Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800)

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(Hanau-)Steinheim

(Hanau-)Steinheim

(1) Der Ort S., auch S. am Main, ungefähr in südlicher Richtung gegenüber von Hanau am linken Mainufer liegend, wurde vermutlich im Frühmittelalter als fränkische Siedlung gegründet. Zu unterscheiden ist zwischen dem nordwestlich, in einem Mainbogen gelegenen Nieder-S. (dem heutigen Klein-S.) und einem südöstlich gelegenen Ober-S. (Groß-S. bzw. S.); beide Orte wurden erst im 20. Jahrhundert zusammengeführt und sind heute Teil von Hanau. Der Hof der Mainzer Erzbischöfe befand sich in Ober-S., das als Zent verschiedenen Dörfern vorstand. Durch den Main und die Geleitstraße zwischen Hanau und Frankfurt am Main besaßen Ober- und Unter-S. günstige Anbindungen zu umliegendem Land und Städten. 1222, im Jahr seiner ersten Nennung, gehörte S. den Herren von Eppstein, bis 1330 verfügten zudem die Grafen von Katzenelnbogen über einen Teil der Gemarkung. Schließlich gelangte S. 1425 durch Kauf an den Mainzer Erzbischof Konrad III. von Dhaun (reg. 1419-1434). Mehrmals fungierte S. als Residenz der Erzbischöfe Diether von Isenburg (reg. als Kurfürst 1459-1461, 1475-1482) verzichtete nach der Mainzer Stiftsfehde zugunsten seines Konkurrenten Adolfs II. von Nassau (reg. 1461-1475) auf den Ebf.sstuhl und erhielt 1463 im Gegenzug eine kleine Herrschaft mit S., wo er bis zu seiner Wahl zum Erzbischof 1475 residierte. Die Stadt blieb ein von den Mainzer Kurfürsten bis Ende des 16. Jahrhunderts regelmäßig frequentierter Residenzort, wobei gerade Albrecht von Brandenburg (reg. 1514-1545) die Stadt häufig aufsuchte. Im 17. und 18. Jahrhundert kam es noch zu wenigen einzelnen Aufenthalten von Kurfürsten in der Stadt. S. blieb bis zu den Koalitionskriegen in kurmainzischem Besitz, mit kurzen Intermezzi in verschiedenen Kriegen. 1802 wurde S. Teil der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt.

(2) Viele Entwicklungsschritte von rechtlicher Bedeutung für Ober-S. erfolgten im 14. Jahrhundert unter den Herren von Eppstein. Stadtrecht erhielt Ober-S. 1320. Schätzungen der Einwohnerzahlen schwanken zwischen ungefähr 300 und 900; nach dem Dreißigjährigen Krieg soll die Einwohnerschaft insgesamt 120 Personen umfasst haben, gegen Ende des 18. Jahrhunderts etwa 900. Gelegentlich kam es seitens des Hofs zu einer stärkeren Zuwanderung, seien es hochrangige Amtsträger oder Künstler. Genannt werden können der kurmainzische Hofamtsträger Frowin von Hutten (†1529) und der Hofmaler Matthias Grünewald (†1528/1531). Albrecht von Brandenburg ließ um 1540 seine Bibliothek von Aschaffenburg nach S. bringen. Den zeitweilig entgegengesetzten Weg ging der S.er Pfarrer Johannes de Indagine (1464-1537), der 1519 zur Vorbereitung der Kaiserwahl dem Mainzer Kurfürsten als Hofastrologe diente.

Als Gewerbe - häufig zünftig organisiert - sind zu nennen die Basaltsteingewinnung, das Fährwesen, die Fischerei, die Ziegelproduktion sowie seit dem 18. Jahrhundert der Tabakanbau. Bis in das 16. Jahrhundert wurde Wein angebaut. Ein wesentliches Handelszentrum war S. nicht. Wirtschaftlich bildeten die Mainzer Kurfürsten und ihr Hof einen wichtigen Faktor. Während ihres Aufenthalts in S. mussten sie und ihre Gefolge mit Lebensmitteln und anderen Gütern versorgt werden. In der Rolle der Bauherren beschäftigten die Kurfürsten einheimische Handwerker. Verschiedene Gewerke wie Bäckereien, Maurereien, Schreinereien und Weißbindereien entstanden als Zulieferer für den kurmainzischen Hof. Allerdings griffen die Kurfürsten bei Bauten in S. auch auf fremde Personen zurück. So ließen sich Konrad III. von Dhaun (reg. 1419-1434) und Dietrich von Erbach (reg. 1434-1459) von Baumeistern aus Frankfurt am Main bei dem Ausbau des S.er Schlosses beraten. Darüber hinaus profitierte die Bürgerschaft auch von den von den Kurfürsten verliehenen Privilegien wie dem unter Uriel von Gemmingen (reg. 1508-1514) erlaubten Weinschank.

(3) Wichtig waren die Kirchen St. Nikolaus in Nieder-S. und St. Johann Baptist in Ober-S., 1329 als Stadtkapelle erbaut. Dominierend war zunächst St. Nikolaus als Pfarrkirche S.s sowie der umliegenden Orte Großauheim, Klein-Auheim und Hainstadt. 1449 übertrug Erzbischof Dietrich von Erbach St. Johann Baptist die Pfarrrechte von St. Nikolaus. Die Ober-S.er Stadtkapelle wurde in der Folge erheblich ausgebaut. Sie diente den Mainzer Ebf.en als Residenzkirche. Die Pfarrei gehörte dem Erzbistum Mainz, Landkapitel Rodgau des Archidiakonats St. Peter und Alexander zu Aschaffenburg an. Patronatsrecht über die Stadtpfarrei besaß die Benediktinerabtei in Seligenstadt. So rekrutierten sich auch mit einer Ausnahme die Stadtpfarrer im Zeitraum 1628-1771 aus dem Benediktinerorden. Dies galt häufig auch für die Stadtkapläne. In St. Johann Baptist fanden wichtige Ordinationen statt - 1483 wurde in der Kirche der Abt von Sponheim durch den Mainzer Administrator Adalbert III. von Sachsen (reg. 1482-1484) geweiht. Weitere geistliche Einrichtungen stellten die 1431 gestiftete Schlosskapelle und die Kreuzkapelle auf dem Nieder-S.er Friedhof dar. S. besaß eine Wallfahrtstradition: 1507 stiftete die Stadt eine Prozession am Tag der Kreuzauffindung, dem 3. Mai, zur Kreuzkapelle. Für S. hatten die eintretende Reformation und die daraus erfolgenden Glaubensspaltungen keine einschneidenden Auswirkungen; es mag zu Kontakten mit dem protestantischen Glauben gekommen sein.

1335 erhielten die Herren von Eppstein die Erlaubnis, zehn jüdische Familien in S. aufzunehmen. Diese frühe Gemeinde überlebte vermutlich ein Pogrom infolge der Pest Mitte des 14. Jahrhunderts Allerdings ist unklar, ob die Gemeinde nach der von Erzbischof Adolf II. von Nassau 1470 veranlassten Vertreibung aller Jüdinnen und Juden aus dem Kurfürstentum fortbestand. Erst für das 17. Jahrhundert gibt es Hinweise auf die erneute Existenz von jüdischen Familien in der Stadt. Die Gemeinde durfte bis 1811 nicht außerhalb der sogenannten »Judengasse« siedeln.

(4) Ober-S. besaß baulich günstige Bedingungen für eine Nutzung als Residenz. Eine von den Herren von Eppstein genutzte und 1222 erstmals erwähnte Burg wurde im 15. Jahrhundert unter den Ebf.en Konrad III. von Dhaun und Dietrich von Erbach repräsentativ und wohnlich zum Schloss ausgebaut. Unter Kurfürst Daniel Brendel von Homburg (reg. 1555-1582) wurden neben der Errichtung zweier Amtshäuser der Bau des Marstalls intensiviert. Im weiteren Verlauf der frühen Neuzeit fanden weitere Umbauten sowie seit dem 18. Jahrhundert ein zunehmender Verfall und Abbau statt. 1799 wurde der Abbruch des Schlosses initiiert, der allerdings wenig später wieder eingestellt wurde.

Als weitere amtliche Bauten neben den beiden Amtshäusern sind das Brauhaus, der Fronhof, die Kellerei und die Zehntscheune zu nennen, wobei die letzten drei Einrichtungen bereits vor der Besitznahme durch Kurmainz errichtet worden waren. Auch das alte Rathaus als Sitzungsort des Stadtrats mit seinen zwei Bürgermeistern existierte schon vor der Nutzung Ober-S.s als ebf.er Residenz. Seine erste urkundliche Nennung fand es im Jahr 1376. 1761 brannte es ab. Der Bau des neuen Rathauses (Grundsteinlegung 1773) zeigt, dass auch lange nach der Aufgabe als Residenz eine enge Verbindung zwischen Stadt und Stadtherrn bestand: Letzterer schenkte der Stadt ein Grundstück zur Bebauung. Eine Ober-S. umgebende Stadtmauer war im 14. Jahrhundert unter den Herren von Eppstein errichtet worden. Um 1700 wurden durch das Entstehen der westlichen S.er Vorstadt die Stadtgrenzen erweitert.

Das älteste überlieferte Siegel aus der Mitte des 16. Jahrhunderts liegt als Abdruck vor. Das zu erkennende Stadtwappen (ein Bischof mit einem gestürzten Schwert in seiner rechten Hand und einem ihm vorstehenden Wagenrad) soll bereits im 15. Jahrhundert verwendet worden sein; Bf.figur und Wagenrad weisen auf die enge Verbindung S.s mit Mainz hin.

Die früheste bekannte detailliertere Darstellung von S. stammt aus einem Mainzer Jurisdiktionalbuch des Jahres 1579, das sich im Staatsarchiv Würzburg befindet; die anonyme kolorierte Federzeichnung zeigt eine gesüdete Ansicht S.s und seiner Umgebung, wobei das Schloss mit dem Bergfried die Darstellung dominiert. Zu erkennen ist auch St. Johann Baptist. Schloss und Stadtkirche sind ebenfalls in den Kupferstichen in Daniel Meisners und Eberhard Kiesers »Thesaurus Philopoliticus« (1626) sowie in Matthäus Merians der Ältere »Topographia Archiepiscopatuum Moguntinensis Trevirensis et Coloniensis« (1646) prominent hervorgehoben.

(5) Die Zentralität S.s drückte sich darin aus, dass die Stadt Amtssitz für einen Sprengel vor allem links des Mains war. Kompetenzen der Gerichtsbarkeit gingen im Laufe des 15./16. Jahrhunderts zunehmend von der Benediktinerabtei in Seligenstadt auf das Mainzer Erzstift über. Seit Ende des 17. Jahrhunderts lagen im Amt S. beinahe alle obrigkeitlichen und gerichtlichen Kompetenzen bei den Mainzer Kurfürsten, die auch Zugriff auf das in Ober-S. befindliche Zentgericht, später das Landgericht, hatten. Das Seligenstädter Abtsgericht in Nieder-S. wurde dagegen bereits um 1500 aufgelöst. Zum Ende des 18. Jahrhunderts kam S. innerhalb des Kfm.s noch einmal eine größere Bedeutung zu, als das Amt S. 1782 zum Oberamt ernannt wurde. Die Stadt besaß eine Scharnierfunktion im Kurfürstentum Die Rolle der kurmainzischen Residenz im 15. und 16. Jahrhundert teilte sich Ober-S. mit den Plätzen Mainz, Aschaffenburg und Eltville. Die Stadt spielte zudem als dem protestantischen Hanau gegenübergelegener katholischer Ort eine gewisse Rolle. So besuchten katholische Gläubige aus Hanau im 18. Jahrhundert die Messe in S.

(6) Dass die kleine Stadt Ober-S. Residenzort eines der wichtigsten geistlichen Fürsten des Alten Reichs werden konnte, hatte sie der Tatsache zu verdanken, dass die Mainzer Erzbischöfe für eine lange Phase während des Spätmittelalters die Macht über ihre Domstadt verloren hatten. Dass sie auch nach der Rückgewinnung dieser Macht 1462 noch über hundert Jahre Ober-S. gelegentlich als Residenz nutzten, lag an ihrem verstreut liegenden Territorium.

Die wenn auch spärliche Forschung zeigt ein überwiegend konfliktfreies Verhältnis zwischen den Kurfürsten und ihrem Hof auf der einen und der Stadtgesellschaft auf der anderen Seite. Insgesamt schien die S.er Wirtschaft erheblich von den örtlichen Bauvorhaben und der Hofhaltung der Mainzer Erzbischöfe profitiert zu haben. Die Kurfürsten nahmen wiederum mithilfe der Stadt als Sitz eines Amts bzw. Oberamts wichtige Regierungskompetenzen wahr. Zudem kam es zu einem Kommunikations- und wohl auch Personalaustausch zwischen Mainzer Hofleuten sowie S.er Amtsträgern und Pfarrern. Im Gegensatz zu anderen Residenzorten entfremdeten sich Stadtherr und Stadt während der Reformation und Konfessionalisierung nicht, die S.er Bevölkerung blieb katholisch. Ein konstruktives Verhältnis zwischen S. und seinem Landesherrn bestand auch, als Ober-S. seit etwa 1600 nicht mehr als Residenzort fungierte.

(7) Verfassungsgeschichtlich erweisen sich vor allem die vom Steinheimer Keller Adam Bernhard Jordan Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts niedergeschriebenen zwei Salbücher, die sich im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt befinden, als wichtige Quellen. Weitere Handschriften, die Aufschluss über die Geschichte Steinheims geben, stammen häufig von Seligenstädter Benediktinern und befinden sich im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt und im Stadtarchiv Mainz.

Magazin für Geschichte, Statistick, Litteratur und Topographie der sämtlichen deutschen geistlichen Staaten. Band. 1, hg. von Peter Adolph Winkopp, Johann Daniel Albrecht Höck, Zürich 1790. - Würdtwein, Stephan Alexander: Dioecesis Moguntina in Archidiaconatus distincta et commentationibus diplomaticis illustrata. Band 1, Mannheim 1769.

(8)Imgram, Leopold: Geschichte der Stadt Steinheim am Main. 2 Bd.e, Offenbach/Main [1958]. - Mischler, Eduard: Die Wappen in Steinheim am Main, in: Studien und Forschungen. Kreis Offenbach 11 (1965) S. 325-346. - 650 Jahre Stadtrechte Steinheim, hg. von der Stadt Steinheim am Main, Steinheim/Main 1970. - Imgram, Leopold: Geschichte der katholischen Pfarreien St. Johann und St. Nikolaus in Steinheim am Main, Steinheim/Main 1972. - Kaiser, Wilhelm Bernhard: Steinheim. Denkmäler und Geschichte, Hanau-Steinheim 21991. - Bünz, Enno: Steinheim, in: Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich, Bd. 1: Ein dynastisch-topographisches Handbuch. Teilband. 2: Residenzen, hg. von Werner Paravicini, bearb. von Jan Hirschbiegel und Jörg Wettlaufer, Stuttgart 2003 (Residenzenforschung, 15, 1, 2), S. 550-551. - Bünz, Enno: Residenzen der Mainzer Erzbischöfe im späten Mittelalter. Mainz - Aschaffenburg - Steinheim - Eltville, Eltville 2009 (Eltviller Druck, 51). - Henke, Ernst: Geschichte der Juden der Stadt Steinheim am Main, Hanau 2003.

Markus Laufs