Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Dierdorf

Dierdorf

(1) D., etwas über 20 km nordöstlich Neuwieds im Rheinischen Westerwald in der »D.er Senke« am Oberlauf des Holzbaches gelegen, einem Zufluss zur Wied, gehörte im Frühmittelalter zum Engersgau, aus dem im Hochmittelalter ein Reichsgutkomplex entstand, welcher im 12. Jahrhundert aufgelöst wurde. Die Herrschaftsrechte in diesem Raum, insbesondere im Neuwieder Becken, gingen an drei Dynastenfamilien über, die Grafen von Sayn, die von Isenburg und die von Wied. Der erstmals 1204 in Schriftquellen erscheinende Kirchspielsort D. gehörte zum Besitz der Grafen von Wied. Die Wieder Grafen starben 1244 in männlicher Linie aus, es erbten die Herren von Eppstein und die Herren von Braunsberg, eine isenburgischen Nebenlinie (D. fiel an letztere).

Unter Wilhelm von Braunsberg (1324-1383), Grafen von Wied, Herrn zu Isenburg und Braunsberg, konnten die wiedischen Besitzungen wieder in einer Hand vereinigt werden. Mit ihm begann das zweite Haus der Grafen von Wied, das bis 1462 bestand. Es erbten anschließend die Dynasten von Runkel, die das dritte wiedische Gf.enhaus begründeten (Vorfahren des noch existierenden Fürstlichen Hauses Wied), doch erst 1505 konnte Graf Johann III. von Wied (1487-1533) erneut alle wiedischen, Isenburger und Runkeler Besitzungen in einer Hand vereinigen.

Nach mehreren Erbteilungen im 16. Jahrhundert kam D. zur 1595 (und 1613 im Wiedischen Stammverein bestätigten) geschaffenen Obergft. Wied (entstanden zugleich mit der Niedergft. Wied mit dem Herrschaftsmittelpunkt Altwied [ab 1653 die Stadt Neuwied]). Die aus zwei getrennten Teilen bestehende Obergft. Wied kannte zwei Herrschaftsmittelpunkte: Neben Runkel für die Gebiete an der Lahn war dies D. für die Gebiete im Vorderen Westerwald; Regierungssitz der Obergft. war (bis auf eine Unterbrechung 1669-1674) Runkel. 1762 wurde der Geheime Rat nach D. verlagert, Konsistorium, Rentkammer und Archiv verblieben in Runkel. 1767 gab es in D. noch ein Forstamt, das Polizeykolleg sowie das Bergamt. 1791 wurde die Linie Wied-Runkel, eines der kleinsten Territorien des Alten Reichs, in den Reichsfürstenstand erhoben.

(2) D. wird 1204 als Mittelpunkt eines eigenen Kirchspiels erwähnt, dürfte also älter sein. Zum Schutz ihres Besitzes errichteten die Herren von Isenburg-Braunsberg in D. vor 1324 eine Burg, die sie 1327 dem Erzstift Trier zu Lehen auftrugen. 1344 bis 1355 und 1456 bis 1471 befanden sich Ort und Burg D. samt dem 1471 erstmals explizit erwähnten Amt in kurtrierischem Pfandbesitz. Während der ersten Verpfändung wird D. 1346 in dem von Kaiser Ludwig »dem Bayern« für den Trierer Erzbischof Balduin von Luxemburg ausgestellten Sammelprivileg unter den Stadtrechtsorten aufgeführt. Nach dem Tod Erzbischof Balduins 1354 und der Auslösung D.s aus der Pfandschaft erwirkte Graf Wilhelm von Wied von Kaiser Karl IV. 1357 Stadtrechte mehrere Orte, u.a. auch für D. Genutzt wurde dieses Privileg nur für Engers und D., doch vollzog sich die urbane Entwicklung in der Folgezeit nur im bescheidenen Rahmen. In der schriftlichen Überlieferung wurde D. noch 1544 als Dorf und von 1596 bis 1666 als Flecken bezeichnet. Erst 1788 ist erstmals ausdrücklich von der »Stadt D.« die Rede.

Ein gfl.er Schultheiß ist für D. erstmals 1381 nachweisbar. Er stand gemeinsam mit den Schöffen dem Stadtgericht vor. Das Kirchspiel D. gehörte zunächst zum Hochgerichtsbezirk Urbach, bildete jedoch seit der Erhebung zur Stadt 1346 einen eigenständigen Hochgerichtsbezirk. Die Gerichtsbarkeit oblag dem gfl.en Amtmann zu D. Nach den Vorschlägen der Bürgerschaft wurde alle zwei Jahre von den Grafen von Wied ein Bürgermeister ernannt, dem vier Geschworene (Ratsschöffen) zur Seite standen.

1590 lassen sich 45 Haushaltungen nachweisen, was auf etwas über 200 Einwohner schließen lässt. Nach dem Dreißigjährigen Krieg und einer Pestwelle 1666 stieg die Zahl der Haushalte bis 1684 auf 71, 1719 auf 149 Haushalte (knapp 700 Einwohner ergebend).

1344 findet ein Jakobusmarkt Erwähnung, für 1684 ist daneben der Johannesmarkt belegt. Informationen zu Zünften - Hammer-, Bau- und Schreinerzunft - liegen erst für das 18. Jahrhundert vor. Unter Graf Johann Ludwig Adolf von Wied-Runkel (1706-1782) gab es 1751-1759 in D. eine Münzstätte (das Prägen wurde vom niederrheinisch-westfälischen Kreisdirektorium untersagt). Die Bürger waren zu Wachtdiensten auf der Stadtbefestigung verpflichtet. Im 18. Jahrhundert unterhielten die Grafen bzw. Fürsten von Wied-Runkel eigenes Militär (eine Kompanie in Runkel, die andere in D.).

(3) Die 1204 erwähnte Pfarrkirche, deren älteste Teile in das frühe 13. Jahrhundert zu datieren sind, lag außerhalb der Befestigung. Der spätmittelalterliche Bau wurde 1903/04 unter Verwendung von Baumaterial des niedergelegten D.er Schlosses durch einen romanisierenden Neubau ersetzt, lediglich der alte Turm blieb erhalten. Als Grablege des Hauses Wied-Runkel diente die Kirche ab 1732 (Grabstätten im 19. Jahrhundert in das 1820/21 errichtete Mausoleum überführt).

Unter dem Schutz des Wetterauer-Grafenvereins, dem sich die G.fen von Wied-Runkel wie auch andere Herrscher des Westerwaldgebietes angeschlossen hatten, führte Graf Johann IV. (1534-1581) 1556 die Reformation ein, hierin bestärkt durch seinen Onkel, den 1546 abgesetzten Kölner Erzbischof Hermann von Wied. Unklar ist, ab wann es eine Annäherung an den Calvinismus gab, 1586 nahmen jedenfalls an der Synode im nassauischen Herborn wiedische Theologen teil. Spätestens 1629 existierte in D. wieder eine kleine katholische Gemeinde, für die der Erzbischof von Trier einen Pfarrer bestellte. Genutzt werden durfte gemäß eines 1630 zwischen Kurtrier und Wied-Runkel geschlossenen Vertrages die evangelische Kirche, ein Recht, das später entzogen wurde. 1750 durften Katholiken ihre Gottesdienste in einem Privathaus abhalten, kurz darauf, 1755, wurde der Bau einer Kirche und eines Kapuzinerklosters gestattet (die Grafen bzw. Fürsten von Wied-Runkel waren anders als die der Linie Wied-Neuwied in Religionsfragen toleranter). Wegen zeitweiliger Einstellung der Baumaßnahmen wurde die Kirche erst 1803 fertig.

Höchstwahrscheinlich verfügte die 1324 erstmals genannte Burg der Herren von Braunsberg über eine Kapelle. 1624 verfügte Graf Hermann II. testamentarisch, dass zum Neubau der D.er Schlosskapelle 600 Gulden bereitgestellt werden sollten.

1683 gab es in D. eine jüdische Familie, 1718 fünf; sie waren schutzgeldpflichtig.

(4) Von dem aus der 1324 genannten Wasserburg hervorgegangenen Schloss ist lediglich die im Schlossteich gelegene rechteckige Insel noch erkennbar, auf der sich die Gebäude der Hauptburg befunden haben. Vermutlich war die in südwestlicher Stadtrandlage errichtete spätmittelalterliche Burg mit der wohl nicht vor Mitte des 14. Jahrhunderts datierenden Ortsbefestigung verbunden. Etwa zur gleichen Zeit wie in Runkel wurden ab 1701 auch in D. mit Bauarbeiten begonnen, um die durch Brand zerstörte Vorgängeranlage durch einen barocken Neubau zu ersetzen. Die geplante Vierflügelanlage blieb Torso, vollendet wurde lediglich der zum Flecken hin orientierte dreigeschossige Flügel sowie die beiden Ansätze der sich rechtwinklig anschließenden Seitentrakte. Ab 1892 wurde der Bau durch Wegnahme des Dachs gezielt dem Verfall preisgegeben, 1902 gänzlich abgebrochen. Die Bauten der Hofhaltung verschwanden ebenfalls an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert Von den repräsentativen bürgerlichen Wohnbauten im Umfeld des Residenzschlosses hat sich lediglich das klassizistische Haus Rotheyni erhalten. Zum Schloss gehörte ein jenseits des Holzbachs gelegener größerer Lustgarten.

Nördlich und östlich bildete der Holzbach, der den Burg- bzw. Schlossgraben speiste, die Grenze des Ortes, im Südwesten stieß er an das Burg-/Schlossareal mit den dazugehörigen Wirtschaftsbauten (Gemüsegarten, Reitbahn, Brunnen- und Pferdeschwemme, Marstall, neue Chaussee und Promenaden-Platz). Die bürgerliche Siedlung wies einen trapezförmigen Grundriss auf. Außerhalb der Ummauerung lag im Nordosten die Pfarrkirche mit dem ovalen Kirchhof, um den es eine kleine Siedlung gab, die mit dem so genannten »Vorflecken« identisch sein dürfte, der vermutlich 1611 in die Befestigung einbezogen wurde. Durch die Erweiterung des spätmittelalterlichen Siedlungskerns wurde das alte Ober- nun zum Mitteltor (Uhrturm) und an der Straße nach Koblenz entstand das neue Obertor. Den zweiten Zugang bildete das im Südwesten an der Straße nach Neuwied gelegene Untertor. An der Westseite gab es noch das so genannte Ludwigstor. Erhalten blieben lediglich der Turm des Mitteltores (Uhrturm) sowie ein Rundturm (Eulenturm). An der Stelle, wo die Fleckensiedlung an das Schlossareal anschloss, befand sich ein Marktplatz, an dessen südlicher Stirnseite zu unbekannter Zeit das Rathaus errichtet wurde.

Zum Umfeld der Residenz gehörte der im Tal des Wienauer Baches gelegene Lustgarten »Mon Plaisir«, der mit dem Lustgarten hinter dem Schloss durch eine Lindenallee verbunden war.

Eine Rekonstruktion des durch Brände 1872 und 1881 teilweise zerstörten Ortsbildes erlaubt ein 1779 im Hochgräflich Wied-Runkel und Kriechingischen Staats- und Hauskalender veröffentlichter Kupferstich von P.H. Donnhäuser nach einer Zeichnung des Baumeisters J.G. Zeyher.

(5) Gewisse überörtliche Bedeutung besaß D. bereits zu Beginn des 13. Jahrhunderts als Kirchspielsort, sodann als Mittelpunkt des grundherrlichen Besitzes der Herren von Braunsberg. Als Gerichtsort der isenburg-braunsbergischen Grundherrschaft ist D. seit 1344 belegt. Als Herrschaftszentrum erlangte D. erst Ende des 16. Jahrhunderts im Kontext der Teilung des wiedischen Territoriums in eine Ober- und eine Niedergft. an Bedeutung. Eine Teilnahme D.s an landständischen Versammlungen, an Städtebündnissen sowie eine Einbindung in Fernhandelsstrukturen ist nicht bekannt.

(6) Die Entwicklung des Kirchspielorts D. verlief trotz der Verleihung eines Stadtrechts in bescheidenen Bahnen, der mit einer Befestigungsanlage umgebene Ort wurde bis ins 18. Jahrhundert hinein als Flecken bezeichnet. Auch nach der endgültigen Teilung des wiedischen Territoriums in eine Nieder- und eine Obergft. stagnierte die urbane Entwicklung D.s, auch wenn es Verwaltungsmittelpunkt der Grafen von Wied-Runkel im Vorderen Westerwald war, der neben dem an der Lahn gelegenen Ort Runkel zu einer Zweit- oder Nebenresidenz des Hauses Wied-Runkel avancierte. Erst mit der Verlegung von Teilen der Zentralverwaltung 1762 erfuhr D. offenbar einen bescheidenen Aufschwung. Über die Verflechtung von Gemeinde und Hof ist so gut wie nichts bekannt.

(7) Archivalien befinden sich im Fürstlich wiedischen Archiv auf Schloss Neuwied. Weitere Teile der Überlieferung gibt es im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden und im Staatsarchiv Marburg, daneben im rheinland-pfälzischen Landeshauptarchiv Koblenz. Die Überlieferung zu der vormals Wied-Runkelschen Reichsgrafschaft Kriechingen wurde 1907 und 1911 nach Metz abgegeben und befindet sich heute im Archiv des französischen Departements Moselle in Metz. Um dieselbe Zeit erfolgte die Abgabe von Akten und Urkunden aus dem Fürstlich Wiedischen Archiv Neuwied an die damaligen preußischen Staatsarchive in Wiesbaden und Koblenz. Als Findmittel zu nennen ist: Fürstlich Wiedisches Archiv zu Neuwied. Urkundenregesten und Akteninventar, hg. von der Fürstlich Wiedische Rentkammer zu Neuwied, Neuwied 1911.

(8)Reck, Johann Stephan: Geschichte der gräflichen und fürstlichen Häuser Isenburg, Runkel, Wied, Weimar 1825. - Gross, Wilhelm: Aus alter Zeit. Chronik von Dierdorf der ehemaligen Residenz der Grafen und Fürsten von Wied-Runkel, Neuwied 1900. - Schaus, Emil: Stadtrechtsorte und Flecken im Regierungsbezirk Koblenz. Teil I: Die Kreise Ahrweiler, Altenkirchen und Neuwied, in: Rheinische Heimatpflege. Zeitschrift für Museumswesen, Denkmalpflege, Archivberatung, Volkstum, Natur- und Landschaftsschutz 7 (1935), S. 484-498. - Die Kunstdenkmäler des Kreises Neuwied, bearb. von Heirich Neu und Hans Weigert, Düsseldorf 1940 (Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz 16, II), S. 83-97. - Gensicke, Hellmuth: Landesgeschichte des Westerwaldes (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau, 13), Wiesbaden 1958, S. 181-184 und S. 250-262. - Weller, August: Hexenprozesse in der Grafschaft Dierdorf von 1629 bis 1653, in: Jahrbuch für Geschichte und Kunst des Mittelrheins und seiner Nachbargebiete 14 (1962) S. 34-47. - Art. »Dierdorf«, in: Keyser, Erich (Hg.): Städtebuch Rheinland-Pfalz und Saarland (Deutsches Städtebuch. Handbuch städtischer Geschichte, Bd. IV.3), Stuttgart 1964, S. 126-128. - Schneider, Konrad: Das Münzwesen der Grafschaft Wied-Neuwied und Wied-Runkel, Frankfurt a.M. 1975. - Schneider, Konrad: Die Entschädigungspolitik Wied-Runkels auf dem Regensburger Kongress von 1802/03, in: Nassauische Annalen 89 (1978) S. 41-48. - Mötsch, Johannes: Die Rechnung des Pastors zu Dierdorf für Erzbischof Balduin von Trier aus dem Jahre 1346 bis 1351, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 23 (1997) S. 105-138. - Festschrift der Evangelischen Kirchengemeinde Dierdorf aus Anlass des 100jährigen Kirchenjubiläums und des 800jährigen Jubiläums der urkundlichen Ersterwähnung der Pfarrei Dyrdorph, hg. von der Evangelischen Kirchengemeinde Dierdorf, Dierdorf 2004. - Krüger, Hans-Jürgen: Das Fürstliche Haus Wied, Grafen zu Isenburg, Herren zu Runkel und Neuwied, Werl 2005. - Dierdorf - ziemlich vorn im Westerwald. 650 Jahre Stadt Dierdorf, hg. von der Stadt Dierdorf, Dierdorf 2007. - Friedhoff, Jens: Burg, Territorium und Stadt am Mittelrhein - Ein Überblick, in: Stadt und Burg am Mittelrhein (1000-1600), hrsg. von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (GDKE) in Zusammenarbeit mit dem Landeshauptarchiv Koblenz und dem Historischen Museum am Strom (Bingen), Regensburg 2008, S. 181-199. - Schlüter, Roland: Calvinismus am Mittelrhein. Reformierte Kirchenzucht in der Grafschaft Wied-Neuwied 1648-1806, Köln/Weimar/Wien 2010 (Rechtsgeschichtliche Schriften, 26). - Eiler, Klaus: Herrschaften an der Lahn, in: Ritter, Grafen und Fürsten - weltliche Herrschaften im hessischen Raum ca. 900-1806, hg. von Winfried Speitkamp, Marburg 2014 (Handbuch der hessischen Geschichte, 3), S. 103-127, hier insbesondere S. 114-118.

Jens Friedhoff