Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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Lüttich (Liège, luik)

Lüttich (Liège, luik)

(1) L. liegt in einer weiträumigen Vertiefung, dem L.er Becken, gegenüber der Stelle, an der die aus den Ardennen kommende Ourthe als rechter Zufluss in die Maas mündet. L. gewann im Frühmittelalter an überregionaler Bedeutung, in römisch-spätantiker Zeit stand es hinter dem seit 350 n.Chr. als Bf.ssitz fungierenden Tongern zurück. Im 6. Jahrhundert hielten sich die Bischöfe in Maastricht auf, wo es eine Brücke über die Maas gab. In L. besaßen die Bischöfe einen Hof, den sie gelegentlich aufsuchten. An einem 17. September in einem unbekannten Jahr um 700 wurde in L. der tongrische Bischof Lambert von Feinden erschlagen, woraufhin sein Nachfolger, Bischof Hubert, 715 Lamberts Gebeine nach L. überführen und dort in einer neuen Basilika bestatten ließ, die dem Lambert und der Hl. Maria geweiht wurde. Mit weiteren geistlichen Einrichtungen wurde die sakrale Bedeutung L.s erhöht, bis um 800 unter Karl dem Großen der Bf.ssitz von Tongern-Maastricht nach L. verlegt wurde; Lambert wurde zum Lokalheiligen und Schutzpatron der sich im Hochmittelalter entwickelnden Stadt, der Diözese und des Fsm.s. In der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts fanden die Bischöfe, die unter den Karolingern ausgesprochen umfangreichen Grundbesitz entlang der Maas und der Sambre erwerben konnten, Anerkennung als Fürsten des ostfränkischen Reichs (Immunitätsprivileg 980, Erwerb der Grafschaft Huy 985). Entscheidend hierfür war das Wirken Bischof Notgers (972-1008). Weitere Gft.srechte folgten, 1096 kam noch die Grafschaft Bouillon hinzu, deren Inhaber als Herzog in Nieder-Lotharingien zum Kreuzzug aufgebrochen war. Bedeutsam war die Errichtung der ersten steinernen Brücke über die Maas zwischen 1025 und 1037 (im 11. und 12. Jahrhundert wurden sieben weitere Brücken in anderen Maasstädten errichtet). Die letzte große Herrschaftserweiterung bestand 1361 in der Übernahme der Grafschaft Loon (frz. Looz). In der hiermit vollendeten Form blieb das Bistum, seit dem 16. Jahrhundert als Fbm. bezeichnet, bis zum Ende des Alten Reichs bestehen (einzelne Teile wurden mitunter länger dauernd abgetrennt, Bouillon vollständig 1677). Weithin Beachtung fand die sog. »L.er Revolution« von August 1789, die in ihren Forderungen radikaler war als die Französische Revolution acht Wochen zuvor, und die vor der »Brabanter Revolution« vom Oktober 1789 stattfand. Literarischen Niederschlag fanden beide in Georg Forsters Beschreibung seiner 1790 unternommenen Reise an den Niederrhein (erschienen 1791-1794). Nach wechselnden Lagen war L. ab Sommer 1794 von französischen Revolutionstruppen besetzt.

Die Stadt L. fungierte während der gesamten Zeit seit dem Hochmittelalter als weltliches und geistliches Zentrum des Bm.s und der Diözese, war zudem vorherrschend bei den Landständen. Im 15. Jahrhundert war die Stadt bestimmend bei der Verteidigung der Selbständigkeit des Landes gegenüber den burgundischen Hzg.en, was 1468 zu ihrer vollständigen Zerstörung im »Sac de Liège« führte. In der frühen Neuzeit beanspruchten die Kanoniker des Domkapitels eine Ko-Souveränität bei der Regierung des Landes. Fbf. Georges-Louis de Berghes (reg. 1724-1743) schränkt sie ein, was dem Nachfolger eine quasi absolute Stellung verschaffte, bei dessen Nachfolger indes wieder relativiert wurde. Die Neufassung der niederländischen Bistümer 1559 bedeutete für die L.er Diözese einen Bedeutungsverlust, da die neuen Bm.er Namur und Roermond auf Kosten L.s gegründet wurden.

Bei Bedrohungslagen zogen die Bischöfe sich etwas weiter maasaufwärts nach Huy zurück, die dort befindliche Burg galt als uneinnehmbar (stadtgeschichtlich bekannt ist Huy durch die 1066 von Bischof Dietwin [frz. Théoduin] verliehenen Freiheiten, der ältesten Urkunde dieser Art nördlich der Alpen), so Notger 978, Adolf von der Mark 1324-1332, Ludwig von Bourbon 1466-1467. Nach der Zerstörung L.s durch Karl den Kühnen 1468 wurde Maastricht (ein Kondominium mit den Hzg.en von Brabant) Verwaltungshauptstadt der Maaslande und blieb Residenz des L.er Bf.s Johann von Horn, bis unter Erhard von der Mark (reg. 1506-1538) ab 1531 wieder L. zum Bf.ssitz wurde. Im 18. Jahrhundert wurde Seraing Sommerresidenz der Fbf.e. Fbf. François-Charles de Velbruck (1772-1784) ließ sich noch ein eigenes Schloss in Hex (ndl. Heks) bei Tongern erbauen, dessen Garten von einer (für einen Fbf. verbotenen) freimaurerischen Symbolik gekennzeichnet war. Als Badeort und Treffpunkt des Adels wurde Spa ab den 1760er Jahren ausgebaut, wo nach und nach mehrere Spielsalons eröffnet wurden.

Während des Investiturstreits verblieben die L.er Bischöfe auf der Seite der Könige, in L. verstarb 1106 Kaiser Heinrich IV. In der frühen Neuzeit bildete das Fbm. keinen Bestandteil der Spanischen oder der Österreichischen Niederlande, sondern bewahrte sich den 1492 ausgehandelten Neutralitätsstatus zwischen dem Reich, zu dem es formal gehörte, und Frankreich. Dieser Status wurde auch von den sich im 16./17. Jahrhundert aus dem Reichsverband lösenden habsburgischen, später Spanischen und Österreichischen Niederlanden sowie den Vereinigten Provinzen beachtet. 1520 machte Karl V. auf seiner Krönungsreise nach Aachen Halt in L., wo er den seit 1518 mit ihm verbündeten Fbf. Erhard von der Mark besuchte; 1521 gewährte Karl V. einigen hochrangigen Amtsträgern der Stadt, Jurés, Pensionszahlungen (gerichtet gegen König Franz I. von Frankreich). Ab 1624 erhielten Mitglieder der Stadtregierung mit Zustimmung des regierenden Fbf.s Pensionen des französischen Kg.s, um Wirtschaftsbeziehungen zu Frankreich aufrechtzuerhalten, der französische Gesandte Abt Mouzon erhielt Bürgerrecht in L.

(2) Auch wenn L. eine ältere Vorgeschichte kannte, so wuchs der Ort vor allem durch die Anwesenheit der Bischöfe und geistlicher Institutionen. Indizien beleuchten die Entwicklung der Stadt im Frühmittelalter: 881 wurde sie von Normannen geplündert. Ein erster Aufstand brach um 965 gegen Bischof Ebrachar (reg. 959-971) aus, der Steuern einzuziehen trachtete. Weiter wurde unter Bischof Ebrachar ab 965 im Nordwesten des bewohnten Areals ein neuer Siedlungskern errichtet, der aus einer neuen Kathedrale, einem bfl.en Palast und zwei Kirchen, Saint-Pierre und Saint-Laurent, bestand. Unter Bischof Notger wurden an deren Stelle ab 987 Neubauten errichtet, dazu mehrere Kollegiatkirchen gegründet und die gesamte Anlage durch eine Mauer umgürtet, die bis zum 13. Jahrhundert flächenmäßig ausreichte. Östlich vor der Kathedrale befand sich der Marktplatz, von der südostwärts die Rue de Neuvice abging, die zur Maasbrücke (Pont des Arches) führte und weiter die Straße nach Aachen bildete. Der Name »Neuvice« ist abgeleitet von lat. Novus vicus und meinte eine Kaufmannssiedlung, die es im 10. Jahrhundert gegeben haben muss. Die Lage an der Maas legt einen Handel entlang dem Fluss nahe.

Deutlich später als Huy erhielt L. seine städtischen Rechte (Sicherung des Hausfriedens) und Pflichten (u.a. Kriegsdienst für den Bf.) erst zu einem unbekannten Datum von Bischof Albrecht II. von Cuyk (reg. 1194-1200). Verwaltet wurde die Stadt durch Schöffen, bei denen es sich um vom Bischof auf Lebenszeit eingesetzte Amtsträger handelte, die der ministerialischen und kaufmännischen Oberschicht entstammten, und die intensiv mit dem Domkapitel um Zuständigkeiten und Grundstücke rangen. An ihrer Spitze stand ein Maïeur. Seit 1231 sind Bürgermeister (»bourgmestres«) bekannt, um diese Zeit ist auch die Entstehung einer Kommune anzusetzen, als »Geschworene« (»jurati«, »jurés«) erschienen, die von den »Bürgern« (»citains«) gewählt wurden.

Schwierig nachzuzeichnen ist die weitere Ausbildung kommunaler Institutionen, was an der zweimaligen Zerstörung des Stadtarchivs liegt, zum ersten Mal 1408 durch Herzog Johann ohne Furcht von Burgund, erneut 1468 durch Herzog Karl den Kühnen von Burgund, weswegen man für die Erforschung des Spätmittelalters in erster Linie auf die bischöfliche Chronistik angewiesen ist, die ein teils deutlich parteiisch zuungunsten der Stadt bzw. der Gemeinde formuliertes Geschichtsbild präsentiert, daneben auf die Überlieferung der geistlichen Institutionen. Aus der Zeit bis 1487 nennt Bruyère (2012) insgesamt 39 Rechtsdokumente, die Verfassungsrang beanspruchen können, was als Indiz für schnell wechselnde politische Lagen zu verstehen ist.

Sicher ist, dass die Gewinnung einer Autonomie der Gemeinde im 13. Jahrhundert und deren innere Ausgestaltung im 14. Jahrhundert langsam und durchaus konfliktreich verlief, da die Bischöfe und ein Großteil der Geistlichen (vor allem des gelegentlich mit dem Bischof überworfenen Domkapitels) nicht bereit waren, die Herrschaft über die Stadt zu teilen. Als Wegmarken dieser Entwicklung sind zu nennen die Wahl Henri de Dinants durch die (bzw. durch einen Großteil der) Gemeinde zum Bürgermeister 1253 und dessen letztlich glückloses Agieren bis 1255. Als zweite Wegmarke ist die Beteiligung der Zünfte am Stadtregiment 1303-1330 zu nennen, die von der Geistlichkeit hinzugezogen wurden zur Abwehr der Gewaltmaßnahmen, mit denen die stadtadligen Schöffen versuchten, eine Konsumsteuer einzuziehen. Aus Anlass des Todes des Bf.s Thibaut de Bar 1312 holten die Schöffen zum Gegenschlag aus, was in dem als »Mal Saint-Martin« bekannte Massaker von 3./4. August 1312 bei der Kollegiatkirche St. Martin mit ca. 200 Opfern, darunter zehn (von insgesamt 14) Schöffen endete, die als dritte Wegmarke herauszustellen ist. Anschließend (1313) wurde die Stellung der Zünfte in der Stadtregierung weiter abgesichert, die Rolle der Bürger- bzw. Gemeindeversammlung genauer festgeschrieben. Als vierte Wegmarke ist der vierjährige kriegerische Streit 1325-1329 um die Rechte des Bischof Adolfs von der Mark (reg. 1313-1344) zu nennen, der sich mit einer weiträumigen Adelsfehde im Haspengau verband, welcher letztlich vom Bischof für sich entschieden werden konnte, der nach einem mehrjährigen Exil in Huy 1332 wieder in L. einzog. Die Stellung der Zünfte und der Gemeindeversammlung als politischem Organ wurde im Friedensvertrag 1330 gebrochen. 1344 wurden die Zünfte in gemilderter Form wieder vom Bischof zum Stadtregiment hinzugezogen, fünfte Wegmarke, da sie zur Unterwerfung des mittlerweile aufständischen Huy benötigt wurden. Letztlich gelang die Durchsetzung der nunmehr 32 Zünfte als politischem Organ 1386 auf prozessualem Weg, als den meisten alten Schöffenmitgliedern der Prozess wegen Korruption gemacht wurde und mit Unterstützung des Bischof Adolf von Horn (reg. 1378-1389) ein weiter Personalaustausch durchgesetzt wurde. Mit dieser sechsten Wegmarke erhielt L. politische Zünfte als Organisationseinheit der Stadtverfassung, jetzt erst waren die Handwerker und damit die Mittelschichten abgesichert am politischen Leben beteiligt.

Im 15. Jahrhundert kam es zu einer Einschränkung bzw. Aufhebung der gemeindlichen Selbständigkeit durch die Herzöge von Burgund, was sich durch die dynastisch bedingte Machtpolitik der Herzöge erklären lässt. 1389 wurde der aus dem holländischen Zweig der Wittelsbacher stammende Johann als Bischof gewählt, wegen fehlender geistlicher Weihen nur als Elekt amtierend. Dieser war bestrebt, die landesherrliche Macht auf Kosten der städtischen Autonomie auszuweiten, worüber es zu einer Wahl eines Gegenbf.s durch die Landstände kam. Zur Wiederherstellung seiner Macht rief der Elekt ein Bündnis verwandter Fürsten zusammen, das unter der Leitung des mächtigsten von ihnen, Herzog Johann ohne Furcht von Burgund, stand. 1408 kam es zur Schlacht von Othée (bei Tongern), die in einer Niederlage der Stadt bzw. Ständischen endete. Die völlige Aufhebung der städtischen Rechte (auch der der anderen Städte), Ausschaltung der Zünfte sowie Hinrichtung zahlreicher Gegner und die Auferlegung einer immensen Strafsumme waren die Folge. Erst 1417 vermochte König Sigismund eine Milderung herbeizuführen, bei der unter Bischof Johann von Heinsberg (reg. 1419-1455) die alten Rechten wiederhergestellt wurden, zudem führte 1418 der Amtsverzicht des Elekten Johann zu einer weiteren Befriedung. Ein weiterer Einschnitt stellte 1456 die Einsetzung eines Neffen des burgundischen Hzg.s, Ludwigs von Bourbon, als Bischof dar, der weder von der Stadt noch den Ständen (an deren Spitze der Niederadlige Raes de La Rivière, Herr von Heers und Neerlinter in der Grafschaft Loon, stand, in der Stadt L. als Mitglied der Schmiedezunft akkreditiert und politisch führend) akzeptiert und 1465 mit Unterstützung des französischen Kg.s abgesetzt wurde, 1466 jedoch wieder installiert und als Bischof konsekriert wurde. Mit mehreren Feldzügen 1465-1468 wurden die L.er unterworfen, 1468 die Stadt über sieben Wochen systematisch zerstört (aus Maastricht stammende Truppen machten die Maasbrücke unbrauchbar), an der Bevölkerung ein Massaker verübt (mit ca. 4000-5000 Toten) und erneut die städtischen Freiheiten aufgehoben - ein weithin beachtetes Exemplum zur Warnung an andere Städte, sich nicht der fsl.en Herrschaft zu widersetzen. Das Ende der burgundischen Herrschaft 1477 führte nicht zu einer Befriedung, da sich der ständisch-städtische Widerstand gegen den weiter amtierenden Bischof Ludwig von Bourbon richtete, der 1482 von dem den Widerstand anführenden Adligen, Wilhelm von der Mark mit dem Beinamen »Eber der Ardennen«, wohl eigenhändig ermordet wurde, woraufhin dieser vom nachfolgenden Bischof Johann von Horn zum Tode verurteilt wurde. Der Krieg zwischen den Parteien zog sich bis 1492 hin. Ein provisorischer Frieden von 1487 (»Paix de Saint-Jacques«) mit zahlreichen (über 500 Artikel) stadtrechtlichen Bestimmungen wurde wegen des Widerstands der Stadt erst 1507 umgesetzt, wie überhaupt das städtische Leben erst nach dem Tod Bischof Johann von Horns 1505 im größeren Maße in Gang kam. Für die Ausgestaltung des Verfassungslebens griff man auf die von Bischof Johann von Heinsberg 1424 verliehenen Rechte zurück. Im großen Stil setzte jetzt unter Bischof Erhard von der Mark (reg. 1505-1538), einem Neffen Wilhelms von der Mark, der gesicherte Wiederaufbau ein (vorher gab es eine provisorische Besiedlung) durch die führenden Familien der Zeit vor 1468, finanziert teils durch die reichen geistlichen Institutionen. 1495 gestanden die 32 Zünfte zu, dass Fremde Gewerbe ausüben durften, ohne Mitglied bei ihnen zu sein, und erst nach acht Jahren in die Zunft einzutreten. Erschwert wurde der Wiederaufbau durch die enorme Schuldenlast, die der Stadt aufgebürdet worden war, und die erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts auf ein erträgliches, real abzuzahlendes Maß reduziert wurde. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts setzte eine wirtschaftliche Blüte ein, die die Rahmenbedingungen der Politik änderten. 1562 protestierten die Zünfte, beeinflusst von der konfessionellen Toleranz, die zu dieser Zeit in Frankreich herrschte, gegen ein hartes gegenreformatorisches Regiment.

1602 gab es einen Aufstand gegen die Oligarchie einiger Familien (Ans, Streel, Goswin, Méan, Oupeye, Libert, Jamar, Oranus), die die städtischen Ämter zum Teil unter sich aufteilten, und deren Netzwerke von Streitigkeiten, Festessen, Geschenke, Käuflichkeit und Misswirtschaft gekennzeichnet war, gegen die die Zünfte nicht ankommen konnten. Einen Einschnitt stellte daher die neue, von Fbf. Ernst von Bayern (reg. 1581-1612) erlassene Stadtverfassung von 1603 dar, mit der die Rolle der Zünfte bei der Ämterbesetzung und der Genehmigung städtischer Steuern einmal mehr gestärkt wurde. Das Strafrecht übten die Schöffen (»Souveraine Justice de L.«) in der Stadt und einigen westlich vorgelagerten Vorstädten aus. Unter seinem Nachfolger Ferdinand von Bayern (reg. 1612-1650) entstand eine Parteiung zwischen seinen Anhängern, die sich »Chiroux« oder im wallonischen Französisch »Bergeronnettes« nannten und sich vornehmlich aus den reichen Bürgern rekrutierten, und den sich aus den Zünften, Handwerkern und Leuten des mittleren Bürgertums, vor allem Aufsteigern, zusammensetzenden »Grignoux«. Letztere schlossen sich an die Bestrebungen des französischen Kg.s, eine Gefolgschaft in L. zu schaffen, an, was zur Folge hatte, dass es 1637 ein tödliches Attentat auf den den Grignoux angehörenden Bürgermeister Sébastien La Ruelle gab, das zwar nicht verhindert werden konnte (seine Witwe erhielt eine französische Pension), aber die Chiroux in Misskredit brachte und die Herrschaft der Grignoux absicherte. 1641 übernahmen die Chiroux die Herrschaft und brachten den Bürgermeister Arnould de Cerf, Schwager La Ruelles, auf das Schafott. 1646 gab es nach einem zweitägigen Aufstand, genannt »Saint Grignou«, wieder eine Herrschaft der Grignoux mit Unterstützung des französischen Gesandten, die dem Fbf. den Zugang zur Stadt verwehrten. Nach Ende des Dreißigjährigen Kriegs spaltete sich von den Grignoux eine Parteiung zugunsten des künftigen Landesherrn, Fbf. Maximilian Heinrich von Bayern, ab und öffneten diesem bereits vor Amtsantritt die Stadt. Dieser ließ über seine Widersacher ein Strafgericht niedergehen, es kam zu Exekutionen der gegnerischen Anführer. Der Fbf. hob die Stadtverfassung von 1603 auf und installierte ein ihm genehmes, stadtadliges Regiment. Dieses blieb bis 1676 bestehen, als der alte Verfassungszustand von 1603 wiederhergestellt wurde, womit das Wiederaufleben der Parteiung einherging, wobei diese unter neuen Namen aufblühte: Aus den »Chiroux« wurden die »Éburons liégeois« und aus den »Grignoux« die »Verité«, auf beiden Seiten gab es radikale Anführer, die zu Gewalttätigkeiten anstifteten. 1684 kam es zum Handstreich, bei dem die Zünfte die Macht in der Stadt übernahmen, die aber nach kurzer Zeit vertrieben wurden, woraufhin Fbf. Maximilian Heinrich von Bayern (reg. 1650-1688) nach 13jähriger Abwesenheit wieder in die Stadt einzog. Den Zünften wurde jegliche politische Macht entzogen, was im 18. Jahrhundert zu fortlaufenden Reformansätzen Anlass bot. Während des Spanischen Erbfolgekriegs gegen Ludwig XIV. von Frankreich 1702-1714 wurde die Stadt von einer ksl.en Kommission regiert, da der Fbf. sich mit dem französischen König verbündet und nach Frankreich begeben hatte. Beteiligt war die Stadt-L.er Bevölkerung auf Seiten der »nationalen« Partei an der Wahl Charles Nicolas d’Oultremonts zum Fbf. 1763 gegen eine französisch-österreichische und eine englisch-preußische Gruppierung.

Recht früh brach die alte Ordnung im Fbm. L. zusammen, da die Französische Revolution nicht nur wahrgenommmen, sondern auch übernommen wurde (»L.er Revolution«). Am 18. August 1789 besetzten aufständische Bürger das Rathaus, in der Folge versuchte man eine angepasste Fassung der alten zünftischen Verfassung von 1316 zu installieren, der Fbf. wandte sich zur Flucht nach Trier. Die Erklärung der Menschenrechte vom 16. September 1789 war weitergehender als die in Frankreich. Gegen L. wurde alsbald die Reichsexekution durch den niederrheinisch-westfälischen Reichskreis angeordnet. 1791 bildete sich eine erste, aus Preußen und Österreich bestehende Koalition, die im Laufe des Jahres die absoluten Verfassungszustände wiederherstellte, doch wurde im November 1791 L. von Truppen des revolutionären Frankreichs besetzt und die alte ständische Ordnung abgeschafft.

Beim Sac de Liège 1468 zählte die Stadt etwa 20000-25000 Einwohner, die in etwas mehr als 3000 Häusern auf einer Fläche von 196 ha wohnten. Um 1500 soll diese Zahl wieder erreicht worden sein. Um 1650 dürfte L. etwas mehr als 44000, Ende des 18. Jahrhunderts etwas über 50000 Einwohner gehabt haben; Mitte des 18. Jahrhunderts dürften es noch etwas mehr gewesen sein. Beachtlich war der Anteil der Armen, der im 18. Jahrhundert bei ca. 20-25% lag.

In L. gab es die üblichen Gewerke der Nahrungsmittelaufbereitung, Bekleidungsherstellung und des Hausbaus, als Exportgewerbe sind im Hochmittelalter die Metallwaren, ab dem 13. Jahrhundert auch Tuche zu nennen. 1280 wurden erste Zünfte erwähnt, zu Beginn des 14. Jahrhunderts gab es 15, 1373 wurden 32 festgelegt, die wenige Jahre später als politische Einheiten der Stadtverfassung anerkannt wurden, indem sie Abgeordnete unter den Geschworenen stellten.

Als wirtschaftliche Besonderheit ist der Steinkohleabbau in und um die Stadt zu nennen, 1195 erstmals als »terra nigra« erwähnt. 1430 arbeiteten über 2000 Personen in diesem Gewerbe. Die abgebaute Kohle ermöglichte es den L. Schmieden, bei besonders hohen Temperaturen Eisen zu verarbeiten, weswegen L. eine wichtige Metallwaren-, insbesondere Waffenfabrikation kannte. Bedeutend waren seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert die Geldwechsler, die auch als Kreditgeber für umliegende Herrschaftsträger fungierten; Ende des 13. Jahrhunderts erschienen Lombarden und Cahorsins in L., Spezialisten des Tausches fremder Sorten, was als Indiz für die Einbindung in internationale Handelsbeziehungen zu verstehen ist (die letzten verschwanden zwischen 1603 und 1620). Nach der tiefgreifenden Zerstörung 1468 und den sich bis 1492 hinziehenden Parteiungs- und Bürgerkämpfen setzte erst um die Mitte des 16. Jahrhunderts ein deutlicher Wirtschaftsaufschwung ein, der insbesondere durch die Zufuhr südamerikanischen Silbers stimuliert wurde, in technologischer Hinsicht durch die Verbesserung der Mühlenmechanik (L.er Frühkapitalismus, Lejeune 1939). Ein Haupterwerbszweig bestand in der Herstellung von Gusseisen und dessen Verarbeitungsprodukten, das Roheisen stammte von verschiedenen Abbauorten in den Ardennen. Eng verbunden war L. zu dieser Zeit mit Antwerpen. Bedeutender Waffenhändler während des Niederländischen Unabhängigkeitskrieges war Jean Curtius (1551-1627), der begünstigt vom Fbf. die spanische bzw. katholische Seite belieferte; 1590 erhielt er vom spanischen Generalgouverneur das Salpetermonopol in den Maaslanden, Lothringen, Erzbistum Trier und Bistum Verdun zur Herstellung von Schwarzpulver, das in zwei Mühlen bei L. hergestellt wurde. Er erwarb eine Adelsherrschaft und errichtete in L. einen Hof an der Maas.

(3) Die Lambert-und-Maria-Kirche wurde mit Niederlassung des Bf.s um 800 zur Kathedrale erhoben. Im Hochmittelalter gab es folgende Kollegiatkirchen: Saint-Pierre, Sainte-Croix, Saint-Martin, Saint-Jean, Saint-Paul, Saint-Denis, Saint-Barthélemy, daneben noch die Abteien Saint-Laurent und Saint-Jacques; mit 60 Kanonikern war das Kathedralkapitel das größte. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts gab es insgesamt 60 geistliche Gemeinschaften neben dem Domkapitel, die nach der Zerstörung L.s durch Karl den Kühnen 1468 und den sich bis 1492 hinziehenden Auseinandersetzungen errichtet worden waren. In der frühen Neuzeit gab es zwölf Pfarreien innerhalb der Stadtmauern, wozu 19 in den Vororten kamen (insgesamt 31). Während der Gegenreformation kamen weitere Einrichtungen hinzu; als höhere Ausbildungsstätte der Geistlichkeit fungierte die Universität zu Löwen. Den in L. anwesenden Jesuiten wurde im 17. Jahrhundert von Teilen der Bürgerschaft vorgeworfen, Parteigänger des spanischen Kg.s zu sein, und zahlreiche Grignoux wurden verdächtigt, Protestanten zu sein (obwohl Parteigänger des französischen Kg.s). Um die Mitte des 17. Jahrhunderts waren Domkapitel und Stadtobrigkeit gemeinsam zum Schluss gekommen, dass es in L. genug Kirchen gebe, 1644 untersagte der Rat die Ansiedlung neuer Einrichtungen. Dennoch wurden unter Fbf. Maximilian Heinrich, dem Jansenismus nahe stehend, drei weitere Einrichtungen gegründet, 1685 folgte noch das Hôpital général, das zur Besserung von Bettlern und Vagabunden gedacht war. Im 18. Jahrhundert folgten ebenfalls einige weitere Kirchen. Unter Fbf. Charles Nicolas d’Oultremont wurde eine Bruderschaft zur »Ewigen Anbetung des Hl. Sakraments« eingerichtet, die seit 1765 mindestens 2000 Mitglieder hatte.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts besetzte das Stadt-L.er Patriziat 55% der Kanonikerstellen, zwischen 1763 und 1792 stieg dieser Anteil auf 72%, der Adel wurde zunehmend verdrängt (in der Aufklärung nahm eine antiklerikale Haltung im Adel überhand). Das Leben der Geistlichkeit insgesamt war während der frühen Neuzeit weniger anstößig als die wenigen spektakulären Fälle nahelegen. Seit den 1750er Jahren gab es Lesekabinette in einzelnen Cafés (auch im Badeort Spa), die Freimaurer organisierten sich in der Loge »La Nymphe de Chaudfontaine«. Seit 1756 erschien in L. für zwei Jahre (ab 1759 kurz in Brüssel, dann in Bouillon bis 1793) die nicht nur in L.er Gelehrtenkreisen viel gelesene, sondern europaweit beachtete Aufklärungszeitschrift »Journal encyclopédique« von Pierre Rousseau (1716-1785), der allerdings vor einer geistlichen Opposition flüchten musste. In den 1760er Jahren gab es 13 bzw. 14 Druckereien, in denen aufklärerische Schriften hergestellt wurden. 1770 (offiziell 1776) entstand die Freimaurerloge »La Parfaite Intelligence« (1777 noch die Loge »La Parfaite Égalité«). Als gelehrte Gesellschaften entstanden mit Förderung Fbf.s Velbruck die »Société d’Émulation« und die »Société littéraire« (beide 1779), erstere schrieb einen Wettbewerb zur Förderung der Sauberkeit in der Stadt aus (Erster Preis betraf die Abfuhr des Oberflächenwassers). Velbruck baute auch das Volksschulwesen aus, 1774 gab es 295 Schüler, 1776 hatte sich die Zahl verdreifacht; 1788 gab es 15 kostenfreie Schulen, 1793 24 unter Leitung von Lehrern und Lehrerinnen, die 1400 Schüler unterrichteten (was einem Siebtel der Einwohnerschaft entsprach).

An den Kollegiatkirchen entstanden seit dem 10. Jahrhundert Schulen und Lehranstalten, die L. teilweise das Gepräge eines Gelehrtenzentrums verliehen. Aus ihnen gingen mehrere Bischöfe anderer Diözesen des Reichs hervor. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts verloren diese Schulen an Renommee, die Pariser Universität mit ihren Kollegiatkirchen wirkte als Konkurrent. Einzelne Gelehrte wie Godefroid de Fontaines (†1306/10) blieben herausragend. Einher mit der bildungsgeschichtlichen Glanzzeit im 11./12. Jahrhundert ging eine Blüte der maasländischen Kunst, die sich in außergewöhnlichen Bauwerken, Goldschmiedearbeiten und Buchillustrationen usw. äußerte. Unter dem Elekten Johann von Bayern erfuhr der Maler Jan van Eyck erste Förderung, ehe dieser an den burgundischen Hof unter Philipp den Guten wechselte. Im Rahmen des Wiederaufbaus nach dem Sac de L. wurde 1495 ein Konvent der Brüder vom Gemeinsamen Leben gestiftet; 1524 gab es dort immerhin 1600 Schüler, die eine humanistische, d.h. lateinisch-griechische Ausbildung erhielten. Dennoch wurde erst 1558 eine erste Offizin gegründet (Morberius, †1595). Im Umkreis Erhards von der Mark gab es eine ganze Reihe hochstehender Humanisten, die für teils kürzere, teils längere Zeit in L. tätig waren.

Fbf. Erhard von der Mark war ein scharfer Gegner der Reformation, das Edikt von Worms von 1521 wurde in Anlehnung an die habsburgischen Niederlande schärfer umgesetzt als von den Ständen des übrigen Reichs. Außerdem unterstützte er 1520 Kardinal Aleander (früher eine Zeitlang Erhards Kanzler), der als vom Papst eingesetzter Generalinquisitor die Exkommunikation Luthers umsetzte und dessen Schriften vernichten ließ. Unter Erhards Ägide blühten die katholischen Frömmigkeitsformen weiter auf, zu den bereits existierenden Bruderschaften kamen weitere hinzu. Er setzte 1537 aber deutliche Reformbestrebungen gegen das gelegentlich zu weltliche Dasein der Kanoniker der zahlreichen Stifte durch, wobei ihm das Domkapitel zur Seite stand; viele Stiftsherren zogen die Flucht nach Löwen vor. Gänzlich unterdrücken ließen sich reformatorische Bestrebungen indes nicht, sie blieben in den 1520er Jahren klandestin (Idelette de Bure heiratete 1525 den späteren Täufer Jean Stordeur außerhalb L.s), erste Calvinisten erschienen 1530 merklich in der Stadt, sodann vor allem in den deutschsprachigen Teilen des Fbm.s; 1532 wurden Lutheraner verhaftet und öffentlich zum Abschwören ihres Glaubens gezwungen. In L. als Hauptstadt ging die geistliche Obrigkeit schärfer als im Land vor, Verlust des Bürgerrechts und Güterkonfiskation wurden Predigern, Lehrenden und Buchhändlern angedroht (1533 erteilten die Schöffen einem Kanoniker des Stifts Saint-Paul einen lebenslangen Stadtverweis, einen aus Frankreich stammenden Kleriker verurteilten sie trotz Abschwörens des reformatorischen Glaubens zum Scheiterhaufen). Parallel zur Wiedertäuferbekämpfung in Münster 1533-1534 setzte eine (im Fbm. durch die Stände gemäßigte) Repression ein, die viele zur Flucht zwang; über Basel und Genf kamen Idelette de Bure (und ihr Mann) nach Straßburg, wo sie, 1540 verwitwet, nach Vermittlung Martin Bucers Johannes Calvin heiratete.

Im Sinne der Gegenreformation war vor allem Fbf. Ferdinand von Bayern (reg. 1612-1650) tätig, der gegen das als zu weltlich empfundene Gebaren der Stiftsgeistlichkeit (Damenbegleitung zum Gebet) vorging. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts war das intellektuelle Klima innerhalb der L.er Katholiken geprägt von den gelegentlich polemischen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der Therese von Avila, des Ignatius von Loyola, François de Sales, Bérulle, später noch den Jansenisten. Hexenprozesse gab es zwischen 1608 und 1662.

Fbf. Ernst von Bayern (1581-1612), der ab 1583 auch Erzbischof von Köln und dort mit Gertrud von Plettenberg liiert war, hatte in L. mit Jeanne de Royer eine Maitresse. Die aus dieser Beziehung hervorgehende Tochter heiratete seinen bevorzugten Berater Charles de Billehé Herrn von Vierset, über den es Beziehungen zum Antwerpener Bankier Perez gab, der die Wahl zum Kölner Erzbischof finanzierte.

(4) Als Zeichen der städtischen Freiheit (auch übertragen auf die ständische, die weiter auf die Autonomie des Fbm.s schließen lässt) gilt der »Perron« (Name belegt seit ca. 1170), eine 1305 anstelle eines bereits im 10. Jahrhundert errichteten Brunnens auf dem Marktplatz errichtete Säule, die nach der ersten Einnahme L.s durch Karl den Kühnen 1467 abgebaut und nach Brügge überführt wurde. Ursprünglich aber handelte es sich um ein bfl.es Zeichen, das zunehmend von der Gemeinde als Träger der Stadt vereinnahmt wurde. Der Vielschichtigkeit der Stadt-L.er Funktionen entspricht es, dass der Perron auch eine Bedeutung für die Diözese und in der frühen Neuzeit für die Stände erhielt. Das Rathaus (Haus »Violette«, dt. Veilchen) bereits im 14. Jahrhundert am Marktplatz in der Nähe der Kathedrale und des Perron bezeugt, wurde 1490-1498 vollendet. Unter Erhard von der Mark wurde die Stadtbefestigung (wie auch die der anderen Städte) auf den neuesten Stand gebracht.

Hauptkirchen waren der Dom St. Lambert, im 13. Jh, gotisch erbaut und im Gefolge der Französischen Revolution 1794 abgerissen (heutige Kathedrale ist die alte Kollegiatkirche Saint-Paul), und die Kollegiatkirche Saint-Martin, die nach ihrer Zerstörung 1312 im 14./15. Jahrhundert wiederaufgebaut wurde. Vor der Kathedrale befand sich der wohl um 1000 errichtete Palast des Bf.s. Der 1505 großteils abgebrannte Palast wurde unter Erhard von der Mark 1526-1533 großzügig, um drei Innenhöfe gruppiert im spätgotischen Stil beginnend, im Renaissancestil endend, wieder aufgebaut; die Fassade zur Place Lambert wurde 1743 im Barockstil erneuert. Als Aufenthaltsort bevorzugte Erhard noch die Burg Kuringen (frz. Curange) bei Hasselt, der alten Hauptburg der Grafen von Loon, hinzu kamen Stadthöfe in Brüssel, Mecheln und Antwerpen. Gefördert wurde von ihm der Hofmaler Lambert Lombard (ab 1532), der Kollegiatkirche Saint-Martin stiftete Erhard große Buntglasfenster. Insbesondere die Kathedrale stattete er reich aus (hervorzuheben die Büste des Hl. Lambert von Hans von Reutlingen, 1512). Vom reich verzierten, ab 1528 geschaffenen Grabmal im Chor der Kathedrale, hat sich so gut wie nichts erhalten.

L. kennt eine außerordentlich reiche Baugeschichte. An kommunalen Bauten ist vornehmlich das Rathaus zu nennen, genannt »La Violette«, ein Bürgerhaus, das in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts für Versammlungen der Schöffen genutzt wurde. Benannt wurde es nach seinem Hauszeichen. 1394 wurde ein Neubau errichtet, der 1468 im »Sac de L.« zerstört wurde. 1497 wurde ein Neubau bezogen, der durch seinen umfangreichen Wappenschmuck auf der Marktfassade bestach. Nach Zerstörung bei der Belagerung 1691 (wie die ganze Marktbebauung) wurden ein weiterer, unter Beteiligung zahlreicher L.er Künstler gestalteter Neubau errichtet, der ab 1714 genutzt wurde. 1649, gleichzeitig mit der Oktroyierung einer neuen Stadtverfassung, wurde die Zitadelle im Norden der Stadt begonnen.

Als Großstadt kennt L. zahlreiche Darstellungen in den bekannten Atlas- und Bildwerken der frühen Neuzeit (1574 Braun/Hogenberg, 1647 Merian der Ältere, 1649 de Blaeuw). Hervorgehoben seien die Stiche von Gabriel Bodenehr (veröffentlicht in seinem Atlaswerk »Force d’Europe: oder Die Merckwürdigst- und Fürnehmste Vestungen […]«, von ca. 1726) sowie ein Stadtplan von R.P. Christophe von 1737 (L., Bibliothèque Chiroux-Croisiers, Salle Ulysse Capitaine). Den Markt mit dem Perron und Rathaus zeigt eine Zeichnung von Remacle Le Loup (1708-1746), entstanden zwischen 1738 und 1742 oder 1744 (ebd.). Von allgemeinem kulturgeschichtlichen Interesse ist, dass die Straßenszenen des L.er Malers Léonard Defrance (1735-1805), der als einer der Pioniere der Industriemalerei gilt, auf L.er Gegebenheiten zurückzuführen sein könnten.

(5) Die Stadt L. war auf vielfältige Weise mit ihrem Umland verbunden. L. war sowohl in weltlicher Hinsicht Hauptstadt des Fsm.s als auch in geistlicher Hinsicht Hauptstadt der Diözese. Zudem war L. das rang- und größenmäßig an erster Stelle stehende Mitglied der Landstände (es gab keine »mittelgroßen« Städte). Hinsichtlich der rechtlich-politischen Einbindung in das Alte Reich ist auf den Vertrag von 1492 hinzuweisen (geschlossen zwischen König Maximilian I. und König Karl VIII. von Frankreich), mit dem eine Neutralität des Fbm.s zwischen den zu dieser Zeit habsburgischen (später Spanischen, ab 1713 Österreichischen) Niederlanden und dem eigentlichen Reich festgelegt wurde. Immer wieder in Frage gestellt (vor allem von Richelieu im Dreißigjährigen Krieg sowie durch die im Utrechter Kongress 1713 verabredete Wiederangliederung an den niederrheinisch-westfälischen Reichskreis 1717), hielt sich diese Neutralität bis zum Ende des Alten Reichs, zudem bot sie (trotz des ab 1650 einsetzenden, den Tuchhandel bestimmenden Merkantilismus in den importierenden Ländern wie Frankreich, den Niederlanden u.a., weniger in den Spanischen Niederlanden und im Reich) die Grundlage für die Gewährleistung des Fernhandels, was für die bis ins 19. Jahrhundert bedeutende L.er Waffenproduktion wichtig war. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, der Frühindustrialisierung, verdoppelte sich die Anzahl metallverarbeitender Betriebe im Großraum L.-Stablo. Die Neutralität hatte Rückwirkung auf die außenpolitische Haltung der Stände und der Stadt L., die sich intern je nach Interessenslage französisch, spanisch, reichisch oder holländisch ausrichteten (Parteiungen), was darin mündete, dass die L.er nach Verhandlungen zwar den Durchzug fremder Heere gestatteten, aber so gut wie keine Einquartierungen, kein Winterlager, keine Kontributionen (Ausnahme die Zeit der Augsburger Liga 1689-1695 gegen Ludwig XIV. von Frankreich).

L. war wirtschaftliches Zentrum des Haspengaus (Hesbaye), einer landwirtschaftlich besonders ertragreichen, im weiteren Umkreis bis zu etwa 70 km westlich und etwa 30 km nördlich erstreckenden Lösslandschaft, in der u.a. der Blaufärbestoff Waid angebaut wurde. Der Bischof, das Domkapitel und die zahlreichen geistlichen Einrichtungen besaßen dort umfangreichen Güterbesitz, der Haspengauer Adel wiederum besaß Stadthöfe in L., zwischen Adel und städtischer Führungsschicht gab es ein Konnubium. Der landwirtschaftliche Gunstraum ermöglichte dem Bischof und dem einheimischen Adel, größere militärische Kontingente zu unterhalten, die von der L.er Rüstungsproduktion profitierten bzw. diese stimulierten. Die Wald- und Holzarmut des Haspengaus wurde durch das Angebot des östlich und südlich gelegenen waldreichen Mittelgebirges der Ardennen ausgeglichen. Eingeführt werden musste Kupfer für die Messingherstellung (meist über Köln). Fernhandelsbeziehungen bestanden seit dem 10. Jahrhundert bis nach England, seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts auch weit ins Rheinland hinein und bis in den Harzraum sowie zu den Champagnemessen und nach Paris; um 1200 gab es eine L.er Kaufleutegemeinde in Genua. Im 14. und 15. Jahrhundert gingen L.er Waren bis nach Nürnberg, Prag und nach Wien. Hauptausfuhrartikel waren im 11. und 12. Jahrhundert Messing- und Bronzewaren, ab dem 13. Jahrhundert hochwertige Tuche.

Stark geprägt vom städtischen Gewerbe war die Landschaft südlich L.s beiderseits der Maas, genannt das Rivageois, insbesondere vom Steinkohlenabbau. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts verlegten mehrere Eisengießereien ihre Produktionsstätten aus der Stadt nach dort. Im 18. Jahrhundert gab es erste Versuche zur Koksherstellung.

(6) L. hat den Ruf einer »rebellischen« Stadt, was Bezug nimmt auf die Fülle an gewalttätigen Auseinandersetzungen, die die Geschicke L.s seit der Mitte des 13. Jahrhunderts bestimmten. In besonderer Weise vereinigte L. die Funktionen als Kathedralstadt, Gewerbestadt, Fernhandelsstadt und Hauptstadt in sich, was die Anwesenheit heterogener Akteursgruppen erklärt, die von den Arbeitern im Steinkohlebergbau bis zu adligen Dom- und Stiftsherren reicht (jeweils in nennenswerter Zahl). Abgesehen von einzelnen Phasen fungierte L. so gut wie durchweg auch als Residenzstadt, da die Fbf.e hier ihren Hof unterhielten. Sie sind nicht nur als geistliche, sondern auch als vollauf weltliche Herren zu verstehen, die Bischöfe des 13. und 14. Jahrhunderts fungierten persönlich als Heerführer. Allgemein landesherrliche, ständische und städtische Interessen waren auf das engste miteinander verknüpft, wie man an der Einführung des 1,66%-igen Importzolls unter Fbf. Ernst von Bayern 1582 auf alle Waren sehen kann, der zur Finanzierung der Landesherrschaft gedacht war und den Widerstand der Kaufleute vornehmlich der Stadt L., aber auch der anderen Landstädte hervorrief. Dennoch wurde er bis zum Ende des Alten Reichs erhoben, er war Gegenstand mehrerer Handelsverträge mit den Nachbarländern. Festzuhalten ist, dass es ein enges Interagieren zwischen den Stadt-L.er Kaufleuten, der Stadt selbst, der landesherrlichen Regierung bzw. dem Hof und den Fürsten gab. Letztlich ist dieses darauf zurückzuführen, dass es seit dem 12./13. Jahrhundert gleichsam eine Symbiose zwischen Stadt- und Landadel gab, die diesem eine zentrale Rolle in den weltlichen und geistlichen Institutionen verlieh, mit der Folge, dass Friktionen in diesem Kreis (Parteiungen) sich sogleich auf die Geschicke von Stadt und Land auswirkten. Dem französischen Außenminister schien es aus monarchischer Wertung heraus 1744 mit Blick auf die Landstände, als habe die Verwaltung der L.er Landesherrschaft »malgré la forme républicaine« (Demoulin, Kupper 2002, S. 116). In dieser Gemengelage besaß die Stadt L. u.a. die Funktion einer Residenzstadt. Diese ist überlieferungsbedingt für die frühe Neuzeit besser zu beschreiben als für das Spätmittelalter. Zeichen der engen Verwobenheit ist der Umstand, dass zu Zeiten der aufgeklärten Libertinage der Stadt-L.er Jurist Nicolas Mathieu de Graillet et d’Oupeye 1758 die Maitresse des fbf.en Rats François-Charles de Velbruck, Maria Christine Josefine de Bouget genannt »Stinette«, geheiratet hatte. Nachdem Velbruck 1772 zum Fbf. gewählt worden war, konnte Nicolas Mathieu d’Oupeye 1776 Bürgermeister werden, was unter Velbrucks Vorgänger Charles Nicolas d’Oultremont (†1771) wegen der Anrüchigkeit der Verbindung noch verhindert worden war.

(7) Für die Zeit vor 1790 sind die Bestände im Staatsarchiv zu Lüttich (Archives de l’Etat à Liège) heranzuziehen, wo sich auch das Material der landesherrlichen Seite befindet. Jüngeres ist überliefert in der Gestion documentaire et Archives, wo die Akten der französischen Besetzung 1794-1815 u.a. »Le fonds français« zu finden sind. Für die ältere gedruckte Überlieferung, auch Karten, wende man sich an die Bibliothèque Ulysse Capitaine (BUC), wo man auch Quellen zur Geschichte der Wallonie findet.

Coutumes de Pays de Liège, hg. von J[ean]-J[oseph] Raikem, M[athieu]-L[ambert] Polain (†) und Stanislas Bormans, Bd. 2, Brüssel 1873 (Commission Royale pour la publication des anciennes lois et ordonnances de la Belgique). - Recueil des Ordonnances de la Principauté de Liège, première série: 974-1506, hg. von Stanislas Bormans, Brüssel 1878. - Régestes de la Cite de Liège, hg. von Emile Fairon. Avec glossaire philologique par Jean Haust, 4 Bde., Lüttich 1933-1940 (Commission Communale de l’Histoire de l’Ancien Pays de Liège). - Kranz, Horst: Quellen zum Lütticher Steinkohlenbergbau im Mittelalter. Urkunden, Register- und Rechnungseinträge, Bergrecht, Aachen 2000 (Aachener Studien zur älteren Energiegeschichte, 7).

(8)Demarteau, J.-E. [Joseph]: La Violette. Histoire de la maison de la Cité à Liège, in: Bulletin de l’Institut archéologique liégeois 21 (1888) S. 297-456 mit Abb. vor S. 297. - Kurth, Godefroid: La Cité de Liège au Moyen-Age, 3 Bde., Brüssel/Lüttich 1910. - Vercauteren, Fernand: Luttes sociales à Liège (XIIIe et XIVe siècles), Brüssel 21946 (Collection Notre passé). - Lejeune, Jean: Liège et son pays. Naissance d’une patrie, XIIIe-XIVe siècle, [Lüttich] 1948 (Bibliothèque de la Faculté de Philosophie et Lettres de l’Université de Liège, 112). - Lejeune, Jean: Liège. De la principauté à la métropole, Antwerpen 31974. - Histoire de Liège, hg. von Jacques Stiennon, Toulouse 1991. - Kranz, Horst: Lütticher Steinkohlenbergbau im Mittelalter. Aufstieg, Bergrecht, Unternehmer, Umwelt, Technik, Aachen 2000 (Aachener Studien zur älteren Energiegeschichte, 6). - Demoulin, Bruno, Kupper, Jean-Louis: Histoire de la principauté de Liège de l’an mille à la Révolution, Toulouse 2002. - Jozic, Daniel: Liège entre guerre et paix. Contribution à l’histoire politique de la Principauté de Liège 1744-1755, Lüttich 2013 (Série Histoire). - Les institutions publiques de la principauté de Liège 980-1794, hg. von Sébastien Dubois, Bruno Demoulin und Jean-Louis Kupper, 2 Bde., Brüssel 2012 (Archives Générales du Royaume et Archives de l’État dans les provinces, Studia, 133). - Histoire de Liège, hg. von Bruno Demoulin, Brüssel/Lüttich 2017. - Simon Reuter: Revolution und Reaktion im Reich. Die Intervention im Hochstift Lüttich 1789-1791, Münster 2019 (Verhandeln, Verfahren, Entscheiden, 5).

Harm von Seggern