(1) Die Stadt R. entstand im 13. Jahrhundert auf einer sandigen Höhe inmitten einer sumpfigen Niederung der Ems im Schutz der im Jahr 1100 erstmals erwähnten Burg Rietbike, die den Grafen von Werl-Arnsberg zugehörte. Diese fungierten in diesem Gebiet als Vögte der Bischöfe von Paderborn. Die eigenständige Grafschaft Rietberg entstand 1237 in Folge einer dynastischen Teilung der Arnsberger Grafen, durch die die Güter nördlich der Lippe Konrad zugesprochen wurden, der sich danach als erster comes de Retberg nannte. Er trieb Gründung und planmäßige Anlage der Stadt R. voran. Der Name bedeutet soviel wie Burg im Schilf; die heutige Namensform entstand im 18. Jahrhundert Die Grafen bemühten sich, ihr vergleichsweise kleines Territorium (zuletzt neben der Stadt R. aus zwölf Bauerschaften bestehend) durch die Übernahme einzelner Landgebiete von benachbarten Herren zu erweitern. 1456 musste die Lehnsherrschaft der Ldgf.en von Hessen anerkannt werden. Mit dem Tod Graf Johanns II. (†1562) und dessen Tochter Walburgis (†1586) endete die Arnsberger Linie, es folgte ihr Ehemann Graf Enno III. von Ostfriesland, doch verzichtete dieser 1600 auf die Herrschaft in R. Die Grafschaft R. fiel an seine Tochter Sabina Catharina, die 1601 Graf Johann III. von Ostfriesland ehelichte und mit ihm die katholische Linie des Hauses Cirksena begründete. Mit dem Tod von Graf Franz Adolf Wilhelm (1690), dem letzten männlichen R.er Grafen aus dem Hause Ostfriesland, wurde die Hofhaltung in R. aufgehoben. Durch Heirat der Erbin Maria Ernestine Franziska von Ostfriesland und Rietberg mit dem mährischen Grafen Maximilian Ulrich von Kaunitz im Jahr 1699 fiel die Grafschaft 1702 an dieses in Diensten Habsburgs stehende Geschlecht, das die Regierungsgeschäfte in R. durch Amtsträger wahrnehmen ließ. Die Zugehörigkeit zur österreichischen Seite hatte Folgen im Siebenjährigen Krieg 1757-1763, als R. von Preußen und dessen Verbündeten besetzt wurde. Von 1795 an war R. Rückzugsort der Stiftsdame Maria Antonetta von Kaunitz-R., die das Damenstift im belgischen Mons nach der Besetzung durch französische Revolutionstruppen hatte verlassen müssen. 1807 wurde die Grafschaft R. als eigenständiges Herrschaftsgebilde aufgehoben, 1815 kam sie zu Preußen.
(2) Die für das 12. Jahrhundert anzunehmende Handwerkersiedlung westlich der Burg wurde nach 1237 durch einen zwischen der Ems und der Pfarrkirche gelegenen Straßenmarkt mit beidseitiger Besiedlung (heute Rügenstraße) planmäßig ausgebaut. Pfarrkirche und Rathaus befinden sich auf der höchsten Erhebung in der Mitte der Stadt an der späteren Hauptdurchgangsstraße (heute Rathausstraße). Mithilfe eines Grabens konnte die Siedlung in das von der Ems gespeiste Befestigungssystem der Burg einbezogen werden. Bis zum 19. Jahrhundert verfügte die Stadt über zwei Tore, zum einen das Nordtor, das auf einer Flussinsel eine Überquerung der Ems bot und wo sich die Wege von Münster (westlich) und Bielefeld (nordöstlich) trafen, zum anderen das Südtor, aus dem der Johannesweg hinaus führte, der sich außerhalb R.s nach Paderborn (östlich) und Lippstadt (südlich) aufteilte. Burgmannen und Ministerialen siedelten teils innerhalb der Burg, teils in unmittelbarer Nähe oder in den umgebenden Bauerschaften. Zu einer Umgestaltung des Stadtgrundrisses kam es anlässlich einer Erbteilung 1302, als ein zweiter gfl.er Wohnsitz (Münte genannt, ndt. für Münze) geschaffen wurde (gelegen an der heutigen Müntestraße), der später als Vogtei, Ministerialensitz, Drostei, Münze und als gräfliche Regierung genutzt wurde. In der Folge wurde westlich und quer zum Straßenmarkt, der Rügenstraße, die Lange Straße (heute Rathausstraße) angelegt, womit die Grundlage geschaffen war für die Entstehung von vier ungefähr gleich großen Vierteln, die gemeinsam einen Rundling bilden konnten, wie es ihn wohl erst zu Beginn des 15. Jahrhunderts vollständig gegeben hat. Die bis 1800 gleichbleibend als »1.«, »2.«, »3.« und »4. Viertel« bezeichneten Quartiere mit weitgehend konstanter Zählung der Wohnhäuser bildeten verwaltungsmäßige Einheiten bspw. für Einwohnerzählungen. Zu einer geringfügigen Stadterweiterung kam es nahe des Südtores nach Schleifung der Wälle 1557 im Zuge einer Reichsexekution gegen Graf Johann II. Die nach 1563 wiedererrichteten Befestigungsanlagen umschlossen zunächst ca. 150 Hausstellen. Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde durch eine Erweiterung des südlichen Rings und eine Verdichtung vorwiegend im Bereich des Klingenhagens im 1. Viertel dem steigenden Wohnraumbedarf Rechnung getragen. 1726 gab es auf einer Fläche von 14 ha 226 Häuser, 1800 250 Hausstellen. Die Einwohnerzahl schwankte zwischen 700 und 800, um 1800 lag sie bei 1400. 1682 sind für ca. 200 Hausstellen 517 Rinder verzeichnet, was auf intensive landwirtschaftliche Tätigkeit verweist.
Wohl schon bei der Gründung um 1240 mit Lippstädter Recht ausgestattet, ist seine Geltung erstmalig 1374 belegt (bis 1662 vom Stadtherrn immer wieder bestätigt). Bei der ersten urkundlichen Erwähnung als Stadt 1289 werden sechs Ratmannen, zwei Bürgermeister und ein Stadtrichter genannt, der mit Zustimmung der Bürger vom Grafen eingesetzt wurde. Der sich durch Kooptation ergänzende Rat wurde im 15. Jahrhundert einschließlich der zwei Bürgermeister auf zwölf Mitglieder erweitert, im 18. Jahrhundert wieder auf zehn reduziert. Im 16. Jahrhundert alternierten ein amtierender und ein ruhender Rat. Bis zur Abschaffung der Freigerichtsbarkeit 1698 waren die Ratmannen auch Freischöffen im gfl.en Freigericht (Land- oder Gogericht). Die Bürgermeister wurden bis ins 17. Jahrhundert jährlich direkt auf einer Bürgerversammlung gewählt. Spätestens seit 1687 geschah dies durch ein indirektes Verfahren mit Hilfe von Wahlmännern und vier Deputierten aus den vier Vierteln. Eine vom Landes- und Stadtherrn erlassene Wahlordnung von 1709 blieb bis 1808 gültig. Als es ab 1456 ein zusätzliches Lehnsverhältnis gegenüber dem Ldgf.en von Hessen gab, bestand eine weitere Huldigungspflicht von Rat und Gemeinde. Die weite Selbständigkeit, die die Stadt im 15./16. Jahrhundert besaß, als sie das herrschaftliche Stadtrichteramt zugunsten der Ratsgerichtsbarkeit zurückdrängen konnte, verlor sie nach einem Aufstand der Bürger 1568 (Widerstand gegen Schmälerung der städtischen Feldmark), in dessen Folge das Amt des gfl.en (regierenden) Bürgermeisters geschaffen wurde, der ab 1587 auch das wiedererstarkte herrschaftliche Stadtrichteramt ausübte; der städtische Bürgermeister musste in seinen Kompetenzen weit zurücktreten. Einschränkungen der städtischen Kompetenzen bedeuteten die neue Polizeiordnung von 1629, welche die Landespolizeiordnung von 1566 ersetzte, der zwischen Stadt und dem Grafen geschlossene Vertrag von 1753, der dem Rat nur noch die Verfolgung kleinerer Vergehen und Verstöße gegen den Stadt- und Marktfrieden zugestand, bis schließlich 1786 dem Rat die Zuständigkeiten für Wirtschaft, Sicherheit und Soziales zugunsten des gfl.en Bürgermeisters, jetzt zum Stadtamtmann umbenannt, entzogen wurden.
Im Laufe der frühen Neuzeit war die Stellung der Gemeinde auf Kosten des Rats zunächst weiter erhöht worden. Zwischen 1474 und 1650 dominierten Mitglieder aus den Familien Doding, Fischer und Sprick die Besetzung der Rats- und untergeordneten Stadtämter. Überwiegend aus auswärtigen Familien rekrutierten sich im 17. und 18. Jahrhundert die dem Drosten unterstehenden höheren gfl.en Amtsträger (in der Regel zwei Regierungsräte, je ein Kammerrat, Regierungssekretär, Forstmeister und der oben genannte Regierungsbürgermeister). Diese Ämter kamen Mitgliedern der Familien Affeln, Nagel, Münch, Reinking, Pelizaeus, Meinders und teils de Prato gleichsam wie im Erbgang zu; einfache Hofämter wie das des Kanzleipedells konnten mit R.er Personen besetzt werden. Bestrebungen der Bürgerschaft, zu Beginn des 16. Jahrhunderts nach Lippstädter Vorbild Zünfte oder Gilden einzurichten, kamen nicht zum Tragen. 1768 gab es 112 Handwerker (u.a. 19 Leineweber, je ein Goldschmied, Kupferschmied, Gelbgießer und Knopfmacher, 15 Kaufleute und Händler, zehn Dienstleister wie Fuhrleute, Schäfer, Gastwirte, und 29 Tagelöhner), was der Struktur anderer Landstädte entspricht. 1792 wurde eine Möbelfabrik gegründet, die Oberschichthaushalte im Münsterland und östlichem Westfalen belieferte, aber nicht die eigene Landesherrschaft.
Seit Entstehung besaß R. das Marktrecht, die Grafen behielten sich hingegen das Zoll-, Münz-, Fisch- und Mühlenrecht vor. 1524 ist ein Jahrmarkt belegt, 1589 zählte R. vier dreitägige Jahrmärkte, 1607 waren es fünf. 1663 werden ein Stoppel- (also Herbst-) und ein Katharinenmarkt erwähnt, 1752 kam ein weiterer hinzu. 1792 bat die Stadt erfolgreich um Gewährung eines Horn- und Rindermarktes. Einnahmen bezog die Stadt aus dem Grund- und Erbzins für Parzellen in der Stadt, dem Pachtzins (in Naturalien: Morgenkorn und Hühner) für Grundstücke in der städtischen Feldmark sowie aus den vom Stadtrichter verhängten Strafgeldern. Aus Verbrauchssteuern und anderen Gebühren wurden Kosten für Wegebau, Befestigungsanlagen und Gewässerschutz bestritten. Eine Hofapotheke gab es seit 1652, wenig später ist ein Arzt belegt. Ein akademischer Landphysikus wurde erstmalig 1781 berufen, ihm unterstand das Gesundheitswesen in Stadt und Gft.
(3) Der Ursprung der Stadtpfarrei St. Johannes Baptist dürfte in der für das 11. Jahrhundert anzunehmenden Burgkapelle liegen, aus der im 12. Jahrhundert eine gräfliche Eigenkirche hervorging, die spätestens mit der Stadtwerdung nach 1237 Pfarrrechte erhielt; ein Pleban wird 1240 erwähnt, 1256 ein Kaplan der gfl.en Burgkapelle. Das Patronatsrecht lag beim Grafen, kirchlich gehörte sie unter das Archidiakonat des osnabrückischen St. Ägidii-Stiftes in Wiedenbrück, zu welchem auch die bereits 1185 bezeugte, nördlich R.s gelegene Kirche St. Margareta in Neuenkirchen gehörte (das Kirchspiel Neuenkirchen umfasste den größten Teil der Grafschaft, die Abpfarrung R.s dürfte in den 1230/40er Jahren geschehen sein). Die anstelle der Burgkirche 1464 neu errichtete Schlosskapelle hatte noch im 18. Jahrhundert Rechte des Bf.s von Paderborn zu beachten. Im 14./15. Jahrhundert sind eine Heilig-Kreuz- und Annenvikarie belegt, 1452 stiftete der Graf einen Marienaltar und rief die auch als Schulvikarie gegründete Marienvikarie ins Leben. Beide Einrichtungen wurden 1654 von Graf Johann IV. (†1660) nach den Namenspatronen seiner Eltern als Johannesvikarie und Katharinenvikarie neu gestiftet. Wohl im ausgehenden 14. Jahrhundert entstandene Antonius-, Fronleichnams- und Rochus-Bruderschaften, die noch 1512 erwähnt werden, überdauerten die Zeit der Reformation nicht. Seit den späten 1520er Jahren machte sich wohl über Lippstadt aufgenommenes lutherisches Gedankengut breit, das sich 1535 mit den durch den Landesherrn berufenen Pfarrern an der Stadt- und an der Schlosskirche durchsetzte. Graf Otto IV. (†1553) beabsichtigte mit hessischer Hilfe eine lutherische Kirchenordnung zu erlassen, was den innerdynastischen Widerstand seines Stiefbruders Johann II. (†1562) auslöste. Stadt und Bürgerschaft sind als treibende Kräfte nicht zu erkennen, sie setzten sich für die zu wahrende Landeseinheit ein. Tatsächlich erlassen wurde die Kirchenordnung dann 1574 durch Graf Erich von Hoya, der 1568 die R.er Erbtochter Armgard (†1584) geheiratet hatte. Nach dem Wechsel Graf Johanns III. (†1625) zum katholischen Glauben wurde R. durch Paderborner Jesuiten bekehrt. Im Zuge dessen wurde 1618 das Franziskanerkloster gegründet (1716 deutlich vergrößert). Am Ende der Gegenreformation gab es eine weitgehend eigenständige Kirchenverfassung mit dem Inhaber der Stadtpfarrei als Landdechanten an der Spitze. Die Franziskaner betreuten auch das 1743 gegründete Gymnasium und die Schlosskapelle. In der Krypta der Klosterkirche fanden 13 Mitglieder der gfl.en Familie ihr Grab, unter ihnen die die Klostergründer Johann III. und Sabina Catharina und ihr Sohn Ernst Christoph, als letztes Familienmitglied die Stiftsdame Maria Antonetta von Kaunitz-R. (†1805). Ursprünglich ließ die Familie sich im Kreuzgang des auswärtigen Zisterzienserklosters Marienfeld (heute Stadtteil von Harsewinkel) beisetzen.
Hinweise auf jüdisches Leben bietet der Nachname R. eines Bielefelder Juden (erwähnt 1370) und eines Gläubigers Graf Konrads IV. namens Isaak von R. (Schuldbrief von 1402) sowie der Judenfriedhof nahe des Südtors (belegt 1567 und später). Seit dem 17./18. Jahrhundert gab es eine Judengemeinde in Neuenkirchen, ob es eine Neugründung oder die Fortsetzung der R.er Gemeinde war, ist nicht zu entscheiden; in R. durften sie nicht wohnen.
(4) Zum herrschaftlichem Besitz gehörten neben der älteren Stadtburg und dem ursprünglich zweiten gfl.en Wohnsitz (Areal in der Müntestraße, später Haus Münte), ferner 1. die Stadtmühle am Nordtor (1302 erstmals erwähnt), 2. das 1655 geschaffene sogenannte Konduktionshaus (Sitz der gfl.en Rentei und Steuerbehörde, abgeleitet von Steuerpächter, Conductor) an der Rügenstraße, 3. ein Wohnhaus für gräfliche Beamte an der Rathausstraße, an dessen Stelle 1806/07 als erster profaner Massivbau in R. das herrschaftliche Gerichts- und Gefangenenhaus (das sog. Alte Gericht) errichtet wurde, sowie 4. das vom Grafen erst im 18. Jahrhundert zum Bau des von ihm gestifteten Gymnasiums Nepomucenum erworbene Grundstück in der Klosterstraße (1746 begonnen als vereinfachte Ausführung des »Neuen herrschaftlichen Hauses«, der Münte [s.u.]). Vor 1353 wurde der Herrschersitz in eine Burg außerhalb R.s verlegt (später »Schloss R.«), wodurch sich das Rathaus, die Pfarrkirche und das dem Rathaus gegenüberliegende gräfliche Konduktionshaus zum eigentlichen Mittelpunkt der Stadt entwickelten. Seit 1475 sind Rathäuser an derselben Stelle nachgewiesen (heutiger Bau von 1805). Der ursprünglich schlichte Fachwerkbau mit Freitreppe zu einem Bürger- und Festsaal im Obergeschoss beherbergte auch die Mädchenschule, Wohnungen für Stadtbedienstete und eine Arrestzelle. Das 1915 bei Restaurierungsarbeiten gefundene Allianzwappen R.-Salm-Reifferscheidt erinnert daran, dass sowohl das Rathaus als auch das sog. Alte Gericht (Nachfolgebau von Schloss R., der auch das gräfliche Archiv aufnahm) aus Steinen des 1803 abgerissenen Schlosses R. gebaut wurden. Die Stadttore (1841 niedergelegt) waren Doppeltoranlagen in Gestalt bäuerlicher Fachwerkhäuser, quer über die Straße gebaut. Nach der Residenzzeit entstand 1743-1746 als repräsentative Dreiflügelanlage (mit landesherrlichem Wappen über dem Portal) auf Geheiß des gfl.en »Gevollmächtigten« (so der Titel) Johann von Binder in der Müntestraße das »Neue herrschaftliche Haus« (Haus Münte), wie überhaupt während der Zeit als kaunitzsche Amtsstadt weitere Neuerungen vorgenommen wurden. U.a. wurde 1723 dem böhmischen Brückenheiligen Johannes von Nepomuk außerhalb der Stadt gegenüber der Schlossauffahrt eine Statue errichtet; der Inschrift nach stellten Graf Maximilian Ulrich und Gf.in Maria Ernestine Franziska ihr Schloss (Arce), ihre Stadt (Urbi) und ihre Grafschaft (Patriae) unter den Schutz des 1721 selig-, 1729 dann heiliggesprochenen Johannes von Nepomuk. Der Statue folgte 1748 als gräfliche Stiftung die spätbarocke Johanneskapelle. Ab 1749 kamen die sieben Bildstöcke des Johannes-Prozessionsweges von der Stadt zur Kapelle hinzu.
Von den zahlreichen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden des 16.-19. Jahrhunderts aus Fachwerk stammen nur vier aus der Zeit vor 1600. Zu erkennen ist eine soziale Segregation: Im Zentrum um Rathaus und Kirche wohnten die führenden Bürgergeschlechter, während sich die gfl.en Amtsträger bevorzugt in der Müntestraße ansiedelten, die ihren Namen von der dort im 17. Jahrhundert gelegen Münze (ndt. Münte) trug (im 18. Jahrhundert als Herrenstraße bezeichnet); 1745 wurde die gräfliche Regierung vom Schloss R. in das Haus Münte verlegt. Kleinbürgerliche Handwerker, Tagelöhner und weniger bemittelte Einwohner bewohnten überwiegend die äußeren Ringstraßen, was bis heute an der geringeren Grundstücksgröße und den bescheideneren Fachwerkhäusern des 17.-19. Jahrhunderts zu erkennen ist.
Das gräfliche Wappen findet sich mit einem auf 1483 datierten Wappenstein im Turm der Stadtpfarrkirche, der sicherlich älter ist. Daneben erscheint das Wappen auf dem 1629 geschaffenen Hochaltar, der Klosterkirche. Stadtpfarrkirche und Klosterkirche stellen zusammen mit dem außerhalb gelegenen Schloss die kennzeichnenden Bauwerke auf dem Stich von Matthäus Merian aus dem Jahre 1647 dar. Zahlreiche barocke Gartenanlagen, teils Nutzgärten, teils Lustgärten, sind auf der auf 1753 zu datierenden Karte des Leutnants Johann Gottfried Carlé entlang dem Johannesweg südlich vom Südtor ausgewiesen, der in die Feldmark zur Johanneskapelle, zur Huldigungslinde und zum ehemaligen Freistuhl an der Schlossauffahrt führt.
(5) Eine gewisse Bedeutung dürften die zahlreichen Jahrmärkte für die Region, d.h. für die Einwohner der kleinen Grafschaft, gehabt haben. Die genaue Herkunft der 27 fremden Boutiquen auf dem Johannesjahrmarkt 1752 ist nicht bekannt. Hingegen suchten R.er die Viehmärkte in Osnabrück, Bielefeld, Paderborn, Lippstadt, Warendorf, Rheda und Wiedenbrück auf. Die Bürger verfügten über landwirtschaftliche Nutzflächen im Umfeld der Stadt und hatten Anteil an den Hudegerechtigkeiten, die städtische Allmende bestimmte noch um 1820 das direkte, wenig besiedelte Umland. Hinweise zur Einbindung in überörtliche Strukturen gewähren die 60 überlieferten Bürgeraufnahmen aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, von denen ein bedeutender Teil Personen betraf, die den Bedarf des gfl.en Hofs an Bediensteten in Militär, Verwaltung und Versorgung deckten. Als Herkunftsorte werden Wiedenbrück, Rheda, Lippstadt, Beckum und Detmold angegeben, aus denen später auch akademisch gebildetes Personal einwanderte. Über die Stadt und über die Landesgrenzen hinaus wirkte das 1743 gegründete Gymnasium Nepomucenum, das, anfangs vom gfl.en Stifter ausdrücklich von Schulgebühren befreit, eigentlich für die Ausbildung der Kinder der gfl.en Amtsträger und höheren Bürger gedacht war, jedoch ungefähr die Hälfte der Schülerschaft aus der Fremde, vorwiegend aus dem Hochstift Paderborn, der Soester Börde und dem östlichen Münsterland, anzog; aus R. selbst kamen etwa 40%, aus den Dörfern der Grafschaft R. etwa 10%. Zur weiteren Ausbildung wechselten viele Schüler nach Paderborn an das Theodorianum. Erst im 18. Jahrhundert liehen einzelne reichere Bürger den Landesherren größere Summen.
(6) R. lässt sich als Kleinstadtresidenz verstehen, die als einzige Stadt eines kleinen Territoriums ungemindert alle notwendigen Funktionen zu erfüllen hatte. Stadt und Grafschaft lagen in eher ungünstiger Lage abseits wichtiger Verkehrswege und in Konkurrenz zu benachbarten größeren geistlichen Territorialherren, was sich in einer schleppenden Entwicklung (R. blieb weitgehend landwirtschaftlich geprägt) trotz der eigentlich vorteilhaften rechtlichen Ausgestaltung mit dem Lippstädter Stadtrecht ausdrückte. Gerade wegen der Kleinheit der Verhältnisse waren die Beziehungen zwischen Stadt und Hof vielfältig. 1690 endete die Zeit als Residenzstadt, unter den Grafen von Kaunitz-R. lässt sich R. als Amtsstadt verstehen, die nur gelegentlich von der Landesherrschaft aufgesucht wurde. Prägend war die barocke Umgestaltung durch Neubauten. Episode blieb die mit einer kleinen Hofhaltung versehene Anwesenheit der Stiftsdame Maria Antonetta von Kaunitz-R. 1795-1805.
(7) Die Archivalien zur Stadtgeschichte sind im Stadtarchiv Rietberg (StadtA Rietberg) zu finden, darunter 42 Urkunden von 1428-1804 sowie rund 2400 Akten des Bestandes A von 1561-1820 (mit Abschriften ab 1374). Ferner gibt es 70 Protokollbücher von 1662 bis 1808 (einige Lücken in der ersten und zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts), Bürgerlisten (1607, 1663, 1670, 1683, 1685, 1687, 1692, 1693, 1755/68) und Lager- und Grundsteuer-Katasterbüchern (jeweils um 1607, 1675, 1690, 1708, 1726/27, 1730, 1750, 1780, 1790, 1792, 1807). Kirchenrechnungen und Belege sind ab 1593, mit Schwerpunkt auf Zeit ab 1650. Stadtrezeptorrechnungen sind nahezu jahrweise von 1622-1808 erhalten, Schatzregister für 1624, 1635, 1636, 1637, 1638, 1664, 1676, 1678, Brandschatz 1635, Viehschatz 1697, Kopfschatz 1748, Hüsseltenzahlungen ab 1688, diverse Akziseregister- und Abgabezahlungen ab 1662. Sehr umfangreich sind die Lohnherrnrechnungen mit Belegen von 1600-1809 (261 Einzelakten), die Rechnungen des städtischen Armenfonds 1626-1825 (209 Titel) und die Notata zu den städtischen Rechnungen von 1669-1863 inklusive Einzelrechnungen. Neben Immobilienverkäufen und Übertragungen von 1672-1803 gibt es Unterlagen über den privaten Geldverkehr von 1661-1809. Sozialgeschichtlich interessant ist die Überlieferung des Stadtgerichts zu privaten und städtischen Prozessen wie Eheabredungen, Testamenten, Erbschaften u.s.w. 1636-1809 (rund 500 Titel). - Korrespondenzakten herrschaftlicher Provenienz mit Bezug zur Stadt befinden sich zum allergrößten Teil im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen (LAV NRW), Bestand Grafschaft Rietberg, Urkunden und Akten. Eine Reihe gräflicher Archivalien, die mit dem Erwerb der Grafschaft Rietberg 1822 durch Friedrich Ludwig Tenge in dessen Besitz gelangten, liegt im Privatarchiv Tenge-Rietberg (ATR) in Rietberg, darunter Urkunden von 1563-1836 sowie Akten von 1542-1821. Weitere Akten bewahrt das Mährische Landesarchiv Brünn (Moravský zemský archiv Brnĕ), Bestand G 236, Nr. 1131, Kaunitzsches Familienarchiv (Rodinný archiv Kouniců, RAK), auf. Zahlreiche Unterlagen mit Rietberg-Betreff sind weiterhin in den Akten des Staatskanzlers Fürst Wenzel Anton von Kaunitz-Rietberg in den Beständen der Hofkanzlei und der Hofkammer des Österreichischen Staatsarchivs in Wien finden. - Eine über 60 Objekte umfassende »Kaunitz-Rietberg-Sammlung« wird im Stadtarchiv Verl (StadtA Verl) aufbewahrt. Das Gebiet der heutigen Stadt Verl gehörte zur Grafschaft Rietberg. Die Sammlung bezieht sich auf den Fürsten Kaunitz und besteht hauptsächlich aus Kupferstichen, die Wenzel Anton gewidmet sind oder ihn, seine Familienmitglieder, seine Wohnsitze und seine Zeitgenossen zeigen; außerdem enthält sie Bücher aus der Bibliothek des Fürsten, zeitgenössische Veröffentlichungen über ihn, zwei Medaillen und weitere Objekte aus dem Besitz des Rietberger Stadt- und Landesherrn von 1746-1794.
Schwertener, Karl Philipp: Beiträge zur Verfassungs-, Wirtschafts- u. Rechtsgeschichte der Grafschaft Rietberg. Mit Uebersicht: Höfe (Vollerben, Halberben, Erbkotten, Markkotten) der Grafschaft und der Grundherrschaft Rietberg [darin: Chronik der Reichsgrafschaft Rietberg und Rietbergisches Landrecht von 1697], Weesp 1804, hg. und erläutert von Franz Flaskamp, Rietberg 1935 (Quellen und Forschungen zur Natur und Geschichte des Kreises Wiedenbrück, 17). - Die Bürgerlisten der Reichsgräflichen Landeshauptstadt Rietberg, hg. und erläutert von Franz Flaskamp, Tl. 1, 1635-1660, Tl. 2, 1662-1693, Gütersloh und Rietberg 1938 (Quellen und Forschungen zur Natur und Geschichte des Kreises Wiedenbrück, 38 und 36). - Hemann, Friedrich-Wilhelm: Das Rietberger Stadtbuch. Edition, Einleitung, Typologie. Ein Beitrag zur Erforschung von Klein- und Residenzstädten sowie zur Frage der Schriftlichkeit in frühneuzeitlichen Städten Westfalens, Warendorf 1994 (Beiträge und Quellen zur Stadtgeschichte Niederdeutschlands, 3). [angelegt 1561, enthält Protokolle von 1374-1546]. - Hemann, Friedrich-Wilhelm: Zwei Karten zum Grenzverlauf zwischen der Grafschaft Rietberg und dem Fürstbistum Paderborn aus dem Jahre 1565, Münster 1994 (Westfälische Quellen im Bild, 30).
(8)Scherl, Hermann: Die Grafschaft Rietberg unter dem Geschlecht der Kaunitz. Unter besonderer Berücksichtigung der Verwaltungsgeschichte (1699-1822), Innsbruck 1962 (Dissertation in Maschinenschrift). - Flaskamp, Franz: Zur Kirchengeschichte der Grafschaft Rietberg. Mittelalter, Reformation und Gegenreformation, in: Jahrbuch des Vereins für Westfälische Kirchengeschichte 55/56 (1962/63) S. 22-68. - Leesch, Wolfgang: Die Grafen von Rietberg aus den Häusern Arnsberg und Ostfriesland, in: Westfälische Zeitschrift 113 (1963) S. 283-376. - Hanschmidt, Alwin: Die Berufsgliederung in Rietberg im Jahre 1768, in: Gütersloher Beiträge zur Heimat- und Landeskunde 36/37 (1974) S. 731-733. - 500 Jahre Pfarrkirche St. Johannes Baptista Rietberg 1483-1983. Aus Geschichte und Gegenwart von Kirche und Gemeinde, im Auftrag der Pfarrei St. Johannes Baptista hg. von Alwin Hanschmidt, Rietberg 1983. - 700 Jahre Stadt Rietberg 1289-1989. Beiträge zu ihrer Geschichte, im Auftrage der Stadt Rietberg hg. von Alwin Hanschmidt, Rietberg 21989. - Hanschmidt, Alwin: Die gräflichen Regierenden Bürgermeister der Stadt Rietberg 1637-1808, in: Westfälische Zeitschrift 137 (1989) S. 213-226. - Herbort, Käthe: Das Rathaus Rietberg. Seine Geschichte und seine Nutzung, in: Heimat-Jahrbuch Kreis Gütersloh (1989), S. 87-92, 181. - 250 Jahre Gymnasium Nepomucenum Rietberg 1743-1993, im Auftrag des Gymnasiums Nepomucenum hg. von Alwin Hanschmidt, Rietberg 1993. - Hanschmidt, Alwin: Art. „Rietberg - Franziskaner“, in: Westfälisches Klosterbuch, hg. von Karl Hengst, Tl. 2, Münster 1994, S. 296-303. - Hanschmidt, Alwin: Rietberg, in: Westfälischer Städteatlas, hg. von Wilfried Ehbrecht, Lieferung V, Nr. 5, Altenbeken 1997. - Feine Möbel aus Westfalen. Die Manufaktur des Rietberger Hofmalers Philipp Ferdinand Ludwig Bartscher (1749 bis 1823), hg. von Stefan Baumeier unter Mitarbeit von Ralf Nitschke, Heidelberg 2003 (Schriften des Westfälischen Freilichtmuseums Detmold - Landesmuseum für Volkskunde, 22). - Beine, Manfred, Herbort, Käthe (†): Rietberg. Historischer Stadtrundgang, Münster 22008 (Westfälische Kunststätten 67). - Hanschmidt, Alwin: Art. „Rietberg“, in: Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich. Grafen und Herren, Teilbd. 2, Ostfildern 2012, S. 1186-1195 (Residenzforschung, 15/IV, 2). - Beine, Manfred: Residenz ohne Hof. Verwaltung, Kunst, Kultur und Architektur in der Grafschaft Rietberg im 18. Jahrhundert, in: 400 Jahre Schloß Holte. Aus der Geschichte der ehemaligen Grafschaft Rietberg, hg. von Carl Philipp Tenge-Rietberg, Bielefeld 2017, S. 69-107, 178-181. - Beine, Manfred: Herrschaft und Gemeinde. Die Residenzstadt Rietberg und ihre Grafen 1300-1800 (I und II), in: Heimat-Jahrbuch Kreis Gütersloh (2018), S. 12-27, 206-208, sowie Heimat-Jahrbuch Kreis Gütersloh (2019), S. 13-27, 210-212. - Beine, Manfred: 400 Jahre Gründung des Franziskanerklosters Rietberg. Ein Konvent für die Grafschaft Rietberg und das neue Haus Ostfriesland, in: Sakrale Kunst in Rietberg. Katalog zu einer Ausstellung im Rahmen des 400jährigen Gründungsjubiläums des Franziskanerklosters Rietberg, hg. von der Stadt Rietberg und der Stiftung der Sparkasse Rietberg, Rietberg 2019, S. 9-39, 95-101. - Austermann, Thorsten, Beine, Manfred: Die Grabstätten der Rietberger Grafen aus den Häusern Arnsberg, Ostfriesland und Kaunitz 1237-1807, in: Sakrale Kunst in Rietberg. Katalog zu einer Ausstellung, S. 41-57, 101-105.