(1) Neben ihrer Kathedralstadt und Residenz verfügten die Bischöfe von Lüttich seit dem Hochmittelalter über zwölf weitere Aufenthalts- und Rückzugsorte, zu denen auch das 956 erstmals erwähnte S. zu zählen ist. S. liegt etwa neun Kilometer maasaufwärts im Südwesten von Lüttich in einer von Flusssedimenten gebildeten Ebene. In S. gab es seit dem Episkopat Bischof Heinrichs von Verdun (†1091) eine 1084 erstmals genannte, vermutlich zur Sicherung des Verkehrs auf der Maas angelegte Burg, die wohl unter dem Elekten Johann von Bayern (†1425) erweitert, sodann unter Kardinal Eberhard von der Mark (1506-1538) ausgebaut wurde. Um die Burg bildete sich eine Siedlung, die zu einem größeren Dorf heranwuchs. Zwischen 1730 und 1780 fungierte S. als der beliebteste Aufenthaltsort der Lütticher Fbf.e, die in mehreren Umbauphasen ein imposantes Schloss errichteten. Unter der Besatzung durch französische Revolutionstruppen wurde im Schloss das Krankenhaus »Égalité« eingerichtet. 1817 erwarben die Industriellen John und James Cockerill das Schloss.
(2) Zur Zeit der ersten Erwähnung zur Mitte des 10. Jahrhunderts gehörte S. zur Grafschaft Huy, östlich schloss sich die Großgrundherrschaft Avroy an. Bald nach der Ersterwähnung kam S. zunächst zum Tafelgut des Lütticher Bf.s, bald darauf zum direkten Herrschaftsgebiet, in welchem der Bischof die Regalien ausübte. 1155 gehörte S. zum Bestand der Güter, deren Besitz Kaiser Friedrich Barbarossa dem Lütticher Bischof bestätigte, wobei dem Ort eine advocatia beigelegt wurde, im weitesten Sinne eine Vogtei, womit Bezug genommen wurde auf einen (wohl adligen) bfl.en Vertreter bzw. Amtmann, dessen Kompetenzen nicht klar sind. Aufenthalte von Bf.en in S. sind unter Jean d’Eppes (†1238) und Theobald von Bar (†1312) durch hier ausgestellte Urkunden belegt. Häufiger erscheint S. unter dem Elekten Johann von Bayern (1390-1418), dem S. als Rückzugsort vor den aufständischen Lüttichern diente. Der Ort blieb ländlich geprägtes Pfarrdorf, dessen ökonomische Hauptaufgabe in der Versorgung des bfl.en Palasts in Lüttich und im 18. Jahrhundert in S. selbst mit land- und forstwirtschaftlichen Produkten lag. Als Dorf war S. aber nicht ganz unbedeutend: Gegen Ende des 18. Jahrhunderts bzw. um 1800 gab es zwei Brauereien und zwei Mühlen. Der Fischfang auf der Maas diente zur Versorgung des bfl.en Hofs. Die durch Johann Theodor von Bayern (1744-1763) betriebene Anlage der Reitbahn und der Wohnflügel für die Hofdiener und Wachen zwischen Schloss und Dorf verdeutlicht die von diesem Fbf. beabsichtigte scharfe Trennung von höfischem und dörflichem Areal, auch wenn die Dorfkirche sich baulich an das Schloss anfügte.
(3) Bereits die Burg, wohl ein Donjon, erhielt von Bischof Heinrich von Verdun (1075-1091) eine Kapelle, was zeigt, dass die Burg mehr als nur eine reine militärische Bedeutung hatte, zumal er einen Geistlichen aus seiner Verwandtschaft als Pfarrverweser einsetzte; ein Taufbecken des frühen 12. Jahrhunderts zeigt, dass die Kapelle wohl pfarrgemeindliche Funktionen für die Bewohner der zum bfl.en Tafelgut gehörenden Grundherrschaft besaß, eventuell auch schon für die östlich S. gelegene und im 10. Jahrhundert bezeugte Großgrundherrschaft Avroy. Reste eines Kirchturms, die sich in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts datieren lassen, sind archäologisch-baugeschichtlich nachgewiesen. Die Befestigungswerke wurden erst unter Eberhard von der Mark (1506-1538) ab 1510 wieder zu errichten begonnen.
(4) S. wurde in der ausführlichen Beschreibung der Niederlande durch den sich in Antwerpen aufhaltenden Florentiner Ludovico Guicciardini (1521-1589) erwähnt als »Burg« (fortezza).
Eine Zeichnung Remacle Leloups (1708-1746), wiedergegeben in den »Délices du païs de Liége«, zeigt das bischöfliche Schloss im Zustand des Zeitraums 1731 bis 1738, d.h. des Baus aus dem frühen 16. Jahrhundert inklusive des unter Fbf. Georg Ludwig von Berghes (1724-1743) errichteten Pavillons. Dieser Pavillon bildete den ersten Teil des Ehrenhofs, der in der Folge durch den Ausbau der Anlage zum großzügigen Schloss entstand. Für die Errichtung des Schlosses unterstützte Fbf. Georg Ludwig von Berghes die Gemeinde dabei, die Pfarrkirche westlich der alten Kirche aufzubauen. Anstelle der Kirche konnte nun ein weiterer Pavillon errichtet werden und der Zugang zum östlich gelegenen, wohl gleichzeitig anlegten Garten geschaffen werden. Das etwa 1755 angefertigte Gemälde vom Hofmaler Paul-Joseph Delcloche (1716-1755) »Concert donné à la cour de Jean-Théodore de Bavière« (heute München, Bayerisches Nationalmuseum) legte dieses nahe. Johann Theodor von Bayern (1744-1763) betrieb in S. eine prunkhafte Hofhaltung, das Schloss ließ er deutlich erweitern. Auf einem Stich des 19. Jahrhunderts ist die gesamte Anlage zu erkennen (Teile 1917 in Brand gesteckt, anschließend nur teilweise wiederaufgebaut), zudem auch den Karmeliterkonvent auf dem gegenüberliegenden Maasufer zeigend. Unter seinem Nachfolger Franz Karl von Velbrück (1772-1784) wurde der von Eberhard von der Mark errichtete Bau abgerissen und der Westpavillon errichtet, einem Gegenstück zu dem von Georg Ludwig von Berghes, womit das Schloss nun eine Länge von 87 m mit einer einheitlichen, symmetrischen Fassade erreichte.
(6) Als Ort einer bfl.en Burg, Sitz eines Amtsmanns und Standort einer Pfarrkirche war S. wohl bedeutender als ein rein dörflich-agrarischer Ort. S. war ein nah gelegener Rückzugsort für die Lütticher Kirchenfürsten bei den zahlreichen Unruhen in der Großstadt während des Spätmittelalters und in der Revolutionszeit ab 1789. Im 18. Jahrhundert diente das Schloss für mehrere Jahrzehnte als Sommerresidenz.
S. erlebte im beginnenden 19. Jahrhundert ein deutliches Wachstum, als im Rahmen der Industrialisierung zwei größere metallverarbeitende Betriebe gegründet wurden.
(7) Urkunde von 956: Piot, Charles: Cartulaire de l’abbaye de Saint-Trond, Brüssel 1870, S. 9-10, Nr. 6 (vom Herausgeber fälschlicherweise mit »villa Seran«, einem Ort bei Verlaine im Haspengau verwechselt).
La Descrittione di Lodovico Guicciardini patritio fiorentino di tutti i Paesi Bassi altrimenti detti Germania inferiore, parue à Anvers en 1567, im Internet verfügbar als Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek unter https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb11196895_00018.html oder als Digitalisat der Universität Bologna unter https://amshistorica.unibo.it/185.
(8)Waha, Michel de: La maison seigneuriale. Un phénomène de longue durée, in: Bulletin de la Commission royale des Monuments, Sites et Fouilles 20 (2008) S. 7-26. - Renardy, Christine, Montoulieu, Jean: Le château Cockerill à Seraing. Témoin d’une aventure industrielle de 200 ans, Namur 2017 [mit Bibliographie].