(1) Offizielles Gründungsdatum der Stadt N. ist der 26. August 1653. An diesem Tag verlieh Kaiser Ferdinand III. die Stadtrechte für »Newen Wiedt«. Dabei handelte es sich um die Übertragung eines bereits 1357 für den Ort Nordhofen zugestandenen, aber nie eingelösten Stadtrechts. Friedrich III. Graf zu Wied ließ seine neue Residenz nah am Rhein bauen. Überreste vom Weiler Langendorf wurden in die neu gegründete Stadt mit aufgenommen. Im ehemaligen Langendorf endeten mehrere Straßen, darunter die alte Rheinstraße von Dierdorf sowie Wege u.a. von den heutigen Stadtteilen Oberbieber und Niederbieber kommend. Durch die Lage am rechtsseitigen Ufer des Rheins an der Mündung der Wied war N. für die Flussschifffahrt günstig zu erreichen. Nachteilig war, dass die tiefer gelegenen Straßen ein häufiges Opfer von Überschwemmungen und Eisgang waren.
Neben wirtschaftlichen Überlegungen war die Sicherung des schmalen Zugangs der Grafschaft Wied zum Rhein ein weiterer wichtiger Aspekt für die Gründung der Residenzstadt an dieser Stelle. Rasch siedelten sich neben dem Schloss gräfliche Amtsträger an und schon nach kurzer Zeit befand sich die gesamte wiedische Regierung in N. Die Geschichte N.s als Residenzstadt endete 1806, als der Fürst von Wied-N. sich weigerte, dem napoleonischen Rheinbund beizutreten. Die Stadt N. und große Teile des Fsm.s wurden daraufhin dem Herzogtum Nassau zugeschlagen.
(2)Das Schloss N., in seiner ersten schlichteren Form ab 1648 auch »Haus N.« genannt, war der Ausgangspunkt für die Entwicklung der Planstadt. Die Straßen wurden in Form eines gitterartigen Grundrisses angelegt. Die ersten Häuser wurden von Amtsträgern des Grafen erbaut. 1680 zählte N. 52 Häuser, 1700 bereits rund 200. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde die Stadt planmäßig erweitert. Hierzu wurden 1740 auch sogenannte »Lotterie-Häuser« entworfen, deren Bau durch den Landesherrn großzügig unterstützt wurde. Auch durch den Zuzug von Herrnhuter Glaubensflüchtlingen konnte bis 1772 das erste und bis 1780 das zweite »Herrnhuter Karree« mit zahlreichen Wohnhäusern, Versammlungshaus, Witwenhaus, Brüder- und Schwesternhaus, Schule usw. entstehen. Im Jahr 1771 zählte N. 393 Wohnhäuser mit 752 Familien. Im Jahr 1790 lebten ca. 5000 Einwohner in der Stadt. In den Revolutionsjahren verringerte sich die Zahl bis 1811 auf unter 4000.
In dem 1662 erlassenen Stadtprivileg wurde N. eine gewisse Selbstverwaltung zugestanden. Nachweislich seit mindestens 1680 wurde ein Stadtrat gewählt, welcher sich »Magistrat« nannte. Die Mitglieder mussten vom Landesherren bestätigt werden. Aus der Mitte des Magistrats wurde ein Bürgermeister gewählt. Daneben bestand noch ein sogenannter »Achterrat«, in welchem vor allem die Zunftmeister Platz fanden. Die landesherrliche Obrigkeit bestellte einen Schultheißen, der mit reichlich Macht- und Rechtsbefugnissen ausgestattet wurde, um die Interessen der Landesherren in der Stadt zu vertreten.
Noch für lange Zeit nach seiner Gründung blieb N. landwirtschaftlich geprägt. Zwar wurden im Stadtgebiet die Bauernhöfe immer weniger, aber um 1780 herum wurden immer noch über 200 Gebäude (von insgesamt 418 Häusern) landwirtschaftlich genutzt. Viele Bürger gingen einem Handwerk nach, wie aus einer Liste von 1730 deutlich wird, in der 39 verschiedene Handwerke aufgezählt werden. Während der Regentschaft Fürst Johann Friedrich Alexanders zu Wied-N. (reg. 1737-1791) wurden vermehrt Manufaktur- und Fabrikbetriebe in der Stadt angesiedelt, darunter eine Eisenfabrik, Porzellanfabrik, Blechfabrik sowie eine Baumwollspinnerei. In der Gemeinde der Herrnhuter entstand neben weiteren Betrieben die Möbelmanufaktur der Familie Roentgen, deren Möbel kostbar und begehrt waren und an viele Höfe in Europa exportiert wurden. In der Stadt wurde wöchentlich ein Markt abgehalten (»Simon Judae« genannt).
Die Einnahmen N.s bestanden hauptsächlich aus der Einziehung von Verbrauchssteuern, der Akzise, sowie aus Strafgeldern. Die Hälfte der Einnahmen mussten an den Landesherren abgetreten werden. Die Stadt durfte eine Wegesteuer zur Erhaltung ihrer Straßen einziehen, eventuelle Überschüsse aus dieser mussten wiederum mit dem Landesherrn geteilt werden. Herrschaftliche Amtsträger genossen weitgehende Steuerprivilegien. Reichsweite Steuern trugen Stadt und Landesherr gleichermaßen.
(3) Die Grafschaft Wied war seit Ende des 16. Jahrhunderts evangelisch-reformiert geprägt und so entstand in N. als erstes eine Pfarrei dieser Konfession. Das 1662 erlassene Privileg gestand jedoch jedem N.er Bürger die freie Religionswahl und eine im privaten Bereich erlaubte Glaubensausübung zu. Neben den Reformierten entstand daher recht schnell eine größere Gemeinde lutherischer Bürger, so dass nach der Fertigstellung einer reformierten Kirche 1671, bereits 1687 eine lutherische Kirche eingeweiht werden konnte. Die katholische Gemeinde weihte 1705 ihre Kirche. Durch Zuzug eines katholischen Priesters aus der Abtei Rommersdorf ein Jahr zuvor, war bereits eine eigene Pfarrei gegründet worden. Gegenüber dem reformiert geprägten gfl.en Konsistorium mussten die evangelisch-lutherischen und katholischen Pfarreien ihre Rechte und Forderungen immer wieder mit Nachdruck einfordern und durchsetzen.
Die in N. an den Tag gelegte tolerante Religionspolitik der Grafen zu Wied zog mit der Zeit weitere Religionsgruppen an, welche in anderen Gebieten des Reiches oft verfolgt wurden. Zumeist handelte es sich dabei um Mennoniten, Herrnhuter und Inspirierte, aber auch kleinere evangelikale Religionsgemeinschaften waren darunter. Sie durften in N. eigene Gemeinden begründen und Betsäle erbauen. Insbesondere die Herrnhuter, welche sich ab 1750 zahlreich in N. ansiedelten, erbauten ein eigenes Stadtviertel und bereicherten das Wirtschaftsleben.
Die ersten Juden siedelten sich in den 1660er Jahren an, 1734 waren 19 jüdische Familien in N. ansässig. 1740 schlossen sich die N.er Juden mit den jüdischen Einwohnern des benachbarten Heddesdorf zu einer Gemeinde zusammen, 1744 durch gräfliche Anerkennung bestätigt. Nach der förmlichen Anerkennung der jüdischen Kultusgemeinde konnte mit dem Bau einer Synagoge im Bereich der Engerser Straße begonnen werden, er wurde von Graf Alexander mit Geld- und Sachspenden unterstützt. 1748 wurde die Synagoge eingeweiht. Am Ende des 18. Jahrhunderts gab es 34 jüdische Familien.
(4) Erster Ausgangspunkt der baulichen Entwicklung der Stadt war das nordwestlich der Siedlung gelegene Schloss, welches in seiner 1707-1712 erbauten Form noch heute besteht. Das Schloss diente nicht nur den Grafen (ab 1785 Fs.en) als Wohn- und Residenzsitz, auch waren in den Gebäuden große Teile der landesherrlichen Verwaltung untergebracht. In den ersten Jahrzehnten entstanden abseits einer reformierten, lutherischen und katholischen Kirche keine größeren repräsentativen Bauten. Bei dem 1699 errichteten Rathaus handelte es sich um einen schlichten Bau, der sich kaum von den Bürgerhäusern abhob.
Die weiteren baulichen Entwicklungen im 18. Jahrhundert entstanden in einer Art rechteckigen Straßenform, welche auch heute noch im Stadtplan zu erkennen ist. Als zentraler Platz für Märkte diente der im Jahr 1739 vollends ausgebaute Platz neben der reformierten Kirche.
Ein Stich von 1784 zeigt die Stadt mit dem im Hintergrund liegenden Rhein.
(5) Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde die Stadt als neue Residenz und »Hauptstadt« erbaut. Der Landesherr legte ein großes Interesse am Wohlstand und Wachsen der Stadt an den Tag und förderte dieses durch Erteilung von Privilegien. Der Standort der neuen Stadt war räumlich eng begrenzt, viele der Felder und Gemarkungen um die Stadt herum gehörten zum Ort Heddesdorf, was vor allem im 19. Jahrhundert zu einem Problem bei der weiteren Ausdehnung der Stadt wurde. Bestimmten der Landesherr und seine Verwaltung in den ersten Jahrzehnten nahezu allein sämtliche Geschicke der Stadt, kam es durch die wachsende kommunale Selbstverwaltung ab 1680 vermehrt zu Unstimmigkeiten. Nachdem diese Anfang des 18. Jahrhunderts an Intensität zunahmen, strengte die Stadt einen Prozess vor dem Reichskammergericht in Wetzlar an. Nach Vermittlung des Gerichts kam es 1721 zur »Punctatio Wetzlariana«, welche alle wesentlichen Bereiche der Verwaltung, der Bürgerrechte, des Steuerwesens, der Gerichtsbarkeit, des Markt- und Zunftwesens und anderes, regelte. Hierdurch war das weitere Fundament für die Zuständigkeiten zwischen landesherrlicher Verwaltung und der Stadt gelegt. Insbesondere unter Graf Friedrich Wilhelm sowie seinem Sohn und Nachfolger Friedrich Alexander erlebte N. bis zum Beginn der Koalitionskriege eine Blütezeit.
(6) Als gegründete Stadt gehört N. zu den Städten, bei denen eine Stadtrechtsverleihung nicht das Ergebnis einer langen Siedlungshistorie ist, sondern direkt am Anfang steht. Als neue Hauptstadt des Gf.enhauses zu Wied-N. fiel der Stadt gegenüber anderen, deutlich älteren Ortschaften in der unteren Grafschaft Wied, eine besondere Rolle und Förderung zu. Dies zeigte sich bei der Gewährung zahlreicher Privilegien, darunter das Gründungs- und Stadtrechtsprivileg von 1662. In den ersten Jahrzehnten nach ihrer Gründung kämpften die Grafschaft Wied und die Stadt N. mehrfach ums Überleben. Insbesondere die militärischen und wirtschaftlichen Auswirkungen des Pfälzischen Erbfolgekrieges mit Frankreich Ende des 17. Jahrhunderts trafen N. hart. Von Anfang an problematisch und spannungsreich gestalteten sich die Beziehungen zum benachbarten Kurtrier. Durch gezielte Ansiedlung sowie einer klugen und vergleichsweise liberalen Politik im 18. Jahrhundert durch das Wieder Fs.enhaus, entwickelte sich die Stadt zu einem politischen und ökonomischen Mittelzentrum am Rhein zwischen Koblenz und Bonn.
(7) Für die frühe Phase der Stadtentwicklung im 17. und 18. Jahrhundert befinden sich die meisten relevanten Quellen im Fürstlich-Wiedischen Archiv (FWA) im Schloss Neuwied. Zu nennen sind hier insbesondere Akten zum Zensus und Steuerwesen, Rechts- und Religionsangelegenheiten sowie fürstliche Erlasse und Edikte die Stadt Neuwied betreffend. Weitere Unterlagen, z.B. Akten des Kurfürstenstums Trier und der Abtei Rommersdorf, finden sich im Landeshauptarchiv Koblenz (Bestände 1C, 2, 30 und 162).
Das Stadtarchiv Neuwied verwahrt nur wenige Original-Quellen zur Stadtgeschichte vor 1815. Darunter fallen Akten zu mehreren Rhein-Überflutungen, Gewerbe und Handel sowie allgemeine Verordnungen. Für die Zeit der Koalitionskriege sind Unterlagen, insbesondere zu Kriegs- und Besatzungskosten, überliefert.
(8)Meinhard, Albert: 300 Jahre Neuwied 1653-1953, Neuwied 1953. - Meinhard, Albert: Neuwieder Straßen-Wege-Plätze in alter und neuer Zeit, Neuwied 1958. - Ströhm, Wilfried: Die Herrnhuter Brüdergemeinde im städtischen Gefüge von Neuwied. Eine Analyse ihrer sozialökonomischen Entwicklung, Boppard 1988. - Tullius, Wilhelm: Grafen, Fürsten, Prinzen, Prinzessinnen zu Wied: Die wechselvolle Geschichte des wiedischen Grafen- und Fürstenhauses, Neuwied 2002. - Lahr, Reinhard: 350 Jahre Neuwied. Kurzer Exkurs in die Stadtgeschichte, in: Heimatjahrbuch des Landkreises Neuwied, Neuwied 2003, S. 79-81. - Krüger, Hans-Jürgen: Das Fürstliche Haus Wied, Grafen zu Isenburg, Herren zu Runkel und Neuerburg, Koblenz 2005. - Brog, Hildegard: »Ich habe noch keinen hinlänglichen Zensor gefunden«: Die ungewöhnliche Pressefreiheit im Neuwied des 18. Jahrhunderts, Neuwied 2012.