Akademie der Wissenschaften zu Göttingen

Residenzstädte im Alten Reich (1300–1800)

Abt. III: Repräsentationen sozialer und politischer Ordnungen in Residenzstädten

Die dritte Abteilung des Handbuchs dient der exemplarischen Vertiefung und vergleichenden Systematisierung des Projekts aus kulturgeschichtlicher Perspektive. Ziel ist die Analyse von Formen und Praktiken der Repräsentationen sozialer und politischer Ordnungen, wobei sowohl visuelle als auch performative Zeichensysteme in den Blick genommen werden. Berücksichtigt werden alle Formen, Medien und Aspekte der Repräsentation in den Residenzstädten des Alten Reiches: bildkünstlerische Medien, Architektur, städtebauliche Programme und Entwürfe, performative Medien, Sammlungen aller Art sowie die Formen und Praktiken der Feste und des Zeremoniells. Ein wesentliches Anliegen der Forschungsarbeit besteht darin, über den langen Untersuchungszeitraum des Projekts sowohl die wachsende Komplexität und Kanonbildung künstlerisch-kommunikativer Medien als auch die Veränderungen in ihrer Wertigkeit und Hierarchie im Dienste höfischer und städtischer Kommunikation und Repräsentation nachvollziehen und die Anteile ihrer Produzenten bzw. Vermittler (Auftraggeber, Künstler, Eliten) genauer klären zu können. Dem Medienbegriff kommt dabei die Funktion eines Sammelbegriffs zu: Er soll als bewusst quellenfern gewählter Oberbegriff die in der Sprache der zeitgenössischen Quellen nicht unter einem Begriff subsumierbaren Repräsentationen von Kunst und Architektur über Museen, Kunst-  und Naturaliensammlungen bis hin zu den performativen Repräsentationen  – Zeremoniell, Um- und Einzüge, Prozessionen usw. – zusammenfassen.

Im Vordergrund steht  dabei die städtische Perspektive, zu berücksichtigen sind aber ebenso Formen höfischer Repräsentation, soweit sie Fürst, Hof und Herrschaft in der Stadt sichtbar machen. Gerade die Berührungen und Austauschbeziehungen zwischen der Stadt auf der einen, Fürst und Hof auf der anderen Seite sind unter strukturellen wie personellen Aspekten zu beachten. Das besondere Interesse gilt also der Frage nach visuellen und performativen Ausdrucksformen der Polarität, Kooperation und Koexistenz der städtischen und höfischen Sphären in ihrem Verhältnis zueinander wie auch in ihren jeweiligen Binnenstrukturen. Visuell waren diese Sphären im städtischen Raum mittels verbindender oder auch hermetisierender Elemente (z.B. Blickachsen, Straßenzüge, Gebäudepositionierung, Befestigungsanlagen, Lage des Schlosses) in der Regel eng aufeinander bezogen und miteinander verzahnt, was sowohl die im Laufe der Jahrhunderte ‚gewachsenen‘ Residenzstädte als auch die systematisch angelegten Plan-  und Idealstädte (z.B. Ludwigslust, Kassel, Mannheim, Karlsruhe, Rastatt) betrifft. Diese Verzahnung kommt vor allem in der Durchsetzung des Stadtgefüges und der Besetzung des Stadtraums mit höfischen Funktionsbauten (Verwaltungs, Militär-, Memorial- und sonstigen Repräsentationsgebäuden), aber auch den erst in den letzten Jahren stärker beachteten adligen bzw. fürstlichen Stadthöfen zum Ausdruck. Ihre spezifische, oftmals an der höfisch-fortifikatorischen Formensprache des Residenzschlosses orientierte Gestaltung sorgte für wohlkalkulierte politische Zeichensetzungen im städtischen Raum. Ähnliches gilt für performative Praktiken: Einzüge und Prozessionen, Fest und Zeremoniell konnten der Selbstvergewisserung und Stabilisierung der sozialen Konfigurationen ‚Stadt‘ und ‚Hof‘ dienen, ebenso aber ihrer Zusammenführung und Verbindung oder gar ihrer gegenseitigen Vereinnahmung. In diesem Kontext müssen auch Konzeption und Gebrauch der unterschiedlichen Bildmedien (angefangen bei den Porträts und Wappen über die Historien- und Stifterbilder bis hin zu den Festdekorationen und -beschreibungen) einer eingehenden Untersuchung unterzogen und nach der Bedeutung der repräsentativen Ausgestaltung von städtischen Außen- und Innenräumen (zu letzteren gehören vor allem Rathäuser und Kirchen) für die angemessene Bewertung des Verhältnisses von Polarität, Kooperation und Koexistenz der höfischen bzw. städtischen Sphären gefragt werden.

Aufbau: Die Handbuchabteilung III umfasst vier Bände –  zwei regional geordnete Bände mit exemplarischen Analysen sowie zwei systematisch gegliederte Bände:

  • Band III/1: Exemplarische Analysen – Residenzstädte im Norden des Alten Reiches;
  • Band III/2: Exemplarische Analysen – Residenzstädte im Süden des Alten Reiches;
  • Band III/3: Visuelle Zeichensysteme;
  • Band III/4: Performative Repräsentationen.

Bände III/1 und III/2 (exemplarischer Teil): Die Bände III/1 und III/2 liefern exemplarische Analysen zu jeweils fünfzehn Orten, deren Auswahl sich in Koordination mit Handbuchabteilung II nach typologischen Kriterien richtet und den Forschungsstand wie die geographische Streuung berücksichtigt.

Die Beiträge betreffen zum einen visuelle Zeichensysteme, Hierarchie und Synergie der künstlerischen Medien, Architektur- und Raumprogramme, Innen- und Außenraumgestaltungen sowie  -ausstattungen, besondere Bau-  und Raumtypen wie z.B. Schlösser und Rathäuser mit ihren repräsentativen Funktionsräumen, Stadtkirchen mit ihren Adels-  und Bürgerständen, dynastische und bürgerliche Grablegen, Schlosskapellen, Zeughäuser und Befestigungsanlagen, Theater, Museen, Wunderkammern, Kunst- und Naturaliensammlungen. Zum anderen sind performative Repräsentationen einzubeziehen: Festveranstaltungen, Zeremoniell, Empfänge, Um- und Einzüge, Prozessionen, entsprechende städtische und höfische Regulierungen und Verordnungen. Berücksichtigt werden personengeschichtliche Aspekte, indem der Blick auf Produzenten und Rezipienten, auf Teilnehmer und Publikum gerichtet wird (Auftraggeber, Künstler, Baumeister, Eliten, Hofangehörige und Stadtbewohner). Gerade die in städtischen wie höfischen Diensten stehenden Künstler bzw. Handwerker bedürfen hinsichtlich Einkommensstruktur, Status und Prestige, sozialer und regionaler Herkunft sowie der unterschiedlichen Einbindung in die städtischen wie höfischen Netzwerke einer differenzierenden Untersuchung.

Bände III/3 und III/4 (systematischer Teil):  Liefern die beiden ersten Bände der Handbuchabteilung III auf diese Weise exemplarische Längsschnitte, bieten die Bände III/3 und III/4 die notwendige systematische Zusammenfassung unter übergreifenden Gesichtspunkten. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach Wandel und Kontinuitäten, Um- und Abbrüchen sowie Neu-anfängen der Repräsentationen in der Stadt und am Hof auf der lokalen, regionalen und übergreifenden Ebene. Zugleich wird es um das Verhältnis von höfischer, städtischer und kirchlich-religiöser Repräsentation, um ihre Medien und Formen sowie um die ihnen teilweise zugrunde liegenden theoretischen Konzepte (wie z.B. künstlerisch-architektonische und zeremonialwis-senschaftliche Traktatliteratur) gehen.

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