Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Monreal

Monreal

(1) Der sieben Kilometer südwestlich von Mayen im Tal der zur Mosel fließenden Elz gelegene Ort entstand als Burgsiedlung für das 1229 erstmals genannte castrum Munroial, das sich die Grafen von Virneburg neben ihrer Stammburg als zweiten Sitz bald nach 1200 errichtet hatten. Die Namensform zeugt von der Einbindung der Gründer in die ritterlich-höfische Lebensform und Denkweise; zudem reichte das romanischsprachige Gebiet damals noch bis in die Eifel. Die Straße von Cochem nach Mayen überschritt in M. den Bachlauf der Elz. Die dafür erbaute Brücke in der Ortsmitte geht ins 15. Jahrhundert zurück; ober- und unterhalb entstanden zwei weitere.

Die steil über dem Ort gelegene große bzw. Löwenburg dürfte gegen Ende des 13. Jahrhunderts errichtet und von Anfang an als Residenz genutzt worden sein. Die kleinere zweite, erst 1368 bezeugte westwärts auf einer nahen Anhöhe weist eine ältere Baukonzeption auf und dürfte daher die 1229 erwähnte sein. Im Volksmund wurde sie als »Rech« bezeichnet, sonst als Philipps- oder Alteburg. Der Absicht, trotz der engen Tallage dem Residenzcharakter durch eine Aufwertung der Burgsiedlung besser Rechnung zu tragen, entsprach das von Graf Ruprecht II. 1306 bei König Albrecht I. erwirkte Privileg, das dem oppidum M. die Rechte von Cochem und einen Montagsmarkt gewährte. Im Zuge der Annahme des Grafen als Burgmann zu Cochem hatte König Adolf diesem schon 1293 das Judenregal für M. zugebilligt. Anders als bei der Virneburg sollte hier offenbar nun für die Grafschaft auch ein wirtschaftlicher Schwerpunkt entstehen. Indessen ließen die Besitzstreuung und auch die weiträumig wirksamen Aktivitäten der Gf.enfamilie, die in Köln und Mainz Erzbischöfe stellte, eine organische Residenzentwicklung kaum zu; immerhin wurde M. Standort des gfl.en Archivs. Dass dem Ort eine für die gesamte Grafschaft zentralörtliche Funktion zugedacht war, belegt noch das 1563 entstandene kurtrierische Feuerbuch, ein Verzeichnis der Haushaltsvorstände, in dem einzelne Hörige ausdrücklich als den burgern zu M. zugehörig verzeichnet sind, und zwar nicht nur in Orten des Amts, sondern weit darüber hinaus bis an den Laacher See, und zwar unterschieden von denen, die vormals uff M., also zur virneburgischen Herrschaft, nunmehr zum Oberamt Mayen gehörten. Nachdem die Burg von 1335 bis 1353 als Witwensitz für Gf.in Maria, gebürtig aus dem Haus der Grafen von Jülich, gedient hatte, war der Ort fortan vorrangige Residenz der Grafen bis zu ihrem Aussterben 1545, ab 1484 wiederum zeitweise Witwensitz. Mit sechs umliegenden Dörfern und fünf Höfen bildete M. eine eigene Herrschaft innerhalb der Grafschaft Als Folge einer Fehde hatte Graf Heinrich II. 1335 Erzbischof Balduin von Trier die Lehenshoheit über M. zugestehen müssen. Bei dem mit dem Tod des letzten Grafen Kuno 1545 gegebenen Heimfall vermochte das Erzstift angesichts jahrelanger Erbauseinandersetzungen das Amt M. seinem Territorium schließlich erst 1554 definitiv einzugliedern. Stadt und Burg wurden jedoch zunächst dem Domherrn Graf Hans Heinrich von Leiningen-Dagsburg als Lehen überlassen, vielleicht um seine Stellung als regierender Vormund zweier unmündiger Neffen der Linie Leiningen-Hardenburg, zu deren Gunsten er zuvor verzichtet hatte, zu stärken. Dass er sich zeitweise in M. aufgehalten hätte, ist nicht bekannt und auch unwahrscheinlich. Seit seinem Tod 1575 war M., fortan nur noch als Flecken bezeichnet, bis zum Untergang des Kurstaats Sitz eines gleichnamigen kurtrierischen Amtes innerhalb des Oberamts Mayen. Die Burg diente bis zu ihrer Niederbrennung 1689 durch französische Truppen als Sitz des Amtes, danach eines Hofmanns. Spätestens damals, als auch 46 Häuser abbrannten, dürfte das kommunale Archivgut untergegangen sein. Das Herauslösen des Amts M. aus dem Personenverband und Grundnutzungsbestand der alten Grafschaft nach 1545 hatte eine mühsame rechtliche Entflechtung bei den Hörigen und auch von den Grafen von Manderscheid als den Haupterben noch im 16. Jahrhundert anhängig gemachte Prozesse wegen der Verfügung über Höfe und Renten zur Folge. Auch die Grafen von Löwenstein-Wertheim-Virneburg als deren Teilerben verpfändeten bzw. verkauften noch im 17. Jahrhundert bei M. gelegene Güter.

(2) Die enge Tallage beschränkte die Siedlung auf eine Straße links der Elz unterhalb der Burgen und auf einen bescheidenen Ortskern. Von der erst 1272 abgegrenzten geringen Gemarkungsfläche nimmt die der Burg allein schon etwa ein Viertel ein. Die Erwähnung eines Tores bereits 1246 bezeugt, dass die Ummauerung, die eine Fläche von 3,56 ha mit beiden Burgen einschloss, früh erfolgte. Burgmannensitze sind vorauszusetzen, jedoch nur im Fall des Hauses an der Elzbrücke wahrscheinlich zu machen. Bereits 1272 ist ein Ritter Emmerich von M. belegt, 1275 ein Ritter Karl. Diese bzw. eine sich nach M. nennende Niederadelsfamilie nutzte später offenbar die kleine Burg, die sich zwischen 1417 und 1455 samt einer kleinen Herrschaft im Besitz der Niederadligen von Brohl nachweisen lässt. Zwischen 1458 und 1467 fungierte ein Karl von M. als Bürge, Beglaubiger von Urkundenabschriften und, da Gläubiger, kurzzeitig als Amtmann auf der Virneburg. Konstitutiv für den Entstehungsprozess der kleinen Stadt war die Ansiedlung von Handwerkern, die vorrangig den Bedarf der Burgherren zu decken hatten. Wegen des Mangels an bebaubaren Flächen konnte sich eine Ackerbürgerschaft erst gar nicht bilden; gut möglich war lediglich Vieh-, besonders Schafzucht. Die Nahrungsmittelversorgung der Burgbewohner gewährleisteten herrschaftliche Höfe auf der Hochfläche, namentlich der Burghof.

Die Einwohner, für die der Begriff »Burger« gebräuchlich war, dürften aus der umwohnenden Bevölkerung durch das Angebot der Befreiung vom Hörigenstatus gewonnen worden sein. Ob die für die Grafen angesichts der Bevölkerungsverluste im 14. und 15. Jahrhundert ausgestellten Nichtabzugsverpflichtungsurkunden, darunter eine einer auswärts verheirateten Tochter eines ›freien Bürgers‹ von M. aus dem Jahr 1461, auch Einwohner dort betrafen, ist nicht erweislich. Da das Feuerbuch von 1563 M. selbst wegen der Überlassung an Graf Hans Heinrich von Leiningen nicht mit erfasste, sind erst spätere Angaben zur Zahl der Haushalte bzw. Einwohner möglich. 1663 wurden 51 Haushaltsvorstände gezählt, und im 18. Jahrhundert waren es selten mehr als 100 Haushalte bei einer Bevölkerungszahl zwischen 500 und 600.

Gemeindliche Verwaltungsstrukturen lassen sich für die meist nur als Tal bezeichnete Siedlung zunächst nur spärlich erkennen. Ein Schöffe ist erstmals 1323 genannt, zwei sind 1458 belegt, wiederum 1486 zusammen mit dem Schultheiß; mithin ist mit einem siegelführenden Schöffengericht, das auch die Funktion eines Rats wahrnahm, im 14. Jahrhundert zu rechnen. Die kurtrierische Amtsbeschreibung von 1783/90, die auch ältere Zustände abbildet, gibt sieben Schöffen an, von denen aber nur vier in M. selbst wohnten, dazu vier Ratsherren, alle vom jeweiligen Amtmann zu ernennen; in jährlichem Wechsel hatte je einer von diesen acht mit Unterstützung der übrigen sieben das Bürgermeisteramt zu versehen. Eine enge landesherrliche Kontrolle dürfte auch schon vor 1545 bestanden haben. Von Konflikten der Kommune mit den Grafen ist jedenfalls nichts bekannt, ebenso wenig davon, dass etwa Burgmannen dem Rat angehört hätten. Auch der auf der Burg tätige Kellner amtierte wohl ohne dass er sich mit der Stadt ins Benehmen setzte; die Kellnerei, deren Geld- und Fruchtrechnungen für die Zeit von 1439 bis 1513 erhalten sind, wurde nach 1689 mit der in Mayen vereinigt. Abgesehen von den in M. bepfründeten Geistlichen, die bei gfl.en Rechtsgeschäften Gewähr leisteten, ist lediglich ein 1483 erwähnter in M. ansässiger ksl.er Notar als Beleg für eine zeitgemäße Verwaltungskultur zu nennen.

Der seit 1306 bestehende Wochenmarkt dürfte keinen großen Einzugsbereich gehabt haben. Zur Behebung der 1632 an der Ummauerung durch schwedische Truppen verursachten Schäden gewährte die kurtrierische Landesherrschaft dem städgen 1642 drei Jahrmarkttage, namentlich auch für Viehhandel, ferner 1659 die Verwendung der Akzise für diesen Zweck. Haupterwerbszweig dürfte inzwischen das sich die Schafzucht zunutze machende Textilgewerbe (1783 43 Betriebe) geworden sein, hinzu kamen etwas Lohgerberei und drei Mühlen, darunter eine Walkmühle, dazu die üblichen für die Versorgung erforderlichen Handwerksbetriebe. Die Entstehung der im 18. Jahrhundert blühenden Wollspinnerei und -weberei dürfte auf eine aus Südfrankreich stammende und auf ihrem Vertreibungsweg hier ›hängengebliebene‹ Hugenottenfamilie zurückgehen. Die 1699 vom Trierer Kurfürsten Johann Hugo von Orsbeck erlassene Ordnung für die Wollweberzunft ersetzte jedenfalls eine bereits bestehende.

(3) Die 1285 erstmals genannte und von der Herrschaft zu besetzende Pfarrei müsste an der Hl.-Kreuz-Kirche, gelegen links der Elz unterhalb der Burg und mit dieser durch einen eigenen Kirchweg verbunden, bestanden haben. Dank ihrer reichen Ausstattung mit Pfründen wurde sie auch als semi-collegiata bezeichnet, konnte mithin als ›Halb-Stift‹ gelten; offenbar waren die für den Residenzort einer Grafschaft üblichen Bemühungen um Errichtung eines Stifts steckengeblieben. Neben dem für das zweite Patrozinium Maria Magdalena gab es drei weitere Benefizien St. Sylvester, St. Antonius und St. Laurentius, die 1731 dem ebf.en Seminar in Koblenz einverleibt wurden. Die Pfarrkirche bezog Renten aus Dörfern der Grafschaft Der außerhalb der Ummauerung talabwärts auf dem Friedhof errichtete und St. Georg geweihte Kirchenbau, den man schon als die erste, kurz nach 1200 errichtete Pfarrkirche ansehen wollte, ist jedenfalls ranghöher einzuschätzen als eine bloße Friedhofskapelle; bis 1807 wurde dort von Ostern bis Michaelis sonntäglich eine Messe gelesen. Der erhaltene Chor von St. Georg wurde nach 1450 errichtet, also etwa zur gleichen Zeit wie der Neubau der Pfarrkirche nebst deren Hl.-Kreuzkapelle. Wappen und ein kostbares Sakramentshäuschen zeugen von der Großzügigkeit der gfl.en Landesherrschaft. Wie lange die Bruderschaft der unbefleckten Empfängnis schon bestanden hatte, als sie 1699 in die Wollweberzunft integriert bezeichnet wurde, muss offenbleiben.

Juden scheinen sich nur wenige angesiedelt zu haben; nur einmal sind im Jahr 1343 nicht namentlich Genannte zu M. als Gläubiger nachweisbar.

(4) Außer den Burgen gab es offenbar keine herrschaftlichen Bauten. Die kommunalen beschränkten sich auf Rathaus, Schule und Backhaus, an kirchlichen gab es neben dem Pfarrhaus ein Zehnthaus. Das sog. Löwendenkmal, eine Herrschaft symbolisierende qualitätvolle spätgotische Bildhauerarbeit, ist offenbar von der Burg zu einem unbekannten Zeitpunkt auf die Elzbrücke umgesetzt worden, so dass es, seines Wappenschmucks verlustig, seine öffentliche Wirkung allenfalls spät entfalten konnte.

(5-6) M. darf als Beispiel einer unter einer gfl.en Residenzburg als Tal auf unzureichender Siedlungsfläche gegründeten und zögerlich zum Zentralort ausgebauten Stadt gelten, die über eine Kümmerform auch dann nicht hinaus gediehen wäre, wenn die Grafen von Virneburg nicht 1545 ausgestorben wären. Dieser Minderstatus gilt sowohl für den Grad der kommunalen Selbständigkeit als auch für die ökonomische Wirkung auf die Umgebung. Auch der Ausbau zum weltlichen und kirchlichen Verwaltungsmittelpunkt der Grafschaft wurde offenbar nicht konsequent betrieben und wäre wohl wegen der topographischen Unzulänglichkeit auch nicht gelungen. Indessen lässt sich angesichts der Entflechtungen nach der Zergliederung der Grafschaft 1554 anschaulich nachvollziehen, in welcher Weise deren ländliche Bevölkerungs- und Wirtschaftsstruktur zur Entstehung einer solchen Residenzstadt auf der unteren landesherrschaftlichen Ebene in Anspruch genommen worden war.

(7) Die Archivalien aus der Virneburger Zeit sind über Inventare erschlossen: Inventar des herzoglich arenbergischen Archivs in Edingen/Enghien (Belgien), Teil 1: Akten und Amtsbücher der deutschen Besitzungen, bearb. von Peter Brommer, Wolf-Rüdiger Schleidgen und Theresia Zimmer, Koblenz 1984 (Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, 36). - Die Urkunden der deutschen Besitzungen bis 1600, bearb. von Christian Renger (†), zum Druck gebracht von Johannes Mötsch, Koblenz 1997 (Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, 75). - Löwenstein-Wertheim-Freudenbergsches Archiv Grafschaft Virneburg. Inventar des Bestands F US 6 im Staatsarchiv Wertheim, Urkundenregesten 1222-1791, bearb. von Irmtraut Eder-Stein, Rüdiger Lenz und Volker Rödel, Stuttgart 1999. - Desgl. des Bestands F 103, Akten und Rechnungen 1192-1819 (1832), bearb. von Martina Heine und Rüdiger Lenz, Stuttgart 2000 (Veröffentlichungen der Staatlichen Archivverwaltung Baden-Württemberg, 51/1 und 51/2). - Brommer, Peter: Die Ämter Kurtriers. Grundherrschaft, Gerichtsbarkeit, Steuerwesen und Einwohner. Edition des sogenannten Feuerbuchs von 1563, Mainz 2003 (Quellen und Abhandlungen zur Mittelrheinischen Kirchengeschichte, 106), S. 195-224. - Brommer, Peter: Kurtrier am Ende des Alten Reichs. Edition und Kommentierung der kurtrierischen Amtsbeschreibungen von (1772) 1783 bis ca. 1790, Mainz 2008 (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte, 124/1).

(8) - Schuler, Wolfgang: Monreal in der Eifel, Neuss 1982 (Rheinische Kunststätten, 259). - Grossmann, G. Ulrich u.a.: Monreal in der Eifel. Historische Quellen, Baugeschichte und Denkmalpflege, Marburg 2001 (Berichte zur Haus- und Bauforschung, 7), darin: Huiskes, Manfred, Kerber, Dieter, Lenz, Rüdiger: Monreal in der Eifel. Forschungsstand aus historischer Sicht, S. 19-29; Die Zunftordnung der Monrealer Wollweber, S. 31-35; Freckmann, Klaus: Monreal - vom Handwerkerdorf zum Erholungsort (mit Plänen und einer Ansicht von 1807), S. 37-52. - Escher, Monika, Hirschmann, Frank G.: Die urbanen Zentren des hohen und späten Mittelalters. Vergleichende Untersuchungen zu Städten und Städtelandschaften im Westen des Reiches und in Ostfrankreich, Bd. 2 Ortsartikel, Trier 2005 (Trierer Historische Forschungen, 50/2), S. 425f. - Schmidt, Achim H.: Bauliche Reste vom Machtstreben der Grafen von Virneburg in Monreal/Eifel, in: »vmbringt mit starcken turnen, murn«. Ortsbefestigungen im Mittelalter, Frankfurt a.M. 2010 (Beihefte zur Medaevistik, 15), S. 291-310. - Rödel, Volker: Art. »C. Monreal«, in: Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Grafen und Herren, hg. von Werner Paravicini, Teilbd. 2: Residenzen, Ostfildern 2012 (Residenzenforschung, 15, 4, 2), S. 1581-1583.

Volker Rödel