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Lieben, Sterben, Gottesfurcht in der römischen Kaiserzeit
Das Forschungsprojekt SAPERE (Scripta Antiquitatis Posterioris ad Ethicam REligionemque pertinentia = Schriften der späteren Antike zu ethischen und religiösen Fragen), das seit Anfang 2009 von der Göttinger Akademie betreut wird, hat es sich zur Aufgabe gemacht, griechische und lateinische Texte der römischen Kaiserzeit (1. – 4. Jh. n. Chr.), die eine besondere Bedeutung für die Religions-, Philosophie- und Kulturgeschichte haben, vor dem Vergessen zu bewahren. Die Texte gehörten noch bis zum 19. Jahrhundert zum Bildungskanon, dann aber fielen sie einer stark klassizistisch geprägten Literaturbetrachtung zum Opfer. Seitdem fristen sie in Bibliotheken als griechisches oder lateinisches Original ein weitgehend unbeachtetes Dasein, sofern sie nicht schon zum Gegenstand einer der Forschergruppen von SAPERE geworden sind.
Insgesamt wurden 24 Werke, die sich mit Fragen von bleibender Aktualität beschäftigen, für das Akademie-Projekt ausgewählt. Zu diesen gehören zum Beispiel die unter Platons Namen überlieferte Schrift „Über den Tod“, in der es um die Kunst geht, sich gefasst ins Jenseits zu verabschieden, die „Johannes-Briefe“ , in denen Synesios von Kyrene einem mächtigen Mann ins Gewissen zu reden versucht, weil dieser einen Menschen hat umbringen lassen, aber auch Plutarchs Dialog „Über die Liebe“. Die Texte sollen so erschlossen werden, dass sie über enge Fachgrenzen hinaus einer interessierten Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht werden. Dabei möchten die Wissenschaftler an alle Konnotationen des lateinischen sapere anknüpfen, nicht nur an die intellektuelle, die Kant in der Übersetzung von sapere aude, „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, zum Wahlspruch der Aufklärung gemacht hat; sapere mit seiner sinnlichen Bedeutung des „Schmeckens“ soll den Leser auch „auf den Geschmack“ des wiederentdeckten Textes bringen.
Hierfür wurde ein neuartiges Editions- und Kommentierungskonzept entwickelt: Im Zentrum jedes Bandes steht eine Schrift im griechischen oder lateinischen Original mit einer gut lesbaren und zugleich möglichst genauen deutschen oder englischen Übersetzung. Einleitend werden der Autor und die Schrift selbst vorgestellt. Für ein besseres Verständnis des Textes vor dem Hintergrund seiner Zeit sorgen zahlreichen Anmerkungen, das eigentlich Innovative des Editionsprojektes besteht allerdings in der fachübergreifenden Bearbeitung: An jedem Band sind Fachleute aus verschiedenen Disziplinen beteiligt – aus Theologie, Religionswissenschaften, Geschichte, Archäologie, älteren und neueren Philologien – , die bestimmte Aspekte des Werkes herausgreifen und diese aus der Perspektive ihres Faches in Essays erläutern. Dabei geht es immer auch um die gegenwärtige Bedeutung des Werkes für Forschung und Gesellschaft.


