gräfliche Bedienstete nach V.

Über Wirtschaft und Gewerbestruktur finden sich in der Literatur keine Angaben, anzunehmen ist indes eine weitgehende landwirtschaftliche Prägung.

(3) Eine Pfarrei bestand in V. nicht, das Tal gehörte im Mittelalter kirchlich zur Pfarrei Nachtsheim. Um 1695 entstand in V. die Kapelle St. Trinitatis unterhalb der Burg. Klöster oder Stifte existierten keine. Durch die Übernahme der katholischen Grafschaft durch die lutherischen Grafen von Löwenstein-Wertheim ergaben sich Konflikte mit Kurtrier.

(4) Als markante Gebäude sind die Burg bzw. das Schloss und das 1750 entstandene barocke Amtshaus zu nennen. Die um 1695 errichtete Kapelle befindet sich etwa auf halbem Wege zwischen Siedlung und Burgruine. Die Siedlung lag unterhalb der Burg und ist in wesentlichen Zügen erhalten, ihre Serpentinen beschreibende Hauptstraße folgt dem Geländeverlauf, von ihr gehen drei parallele Wege (Talstraße, In der Au, Auf der Au) ab, deren systematische Form eventuell auf eine geplante Anlage schließen lassen können.

(5) V. hatte in seinem Umland keine nennenswerten Rechte inne und entbehrte die Zentralfunktionen als Kirchort, Nahmarkt oder Hochgericht, lediglich die Zentralfunktion als Amtssitz kam dem Ort zu. V. war von Reichssteuern und fast allen Frondiensten befreit, bezahlte jedoch einen pauschalen jährlichen Schatz von 25 Talern kölnischer Währung, der 1650 für die nächsten 50 Jahre auf einen kölnischen Taler pro Haushalt (Feuerstelle) festgesetzt wurde.

(6) V. fungierte im Spätmittelalter kontinuierlich als Residenz der Grafen von V. bis zum Ende der Linie 1545, danach war der Ort 1570-1582 Nebenresidenz und 1582-1594 Witwensitz. Der kleine Ort konnte neben der Burg so gut wie keine Selbständigkeit entfalten, er wurde ganz durch die Anwesenheit der Herrschaft bzw. des Amtmanns geprägt. Als äußere Kennzeichen kommen die im 17. Jahrhundert zum Schloss ausgebaute Burg und das barocke Amtshaus aus der Mitte des 18. Jahrhunderts in Betracht, hinsichtlich der Bevölkerung ist darauf zu verweisen, dass landesherrliche Amtsträger ihren Wohnsitz in V. nahmen und umgekehrt Einwohner als niedere Bedienstete tätig waren. Weitere personelle Verflechtungen wie Konnubium oder Patenschaften sind bislang nicht erforscht. Dieses gilt zugleich für die Formen höfischen Lebens in V. Die Bediensteten bei Hof bzw. bei der Amtsverwaltung dürften in dem Ort ein eigenes Element gebildet haben, das neben der Landwirtschaft als Haupterwerbszweig auch über das Ende des Alten Reiches Bestand hatte.

V. blieb bis zum Ende des Alten Reiches und darüber hinaus Sitz nachgeordneter Behörden der Grafschaft Das Tal diente nach Erlöschen der Grafen von V. zwar nur noch vorübergehend als Residenz, war aber dennoch bedeutend für die Herrschaftswahrnehmung in der Eifel.

(7) Die wesentlichen archivalischen Quellen befinden sich überwiegend im Landesarchiv Baden-Württemberg - Abteilung Staatsarchiv Wertheim (Bestand F-US 6, Bestand F-Rep. 103, Bestand F-Rep. 103 N) und im Landeshauptarchiv Koblenz (Bestand 34).

Löwenstein-Wertheim-Freudenbergsches Archiv Grafschaft Virneburg. Inventar des Bestands F US 6 im Staatsarchiv Wertheim. Urkundenregesten 1222-1791, bearb. von Irmtraut Eder-Stein, Rüdiger Lenz und Volker Rödel, Stuttgart 2000 (Veröffentlichungen der staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg, 51, 1). - Löwenstein-Wertheim-Freudenbergsches Archiv Grafschaft Virneburg. Inventar des Bestands F 103 im Staatsarchiv Wertheim. Akten und Rechnungen 1192-1819 (1832), bearb. von Martina Heine und Rüdiger Lenz, Stuttgart 2000 (Veröffentlichungen der staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg, 51, 2).

(8)Iwanski, Wilhelm: Geschichte der Grafen von Virneburg von ihren Anfängen bis auf Robert IV. (1383), Koblenz 1912. - Klapperich, Karl: Die Geschichte des Grafengeschlechtes der Virneburger (vom Jahre 1383 bis zum Erlöschen), Bonn 1921. - Die Kunstdenkmäler des Kreises Mayen, Bd. 1: Die Kunstdenkmäler der Ämter Andernach-Stadt und -Land, Burgbrohl, Kelberg, Kempenich und Virneburg, bearb. von Josef Busley und Heinrich Neu, Düsseldorf 1941 (Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, 17, 2). - Schüler, Heinz: Der Kampf um das Kirchenregiment in der Grafschaft Virneburg zwischen der evangelischen Landesherrschaft, den Grafen von Löwenstein-Wertheim-Virneburg und dem Erzstift Trier. Ein Beitrag zur kurtrierischen Gegenreformation in der Osteifel im 17. Jahrhundert, in: Monatshefte für evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes 15 (1966) S. 4-60. - Neu, Peter: Geschichte und Struktur der Eifelterritorien des Hauses Manderscheid vornehmlich im 15. und 16. Jahrhundert, Bonn 1972 (Rheinisches Archiv, 80). - Lenz, Rüdiger: Der Erwerb der Grafschaft Virneburg durch die Grafen zu Löwenstein-Wertheim, in: Wertheimer Jahrbuch (1988/1989) S. 231-252. - Lacour, Eva: Die Bevölkerungsentwicklung in der Grafschaft Virneburg im 17. Jahrhundert, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 24 (1998) S. 231-244. - Lacour, Eva: Gerichtsbarkeit und Kriminalität in der Grafschaften Virneburg (16. bis 18. Jahrhundert), in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 25 (1999) S. 285-304. - Markowitz, Klaus: Zur Geschichte des Hauses und der Burg Virneburg, in: Rheinische Heimatpflege, Neue Folge 42 (2005) S. 263-273. - Schmidt, Achim H.: Die frühen Grafen von Virneburg und ihre Stammburg. Forschungen zur Frühgeschichte einer Burg und eines Grafengeschlechts in der Osteifel, in: Burgen und Befestigungen in der Eifel. Von der Antike bis ins 20. Jahrhundert. Akten der 8. wissenschaftlichen Tagung in Oberfell an der Mosel, hg. von Olaf Wagener, Petersberg 2013, S. 74-93.

Daniel Schneider